Werner Kiera:
Das verlängerte Auge

Werner Kiera aka Datenverarbeiter findet seine Motive in aller Welt – über Live-Webcms. Zuhause in Bonn setzt er daraus Kompositionen zusammen, die uns in eine phantastische Film-Noir-Welt entführen.

Werner Kiera: Das Geheimnis der hinteren Gasse

The Extended Eye – das verlängerte Auge, so nennt Kiera sein Projekt, an dem er über zwei Jahre gearbeitet hat und immer noch arbeitet. Inzwischen ist unter diesem Titel ein E-Book erschienen.

Die weltweit von Bonn aus über Live-Webcams fotografierten Bilder werden komplett im iPhone verarbeitet, wie uns Werner Kiera erzählt. Er besitzt rund 120 Bildbearbeitungs-Apps; zehn bis 15 gehören gehören zu seinem ständigen Workflow. „Da habe ich lange rumprobiert, bis ich aus dem Angebot von zigtausenden von Foto-Apps die gefunden hatte, die sich für meine Arbeit eignen“, sagt Kiera. In der Bearbeitung hebt er je nach Komposition einzelne Bildbereiche hervor oder blendet sie aus. Wie genau er das macht und wie er auf die Idee zu diesem Projekt kam, erklärt uns Werner Kiera im folgenden Interview:
Werner Kiera: VollmondgedankenWie ist die Idee zu The Extended Eye entstanden?

Werner Kiera: Die Idee ist eigentlich „zufällig“ entstanden. Ich besitze an die zwanzig verschiedene Kameratypen, analoge und digitale, große und kleine, Polaroid, Diana, Lomo, alte Box-und Klappkameras sowie sogenannte „Spionagekameras“ und weitere skurrile Dinge wie beispielsweise ein Opernglas mit eingebauter Kamera, mit dem ich stressfrei in der Oper fotografieren kann. Dabei kommt es mir nicht auf die technische Qualität an, frei nach Robert Capa: „Lieber ein gutes Bild in schlechter Qualität als ein schlechtes Bild in guter Qualität.“ Am iPhone hat mich die Möglichkeit gereizt, die neuen Möglichkeiten mit den zigtausend verschiedenen Foto-Apps zu erkunden. Zur Webcam-Fotografie bin ich dann gelangt, weil mir die Vorstellung gefiel, dass ich hier von Bonn aus in der ganzen Welt fotografieren kann, und nicht wie in der tradierten Fotografie mich hin zum Motiv hinbewegen muss, sondern das Motiv sich nun zu mir hin bewegt. Außerdem wollte ich versuchen, in der Fotografie neue Wege zu beschreiten.

Werner Kiera: Der Demagoge und seine JüngerWelche Bildideen und Geschichten verfolgst Du?

Kiera: Meine Sicht auf die Welt würde ich einmal eine philosophische, im eigentlichen Sinne psychedelische nennen. Meine Bilder erheben nicht den Anspruch, eine wie auch immer geartete Abbildung einer (!) Wirklichkeit zu sein. Allein aus der Tatsache heraus, dass meine Bilder Doppelbelichtungen (zu analogen Zeiten sagte man dazu „Sandwich“) verschiedener Fotos und Orte und somit „universale“ Bilder von so nicht existierenden Lokalitäten oder Begebenheiten sind.
Als Beispiel: Ich fotografiere über eine Live-Webcam ein Bild in einer Einkaufspassage in Tokio, dieses Bild wiederum bringe ich mit einem Bild zusammen, welches ich über eine Live-Webcam in New York fotografiert habe. Dabei interessieren mich immer Szenen, in denen Menschen involviert sind. Die komplette Nachbearbeitung erfolgt im iPhone. Im eigentlichen Sinne entsteht so eine Art von „fotografischer Malerei“. Dabei versuche ich immer, eine Geschichte zu erzählen, die aus dem Bild, aber auch aus dem Titel hervorgeht. Durch meine ganz spezielle Komposition dieser universalen Bilder entstehen in gewisser Weise Nicht-Orte oder Non Places, die es so in Wirklichkeit nicht gibt und die auch kein anderer sehen, geschweige denn fotografieren kann.

Werner Kiera: Tod eines Handlungsreisenden Am Beispiel einer aktuellen Arbeit sieht das so aus: Das Bild heißt: „Tod eines Handlungsreisenden“ und ist entstanden aus einem Foto in Madrid (der Mann mit der Aktentasche) sowie einem Foto aus Toronto – das sind die beiden Gesellen unten im Bilde. Aus zwei völlig profanen Bildern habe ich eine kleine – bedeutungsschwangere – Geschichte gesponnen. So entstehen alle meine Bilder – letztendlich in meinem Kopf. Meine Ideenwelt als Grundlage der Bildkomposition ist vom Film Noir, Franz Kafka, vom Expressionismus und von allen Träumern und Phantasten aller Zeiten geprägt. Was den Film Noir betrifft: Es ist so, dass ich diese Filme leidenschaftlich (im wahrsten Sinne des Wortes) sammle und typische Charaktere dieses Genres viele meiner Bild-Geschichten bevölkern.

Deine durchgehende grobkörnige und aufgelöste Ästhetik – kommt sie vom (guten alten, lichtempfindlichen) Schwarzweiß-Film her?

