Lee Friedlander – Surrealistischer Meister Fotografischer „Fehler“

Anfangs wurde Fotografie als Medium dafür gepriesen, daß Fotos anders als Malerei Realität festhielten und daher einen bestimmten sozialen Nutzen hätten. Diese Prämisse wird von modernen Fotografen wie Lee Friedlander ad absurdum geführt, denn viele seiner Fotos sind von fragwürdiger sozialer Nützlichkeit, halten aber gleichzeitig die Realität vieler auf brutal offene, trotzdem aber subtil-kreative Weise fest. Seine Kamera sieht die Welt, wie wir sie sehen – bannt aber auch Aspekte auf Film, die wir gerne nicht sehen würden.

Lee Friedlander (nicht zu verwechseln mit dem Regisseur gleichen Namens) ist einer der bekanntesten kontemporären Fotografen der USA. Geboren 1934 begann sich Friedlander mit 14 Jahren für Fotografie zu interessieren. Nach dem Studium der Fotografie in Pasadena, Kalifornien zog er Mitte der Fünfziger Jahre nach New York City. Er hielt sich unter anderem mit Fotos für Jazzmusiker über Wasser, bis seine Karriere mehr Drehmoment entwickelte. 1960, 1962 und 1977 erhielt Friedlander von der Guggenheim Memorial Foundation ein Stipendium, so daß er sich ganz auf die Ausübung seiner Kunst konzentrieren konnte.

Zu seinen berühmtesten Aufnahmen gehören Aktfotos von Madonna, die er in den späten Siebziger Jahren machte, und die 1985 in einer Ausgabe des Playboy erschienen. Madonna erhielt als Studentin damals für die Fotos nur $25, aber 2009 erzielte eines davon auf einer Auktion von Christie’s mehrere tausend Dollar.

Wofür Friedlander aber fast noch bekannter ist, sind seine Aufnahmen eigentlich ordinärer Szenen und Orte, die er in schon fast surrealer Weise beispielsweise auf einer Überlandfahrt durch die USA fotografiert hat. Viele dieser Bilder wirken wie Schnappschüsse, sind aber beim näheren Hinsehen genial komponiert, wie etwa eines seiner Fotos aus der Serie „America by Car“, in dem drei oder sogar vier Motive in einem, getrennt durch die kontrastreichen Linien des Autoinneren, beinhaltet sind. Man sieht eines im Rückspiegel (Landschaft und Straße), eines im teilweise vorhandenen Seitenfenster (ein Auto auf einer Stange), das Innere des Autos UND einen Zaun direkt durch die Windschutzscheibe.

Mir persönlich gefallen seine Selbstporträts am besten, die hauptsächlich dadurch bestechen, daß er fotografische „Fehler“ bewußt einsetzt und als Stilmittel benutzt. So taucht er als Schatten auf dem Rücken einer Frau auf, die er mit der Kamera auf der Straße „verfolgt“, oder als Reflexion in einem Schaufenster. Eher eine Andeutung des sich selbst Porträtierenden als ein Selbstporträt im „klassischen“ Sinne.

Zwischenzeitlich fotografiert Friedlander mit Mittelformatkameras wie Hasselblad, und 2005 wurde ihm der „Hasselblad International Award“ verliehen. Aus gesundheitlichen Gründen beschäftigt er sich in jüngerer Zeit eher mit Motiven, die gewissermaßen in der Nähe liegen – seine Serie „Stems“ (zu Deutsch etwa „Stängel“) zeigt Arrangements von Ästen und Blättern, und wie auch Josef Sudek macht er so den beengten Raum seines Hauses, Ateliers, Gartens zu seinem Motiv.

 

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