Leserfoto:
Reisefotografie, wie man sie sich wünscht

Noch ein Bild einer bemerkenswerten Äthiopienreise soll hier besprochen werden, da sich hierin Prinzipien guter Reisefotografie aufzeigen lassen.

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“Markt in Lalibela” nennt unsere Leserin Jacqueline von Manteuffel ihr Bild und schreibt darüber: “Diese Bauern sind 30km zu Fuss zum Markt nach Lalibela/Äthiopien gelaufen. Abends laufen sie wieder zurück in ihr Dorf … aber jetzt ist Zeit, auf dem Markt die Hirse zu verkaufen, Kontakte zu knüpfen und wichtige Neuigkeiten auszutauschen. Was sie sich wohl erzählen? Das Foto habe ich nur geschnitten, nicht bearbeitet. Mir gefällt der Kontrast schwarz/weiss und die ‘sprechenden’ Gesichter und Hände.”

Wiederum (wie schon im Bild der Schulklasse) mag man Jacqueline einen guten Blick für die Dynamik bzw. Dramatik einer Szene zusprechen. Ich glaube sogar, daß sie zuerst ein wenig zuschaute und abwartete, sich in die Personen einfühlte, um dann einen besonders lebendigen Augenblick festzuhalten. Darin müßte man nach meinem Dafürhalten keine berechnende oder gar lauernde Haltung erkennen, sondern eine solche, welche die Abgebildeten in bestes Licht setzen will. Inszeniert ist an diesem Foto ganz offensichtlich nichts. Da gibt es kein starres In-die-Kamera-Schauen, keine übertriebene Geste nur aufgrund des Umstandes des Abgebildetwerdens. Nein, die Personen halten sich völlig ungezwungen, und wir als Betrachter fühlen uns in schöner Weise an den Ort mitgenommen.

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Schauen wir uns gemeinsam die Bildelemente an. Die Belichtung ist gelungen, das Histogramm mittenbetont ohne Tonwertabbrüche. Es dominieren gebrochen weiße, graue und blaue Töne. Im lebendigen Wechsel, doch nicht verwirrend gruppieren sich diese um den blau-gelben Schirm, der mitsamt der dadurch beschatteten Frau somit das kompositorische Zentrum und den Blickfang des Bildes darstellt. Von hier aus schweift der Blick zurück auf die drumherum sitzenden Menschen, deren Haltung, Gesichter und Blicke (teils nach innend schauend, teils zum Gesprächspartner) tatsächlich ‘so viele Geschichten erzählen’. Was genau, wissen wir natürlich nicht; aber wir dürfen wohl annehmen, daß es ‘Geschichten voller Mühsal, Entbehrung und Arbeit, aber auch voller Stolz, Innigkeit und Überlebenswillen’ sind.

Ich habe mir nun überlegt, ob sich das Bild über den bereits von Jacqueline vorgenommenen Beschnitt noch weiter verdichten und bereinigen ließe.

Das zweite Bild (siehe unten) zeigt einen weiteren Beschnittvorschlag, um die angeschnittenen Personen am linken und rechten Bildrand herauszubekommen und die Gruppe so in sich geschlossen wirken zu lassen. Den Hintergrund fand ich dann noch etwas unruhig, hier ‘latschen gerade zwei bunt gewandete Touristen durch das Bild’, die den Blick von der insich geschlossenen Gruppe ablenken. Das dritte Bild (siehe unten) zeigt entsprechend einen Vorschlag zur Hintergrundbereinigung – eher rasch ausgearbeitet und quasi zur Veranschaulichung, in welche Richtung solche Überarbeitung gehen könnte; bei weiterer Verwertung benötigte der Bereich rechts oben noch weiterer Aufmerksamkeit. Beide Bearbeitungen wurden gegenüber dem Ausgangsbild übrigens etwas aufgehellt und im Mittenkontrast verstärkt.

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Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß bei einer Publikation etwa in einer Zeitung oder einem Magazin auf die letztgenannte Bildveränderung hingewiesen werden müßte; bei einer privaten oder künstlerischen Verwertung hingegen eher nicht.

Und abschließend möchte ich nochmals auf den so akzentuierten Titel einer ‘Reisefotografie, wie man sie sich wünscht’ zurückkommen: oftmals erschöpfen sich die mitgebrachten Bilder ja in der ‘fünfmillionsten Abbildung der ewig gleichen Sehenswürdigkeiten und Sonnenuntergänge’. Und dies mag wohl auch das sein, was den ‘berühmt-berüchtigten Diaabend unter Freunden’ bisweilen als eine ‘moderne Foltervariante’ wirken läßt. Von all dem ist Jacquelines belebende Art der Fotografie im positiven Sinn meilenweit enfernt …

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Beschnitt

Beschnitt

 

Hintergrundbereinigung

Hintergrundbereinigung

 
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10 Kommentare

  1. Es ist in meinen Augen eine sehr unglückliche Wahl, den Männern am rechten und linken Bildrand die Arme (links auch das Bein) abzuschneiden. Ich hätte das Bild wohl auch an den Rändern etwas beschnitten, aber dann bis genau an die Arme heran und nicht weiter.
    Mich irritieren die abgeschnittenen Glieder sehr.

