Leserfoto:
Die flachen Steine

Die Tiefenwirkung eines Fotos hängt von mehreren Faktoren ab, vor allem der Perspektive und der Beleuchtung. Das gilt auch für das Foto einer Gesteinsformation.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Karl Siegemund).

Kommentar des Fotografen:

Dies ist ein verwitternder Stein in den Alpen. Man erkennt deutlich die Faltungen des ursprünglichen Gesteins, welches sich jetzt in lauter kleine Steinplättchen zerlegt. Ich hoffte auf etwas deutlicher zu Tage tretende Linien und Kontraste. Auf dem Foto wirkt der Stein deutlich flacher und weniger plastisch.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Karl Siegemund:

Wie sie sehen, sehen sie nichts. Nun ja, es ist Gestein zu erkennen, anscheinend zerbrochen, aber um zu erkennen, was wirklich wichtig ist auf diesem Foto, bedarf es schon des Kommentars des Fotografen. Verwittertes Gestein, welches im Laufe der Jahrhunderte, wahrscheinlich eher sogar im Laufe der Jahrtausende aus massiven Steinen durch die langsam, aber sicher wirkende Kraft der Erdbewegungen in diese zerklüffte Form geschoben wurde.

Der Fotograf hat das Grundproblem bei diesem Foto schon selbst erkannt: Es wirkt sehr flach und wenig plastisch. Das liegt an drei Dingen. Erstens kann das menschliche Auge dreidimensional sehen, was einer Kamera – zumindest dem benutzten Modell – nicht vergönnt ist. Um Perspektive zu erzeugen, müssen Fotografen in die Trickkiste greifen, wo wir zu den beiden nächsten Punkten kommen.

Die Perspektive: Eine schnöde Aufsicht, mit den Steinen direkt parallel zur Kamerachse, wirkt logischerweise flach, genauso wie eine Landschaft aus einigen tausend Metern Höhe immer ziemlich platt wirken wird, egal wie hügelig oder bergig sie ist. Eine Möglichkeit wäre, dichter ran zu gehen und die Steine viel seitlich aufzunehmen, sodaß die Unterschiedlichen Höhen der Steine besser zur Geltung kommen. Außerdem wäre das eine gute Möglichkeit, mit der Tiefenschärfe zu spielen. Diese Option würde jedoch die Gesamtübersicht unmöglich machen, was vielleicht nicht im Interesse des Fotografen liegt.

Der dritte, noch viel wichtigere Aspekt ist jedoch die Beleuchtung, oder hochtrabender die Lichtführung. Wenn das Licht fast ebenso flach auf die Steine fällt wie der Blickwinkel der Kamera, können sich kaum Schatten bilden, die dem Auge die Botschaft vermitteln, wie unterschiedlich hoch die Steine sind. Vermutlich war es ein sehr bewölkter Tag, der durch eine starke Wolkendecke das Licht so stark streute, dass sich kaum tiefe, dunkle Schatten bilden konnten. Auch die Tageszeit und die Lichtrichtung spielt eine Rolle, denn bei tiefstehender Sonne werden die Schatten länger und das Gleiche gilt, je seitlich die Sonne auf die Steine fallen würde. Für den Fotografen bedeutet dass, entweder die fehlende Sonne durch entfesseltes Blitzlicht zu simulieren, was ich hier für übertrieben halten würde oder zu warten (bzw. an die Stelle zurückzukehren), bis die Wetterverhältnisse geeigneter sind.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

5 Antworten
  1. Georg Hewelt says:

    Für mich stellt sich zu der Kritik noch eine Frage. Bei der Bemerkung „Für den Fotografen bedeutet dass, entweder die fehlende Sonne durch entfesseltes Blitzlicht zu simulieren, was ich hier für übertrieben halten würde“. Warum wäre das übertrieben. Könnte man so was (rein aus Interesse da ich grade in das entfesselte Blitzen einsteige) nicht mit einem einfachen Kompaktblitz lösen?

    Antworten
  2. Georg says:

    Ein Foto kann aus verschiedenen Gründen angefertigt und gezeigt werden. Nicht immer steht der künstlerische Aspekt im Vordergrund, und dokumentatorische Bilder dürfen in anderen Belangen durchaus Defizite aufweisen.
    Leider wird der dokumentatorische Wert bei diesem Bild durch technische Unzulänglichkeiten (fehlende Plastizität, Randunschärfen) deutlich geschmälert. Da ansonsten dieses Bild meiner Meinung nach künstlerisch nicht ansprechend ist (und wohl auch nicht sein will), würde auch ich dieses Bild tendenziell als Ausschuss werten.
    Letztlich sollte man auch bei Aufnahmen mit dokumentatorischem Charakter nicht nachlässig arbeiten und sich nicht zu „Knipserei“ verleiten lassen (ohne das dem Bildautor hier unterstellen zu wollen). :-)

    Antworten
  3. Micha says:

    Von solchen Motiven besser die Finger lassen. Einfach die Natur live genießen.

    Vermutlich ließe sich mit den Tipps von Robert noch einiges rausholen. Ich denke nicht, dass sich das hier lohnt. Möglicherweise könntest du die Erwartungen an Plastizität bei gegebenen Lichtverhältnissen in einer großeren Landschaftsaufnahme umsetzen. Je nach Gegebenheiten, die wir natürlich so nicht sehen können.

    Zudem ist auffällig die Randunschärfe und störend der häßliche grüne Fleck in Blattform.

    Antworten
  4. Jörg Oertel says:

    Neben der falschen Beleuchtung, die zu einem nichtssagenden Bild führt, war auch das Werkzeug falsch. Die heftige Unschärfe am Rand und in den Ecken rührt wohl daher, dass das Bild mit einer Handykamera aufgenommen wurde.

    Meiner Meinung nach ist das Bild Ausschuss und gehörte nicht mal als abschreckendes Beispiel hier besprochen.

    Viele Grüße,
    Jörg

    Antworten
  5. Matthias says:

    Hallo,

    Ich stimme hier Robert voll zu; was vor allem fehlt, ist die richtige Beleuchtung.

    Dennoch könnte dieses Bild meines Erachtens zumindest teilweise „gerettet“ werden, indem man in der Nachbearbeitung den Kontrast erhöht. Der Fotograf schreibt selber, er vermisse „deutlicher zu Tage tretende Linien und Kontraste“. Die kann man schon noch herausholen, auch wenn das Bild dann immer noch „flach“ wirkt durch die direkte Draufsicht.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *