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Die Hälfte der fotografischen Regeln

Es gibt viele einfache Regeln in der Fotografie, mit der sich ein Bild leicht besser gestalten lässt. Bei diesem Männerportrait wurde jedoch nur ein Teil davon umgesetzt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Anna Mockenhaupt).

Kommentar des Fotografen:

Mein Ziel war es, einfach nur den Moment einzufangen, die Person nicht in die Mitte des Bildes zu positionieren, damit man die Sonnenstrahlen links noch erahnen kann und die Stirn abzuschneiden um dem ganzen ein wenig mehr Charakter und Blickfang zu geben.
Geändert habe ich Kontrast, Helligkeit und Sättigung. Brennweite 66mm, Blende 5,3, Belichtungszeit 1/100sek, ISO-100

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Anna Mockenhaupt:

Es gehört zu einer der goldenen Regeln der Fotografie: Es ist selten gut, das Hauptmotiv in der Mitte des Bildes zu platzieren. Insofern hat die Fotografin hier schon richtig gehandelt, als sie genau das vermeiden wollte. Dabei hat sie jedoch zwei weitere Regeln übersehen, die viel dazu beigetragen hätten, dieses Portrait eines jungen Mannes mit Brille zu verbessern.

Da wäre zum einen die Regel, dass es oft sinnvoller ist, die Person in das Bild hineinschauen zu lassen als die Person so am Bildrand zu positionieren, dass die Augen aus dem Foto herausschauen. Genau das ist hier geschehen und der Betrachter bekommt unweigerlich das ungute Gefühl, dass hier etwas fehlt, dass ihm etwas vorenthalten wird. Die von der Fotografin erwähnten Sonnenstrahlen links sind ja nicht so wichtig für das Bild als dass sie unbedingt im Foto enthalten sein müssten und außerdem ist links von den Sonnenstrahlen immer noch genug leerer Raum, der hätte abgeschnitten werden können, um dafür dem Mann rechts mehr Blickfreiraum zu lassen.

Die andere Regel betrifft den Anschnitt des Kopfes oben. Es ist prinzipiell richtig, dass sich oberhalb der Augen bei den meisten Menschen kaum etwas Interessantes abspielt, sodaß die Haare oft problemlos abgeschnitten werden können, wenn dadurch das wichtigere Gesicht auf dem Bild größer zur Geltung kommen kann. Zur Regel gehört jedoch auch, dass die Stirn ebenfalls selten ein interessantes Merkmal im Gesicht ist, weshalb es üblicherweise besser ist, ca. ein, zwei Zentimeter über den Augen abzuschneiden, in diesem Fall also ungefähr da, wo die Stirnfalten des Mannes liegen.

Natürlich sind diese Regeln nur Vorschläge, keine in Stein gemeißelten Gesetze und es gibt viele Situationen, wo es vernünftig ist, davon abzuweichen. Dieses Männerportrait gehört jedoch nicht dazu.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Antworten
  1. Reinhard Witt says:

    :-) Mir sind solche Gestaltungen nicht unbekannt. Es gibt auch eine Möglichkeit, diesen Bruch wieder in eine „harmonischere“ Variante umzuwandeln… Wenn es denn möglich gewesen wäre den Blick zurück ins Off zu richten :-) Ich denke dann wären auch die kritischen Gemüter wieder beruhigt…

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  2. Knox says:

    Ich kann dem Kommentar von Manfred nur Recht geben. Das Bild wirkt sehr lebendig, eben gerade dadurch, dass der Mann nicht in das Bild sieht.
    Eine andere Interpretation neben dem Kollidieren wäre meines Erachtens, dass der Mann nachdenklich wirkt.
    Ich bin zwar bestenfalls Amateur, aber ich muss der Aussage von Herrn Kneschke widersprechen, dass es sinnvoller gewesen wäre den Mann in das Bild hinein schauen zu lassen.
    Wirklich toll eingefangen diesen Moment!

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  3. Manfred says:

    Für mich wirk es sehr lebendig. Wie wenn der Mann auf die Fotografin zugehen würde, ohne sie zu bemerken und die beiden gleich kollidieren würden.
    Einen klassischen Bildaufbau mit Blickrichtung ins Bild hätte ich persönlich hier wesentlich langweiliger gefunden.
    Aber Geschmäcker sind ja verschieden.

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