Leserfoto:
Den Moment bewahren

An einem interessanten Bildbeispiel läßt sich aufzeigen, wie sich die Zentralkomposition nicht nur für sakrale Motive verwenden läßt. Dies und weiteres in der heutigen Bildbesprechung …

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Oben seht Ihr das Bild “Der Kuss”, welches unser Leser Marcus Leusch aus Mainz in der Kategorie ‘Street’ zur Besprechung eingereicht hat. Er schreibt über sein Bild ergänzend: “Ostende/Uferpromenade: Eine einfache, kaum spektakuläre Szene, die für mich aber durch die Zentralperspektive in den alten Strandkolonnaden, den Blick sehr reizvoll auf das Liebespaar lenkt, das sich zu meiner Freude genau in der optischen Achse eingefunden hatte. ‘Der Kuss’, so der Titel des Bildes, erschien mir in dieser zentralen Ansicht auch im übertragenen Sinne noch einmal überhöht. Vielleicht hätte man bei diesem Foto noch näher an die Personen herantreten müssen, um die Szene dann noch besser mit einem leichten Weitwinkel (35mm) einzufangen. Ich bin aber kein jagender Fotograf auf der Pirsch; mir erschien die Entfernung zum ‘Objekt’ gerade ausreichend, um die Privatsphäre der Personen nicht zu verletzen.”.

Zur Technik erfahren wir noch, daß eine Nikon D700 mit einem 135 mm-Objektiv verwendet wurde und Blende 8 bei einer Verschlußzeit von 1/250 Sekunde vermutlich freihändig zur Anwendung kam.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Das Bild ist in seiner Belichtung sehr ausgewogen, Tonwertabbrüche im Sinne ausgebrannter Lichter oder reinschwarzer Schatten liegen nicht vor. Die dunkelsten Partien des Bildes wie etwa die Hosen der Protagonisten oder kleinere Partien der rechten Säulenreihe bewegen sich in Zone I. Der Großteil der Tonwerte der Kolonnaden befindet sich bei voller Durchzeichnung in den Zonen III bis V, diejenigen des heller abgesetzten Hintergrund ebenso durchgezeichnet in den Zonen V bis VIII. Gut abgesetzt davon, mit erhöhtem Binnenkontrast und einer merklichen Randaufhellung erscheint ein sich umarmendes und küssendes Liebespaar, vertikal im Goldenen Schnitt, horizontal leicht nach rechts versetzt.

Die Gesamtkompostion ist in sich geschlossen, besagte Positionierung des motivführenden Paares wird zu den Seiten und nach oben hin von den Kollonaden eingerahmt. Die nach unten hin sichtbare Struktur des Pflasterbelags verhindert ein ‘Auslaufen der Szene nach unten” und stützt insofern die Komposition. Auch die Verwendung des Hochformats überzeugt hier im Sinne eines Überhöhungseffekts, der den Betrachter vielleicht ein wenig über den Anblick hinaus in die eigene Erinnerung oder den phantasierten Fortgang der Szene schwelgen läßt.

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Ich mußte doch schmunzeln, weil Marcus in seinen Anmerkungen ‘einige gute Fotografengeister’ zitiert hat. Robert Doisneau mit seinem ‘Kuß’ aus dem Jahre 1950 kommt uns sogleich in den Sinn, gleichsam Henri Cartier Bresson mit seinem ‘Sehen, zielen, auslösen und verduften’. Man merkt doch, daß Marcus nicht erst seit gestern in der Welt der Fotografie zuhause ist und daß er sich mit der Materie auseinandersetzt.

