Leserfoto:
Der blinde Fleck in der Erinnerung

Fotocollagen wie diese erfordern ein deutlich höheres Maß and Vor- und Nachbereitung als ein simpler Schnappschuss. Und selbst dann kann ein kleiner Teil fehlen, den das Auge hier jedoch fast wie von selbst ergänzt.

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Peter Czikowski).

Leserfoto: Klick für Vollansicht (© Peter Czikowski).

Kommentar des Fotografen:

Im Rahmen des Konzeptes, mich fotografisch an einen Ort meiner Kindheit vor 60 Jahren zu erinnern, ist dieses Kompositbild aus 12 Einzelbildern entstanden. Die Idee war, das Bild so puzzlehaft, so unterschiedlich in seinen Einzelteilen erscheinen zu lassen wie die Erinnerung daran ist. Daten: Sony Alphy 77, Objektiv Sigma 24 mm 1:1,8, ISO 400, Blende 22, Belichtungszeiten zwischen 1s und 4s vom Stativ
An den Raw-Bildern habe ich jeweils der Gradationskurve eine leichte S-Form gegeben, die Klarheit etwas erhöht und gegebenenfalls die Lichter reduziert.

Profi Robert Kneschke meint zum Bild von Peter Czikowski:

Die Idee, ein Bild aus mehreren Einzelfotos zu einer Collage zusammenzufügen, ist nicht neu. Trotzdem ist das Ergebnis meist immer wieder schön anzusehen, weil die einzelnen Bilder den Betrachter zwingen, mehr auf die Details des jeweiligen Einzelfotos zu achten und weil das Endergebnis trotz passender “Puzzleteile” immer etwas fragmentiert bleibt.

Ein weiterer Grund mag sein, dass diese Art der Bildzusammenstellung eine Planung im Voraus benötigt, damit später keine weißen Flecken im Bild auftauchen. Das schien hier trotz aller Vorbereitung etwas misslungen zu sein, weil im oberen Teil der Haustür eine Lücke klafft. Das ist bei diesem Motiv immerhin nicht so tragisch, weil die Tür eh der hellste Bereich im Bild ist. Außerdem zeigt diese Lücke auch, wie das menschliche Auge beim Vorhandensein vieler einzelner Bildinformationen automatisch versucht, daraus das “große Ganze” zu bilden. Eine Variante mit dem fehlenden Puzzlestück am rechten Platz würde ich jedoch trotzdem bevorzugen.

Das Motiv selbst, der leere Hausflur, ist kaum der Rede wert, wenn es ein Einzelfoto gewesen wäre, scheint aber hier zum Konzept zu gehören, weil es um Orte aus der Kindheit geht, die nicht immer aufregend und dramatisch sein müssen. Durch die Zusammenstellung der einzelnen Bilder, die zudem mit einem 24mm-Weitwinkelobjektiv aufgenommen wurden, bekommt der Flur auch die Wirkung, als würde man wie durch einen Türspion mit Fischaugeneffekt blicken.

Richtig interessant würde es werden, wenn der Fotograf sein Konzept aufgreift und daraus im gleichen Stil eine ganze Fotoserie mit Orten aus seinen Kindheitserinnerungen macht.

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Kommentare

  1. Ich hätte gedacht, dass das fehlende Stück genau der blinde Fleck ist, den uns der Titel nahelegt.

    Gruß
    Wolfgang

  2. Ein schönes Bild: Interessant wäre es im Zusammenhang mit Kindheitserinnerungen vielleicht auch die Kamera tiefer etwa in der Höhe der Kinderaugen zu positionieren.

    Ciao

  3. Sehr schöne Collage, die, wie im Text schon erwähnt, aus einem eigentlich unspektakulären Motiv ein klasse Konzept schafft.

    @Wolfang: Ich schätze mal, der Titel wurde vom fokussiert-Autor gewählt um auf das fehlende Stück hinzuweisen, oder? Ich kann zumindest nirgends entdecken, dass das auch der Titel der Collage ist.
    Und falls doch, glaube ich, war es trotzdem keine Absicht und der Titel wurde im Nachhinein gewählt^^
    Vielleicht klärt uns der Einsender des Fotos ja noch auf.

