Bildbearbietung:
Digitale Filmkornsimulation (1)

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einleitung
2. Das Problem des Bildrauschens
3. Die Haptik des Bildes
4. Das Phänomen der Kornschärfe
5. Der Aspekt des Stilmittels
6. Einbindung des beigelegten Aktionssets
7. Eine Beispielbearbeitung
8. Was noch zu sagen wäre …
9. Und noch etwas …

 

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1. Einleitung

Beim Thema der digitalen Filmkornsimulation gehen die Meinungen oft weit auseinander. Die einen lehnen es grundsätzlich ab – es sei ein unnötiger Spleen bzw. ein Anachronismus, nachdem der Films zugunsten der der Sensortechnik aufgegeben wurde. Andere wiederum äußern sich eher neutral, manchmal auch auf ironische Weise zwiespältig – so Günther Pritzkow, einer der Redakteure des Magazins Schwarzweiß, der mir kürzlich sagte: „es ist schon seltsam mit diesem Filmkorn – früher, in analogen Zeiten, wollten wir es möglichst wegheben; heute, in digitalen Zeiten, suchen wir wieder richtiggehend danach.“ Und es gibt eine dritte Gruppe, zu der ich mich selbst zähle, welche das digitale Filmkorn zur Artefaktüberlagerung, zur Verstärkung von Bildhaptik und Schärfeeindruck sowie im Sinne des erwähnten Stilmittels einsetzt. Ich will in diesem Artikel aufzeigen, wie die Filmkornsimulation im Zuge der digitalen Bildbearbeitung sinnvoll eingesetzt und als Aktionsset in Photoshop komfortabel eingebunden werden kann (ein entsprechender Download steht am Artikelende zur Verfügung).

Für die Bearbeitungsbeispiele verwende ich eine Arbeit aus meiner Serie „Der Geschmack der Erinnerung | Eine künstlerisch‐fotografische Kartierung der stillgelegten Leichtgußwerke Schenk in Maulbronn“. Das Bild trägt den Titel „Blick in den Umkleidebereich der Sandgußabteilung“. Es wurde mit der Vollformatkamera Canon EOS 5D Mark II und dem sehr weitwinkligen und abbildungsstarken Canon TS‐E 17mm f/4L (Öffnungswinkel 106 Grad ohne Shiftfunktion, LW/PH über 3000 bei f/8) bei ISO 400 aufgenommen (siehe Bild 1 als Übersicht).

2. Das Problem des Bildrauschens

Wiewohl über die letzten Jahre merkliche Fortschritte in der Sensortechnik erzielt wurden, stellt das Bildrauschen gerade bei höheren ISO‐Zahlen weiterhin ein großes Problem dar. In der Tendenz läßt sich sagen, daß die Pixeldichte am Sensor den maßgeblichen Einflußfaktor darstellt – eine kleine Kompaktkamera oder eine Einsteiger‐DSLR mit Cropfaktor produziert regelmäßig stärkeres Bildrauschen wie etwa eine Vollformatkamera. Belassen können wir das Bildrauschen kaum, denn es wirkt bei stärkerer Vergrößerung bzw. größerem Ausdruck sehr kantig bzw. schartig, eben wie Bildfehler (siehe Bild 2 als originale 100%‐Darstellung eines Hintergrunddetails). Auch die verschiedenen Entrauschungsprogramme wirken bei genauerem Hinsehen eher wie Notbehelfe, denn sie zeichnen das Bild mehr oder weniger weich und versuchen diesen Mangel durch eine Überschärfung wettzumachen. Dadurch werden im Grunde genommen nur die einen Artefakte durch andere ersetzt und der Detailreichtum läßt merklich nach (siehe Bild 3 als entrauschte 100%‐Darstellung eines Hintergrunddetails). Die digitale Filmkornsimulation verwendet hier einen anderen Ansatz, indem sie das Bildrauschen mitsamt den darin verborgenen Bilddetails nicht verschwinden läßt, sondern überlagert (Bildbeispiele dazu im zweiten Teil).

3. Die Haptik des Bildes

Ein sperriger Begriff, der wohl einer Erläuterung bedarf – „Bildhaptik“ läßt sich im Sinne der Greifbarkeit der abgebildeten Objekte, der Lebendigkeit der Bildanmutung sowie des Reichtum der Feinstruktur umschreiben. Zur Veranschaulichung stelle man sich eine strukturarme Fläche im Bild – wie etwa den Himmel – vor. Hier kann ein feines, gleichmäßiges und hintergründiges Grießeln – wie es bei der Filmkornsimulation eingesetzt wird – dem Betrachter einen wesentlich plastischeren Gesamteindruck vermitteln.

4. Das Phänomen der Kornschärfe

Auch der Begriff der „Kornschärfe“ klingt paradox – wie sollte besagtes Grießeln den Schärfeeindruck im Bild verstärken? Es geht durchaus, wenn die Filmkornsimulation feindosiert – wie ein Hauch also – eingesetzt wird. Schärfungseffekte wie etwa mit den klassischen Mitteln (Unscharf Maskieren, selektive Scharfzeichnung oder Hochpassfilterung mit Ebenenüberblendung) lassen sich dadurch freilich nicht erzielen, aber etwas „knackiger“ wird das Bild – durch die bei der Bildhaptik beschriebenen Aspekte der verbesserten Plastizität und Feinstruktur – eben doch. Ein weiterer Vorteil der Kornschärfe besteht darin, daß dieser an der Binnenstruktur angreift und nicht an den Kontrastkanten wie bei den klassischen Schärfungsinstrumenten, so daß keine Schärfungsartefakte auftreten.

5. Der Aspekt des Stilmittels

Wie schon in der Einleitung kurz erwähnt, kann die Filmkornsimulation auch als ein Stilmittel herangezogen werden. Ich selbst erweise damit gerne den alten Meistern der Schwarzweißfotografie meine Reverenz. Auch möchte ich meinen digitalen Bildern eine „analoge Anmutung“ zukommen lassen, so daß diese wie mit analoger Ausrüstung aufgenommen aussehen (warum ich heute nicht mehr analog arbeite, ist ein anderes Kapitel: die Möglichkeiten der digitalen Ausarbeitung, insbesondere die feindosierte Aussteuerung der Farbkanäle nach der Aufnahme, übersteigen jene der Dunkelkammer bei weitem).

Download Photoshop Aktionsset

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