Fotografen im Fokus:
Michael Kenna

In der Reihe „Fotografen im Fokus“ möchte ich Euch heute einen der bedeutendsten zeitgenössischen Landschaftsfotografen vorstellen.

Michael KennaMichael Kenna wurde 1953 in Widnes, einer Industriestadt im Nordwesten Englands als jüngstes von fünf Kindern einer irischstämmigen Arbeiterfamilie geboren. Dieser proletarische und katholische Hintergrund prägte seine Jugend sehr: „Ich wuchs mit dem Wissen auf, in einer rauhen Welt überleben zu müssen …“.

Er besuchte von 1964 bis 1972 zunächst das katholische Priesterseminar St. Joseph’s College in Upholland, um später zur Kunst zu wechseln. Hierbei galt seine Leidenschaft zunächst der Malerei, so daß er für ein Jahr die Banbury School of Art in Oxfordshire besuchte. Pragmatische Überlegungen ließen ihn dann zur Fotografie wechseln: „Ich entstammte einer recht armen Familie aus der Arbeiterklasse und mußte mein Auskommen finden. Mit Malen oder Zeichnen war dies damals – in den 70ern – in England nicht möglich; so ging ich für drei Jahre auf das London College of Printing und studierte dort kommerzielle Fotografie. Das gab mir die Fähigkeiten, in einem kommerziellen Umfeld zu überstehen …“. Er lernte Werbe-, Produkt- und Reportagefotografie und schloß 1976 mit Auszeichnung ab.

Kussharo Lake Tree, Study 1, Kotan, Hokkaido, Japan, 2002 *1977 ging er nach San Franscisco, wo zunächst für fast ein Jahrzehnt als Assistent bei Ruth Bernhard (1905 bis 2006), einer sehr bekannten Akt- und Stilleben-Fotografin arbeitete: „Ich lernte immens viel von Ruth. Sie war eine bemerkenswerte und einzigartige Frau … sie hatte einen sehr starken Einfluß auf mein Leben und meine Arbeit …“. Seine stilistischen und künstlerischen Vorbildern waren in dieser Zeit Bill Brandt (1904 bis 1983), Peter Henry Emerson (1856 bis 1936), Eugène Atget (1857 bis 1927) und Josef Sudek (1896 bis 1976), später kamen noch Alfred Stieglitz (1864 bis 1946), Charles Sheeler (1883 bis 1965) und Harry Callahan (1912 bis 1999) dazu.

Huangshan Mountains, Study 27, Anhui, China, 2009 *Die kommerzielle Fotografie, darunter auch Bildreihen für große und namhafte Kunden, prägte seine ersten Berufsjahre. Von Beginn an machte er jedoch auch, zunächst mehr für sich, Landschafts- und Nachtaufnahmen und entwickelte über diese Beschäftigung seinen ganz eigenen, unverkennbaren Stil: „Die Nacht und der Tag sind ein und dasselbe … zu Beginn gab es eine Phase, in der man mich einen Dämmerungsfotografen hätten nennen können. Dann wurde ich ein Tagfotograf, schließlich ein Nachtfotograf, und jetzt bin ich wohl ein Immerfotograf …“.

Huangshan Mountains, Study 25, Anhui, China, 2009 *Industriemotive kamen erst später hinzu, als Ausdruck einer persönlichen Annäherung: „Obwohl ich in einer städtischen Umgebung aufwuchs, handelten meine ersten Fotografien der frühen 70er-Jahre vom Landschaften. Rückblickend habe ich wohl automatisch die Landschaft als ‚ schön‘ und die Industrie als ‚häßlich‘ eingeordnet und in naiver Weise das Erstgenannte als der Fotografie würdiger betrachtet. Eine Rückkehr zur ‚Industrie‘ war unvermeidbar und mittlerweile habe ich schon an einer Reihe industrieller Projekte gearbeitet …“.