Auch seine Anmerkungen zur rechtlichen Dimension kam man meines Erachtens so stehen lassen. Sehr gerne würde ich mich mit Euch auf die technischen und inhaltlichen Aspekte des Bildes konzentrieren und nicht die ’37.500ste Moraldiskussion zur Streetfotografie’ führen müssen …

***

Drei Dinge sind mir aufgefallen, welche das Bild zwar nicht entwerten, in seiner Ausdruckskraft aber doch etwas abschwächen:

1. Das Paar ist horizontal nicht perfekt in der Mitte ausgerichtet, sondern etwas nach rechts gerückt – nicht sehr weit zwar; aber doch so, daß eine Irritation in der hier grundsätzlich passenden Zentralkomposition resultiert (siehe nächstes Bild) – hier könnte man noch weiter beschneiden …

2. Der Randsaum um das Paar resultiert aus Marcus verständlichen Wunsch, diese wichtige Bildpartie durch Abwedeln noch zu verdeutlichen. Ich finde aber, daß es des Guten zuviel ist: die Seherwartung geht ja in Richtung von zwei lebendigen Menschen und nicht von ‘heiligenscheinbewehrten Engelsgestalten’ – ein Appell an behutsame Bearbeitung im Vorfeld der Präsention quasi …

3. Die dunklen Partien der rechten Kolonnaden, insbesondere der lichtabgewandten Scheinwerferreihe, stören die Symmetrie etwas. Hierin meine ich auch einen leichten ‘Bruch in der inneren Bildlogik’ auszumachen, indem der gewollt ätherische bzw. zeitlose Aspekt jener Szene durch ‘schnödes Alltagswerk’ konterkariert wird – ein Artefakt, welches diesem ‘Einrahmungstableau’ bedauerlicherweise innewohnt …

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Als Fazit möchte ich festhalten, daß mich das Bild sehr anspricht. Wir haben eine schöne Streetszene vor Augen, gut gesehen und im richtigen Augenblick technisch sauber und mit zielführenden kompositorischen Überlegungen (Hochformat, Zentralkomposition) aufgenommen. Besagte kleine Schwächen lassen mich weiter denken, daß eine solche Arbeit für Presse- oder Buchzwecke sehr gut verwendbar erschiene, für Ausstellungs- und Galeriezwecke jedoch die letzte Akkuratesse noch vermissen ließe.

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Ausrichtungsprüfung

Ausrichtungsprüfung


 
In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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19 Kommentare

  1. Wenn man bedenkt, dass die Kußszenen der Großmeister, um 100% stimmig zu sein, meist mit Darstellern gestellt wurden, und der “Rahmen” vorher sorgsam ausgewählt wurde, finde ich das Bild hier als sehr gelungen. Ich hätte am Bild den Beschnitt vor allem so geändert, dass die angeschnittene rechte Säule nicht mehr zu sehen wäre und die stürzenden Linien noch korrigiert.

    An den Symmetrielinien von Herrn Brotzler würde ich mich nicht zwanghaft halten. Sondern hätte beim Wegschneiden der rechten Säulenteile den Schnitt genau so gesetzt, dass die dem Betrachter zuweisenden Säulenflächen skaliert genaustens fortgesetzt wird. Also geringfügig breiter als die nächste, dahinter liegende Fläche.

    Um das Bild zeitlos zu machen, müssten die Scheinwerfer entfernt werden. Das ist zwar mühsam, sollte aber mit Stempeln zu machen sein. Was hält die Community von so einem Eingriff? Ich halte es künstlerisch für legitim.

  2. Grad nochmal darüber nachgedacht, warum mir das Bild, obwohl die Symmetrie nicht eingehalten ist, trotzdem um die vertikale Achse genau stimmig erscheint. Mir scheint es optisch, als ob die beiden Gesichter sich genau in der Bildmitte treffen. Optisch, nicht messtechnisch.

    Bildteile, die dunkler sind oder die eine stärkere Strukturierung aufweisen, erscheinen uns schwerer. Um das abzumildern ist man versucht, diesen optischen Schwerpunkt mehr in die Mitte zu verlagern. Sonst kippt ein Bild unter Umständen nach einer Seite. In diesem Bild ist die rechte Säulenreihe deutlich stärker strukturiert als die linke Wand. Damit überlagert sich der Effekt, dass wir einen symmetrischen Aufbau als stimmig erachten, wenn er 100% symmetrisch ist, mit dem Effekt, der optischen Schwerpunktbildung.

    Das könnte Herrn Leusch schon beim Fotografieren instinktiv dazu verleitet haben, die inhaltliche Bildmitte geringfügig nach rechts aus der Symmetrie herauszuschieben.

  3. Vielen Dank für die wohlmeinenden Anmerkungen und die positive Kritik
zu meinem Bild „Der Kuss“. Ja, an die Berühmten Vorbilder hatte ich bei der
Aufnahme zwar nicht gedacht, diese Assoziationen kamen erst nachdem sich 
der Titel schon bei mir festgefressen hatte – und dann mochte ich ihn nicht ändern,
    aber ohne mich mit den „großen“ Fotografen(Vorbildern) messen zu wollen. 

Das Zonensystem, mit dem ich mich vor etwa zwanzig Jahren intensiver beschäftigt habe und das mich in so manchen langen Dunkelkammernächten schier zur Verzweiflung gebracht hat, gibt zwar hier eine stimmige Erklärung für das relativ ausgewogene Verhältnis der Graustufen (Merci Herr Brotzler). Diese Methode eignet sich für mich allerdings eher für‘s FineArt-Milieu, für Landschafts-, Stillife- oder Studiofotografie, bei der die Rahmenbedingungen für eine Aufnahme genau festgelegt werden können. Für die Alltagspraxis der Streetfotografie bin ich da eher auf meinen Instinkt und meine fotografische Erfahrung angewiesen, die eine gelungene Aufnahme entstehen lassen. 
Vor diesem Bild musste ich in einem Affenzahn vom 50er auf eine 135er-Optik wechseln,
    … ja und dann musste alles sehr schnell gehen, damit die traute Zweisamkeit sich nicht wieder ins Nirvana verabschiedet: „sehen, zielen, auslösen“ – und aufatmen! 

    Das sakral Enthobene, wie sie es hier sehr treffend bemerkt haben, kommt dem Romantiker in mir bei diesem Thema sehr entgegen. Die Komposition finde ich trotz der berechtigten Kritik (Zentralperspektive) immer noch gelungen. Ich empfand es bei
der Aufnahme genau so, wie „Frank“ es in seinem Kommentar angedeutet hat. Nicht
die wahrscheinlich geometrisch korrekte Lösung war gefragt, sondern ein im ersten 
Moment erfühlter „optischer“ Schwerpunkt eines glücklichen Moments, der einen symmetrischen Eindruck (auch für den mathematisch nicht geschulten Betrachter) entstehen lässt – ein menschliches Maß eben … 
Die angeschnittene Säule am rechten Rand des Bildes stört in der Tat. Das werde ich in meinen künftigen Prints wohl berücksichtigen. Bezüglich der „Scheinwerfer“ bin ich mir noch unschlüssig, ob hier etwas verändert werden müsste, zumal ich Photoshop & Co. 
nur in homöopathischen Darreichungsformen mag. Der Moment der Aufnahme hat für mich immer etwas Unumstößliches, das ich nicht hintergehen möchte, auch wenn sich 
aus einem solchen Foto mit kleinen Korrekturen an der Wirklichkeit noch ein rechtes Kunststück zaubern ließe.

    Mit herzlichen Grüßen in die Runde 


  4. Ein sehr schönes Foto, gut in SW, eine tolle Perspektive. Ich habe jedoch auch eine kleine Kritik. <> Diesen Grund verstehe ich, aber es ist für mich auch das Problem des Fotos. „Der Kuss“, „den Moment bewahren“, … Aber letztlich sehe ich hauptsächlich eine hässliche Decke (1/3 des Bildes) mit einer stark ausgeprägten Fuge, die ein richtiger Blickfang ist. Sollte man das Bild nicht besser oben beschneiden? Viele Grüße, Tilman

  5. Zwischen stand „mir erschien die Entfernung zum ‘Objekt’ gerade ausreichend, um die Privatsphäre der Personen nicht zu verletzen”. Ist einfach gelöscht worden :-<

  6. <> wird auch gelöscht.

    • Die „hässliche Decke“ gehört nun einmal zu den leider sehr maroden Gegebenheiten vor Ort, die man auf einigen weiteren Bildern mit anderem Sujet noch „eindrucksvoller“ hätte präsentieren können. Aber, wie gesagt, ich bin kein Kunstfotograf, den das möglicherweise stören würde. Und letztlich geht es hier ja auch nicht um ein l‘art pour l‘art. Mit Photoshop hätte ich mir möglicherweise eine hübsche Decke drechseln können, aber das gibt die Wirklichkeit nun einmal nicht her! Und wenn wir schon die Erfahrungsrealität aus unseren Bildern herausretuschieren müssen, damit sie Adobe-beautylike sind, dann sollten wir das Fotografieren vielleicht ganz aufgeben … Ich mag gerade jene Fotografien, die nicht (!) einem allzu werblichen Perfektionismus unterliegen (und dazu gehören sehr viele Fotografien der mir bekannten und berühmt gewordenen Fotografen). Aber vielleicht haben wir uns Dank moderner Bildbearbeitung und den Vorgaben von Werbeindustrie und künstlichen Avatar-Welten schon zu sehr vom eigenen Blick auf unsere Erfahrungswirklichkeit entfernt? Mich stört jedenfalls ein Kuss unter einer hässlichen Decke nicht. Die Frage aber, ob unsere Erwartung an ein gutes Bild entscheidend davon abhängt, inwieweit wir das was ist bei der Aufnahme nicht mehr zur Kenntnis nehmen sollen, fotografisch ausblenden oder aus dem aufgezeichneten Bild eliminieren, erscheint mir doch mit Verlaub unfotografisch gedacht! Immerhin imponierend, wenn Decken noch zu einem Stein des Anstoßes werden können.

      Mit freundlichen Grüßen, Marcus
 L.

  7. Hallo Marcus, es geht mir wirklich nicht um „heraus retuschieren”. oder um „Fotografieren aufgeben“. Meine Idee war nur das Bild oben zu beschneiden. Damit – und das scheint ja auch die Absicht Deiner Bildmanipulation gewesen zu sein – der Blick auf das Paar gelenkt wird und nicht auf die schwarze Fuge. Viele Grüße, Tilman

  8. @Frank … Du gibst einen sehr wichtigen Hinweis auf das ‘Auseinanderfallen zwischen gefühlter und gemessener Bildmitte’, welches sich gerade in diesem Bild deutlich darstellt – es wirkt tatsächlich wie ein ‘trompe l’oeil’ …

    @Tilman … möglicherweise wolltest Du Folgendes schreiben: “Ein sehr schönes Foto, gut in SW, eine tolle Perspektive. Ich habe jedoch auch eine kleine Kritik. Diesen Grund verstehe ich, aber es ist für mich auch das Problem des Fotos. Aber letztlich sehe ich hauptsächlich eine hässliche Decke (1/3 des Bildes) mit einer stark ausgeprägten Fuge, die ein richtiger Blickfang ist. Sollte man das Bild nicht besser oben beschneiden? Viele Grüße, Tilman” … soll ich Deine Beiträge 4 bis 6 so zusammenfassen?

    @Marcus … ich finde ja, daß Dein Versuch, eine so dynamische Situation derart ikonisch abzubilden, wirklich Anerkennung verdient. In meiner eigenen streetfotografischen Praxis gehe ich zumeist auf ‘Nummer Sicher’ und benutze Drittel- bzw. Goldener-Schnitt-Patterns …

    • Hallo Thomas! Das war ein rein technisches Problem. Ich wollte zitieren und habe die französischen Zeichen <> dazu verwendet. Die scheinen hier als HTML-Code interpretiert zu werden, mein Zitat war weg. Also, wenn Du die Einsendungen editieren kannst, einfach das Zitat aus Antwort 5 zwischen die <> einfügen und dann die Beiträge 5 und 6 löschen. Vielen Dank, Tilman

    • @ Thomas Brotzler
      
Das anerkennende Lob von einem Profifotografen schmeichelt mir sehr. Ich sehe es als eine Ermunterung. Besten Dank nochmals. Was mich vom Profi unterscheidet ist vielleicht der eher intuitive Zugang zu meinen fotografischen Sujets und deren Umsetzung. Das mache ich nun seit meinem 14 Lebensjahr ;–) so – mehr oder weniger bewusst. Fragen des goldenen Schnitts und der Sinn für Proportionen sind uns kulturgeschichtlich eingeschrieben (Malerei, Architektur etc.), sodass wir den ästhetischen Reiz eines Bildes an diesem Richtmaß orientieren, auch in der Beurteilung von Tabubrüchen (moderne Malerei). Davon bin auch ich nicht befreit. Und in der Tat bin ich bei der Rückschau auf meine bescheidenen fotografischen Erkundungen der Erfahrungswirklichkeit sehr 
von der Malerei geprägt (vom Mittelalter bis in die Moderne – der amerikanische Maler E. Hopper etwa, bei dem viele Bilder „ikonisch“ genannt werden könnten) – meine „erste“ Schule des Sehens und für die Streetfotografie ein unschätzbarer Erfahrungshintergrund.
      Eine gute (Street-)Fotografie erzählt uns doch letztlich immer eine Geschichte aus dem waren Leben. Und wenn wir darüber ins Gespräch kommen, hat sie ihre Wirkung im Positiven oder Negativen nicht verfehlt.

      Beste Grüße
      Marcus L.

    • P.S.: Da hat sich doch ein entscheidender Fehlerteufel eingeschlichen: natürlich meine ich eine Geschichte aus dem “wahren Leben” und nicht (!) seine käufliche Seite …

  9. Hi…

    so viel Positives. Leider und zum Glück hat jeder seinen eigenen Geschmack.

    Bei mir in Stube hängt > Der Kuss <. Früher war ich immer der Meinung dies sei eine Momentaufnahme. Dann habe ich gehört das es doch gestellt sein soll. Jedoch ist es noch immer eines meiner Lieblingsbilder.

    Nun zu diesem Bild. Es ist leider nicht mein Geschmack. Die Decke wirkt unecht. Die Personen sind für mich zu weit weg, so das sie nicht der hervorstechende Teil des Bildes sind. Vielleicht wäre es schöner gewesen ohne es ins SW zu bringen (mir kommt es vor als wenn es in Farbe aufgenommen wurde und erst später gewandelt wurde, ist das so?)
    Das macht alles erstmal kein Problem, aber mir fehlt irgendwie eine Verbindung zum Bild, so das es mich nicht fesselt.

    Also das ist nur meine Meinung und es ist von der Idee und Umsetzung auch toll. Vielleicht würde ich das nicht einmal so gut hin bekommen. Aber es ist leider nicht mein Geschmack :-)

  10. Nochmal ich.

    Ich muss einfach nochmal meiner Begeisterung Ausdruck verleihen!!!

    Hobbymäßig bin ich erst vor einem Jahr wieder ins “Geschäft” zurückgekehrt. Nach über 14 Jahren Pause. (Es gibt noch ganz viel andere schöne Dinge in meinem Leben.) Jetzt digital. Und jetzt, wo die bezahlbare digitale Technik tatsächlich den Kinderschuhen entwachsen ist. Endlich lohnt es sich auch Geld (und Zeit) zu investieren, wo der Stand der Technik und die technische Qualität das Fotos nicht schon Monate später wieder moralisch verschleissen lässt. Jetzt macht digital einfach Spaß ohne Abstriche. Wie unterstreichte ein Mitglied beim dslr-forum es so schön (sinngemäß): Meine Technik war schweineteuer. Ich mache zwar keine besseren Fotos damit. Aber ich habe dadurch viel mehr Spaß dabei.

