Andreas Magdanz:
Das Stammheimer Gefängnis

Das Gefängnis in Stuttgart-Stammheim – kein Ort kann symbolischer sein für die Geschehnisse des „deutschen Herbstes“ 1977. Andreas Magdanz hat den Hochsicherheitsbau fotografiert.

Andreas Magdanz, Luftaufnahme Bau 1

Das Stammheimer Gefängnis soll bald abgerissen werden. Auch deshalb wohnte Andreas Magdanz fünf Monate direkt neben der Anstalt und dokumentierte sie mit hunderten von Fotografien.

Im Namen „Stammheim“ verdichtet sich bis heute der Mythos um die Rote-Armee-Fraktion, wie das Stuttgarter Kunstmuseum mitteilt. Deren führende Köpfe – Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe – begingen in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 im siebten Stock des Hochsicherheitsgefängnisses Selbstmord. Bereits ein Jahr zuvor hatte sich Ulrike Meinhof am Fensterkreuz der Zelle 719 erhängt.

Andreas Magdanz, Ansicht der Zelle 719

Magdanz‘ nüchtern-sachliche, graue Aufnahmen des Mehrzweckbaus und seiner Zellenräume bilden einen bewussten Kontrast zu den Tatortaufnahmen von damals. Wie schon bei seinen früheren Projekten „Dienststelle Marienthal“ (2000), „BND-Standort Pullach“ (2005) und „Vogelsang“ (2008) beschäftigt Andreas Magdanz die Frage, inwieweit diese sichtbaren Orte kollektives Gedächtnis und gesellschaftliche Praxis in sich tragen. „Die Möglichkeit zu haben, so dicht an der Geschichte zu arbeiten und 33 Jahre später diesen Ort besuchen zu können, war für mich eine einmalige Gelegenheit zu untersuchen, wie unser System funktioniert und was es mit uns gemacht hat und wie sich dadurch die Gesellschaft verändert,« sagte der Fotograf in einem Fernsehinterview.

Andreas Magdanz, Flur auf der 7. Etage

»Der ‚deutsche Herbst‘ ist sicherlich hier verortet, so Magdanz, der sich während der monatelangen Arbeit dem Stammheimer Gebäudekomplex aus unterschiedlichen Perspektiven und Distanzen bis hin zu Luftaufnahmen genähert hat. Im Zentrum steht dabei die Architektur des abweisend wirkenden Mehrzweckbaus: „Darin sind deutsche Baumeister ganz großartig, solche Funktionsräume vollkommen emotionslos umzusetzen“, so beschreibt Andreas Magdanz den Gerichtssaal, „ich glaube, kälter kann man Architektur kaum noch erzählen“. Mit seinen Aufnahmen will Magdanz die heute (fast) nur noch in historisch-politisch interessierten Kreisen geführte Debatte um die damaligen Ereignisse anstoßen und einer jüngeren Generation nahe bringen.

Andreas Magdanz, Krankenrevier (1)

Andreas Magdanz, Jahrgang 1963, hat einen Lehrauftrag für künstlerische Fotografie in Aachen. Wir finden mehr über ihn und seine Arbeit auf Andreas Magdanz‘ Website. Begleitend zur Ausstellung im Stuttgarter Kunstmuseum erschien im Hatje Cantz-Verlag der Band Stammheim (Affiliate-Link). Unter dem Label MagBooks folgt ein e-Book mit sphärischen Fotos sowie Film- und Dokumentationsmaterial. Dieser Band stellt für Magdanz den Kern des umfangreichen Fotoprojektes dar, das nach eigenen Worten sein „letztes deutsches Projekt“ sein soll.

Andreas Magdanz – Stuttgart-Stammheim
Bis 3. März 2013
Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, D-70173 Stuttgart
+49 (0) 711 / 216 21 88, info@kunstmuseum-stuttgart.de
Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr, Freitag 10 – 21 Uhr

Andreas Magdanz
Kunstmuseum Stuttgart

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