  4. Hallo Tobias,

    dann habe ich das wohl verwechselt! Aber so einen Fleck lässt man doch nicht absichtlich frei, wenn man nicht was Besonderes damit sagen wollte?!

    Gruß
    Wolfgang

  5. Hallo,

    also auf den ersten Blick gefällt es mir gut. Leider wirklich nur auf den ersten Blick. Für mich muss so ein Bild aus vielen Einzelbildern immer passen. Hier sehe ich überall Ungenauigkeiten (das helle Dreieck will ich mal gar nicht nennen). Habe selber schon oft 360Grad Bilder gemacht und auch Flächen durch viele Bilder entstehen lassen. Dabei war für mich immer das schwierigste, die Farbe so hinzubekommen das man die Übergänge nicht sieht. Oder bei Flächen die nach oben hinaus gehen, die Verzerrung zu dezimieren.
    Die Anordnung zum Kreis finde ich aber in der Idee sehr gut, wenn da nicht der Türsturz so lieblos im Bild wäre.

    Was mir bei dem Bild jedoch sehr gut gefallen hat sind die absoluten grau überlagerten Flächen. Das werde ich mir selber mal abschauen und mit experimentieren.

    So das ist wie immer meine Meinung und ohne böse Hintergedanken. Rolf

    • … aber ein Panorama ist doch ein ganz anderer Bildtyp, dafür dann macht man einfach ein paar Reihen Bilder mit der passenden Überlappung, das kann auch ein Roboter. Bei dem Bild hier soll man meiner Meinung nach das Zusammengepuzzelte sehen.

      Michael

  6. @Wolfgang: Vllt hat sich beim Erstellen der Collage ergeben, dass eine Anordung ohne Lücke einfach nicht hinhaut.

    @Rolf: Ich kann die Einwände verstehen, aber ich denke es ging dem Fotografen hier weniger um ein technisch perfektes Panorama, als um eine künstlicherische Collage (!) mit dem Hintergrund der – von ihm schon erwähnten – “puzzleartigen” Kindheitserinnerungen. Skeptiker könnten das nun natürlich auch als nachträgliche “Aufhübschung” durch die Interpretation abtun…

  7. Hallo

    Ich finde die Collage sehr gut. Das fehlende Dreieck ist für mich nicht weiter störend,da sich im ganzen
    Bild, Dreiecke in Form von Licht und Schatten,
    bzw.am Bildrand wiederholen.
    Vielleich ist es ja die fehlende Erinnerung?
    Aber was mir fehlt ist der Bezug zur Kindheit!So würde ein
    altes Spielzeug im Gang,zB. ein Teddybär oder Dreirad diesen herstellen.Auch der bereits erwähnte tiefere Kamerastandpunkt würde einiges dazu beitragen.
    Dann ist da noch das moderne Auto,einerseits gehört es nicht zur Kindheitserinnerung,anderseits schafft es eine
    Verbindung zur Gegenwart.

    Oliver

  8. Lieber Robert Kneschke, liebe Kommentatoren, vielen Dank für eure Anmerkungen. Ich freue mich, dass sich so viele beteiligt haben. Ich selbst komme leider erst jetzt wieder dazu.
    Der Titel ist nicht von mir, passt aber zu meiner Intention, von daher ist der Fleck in der Mitte passend, auch wenn er, das muss ich gestehen, nicht geplant war. Geplant war allerdings, die Überlagerungen nicht in Helligkeit und Farbton passend zu machen, sondern den Puzzlecharakter der Erinnerung zu zeigen. Den Tipp, die Kamera tiefer zu stellen, finde ich gut. Ich wäre froh, wenn mir das vor der Aufnahme eingefallen wäre. Zur Anmerkung von Robert Kneschke wegen einer Erweiterung zur Serie, möchte ich anmerken, dass ich so etwas Ähnliches gemacht habe: Ich habe die einzelnen Stockwerke und die Treppen im Haus auf eine ähnliche Weise festgehalten.
    Vielen Dank für die Kommentare,
    Peter Czikowski

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