Leserfoto:
Ein lebendiger Augenblick

Wie läßt sich die Flüchtigkeit einer Szene in einem ausdrucksstarken Bild festhalten?

***

“Dorfschule in Äthiopien” nennt unsere Leserin Jacqueline von Manteuffel ihr Bild. Sie hat es in der Kategorie ‘Schnappschuß’ eingereicht, doch scheint ihr eine solche Zuordnung nicht ganz zu behagen, wie wenn ihr dies ‘zu sehr im Vorübergehen, zu aufschnappend und wegnehmend’ vorkäme. Eine Kategorie “mit den Augen des Reisenden gesehen” wäre ihr lieber, wie sie selbst anmerkt. So dürfen wir wohl zwischen den Zeilen lesen, daß Jacqueline ‘das Gesehene respektvoll aufnehmen und uns mitbringen’ wollte.

***

Laßt uns die Szene einmal in Ruhe anschauen und prüfen, was sich uns auf dem Bild mitteilt. Und vielleicht können wir miteinander überlegen, ob und wie sich das Bild in seiner Aussage evtl. noch weiter verdichten ließe.

In der Betrachtung empfängt uns zunächst ein fröhliches Kindergewusel. Auch der Kontext einer Klassensituation erschließt sich uns ganz unmittelbar und auch ohne Kenntnis des Bildtitels. Es gibt in uns einen tief verankerten Mechanismus, den Blickkontakt zum Gegenüber zu suchen, weswegen wir in der Folge vielleicht der ‘Perlenkette von Augenpaaren’ durch das Bild folgen. So verweilend eröffnet sich uns auch die Rhythmik und damit der innere Aufbau der Szene: die Sitzreihen ziehen nach links oben, während der Hauptstrom der Blickrichtung sich nach links unten wendet, wie wenn etwas außerhalb des Bildes die Aufmerksamkeit der Gruppe bindet. Einzelne Blickabweichungen wie des Mädchens und des Jungen in der ersten Reihe lockern den strengen Rhythmus auf. Im Ausdruck der Kinder meine ich Eifer und Konzentration, Interesse und Neugier zu lesen, wiederum aufgelockert und gewürzt durch kindhafte bzw. übersprungshafte Spaßvogelattitüden wie beim Jungen in der Bildmitte.

***

Ein Fluch und Segen solcher Aufnahmesituationen ist die Flüchtigkeit. Wenn man diese zu stark einschränkt, mündet das Gruppenbild rasch in Unlebendigkeit; wenn man es ‘einfach geschehen läßt’ (und hier war Jacqueline ganz offensichtlich eingebundene und akzeptierte Beobachterin), dann wartet das Chaos. Es gehört zu den Verdiensten namhafter Reportage- und Streetfotografen, hier einen guten Kompromiß im Bild finden bzw. im Sinne des ‘moment décisif’ eines Henri Cartier-Bresson den richtigen Zeitpunkt hochkonzentriert erkennen und festhalten zu können.

Solche Fähigkeiten sind freilich nur manchen gegeben (und auch ein Henri Cartier-Bresson hat nicht nur hochdramatische Augenblicke festgehalten). Zulässig ist es daher, nachträglich noch einen Beschnitt zu versuchen, um störende bzw. ablenkende Bildelemente zu reduzieren; auch sind wir nicht sklavisch an das Ursprungsformat gebunden.

Einen entsprechenden Vorschlag seht Ihr nachstehend – weggefallen sind dabei die etwas unglücklichen Anschnitte der Schüler links und rechts, manche überstrahlten Elemente zum oberen Bildrand hin (soweit durch Wegfall den Raum nicht zu sehr begrenzend) und die seltsam geisterhaft ins Bild hineinreichende Hand. Die lebendige Farbgebung und die Tonwerte passen sehr gut zur Szene und wurden daher nicht verändert. Die Grundelemente der Komposition mit Linien und Blickführungen blieben ebenfalls erhalten.

***

Beschnittvorschlag

Beschnittvorschlag


 
In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

Mehr lesen

21.5.2013, 1 KommentareLeserfoto:
Reflexion im doppelten Sinne

Unsere heutige Bildbesprechung zeigt ein einfühlsames Spiegelporträt mit einem bedachten Regelbruch.