Frozen Fountain, Belle Isle, Detroit, Michigan, USA, 1994 *Von Seiten der Ausrüstung arbeitete er zunächst mit analogem Kleinbild (Nikkormat, Nikon) und wechselte Mitte der 80er zum analogen Mittelformat (Hasselblad). Die Arbeit mit dem analogen Film und in der Dunkelkammer ist ihm weiterhin unverzichtbar, um der Natur im allgemeinen und dem Motiv im speziellen nahe zu sein. Hinsichtlich der Digitalfotografie und der damit verbundenen Beschleunigung des Bildrücklaufs und der Ausarbeitungszeit nimmt er eine skeptische Position ein: „Wie auch immer, wenn die Welt sich um mich herum beschleunigt, ist es meine Tendenz, langsamer zu werden und auf meine ‚innere Mitte‘ zu achten. Ich sehe keine wirklich überzeugenden Gründe, auf diesen fahrenden Zug aufzuspringen …“, und weiter: „Ich finde, je einfacher die Technik ist, desto mehr Freiheit habe ich, in mich selbst hineinzuschauen … ich meine auch fast, daß wir uns umso mehr von unserer Fehlbarkeit, Verletzlichkeit und unserem Menschsein entfernen, je mehr wir nach dem perfekten Digitalbild und -druck streben …“.

Midday Prayer, Mont St. Michel, France, 2004 *Bemerkenswert ist auch, daß Michael Kenna sich dem ‚zeitgenössischen Gigantismus der Bildpräsentation‘ weitgehend entzieht. Wo heutzutage Maße von 150 auf 100 cm und darüber hinaus fast schon Standard sind (man denkt dann bisweilen, daß zumindest die Größe beeindruckend ist), geht er einen ganz anderen, intimen Weg und zeigt seine Bilder oft im Maß von weniger als 20 auf 20 cm: „Ich möchte, daß sich die Leute mit dem Bild beschäftigen. Sie sollen möglichst nahe herangehen und mit dem Bild in ein Gespräch kommen. Tatsächlich möchte ich, daß die Leute im Bild herumwandern und Teil dieser besonderen Welt werden …“.

Ratcliffe Power Station, Study 40, Nottinghamshire, England, 2003 *Michael Kennas Werk zeichnet sich durch eine sehr ruhige, fast meditative Herangehensweise aus. Indem er sich über lange Zeit mit den einzelnen Szenen beschäftigt und auch später immer wieder an besagte Ort zurückkehrt, die Motive quasi ‚wie alte Freunde besucht‘, spürt man die persönliche Bedeutung solchen Schaffens, die sich nicht vornehmlich am Publikumserfolg bemißt (den er aber zugleich hat): „Es ist nicht Aufgabe von uns Fotografen, Dekoration für die Wände anderer Leute zu erschaffen – es ist statt dessen wie eine Entdeckungsreise; und ich denke, auch eine authentische Art, durch das Leben zu gehen. Eine Art, Dinge zu entdecken, zu finden und zu untersuchen …“. Seine Bilder zeigen keine Menschen; sie sind aber nicht verwaist, da der Mensch indirekt durch die Zeugnisse seines Wirkens und die Relikte in der Natur im Bild erscheint.

Für mich ist Michael Kenna der ‚überzeugende Vertreter der leisen, poetischen Töne‘ in der Landschaftsfotografie, der auch den schon oft abgebildeten Motiven noch neue Sicht- und Darstellungsweisen abgewinnen kann, wohingegen Ansel Easton Adams (und ich denke, man kann die beiden in ihrer Bedeutung in einem Atemzug nennen) für die ‚wuchtigen, epischen Aspekte‘ steht. Zum Abschluß und zur Abrundung des Geschriebenen möchte ich Euch noch jenes wundervolle Hokkaido-Video von 2007 ans Herz legen – nachdem ich es das erste Mal gesehen hatte, war ich dem Ansatz und dem Werk von Michael Kenna völlig verfallen …

(* Alle Abbildungen in diesem Artikel mit freundlicher Erlaubnis von Michael Kenna, in Abwesenheit vertreten durch Mark Silva)

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *