Holocaust Denkmal in Schwarzweiß:
Standpunkt und Perspektive

Totfotografierte oder schwierig zu fotografierende Motive kann man interessant gestalten, indem man “einfach” seinen Standpunkt oder den Blickwinkel verändert.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© kirsten heinrich).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© kirsten heinrich).

Kommentar des Fotografen:

Das Berliner Stelenfeld lockt uns wohl alle immer wieder. Ich war dort mehrfach, war nie mit meinen Ergebnissen zufrieden.
Hier habe ich erstmals eine Möglichkeit gesehen, den ablenkenden Hintergrund aus dem Bild zu halten ohne an Wirkung zu verlieren. 17 mm 1/15 f 9 iso 200

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von kirsten heinrich:

Ab und zu finden wir hier auf fokussiert Aufnahmen von vielfotografierten Motiven, bei denen die Hauptkritik aus der Leserschaft lautet: haben wir alles schon zig-mal gesehen. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit war eines, das nachts vom Kölner Dom aufgenommen wurde. Bei manchen Orten bieten sich eben bestimmte Aufnahmewinkel, bestimmte Standorte einfach an, und aus diesem Grund werden sie wieder und wieder so dargestellt.

Andere Motive sind wiederum so in ihre natürliche Umgebung eingebettet, oder so überlaufen, daß es schwierig ist, gute Fotos von ihnen zu machen. Das Berliner Stelenfeld ist eines, das in alle diese Kategorien fällt. Auf der einen Seite besticht es durch seine Geometrie, seine Schlichtheit, auf der anderen Seite befindet es sich einer Umgebung, in der es auf der einen Seite von Bäumen, auf den anderen von Gebäuden umrahmt wird, und es ist außerdem ein beliebtes Ziel für Touristen. Man hat also entweder Leute oder andere störende Elemente im Bild.

Die Idee, die Perspektive im Stelenfeld zu nutzen, ist zwar auch nicht neu, allerdings sind insbesondere Amateurfotografen oft versucht, Touristen mit ins Bild zu nehmen, die sich irgendwo ganz hinten durch die Stelen arbeiten. Oder der Fluchtpunkt wird mittig angeordnet.

Was bei Deinem Foto besticht, ist die Tatsache, daß die Kamera so tief angeordnet ist, daß der untere Teil des Bildes vom Boden dominiert wird; so, als hättest Du fast auf dem Bauch gelegen. Die Textur der Stelen kontrastiert gut mit ihm, und da das Foto in Schwarzweiß gehalten ist, lenkt nichts von diesem Zusammenspiel ab.

Daß das Bild zum Himmel hin weiß ausgebrannt ist, stört mich hier nicht. Die Aufnahme hat einen ans Abstrakte grenzenden Charakter, und das nach hinten heller werdende Grau der Stelen mündet für mich konsequent in reines Weiß.

Meines Erachtens eine rundum gelungene Aufnahme.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

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5 Kommentare

  1. Ein zu Recht gelobtes Bild. Das Holocaust-Mahnmal ist hier nicht nur fotografisch gut dargestellt worden, die Art des Fotos entspricht auch dem Inhalt dieses Mahnmals. Aller Rummel, der dort herrscht, ist ausgesperrt, und die bedrückende Tatsache des Völkermordes, an die diese Gedenkstätte erinnert, schwebt im Hintergrund mit. Das Foto selbst ist Mahnmal.

  2. Ich hatte mir vor dem Betrachten dieser Aufnahme noch keine Gedanken über den Bodenbelag zwischen den Stelen gemacht. Mir scheint, es geht dem Architekten Peter Eisenman genauso, denn irgendwie sieht der Boden lieblos gestaltet aus.

    Das Foto hingegen ist sehr überlegt gestaltet und bietet viel Raum für eigene Assoziationen. Da mag jeder seine eigene Sicht haben. Mir fällt dazu ein: menschenleere Straßenschluchten, endlose Schienenstränge oder der Weg zum göttlichen Licht.

  3. Bezogen auf die besondere Bedeutung des Motivs finde ich das Foto ansprechend. Ohne diese Gedanken wirkt das Bild auf mich willkürlich verrutscht und teils derbe überbelichtet. Interessant, denn ich sehe gleichzeitig und gleichberechtigt eine gelungene und eine misslungene Aufnhahme.
    Die Grauverläufe gefallen mir auf jeden Fall sehr gut.

  4. Mir gefällt das Bildkonzept in Hinblick auf die Symbolik und Blickwarte (langer und steiniger Weg, harte Mauern, unbestimmtes Ende, Verklärung) sehr gut. Solche Bildideen laufen nicht fort, sie dürfen “gedeihen” und zum Bild “wachsen”. Im konkreten Fall schien jedoch Muße zu fehlen: die stürzenden Linien und die Unschärfe im Nahbereich der Bodenplatten wären zweifelsohne vermeidbar gewesen …

    “Totfotografiert” im Zusammenhang mit dem Stelenfeld finde ich übrigens “complètement de mauvais goût” …

    Thomas

    • “mauvais goût”? Nur, weil es das Holocaustdenkmal ist? Ich bin auch geschichtsmäßig sensibilisiert (die hier in den USA üblichen Naziwitze – etwa Steinfelds “soup nazi” oder die Tendenz veganer Freunde, Massenhaltung von Tieren mit Konzentrationslagern zu vergleichen – verbitte ich mir grundsätzlich usw.), aber DIE Verbindung hätte ich jetzt nicht gezogen.

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