Leserfoto: Ein Augenblick großer Konzentration und Innigkeit

23.4.2013, 10 KommentareLeserfoto:
Ein Augenblick großer Konzentration und Innigkeit

In der heutigen Bildbesprechung widmen wir uns Fragen der experimentellen Fotografie.

Leserfoto: Reisefotografie, wie man sie sich wünscht

26.3.2013, 11 KommentareLeserfoto:
Reisefotografie, wie man sie sich wünscht

Noch ein Bild einer bemerkenswerten Äthiopienreise soll hier besprochen werden, da sich hierin Prinzipien guter Reisefotografie aufzeigen lassen.

Gegenlichtporträt: Lola mit den Luftballons

17.11.2011, 11 KommentareGegenlichtporträt:
Lola mit den Luftballons

Kinder mit bunten Luftballons sind meist wegen der vielen knalligen Farben ein sehenswertes Fotomotiv. Aber auch in Schwarz-Weiß kann man der Szene etwas abgewinnen, indem zum Beispiel der Größenkontrast genutzt wird.

Kinderporträt in Schwarzweiß: Den besonderen Augenblick abwarten

23.9.2011, 3 KommentareKinderporträt in Schwarzweiß:
Den besonderen Augenblick abwarten

Warten lohnt sich, insbesondere bei vielfotografierten Motiven. Dann bekommt man oft ein Motiv geboten, das sich von Gewöhnlichen, das man schon hundertmal so gesehen hat, abhebt.

Kinderporträt: Das grosse Staunen

9.9.2011, 3 KommentareKinderporträt:
Das grosse Staunen

An Menschen faszinieren uns die Augen - und wenn sie glänzen und leuchten, ist ein gutes Bild schon fast passiert.

Laurenz Berges: Aufgegebene Lebensräume

7.1.2013, 1 KommentareLaurenz Berges:
Aufgegebene Lebensräume

Laurenz Berges Fotografien sind menschenleer. Sie zeigen aufgegebene Lebensräume, verlassene Welten.

Freelens Foundation: Gute Fotos, guter Zweck

28.11.2012, 0 KommentareFreelens Foundation:
Gute Fotos, guter Zweck

Gute Fotos für einen guten Zweck: Mit einer Benefizausstellung will die neu gegründete Freelens Foundation Geld für hilfsbedürftige Fotografen zusammenbringen und auch fotografische Projekte unterstützen.

Photokina und Photoszene 2012: Köln im Zeichen der Fotografie

10.9.2012, 3 KommentarePhotokina und Photoszene 2012:
Köln im Zeichen der Fotografie

Im September steht Köln ganz im Zeichen der Fotografie: Die Photokina kommt und parallel dazu die Internationale Photoszene – diesmal mit Schwerpunkt China.

Leserfoto: Den Moment bewahren

21.3.2013, 20 KommentareLeserfoto:
Den Moment bewahren

An einem interessanten Bildbeispiel läßt sich aufzeigen, wie sich die Zentralkomposition nicht nur für sakrale Motive verwenden läßt. Dies und weiteres in der heutigen Bildbesprechung ...

Gute Aussichten 2012/2013: Sieben Preisträger

3.12.2012, 1 KommentareGute Aussichten 2012/2013:
Sieben Preisträger

Gute Aussichten 2012/2013: Sieben Preisträger wurden ausgewählt in der neunten Auflage des Wettbewerbs für die neue, die junge deutsche Fotografie.

Giacomo Giannini: Aus der Vogelperspektive

27.6.2012, 1 KommentareGiacomo Giannini:
Aus der Vogelperspektive

Giacomo Giannini fliegt über Italien und zeigt uns irritierend schöne Grafiken aus der Vogelperspektive.

Leserfoto: Reisefotografie, wie man sie sich wünscht

26.3.2013, 11 KommentareLeserfoto:
Reisefotografie, wie man sie sich wünscht

Noch ein Bild einer bemerkenswerten Äthiopienreise soll hier besprochen werden, da sich hierin Prinzipien guter Reisefotografie aufzeigen lassen.