    Bei fokussiert.com bin ich nun zwar erst einige Wochen unterwegs und habe mir inzwischen zahlreiche der Leserfoto-Begutachtungen angesehen. Hab wissbegierig Wissen aufgesaugt, schon immer, bin aber ganz gewiss kein Könner. Dazu fehlt mir einfach die Menge Praxis, die einfach zur Übung notwendig ist. Aber der erste Schritt ist immer, ein Bild bewerten zu können. Erst daraus lernt man für seine eigene Arbeit. Die eigenen Bilder auch wieder wegzuwerfen, ist vermutlich der kreativste Prozess eines Hobbyfotografen. ;-)

    Und ich muss zugeben, dass dieses Foto eines der ganz, ganz Wenigen ist, wo ich blass vor Neid werde. Nicht, weil ich es Herrn Leusch nicht gönne. Nein. Ich weiß, dass dieses Foto mehrere Dinge erfordert: Viel öfters, als ich es tue, die Kamera bereit haben; den Blick immer geschärft halten, auch wenn der Tag gar nicht zum Fotografieren auserwählt war; die passenden Objektive am Mann (ich hab kein “Alles-drauf”, wie es so oft genannt wird, weil es für mich ganz ehrlich kein “Alles-drauf-Objektiv” gibt); aber das Entscheidende: so viel Routine, dass so ein Schnappschuss perfekt gelingt. Und eben auch noch die Portion Glück. Denn eines ist Glückssache: So ein Motiv in einer Entfernung/Auflösung, wo es noch nicht kritisch bezüglich der Persönlichkeitsrechte ist, aber trotzdem den Ausdruck ermöglicht, den dieses Foto hat! Mein lieber Mann! Und ich dachte, so ein Foto geht heutzutage, wo die Persönlichkeitsrechte wirklich hoch geschrieben werden und von den Menschen auch eingefordert werden, nicht mehr ohne engagierte “Darsteller”. Einfach, weil der Zufall (Abstand, Positionierung, umgebender Raum) so wenig Spielraum lässt.

    @ Herr Leusch: Neben der inhaltlich überzeugenden Bildwirkung, dem phänomenalen Unterschied zu einem mit Darstellern gestellten Bild, wie “Der Kuss”, und dem eigenen Anspruch etwas vergleichbares irgendwann selbst einmal zu produzieren, würde ich Ihnen gern einen Abzug in größerem Format aufgezogen oder hinter Plexiglas abkaufen. Beim mir ist noch Platz an der Wand. Ich würde nur d’rum bitten, dass die rechte, angeschnittene Säule… (s. oben) ;-)

    Melden Sie sich bitte mal bei mir. Es wäre mir eine Ehre. Und das erste Bild an der Wand, was nicht von mir selbst gemacht ist. :-)

    herbrand@gmx.de

    (Darf man das hier bei fokussiert.com? Ein vorgestelltes Bild per Kommentar ordern? Das ist ‘ne Ausnahme! Ganz bestimmt!)

    Viele Grüße und Ihnen weiterhin so viel Glück und Geschick!

  11. Zitat: “Darf man das hier bei fokussiert.com?”

    Fokussiert fungiert zwar nicht als Galerie, aber warum sollten unsere Leser am Rande der Bildbesprechungen und -diskussionen nicht in einen solchen Kontakt miteinander treten und ein Geschäft miteinander vereinbaren dürfen?

  12. Habe heute Abend mal das Bild oben beschnitten, so wie ich es vorgeschlagen habe. Hier das Resultat (ich hoffe mit Deinem Einverständnis, Marcus): http://sdrv.ms/ZlLaQq Allerdings bin ich selbst nicht 100% überzeugt. Für mich ist die Decke besser, der Kuss mehr im Mittelpunkt, aber es geht die Perspektive der 4 zusammenlaufenden Flächen und der Eindruck des Raumes verloren… Herzlichen Glückwunsch noch einmal für das tolle Foto, Tilman

