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Film Noir Schnappschuß – Geschichten erzählen

Verfallene Gebäude allein sind interessante Fotomotive. Wenn man dann innerhalb des Gebäudes noch eine Geschichte findet, die das Foto erzählen kann, muß man sich anstrengen, kein gutes Bild zu machen.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Pihan Sascha)

Kommentar des Fotografen:

Die aschaffenburger Jäger und Artillerie Kaserne der USA. Lange verlassen und ziemlich verfallen. Zum Glück nicht so verfallen, dass man nicht mal auf einen kleinen Phototrip rein kann. Die Puppe habe ich im ersten Stockwerk auf der Fensterbank gesehen und war sofort begeistert.Einzig die Szenerie im Hintergrund hat nicht so gut zur Gesamtstimmung gepasst, weshalb ich ein wenig nachgeholfen habe.

Profi Sofie Dittmann meint zum Bild von Pihan Sascha:

Verlassene Gebäude sind ein beliebter Tummelplatz für Fotografen. Insbesondere, wenn stellenweise Farbe abgeblättert ist oder noch Artefakte der ehemaligen Bewohner herumliegen, kann man in so einer Umgebung ohne weiteres Stunden zubringen und muß sich wirklich bemühen, KEINE guten Aufnahmen zu machen.

Hier hast Du eine alte Puppe auf einer Fensterbank eingefangen. Das Motiv muß ein regelrechter Magnet gewesen sein; es erinnert mich an Dokumentarfotos von Krisengebieten – eine Familie mußte plötzlich ihre Wohnung verlassen, vielleicht in Nacht und Nebel, und zurück bleibt nur die Puppe. Man fragt sich unwillkürlich warum. Das Foto erzählt mehr als nur eine Geschichte.

Mir gefällt der Aufnahmewinkel des Bildes. Wenn auch das ganze „gekippt“ und dadurch wie ein Schnappschuß wirkt (als hättest Du einfach die Kamera „daraufgehalten“), verrät es doch ein gutes Auge: wie das Fensterbrett nach rechts in die untere Ecke verläuft, und wie die Linien des Fensters das Foto aufteilen, erinnert mich an ein paar Bilder von Friedlander.

Wenn ich auch insgesamt den „film noir“ Charakter des Fotos gut finde (trotz der ausgebrannten Stellen auf der Puppe, die man etwas hätte zurückholen können), hätte ich auch ohne Deine Anmerkungen gesehen, daß mit dem Himmel hinter der Puppe etwas nicht stimmt. Er paßt nicht zu den Lichtverhältnissen auf der Fensterbank. Ohne das Original zu sehen, ist es schwierig, eine Empfehlung abzugeben. Ich hätte aber wohl das Foto insgesamt vielleicht im Kontrast angehoben, es wie hier in Schwarzweiß verwandelt, aber nicht so sehr am Hintergrund gedreht, daß er nicht mehr zum eigentlichen Bild paßt.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.

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1 Antwort
  1. Knox says:

    Die Puppe scheint wirklich viele Geschichten zu erzählen, allerdings bin ich auch der Meinung, dass die Veränderung des Hintergrunds zu künstlich wirkt. Da ich nicht nachvollziehen kann wie der Hintergrund ursprünglich aussah ist es schwer einzuschätzen, aber vielleicht hätte gerade der Kontrast zwischen Hintergrund und Vordergrund die Ausdruckskraft des Bildes sogar noch hervorgehoben.

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