8 Kommentare

  1. lieber Thomas
    herzlichen Dank für Deine Bildkritik – ich freue mich total! Der Zuschnitt tut dem Bild gut – v.a. die Geisterhand, die mir gar nicht aufgefallen war (!) – mein persönlicher Zuschnitt würde nach oben doch etwas mehr von der blauen Wand lassen – ich finde sie interessant mit der Farbgebung und den Blättern, die da hängen. Aber das ist wirklich Geschmacksache. Ich finde Deine Beschreibung sehr stimmig – genau so ist es mir ergangen, das hast Du ohne Angaben von mir richtig herausgelesen. Ich war eingebunden in die Szene (stand da schon eine Weile), die Kinder schauten mehrheitlich zur Lehrerin, die die von uns mitgebrachten Stifte und Schreibblöcke zeigte und erklärte, wer wir sind. Ich war sehr beeindruckt von diesen Kindern, die zur Schule gehen dürfen…aber denen an Vielem fehlt, was sie zum Lernen (an Material) brauchen. Sie waren neugierig, offen, staunten und hatten teilweise noch nie einen “Ferenji” einen fremden Weisshäutigen gesehen. Der Witzbold, übrigens, konnte sich nicht mehr einkriegen, als wir später Luftballons verteilten: die Kinder hatten sowas noch nie gesehen – und die grösseren Jungs meinten, es seien Kondome (gut aufgeklärt auch im letzten Dorf!) ;-))

    • Zitat: “mein persönlicher Zuschnitt würde nach oben doch etwas mehr von der blauen Wand lassen”

      So kann man ohne weiteres argumentieren. Ein zu enger Beschnitt, ein zu starker Fokus auf das Motiv ‘läßt den Raum nicht mehr atmen’ – wiewohl ich meine, daß die räumliche Tiefe auch nach Beschnitt noch ausgeprägt ist.

      Manchmal bewährt es sich auch, verschiedene Varianten auszuarbeiten, zu drucken und nach einigen Tagen wieder anzuschauen. Verblüffend oft hat man dann ein ‘Richtigkeitsgefühl’ für eine bestimmte Variante, wie wenn es ‘innerlich die ganze Zeit in einem geschafft’ hätte …

  2. Ein tolles Bild, Jacqueline, und ein interessanter Kommentar! Durch den Beschnitt ändert sich der Inhalt des Bildes : das Original zeigt den Klassenraum, Thomas Variante die Schüler. Mir gefällt persönlich das Original besser. Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, die Hand weg zu retuschieren ? Viele Grüße, Tilman

    • Zitat: “Wäre es nicht auch eine Möglichkeit, die Hand weg zu retuschieren?”

      Ich bin kein Vertreter der ´einzig zulässigen, natürlich bei mir liegenden Bildwahrheit’ – ein solcher Narzißmus haftet mir schon aufgrund meines therapeutischen Zweitberufs nicht an. Es geht mir vielmehr darum, daß wir gemeinsam ‘die Wahrnehmung schulen und Argumente formulieren’ lernen.

      Insofern möchte ich Dich – lieber Tilman – ermuntern, eine solche Ausarbeitung nach Deinen Vorstellungen zu machen, hier zu verlinken und uns damit zu überzeugen. Ich bin mir auch sicher, daß Jacqueline gegenüber einer solchen Weiterverwendung ihres Bildes keine Vorbehalte hätte.

      In meiner Besprechung hatte ich meinen (über die ‘Geisterhand’ hinausgehenden) Beschnitt ja begründet, so daß ich selbst eine solche Alternativausarbeitung (wie gesagt) als legitim anerkennen, aber nicht selbst übernehmen würde.