  13. @Tilman
    Die intensive Auseinandersetzung/Diskussion zu meinem Foto, zeigt mir hier noch einmal, dass ich bei der Aufnahme gar nicht so schlecht „gearbeitet“ habe. Die Bildbearbeitung, lieber Tilman, zeigt sehr deutlich, worum es Dir geht: eine unschöne Decke, die unser ästhetisches Empfinden vielleicht beleidigen mag. Und wie Du es hier selbst formuliert hast: kompositorisch bleibt das Bild mit (!) Decke die bessere Variante. Wenn denn schon 
der Balken im Auge (dunkler Deckenriss) so störend erscheint, werde ich mich selbst einmal an einer Retusche versuchen, die den Schönheitsfehler korrigiert, auch wenn‘s nicht meinem eigenen fotografischen Grundverständnis entgegen kommt, das vielleicht zu sehr von der analogen Fotografie geprägt ist – you get what you see.
    Für mich hat das Hässliche aber auch eine ganz konkrete Daseinsberechtigung, wenn man den historischen „Schatten“ des Gebäudes im Hinterkopf behält, was natürlich nicht jeder wissen kann: Der Gebäudekomplex, der hier den Rahmen für einen wunderbaren Liebes-Moment abgibt, war einst das Geschenk König Leopolds II an „sein Volk“. Der belgische Machthaber gilt heute als einer der unerbittlichsten Kolonialherren seiner Zeit, unter dessen Regentschaft rund zehn Millionen Afrikaner in Belgisch-Kongo in einem Inferno aus Gier, Zwangsarbeit und abgehackten Händen als Währungseinheit der Kautschukhändler ihr Leben ließen (literarisch brillant bei Joseph Conrad: “Herz der Finsternis” nachzulesen). Die recht hübsch anzuschauende Strandkulisse ist mit dem Blutzoll dieses Malwerks der Vernichtung bezahlt worden … 
Wie soll ich also eine makellose Schönheit mit Ewigkeitswert in ein Bild zaubern, das für mich über die reine Bildaussage hinaus noch diese tiefere Bedeutungsebene zu besitzen scheint? – Aber das sind hier ganz persönliche Gedanken, die dem unbedarften Betrachter natürlich nicht in den Sinn kommen würden. Von der Bedeutung dieser Tiefenebene ausgehend fand ich z. Bsp. auch den „ikonischen“ Charakter der Aufnahme, den Herr Brotzler oben treffend angesprochen hat, noch einmal besonders einleuchtend. …

    
L.G.

    Marcus L.

    @Frank

    hallo Frank, ganz, ganz lieben Dank für das überschwängliche Lob. 
– Da ich im Moment mit so vielen termingebundenen Schreibarbeiten beschäftigt bin, die meine Kommentare auf dieser Seite bei Weitem übersteigen, werde ich mich erst in der kommenden Woche (nach Ostern) via Privatmail bei Dir melden können. Die Ehre ist ganz meinerseits und das positive Echo überraschend, zumal ich meine Fotos noch nie einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert habe, wohl aber im kleinen Kreis. 

Herzliche Grüße
    Marcus L.

  14. Allen Beteiligten möchte ich für die außerordentlich lebendige und vielschichtige Diskussion danken. Manche Unterschiede in der Einschätzung blieben bestehen. Das dürfen sie auch, denn das eigentliche Ziel ist doch jenes “Wahrnehmen, Reflektieren, Argumentieren” …

    Aus meiner Sicht ist eine solche Befassung mit Bildern (sofern man die Grundlagen der Aufnahme und Bearbeitung intus hat) mit die beste fotografische Sehschule und ein Garant für die eigene bildnerische Weiterentwicklung.

    Wir von Fokussiert würden uns sehr freuen, Euch auch bei kommenden Bildbesprechungen wieder mit im Boot zu haben.

  15. ist es nicht so, lieber Marcus, dass die Bilder, die wir im Laufe usneres Lebens in uns “abspeichern” – gerade und vor allem die so genannten ikonografischen – unser Sehen beeinflussen? Ich finde das Klasse, dass solche Eindrücke wirken und uns auch vielleicht dazu verleiten, ähnliche Szenen zu sehen – wirklich zu sehen und nicht nur aufzuschnappen. Das Foto gefällt mir ausserordentlich gut. Hier wurde nicht nur gesehen, sondern auch offensichtlich blitzschnell reagiert – und dass dann was draus wird, hat auch mit unseren gespeicherten Vorerfahrungen/ Seherfahrungen zu tun. Ein Prinzip, das übrigens auch mit anderen Wahrnehmungen funktioniert: beim Hören von Musik!

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