Kiera: Ich bin mit dem Film und der analogen Fotografie groß geworden. Die Ästhetik des „gepushten“ Schwarzweiß-Films oder dem mit hoher und höchster Empfindlichkeit, also Formaten wie Kodak T-Max oder Tri-X, jener Körnung und deren Anmutung, sind in meiner Webcam-Fotografie der universalen Bilder allgegenwärtig und ein bewusstes Stilmittel.
Diese grobe Körnung, das Unscharfe, Verschwommene, Undeutliche und Aufgelöste sind Versuche, die Bilder nicht so zu gestalten, dass sie auf den ersten Blick „alles verraten“, weil sie wie üblich knackig scharf und poliert sind, sondern ein Geheimnis verbergen. Der Abend und die Nacht sind mir die Stunden, in denen sich die Schleier der Dunkelheit über die Blendwerke des Tages legen, jetzt blühe ich auf und werde kreativ. Meine Geschichten erfüllen sich dann mit den „großen Gefühlen“ und deren Protagonisten spielen ihr jeweiliges, mitunter böses Spiel.
Gleichzeitig arbeite ich auch in meiner analogen „Schiene“ mit diesen Filmen als Rollfilm auf Negativ; meistens mit alten Werkzeugen wie beispielsweise einer „Box Tengor“ von Zeiss Ikon aus den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts im Format 6×9 oder der „Pouva Start“, einer Mittelformatkamera im Format 6×6 aus seligen DDR-Zeiten.

Werner Kiera: Luzide Landschaft Das E-Book mit dem Titel The Extended Eye enthält 150 Fotos und zwei Texte von Anne Kotzan und Heiner Schrapers (englisch und deutsch). Ein Satz in der Einleitung, meint Werner Kiera, „beschreibt sehr schön, wie meine Bilder entstehen“: „Er bedient sich der Realität, ohne sich ihr verpflichtet zu fühlen.“ Das E-Book ist erhältlich über den iTunes-Store und kostet 14,99 Euro.

2 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    Auch ich mag Bilder, auf denen sich die Wirklichkeit verrätselt, die sozusagen erst „gelesen“ werden müssen. Das ist bei den hier vorgestellten Arbeiten der Fall, die nur auf den ersten Blick etwas mit Photographie im klassischen Sinne zu tun haben. Vielmehr handelt es sich um Trugbilder, die aus weltweit via Webcam gefundenen Versatzstücken zusammengefügt wurden und so einen vollkommen neuen Zusammenhang herstellen, der sich nun vom ursprünglichen Charakter der Liveaufnahmen völlig gelöst hat, insofern sie bloß noch als Ausgangsmaterial für die präsentierten Kompositionen dienen. In Manchem erinnert mich dieser assoziativ-gestaltende Zugriff auf die moderne Bildwelt an Arbeiten des südafrikanischen Künstlers William Kentridge (The Refusal of Time, Documenta 13).
    Das Undeutliche, Verwaschen-Montagehafte dieser überlagerten Bilder mit ihren starken s/w-Kontrasten macht sie Traumbildern ähnlich, die gewissermaßen eine zweite Wirklichkeit entstehen lassen – und vielleicht liegt darin auch ihre besondere (magische)Anziehungskraft für den Betrachter, angeregt zudem durch entsprechende Bildtitel, die das Kino im Kopf mobilisieren. 
Die Wahrheit dieser Bilder ist im besten Sinne surrealistisch verrückt („psychedelisch“). Durch Kieras „Non-Places“ macht der Betrachter mitunter eine Bekanntschaft mit seinen eigenen Phantomen der Wirklichkeit, ob nun als Traum oder als Albtraum, denn Kieras Bilder haben untergründig auch etwas Beunruhigendes: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ (Franz Kafka, Die Verwandlung).

    Interessant darüber hinaus ist der (künstlerische) Umgang mit verschiedenen zeitgenössischen Bildmedien: Vom belanglosen Bild der Life-Cams, mit denen man wahrscheinlich einen ganzen Kosmos tapezieren könnte, wenn man die Milliarden an Einzelbildern, die solche Aufnahmen weltweit hergeben, in den Weltraum projizieren würde (siehe etwa das absurde Potential aller Überwachungskameras in Großbritannien), bis zur willkürlichen Bildkomposition assoziativ ausgewählter Einzelbilder mittels iPhone. Die größte Irritation liegt hingegen im fotografischen Look, der an alte S/W-Filme (Fritz Lang/Murnai) bzw. Fotografien erinnert: Mit dem guten alten Filmbild verbindet man (zumindest unter Analog-Fetischisten) das authentische Bild schlechthin. Eine Aufnahme zeigt uns, was sich in Zeit und Raum tatsächlich ereignet hat. Da wir diesem Wirklichkeitssinn längst nicht entwachsen sind, glauben wir auch wie die Kinder im Puppentheater immer noch an die Authentizität von Fernsehbildern. So verwechseln wir die Sache selbst allzu gern mit ihrem vermeintlichen Abbild, das immer schon eine mittels technischer Apparate mehr oder weniger interpretierte, also gestaltete Wirklichkeit ist. Insofern sind Werbefilme/Werbefotos mit ihrer Scheinrealität die aufdringlichsten Beispiele für unsere Mythen des Alltags, in denen wir uns eingerichtet haben. Danke für so viel Möglichkeitssinn, mit dem Werner Kiera uns hier hinters Licht führt.

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