  3. Vielen Dank für Deine Antwort, Thomas. Im Grunde genommen ist die Geisterhand ja gar nicht so schlimm… auch mir war sie zuerst gar nicht aufgefallen. Aber irgendwie stört sie dann schon, besonders wenn man darauf hingewiesen wird :->. Da es jedoch schwierig ist, gleichzeitig ein lebendiges also auch ein perfektes Photo zu machen, habe ich mich gefragt, ob man beim technischen Aspekt nicht etwas nachhelfen kann… Hier ein schneller Versuch: http://sdrv.ms/ZWy6BG. Viele Grüße, Tilman

    • Zitat: “Aber irgendwie stört sie dann schon, besonders wenn man darauf hingewiesen wird”

      Das stimmt wohl. Was man einmal gesehen hat, läßt einen nicht mehr los. Ihr mögt es uns aber nicht verübeln, wenn wir zum Hinsehen und nicht zum Wegschauen anleiten wollen.

      Danke auch für Deine Gestaltung. Warten wir auf die weitere Diskussion …

  4. Es freut mich, Tilman, dass Dir mein Foto gefällt – mir gefällt Dein Kommentar und Deine Gestaltung kann ich gerne gelten lassen!- Es ist doch spannende, wie einen ein Bild anregen kann, genauer hinzuschauen, und auch wie verschiedene Ausschnitte andere Schwerpunkte setzen (ganzer Raum oder Kinder im Blick) Und ja, so ist das: wenn man schon mal auf Störendes aufmerksam gemacht wird, kann man schlecht wieder darüber hinwegsehen…ich gehe da ganz mit Thomas: fotografieren bedeutet für mich auch hinsehen, nicht drüber hinwegsehen. Und doch übersehe ich immer wieder was (im Eifer des Augenblicks!!)

  5. Mein Senf… ;-)

    Wir sehen bei diesen Bildbetrachtungen von fokussiert.com ja sehr häufig Bilder, die noch zu wünschen übrig lassen. Das ist auch gut so, denn so lernt nicht nur der Fotograf des Bildes, sondern wir alle.

    Es freut mich, dass Thomas Brotzler jetzt kurz hintereinander zwei Bilder herausgegriffen hat (es sind drei! siehe mein “PS” ganz unten) , die richtig gut sind. (Das andere: Der Kuss (http://fokussiert.com/201…-den-moment-bewahren) )

    Hier sind wir jetzt mal in der Lage, verschiedene Strategien zur Bildverarbeitung zu begutachten, die ein Bild nicht einfach besser machen, sondern die Bildwirkung verändern. Teilweise so verändern, dass die Bildwirkung besser wird, aber auch, dass eine andere Bildwirkung eintritt.

    So ist es hier der Fall. Das Bild von Jacqueline (bzw. in der Nachbearbeitung von Tilman) zeigt einen Interpretationsraum “Schulraum”. Der Beschnitt von Thomas Brotzler hingegen fokussiert auf die Schüler. Ich finde Beides gut. Der Klassenraum bietet zusätzliche “Geschichten” im Bild. Denn da hängt Einiges an der Wand. Und in der Ecke ist ein Regal. Offenbar beim Bau der Wand gleich mit vorgesehen. Der Inhalt wird nicht detailliert Preis gegeben. Es bleibt spannend. Und somit würde ich die Variante als “Klassenraum” eher in einem dokumentarischen Zusammenhang sehen, wo dann Näheres “drum herum” dargestellt wird. Dass dann die kleinen Fragen zum Klassenraum selbst beantwortet.

    Der Beschnitt von Thomas Brotzler hingegen passt hervorragend in eine Interpretationswelt, die das Schulsystem an sich, die dritte Welt oder etwas Ähnliches zum Inhalt hat.

    Insofern: Es ist erstaunlich, wie ein wenig Beschnitt, ganz andere Erzählungsvarianten hervorruft.

    Danke für das Bild und die Bearbeitung! Sehr lehrreich!

    Gruß Frank

    PS: Wenn noch nicht klar: Mir gefällt das Bild sehr!

    Und Thomas, wie Jacqueline, haben ja gleich nochmal nachgelegt: http://fokussiert.com/201…an-sie-sich-wuenscht

    Auch das ist ganz toll! Glückwunsch der Kamerabesitzerin. :-) Und dass Du die Bilder hier hast bewerten lassen! Dazu gehört nämlich Mut.

Ein Pingback

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder