Tim Walker:
Poesie aus dem Kleiderschrank

Gastautor und Fotograf George Eberle stellt uns in unserer Rubrik „Fotografen im Fokus“ seinen Lieblingsfotografen vor. Er schreibt über sein Vorbild: „Wenn man sich die Bilder von Tim Walker ansieht, will man glauben, er sei im Wunderland gross geworden, habe schon als Baby die Phantasie mit dem grossen Löffel gefüttert bekommen und etwas zu viel vom Zaubertrank getrunken.“

© Tim Walker

Timothy “Tim” Walker wurde 1970 in Devon, England geboren. Während andere Kinder draussen Fangen spielen, begann der kleine Tim im Garten seiner Mutter Szenen zu schaffen und Bilder zu arrangieren. Von überall her trug er Objekte zusammen, die möglichst nah an seine Vorstellung herankommen mussten. Er malte sich nämlich vorher die Bilder in seiner Fantasie aus und versuchte diese möglichst genau nachzubilden. Der Fotograf wurde zum Perfektionisten, weil ihn das Einfache immer schon langweilte.

Walker wurde nach seinem Fotografiestudium in New York Assistent von Richard Avedon, welcher ihn nicht unwesentlich beeinflusst hat. Zurück in England porträtierte und dokumentierte er vor allem für Zeitungen, bis er mit 25 Jahren seine erste Modestrecke für die Vogue fotografieren durfte. Seither kennt man seinen unverwechselbaren Stil, der trotz seiner Unverwechselbarkeit so typisch Englisch scheint. Auch heute noch malt Tim Walker seine Szenarien in seinen Drehbüchern ganz genau aus, bevor er sie shootet. Seine extrem aufwändigen Produktionen sehen nach digitalem Composing aus, werden aber allesamt immer so inszeniert. So erstaunt es auch nicht, dass auf der Requisitenliste für die Vogue-Produktion von “Fashion Pantomime” 80 weisse Kaninchen, 17 verspiegelte Gänse, 250 vergoldete Strausseneier, riesige Plastikhandschuhe, 20 Weihnachtsbäume und ein Rolls-Royce stehen.

Der Brite wird als Könner bezeichnet, nicht nur als Talent. Auch wenn er noch nicht zu den ganz grossen Fotografen gehört, die in der Fashion-Welt am Ruder stehen: Es fasziniert, dass er mit allen Mitteln versucht, seinem Stil treu zu bleiben, sich nicht von schnellen Trends beeinflussen lässt und seine Produktionen nach wie vor akribisch plant. Dass es da auch Kunden gibt, die nicht verstehen können, warum ihr Produkt nicht so prominent platziert ist wie sie es gerne hätten, verwundert kaum. Ebensowenig, dass er genau wegen seines unverkennbaren Stils für Aufträge gebucht wird.

Tim Walker hat einen Teil der 30er Jahre in die moderne Zeit zurückgeholt, schafft sich seine Bilder mit teils naiven Elementen, lässt opulent wirken, plant bis ins letzte Detail und erinnert damit ein wenig an Alice im Wunderland. Man sagt ihm nach, er inszeniere auf eine Art, wie es sie lange so nicht mehr gegeben hat – in einer Modewelt, die zu oft zu steril daher kommt.

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