Digitale Schwarzweißfotografie:
Das Zonensystem (2)

In dieser Artikelreihe werden Fragen der Schwarzweißfotografie mit digitaler Ausrüstung behandelt. Heute möchte ich Euch die Grundlagen, Bedeutung und Verwendbarkeit des Zonensystems vorstellen.

Aufbau

Das Zonensystem besteht aus elf Tonwertbereichen, die mit römischen Ziffern von 0 bis 10 (0, I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X) bezeichnet werden. Die Unterteilung folgt hierbei nicht den optischen Gegebenheiten, denn die Tonwerte verlaufen ja kontinuierlich von Schwarz nach Weiß und weisen keine natürliche Grenzen auf. Das geniale Konstrukt besteht vielmehr darin, daß die jeweils summierten bzw. gemittelten Werte eines Tonwertbereichs eine Verdoppelung gegenüber dem linksgelegenen Bereich darstellen, somit also jeweils den Unterschied eines ganzen Blendenwertes markieren.

Bisweilen wird auch mit halben Zonen gearbeitet, was die nachfolgende Abbildung schematisch aufgreift (Ihr könnt damit auch prüfen, ob Euer Monitor richtig profiliert ist und alle Bereiche sauber voneinander trennt). Dort finden sich auch die Skala der Lichtreflektion (Neutralgrau mit 18% als wichtiger Referenzwert) und die Umrechnungen in gängige Farbsysteme am PC (RGB, L*a*b und HSB).

Aufbau, Einteilungen und Umrechnungen des Zonensystems (Erläuterungen siehe Text)

Die Definitionen und Motivbeispiele zu den einzelnen Zonen ergeben sich aus der nachfolgenden Darstellung. Von großer Bedeutung (ein Vorgriff auf die Verwendbarkeit sozusagen) ist der Umstand, daß in Hinblick auf volle Tonwertvariation eigentlich nur die sieben, in Hinblick auf volle Zeichnung sogar nur die fünf mittleren Zonen verwendbar sind. Umfaßt der Tonwertumfang des Bildes mehr Zonen an die soeben angeführten, ist ein Verlust an Zeichnung, wenig später auch auch ein solcher an Tonwertvariation hinzunehmen.

Zone Definition Motivbeispiele
0 Reinstes Schwarz, keine Tonwertvariation und Zeichnung Tiefste Schatten
I Fast Schwarz, geringe Tonwertvariation, keine Zeichnung Tiefe Schatten
II Sehr dunkles Grau, deutliche Tonwertvariation, geringe Zeichnung Halboffene Schatten
III Dunkles Grau, volle Tonwertvariation und Zeichnung Offene Schatten, dunkle Materialien
IV Leichtes Dunkelgrau, volle Tonwertvariation und Zeichnung Schatten bei besonnten Portraits oder Landschaften, dunkle Steine oder Laub
V Mittelgrau, volle Tonwertvariation und Zeichnung Klarer blauer Himmel, dunkler kaukasischer Hauttyp, grauer Stein, verwittertes Holz, Graukarte mit 18% Lichtreflektion
VI Leichtes Hellgrau, volle Tonwertvariation und Zeichnung Heller kaukasischer Hauttyp, heller Stein, Schatten in sonnendurchfluteter Schneelandschaft
VII Helles Grau, volle Tonwertvariation und Zeichnung Sehr helle Haut, hellgraue Objekte, Schnee in seitlicher Beleuchtung
VIII Sehr helles Grau, deutliche Tonwertvariation, geringe Zeichnung Hellste Materialien mit gerade noch erkennbaren Strukturen
IX Fast Weiß, geringe Tonwertvariation, keine Zeichnung Glänzende Oberflächen, Schnee im flachen Tageslicht
X Reinstes Weiß, keine Tonwertvariation und Zeichnung Reinstes Licht

Ursprüngliche Verwendung

In den sehr frühen Zeiten der Fotografie mußte die Belichtungszeit in Verbindung mit dem Blendenwert und der Filmempfindlichkeit abgeschätzt werden. Später kamen Handbelichtungsmesser auf, die dem Fotografen durch die (durchaus aufwendige) Ausmessung einzelner Motivsegmente einen recht guten Überblick über die vor Ort herrschenden Lichtverhältnisse gaben. Auch Graukarten mit (dem durch 18% Lichtreflektion definierten) Mittelgrau kamen zum Einsatz, deren Anmessung dem Fotografen eine Orientierung über die nötigen Belichtungseinstellungen zur Erzielung einer Zone V gaben.

Mit diesen Werkzeugen und Informationen mußte der Fotograf nun bereits vor Ort einige Entscheidungen treffen, die unter dem Begriff der „Prävisualisierung“ bekannt geworden sind (ich komme darauf im dritten Teil zurück):

  • In welcher Belichtungszone soll das Hauptmotiv liegen?
  • Wie werden demgegenüber die weniger wichtigen bzw. randständigen Bildbereiche belichtungsmäßig angeordnet?
  • Welcher Dynamikumfang im Sinne der Spreizung der Tonwertstufen herrscht im Bild vor?
  • Wie läßt sich der hohe Dynamikumfang des Negativs in den deutlich reduzierten des Positivs umsetzen?

Gerade beim letztgenannten Punkt, der nötigen Umsetzung vom Hochkontrastraum in den Niederkontrastraum des positiven Aufsichtsbildes also, merken wir, daß auch die früheren Fotografen schon mit manchen „Widrigkeiten des Mediums“ zu kämpfen hatten. Im Hype des technischen Fortschritts unserer heutigen Digitalkameras gerät aber leider in Vergessenheit, welch fantastische Möglichkeiten „Dunkelkammerkünstler früherer Tage“ hatten: Bruce Barnbaum beschriebt in seinem sehr lesenswerten Buch „The Art of Photography: An Approach to Personal Expression“ (gibt es auch auf Deutsch, glaube ich), wie er mit kalkulierter Überbelichtung, der Variation von Entwicklerlösung und Papier sowie einem energischen Nachbelichten noch Tonwertvariation und Zeichnung aus Zone XV (!) herausholen kann.

Soweit für heute im zweiten Teil. Der abschließende dritte Teil behandelt die heutigen Verwendungsmöglichkeiten.

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