Imogen Cunningham:
Immer Fotografin

Vor über hundert Jahren sorgte die Studentin Imogen Cunningham für einen Skandal: Sie hatte sich selbst fotografiert, nackt liegend auf einer Wiese vor ihrer Uni.

Magnolienblüte, 1925 © Imogen Cunningham Trust

Magnolienblüte, 1925 © Imogen Cunningham Trust

Gerade so unerschrocken, neugierig und offen für Experimente zeigte sich die Amerikanerin während ihrer ganzen, über siebzigjährigen Karriere. Sie blieb bis ins hohe Alter immer Fotografin.

1906 entstand das bewusste Selbstporträt auf der Löwenzahnwiese im Campus der University of Washington. Imogen Cunningham (Jahrgang 1883) hatte sich dafür aus dem Katalog eine 4×5 Zoll-Kamera bestellt. In dieser Zeit studierte sie Chemie, um anschließend für den Fotografen Edward S. Curtis zu arbeiten. Dort erlernte sie das Platindruckverfahren und die Porträtfotografie. Ein Stipendium zum Studium der fotografischen Chemie führte Imogen Cunningham 1909 an die Hochschule für Technik in Dresden. Aus Europa zurück, eröffnete sie ein Foto-Studio in Seattle und etablierte sich als Porträtfotografin.

Nude / Akt, 1939 © Imogen Cunningham Trust

Nude / Akt, 1939 © Imogen Cunningham Trust

Es entstanden Porträts und Akte sowie seit den Zwanzigerjahren auch ihre (erotisch anmutenden) Pflanzenaufnahmen. Mit der Serie Planzenformen, die 1929 auf der Ausstellung des Deutschen Werkbundes Film und Foto (FiFo) in Stuttgart erschien, erlangte sie internationale Anerkennung. Ihr Erfolg hielt an. Vanity Fair veröffentlichte ihre Aufnahmen der Tänzerin Martha Graham.

Aloe, 1925 © Imogen Cunningham Trust

Aloe, 1925 © Imogen Cunningham Trust

In Folge lichtete sie für die Zeitschrift Hollywoodstars wie Cary Grant, Spencer Tracy und den Präsidenten Herbert Hoover ab. 1932 gründete sie mit Ansel Adams, Edward Weston und anderen sie 1932 das Fotografen-Kollektiv f/64. Ende der Vierzigerjahre richtete sie ihren Sucher auf neue Motive: Straßenszenen weckten zunehmend ihr Interesse. Mit 73 Jahren durchstreifte sie die Straßen von New York und in den späten Sechzigern machte sie Aufnahmen von der Hippiegeneration in den Straßen von Haight-Ashbury, San Francisco. Imogen Cunningham blieb ein Leben lang Fotografin. In ihren letzten Lebensjahren erstellte sie noch eine Fotoserie über das Alter, die als Monographie nach ihrem Tod 1976 erschien.

Frida Kahlo Rivera, Malerin und Ehefrau von Diego Rivera, 1931 © Imogen Cunningham Trust

Frida Kahlo Rivera, Malerin und Ehefrau von Diego Rivera, 1931 © Imogen Cunningham Trust

Eins ihrer Credos lautet: Für eine gute Fotografie muss man begeistert sein. Das heißt, man muss darüber denken, wie ein Poet es tun würde.

Die aktuelle Ausstellung in München ist nun die erste umfassende Museumsausstellung über Imogen Cunningham seit den Neunzigerjahren. Sie war in Madrid und wird nur noch in München und Stockholm zu sehen sein. Präsentiert werden rund 170 Werke, die alle thematischen und experimentellen Aspekte aus ihrem mehr als siebzig Jahre praktizierten fotografischen Werk umfassen: Akt und Modern Dance, Porträts, Pflanzen und Landschaft, Street Photography und Architektur. Auf der Website des Imogen Cunningham Trust finden wir diese Bilder online. Das Begleitbuch Fundación Mapfre – Imogen Cunningham (Affiliate-Link) zur Ausstellung Imogen Cunningham erschien in der deutschen Ausgabe im Kehrer-Verlag, Heidelberg/Berlin 2012.

Another Arm / Noch ein Arm, 1973 © Imogen Cunningham Trust

Another Arm / Noch ein Arm, 1973 © Imogen Cunningham Trust

Imogen Cunningham
Bis 28. April
Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern, Maximilianstraße 53, D-80530 München
+49 (0)89 2160 2626, presse@vkb.de
Geöffnet täglich 9-19 Uhr, an gesetzlichen Feiertagen geschlossen, Eintritt frei
Kostenlose öffentliche Führungen mit der Kuratorin Celina Lunsford: 14. März 12.30 Uhr und 18Uhr; 14. April 12.30 Uhr, 15 Uhr und 18 Uhr

Imogen Cunningham Trust
Imogen Cunningham bei Wikipedia
Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern

 

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