    Gruß
    Wolfgang

    • lieber Wolfgang
      das wird schwierig, denn wenn man bei einer Menschengruppe das Bild beschneidet, kommt das wohl zwangsläufig darauf hinaus, dass einigen Arm oder Bein fehlen (Kopf wäre eher schwierig!)…ehrlich gesagt, mich stört das nicht, denn in Gedanken ergänze ich das wohl automatisch zum kompletten Menschen. Wie siehst Du das?

    • Magst Du Deine Haltung, warum Du abgeschnittene Extremitäten für irritierender wie ebensolche Köpfe hältst, noch begründen?

  2. Ich fühle mich geehrt, dass ein weiteres Äthiopienbild veröffentlicht wurde und von Thomas Brotzler so differenziert gesehen und beschrieben wurde. Die Anregung mit Bildschnitt und Hintergrundbereinigung hilft mir gut weiter – ich will ja auch was lernen….nun werde ich wohl mal einen entsprechenden Kurs ” digitale Bildbearbeitung” besuchen! Die Bearbeitungen von Thomas machen geradezu Lust, mehr zu erfahren und bestärken mich, meinen Blick als Reisende so weiter zu kultivieren…daher sage ich extra nicht “Blick einer Touristin”! ;-) (Jaja, wieder eine Touristin, die keine sein will).
    Dank an Thomas.

    • Hallo Jacqueline,
      ich finde Dein Foto durchaus spannend, weil Du Dich für die 30 Kilometer (60 km hin-und-zurück) Fußweg und das Gespräch auf dem Markt interessierst und nicht in erster Linie für den Sonnenuntergang über Lalibela, der gewiss seine Reize hätte (Dank an Hr. Brotzler für die Hervorhebung!). – Der Betrachter merkt dies Deinem Foto durchaus an. 
Ich denke, die behutsame Aufhellung hilft Deiner Fotografie, etwas auf die Sprünge zu kommen, und letztlich an Aussagekraft zu gewinnen. Den Beschnitt hätte ich allerdings so gesetzt, dass am rechten Rand der Arm der Person erhalten geblieben wäre (siehe Wolfgang), weil ich Extremitäten für keine Beiläufigkeit halte …, … auch wenn dabei ein völlig „verrücktes“ Format heraus springt … eben kein „klassisches“! Außerdem solltest Du es durchaus auch einmal in S/W (Rat eines „alten“ S/W-Fotografen) und mit manueller Belichtungskorrektur (siehe Kameraeinstellungen) versuchen – das würde Deine Aufnahmen vielleicht noch mehr auf den Punkt bringen!? (Eine gute Aufnahme verlangt meines Erachtens übrigens kaum einer großartigen — schwierigen – Bildbearbeitung!!) – Eine Buchempfehlung kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen: Ré Soupault, Tunesien 1936-1940, vielleicht lohnt da ein Blick hinein?!
Außerdem fällt mir ein, dass Du durchaus noch näher an die Menschen herangehen könntest – was Dir, wie ich glaube, nur bedingt schwer fallen würde. Trau Dich einfach 
und Du wirst merken, dass im Kontakt mit den Menschen vor Ort noch ganz andere Fotos möglich sind. … Ich darf das vielleicht sagen, weil ich seit Jahren mit einem Ethnologen, der mehr als zehn Jahre in Äthiopien gelebt hat, befreundet bin und der seinerseits einige bemerkenswerte Fotografien „zurück“ gebracht hat. …

      Beste Grüße in die Runde
      M.Leusch


  3. lieber Marcus
    Danke für Deinen Kommentar und Deine Ermunterung. Vielleicht traue ich mich mal mehr – mit mehr Erfahrung im Umgang mit der Kamera. Manchmal fühlte ich mich völlig fehl am Platze mit dem Ding – und auf diesem Markt habe ich mich bestimmt 1,5 Std. aufgehalten, aber nur eine Viertelstunde fotografiert. Danach ging nur noch schauen, staunen, Blickkontakte und Zeichensprache mit den Menschen, die sich dann sicher sein konnten, gerade nicht fotografiert zu werden…mir ist es ein Graus, wenn ich mich im “Fremden” aufhalte, mich selbst als aufdringlich zu erleben.
    Vielen Dank auch für den Buchtipp – ich werde es mir anschauen. Bin gespannt.

  4. Sorry, dass ich erst so spät reagiere, ich habe dieses Mal merkwürdigerweise gar keine Mail bekommen, dass es Reaktionen auf meinen Kommentar gab.

    Ich habe keine “grundsätzlichen” Bedenken, in einem Foto Gliedmaßen abzuschneiden, obwohl ich zugebe, dass ich gefühlsmäßig dazu neige, bei der Bearbeitung meiner Fotos Menschen “intakt” zu lassen.

    Ich finde es jedoch in diesem Bild gar nicht notwendig, rechts und links die Gliedmaßen abzuschneiden, weil das Bild auch hervorragend wirkt, wenn man nur die wirklich überflüssigen Teile wegschneidet.

    Eine “Begründung” im Sinne einer ausführlichen theoretischen Erklärung kann ich dafür nicht geben, es entspricht einfach meinem ästhetischen Empfinden.

    Lieben Gruß
    Wolfgang

  5. Ein zweites, unheimlich gutes Foto, Jacqueline! Die Vorschläge von Thomas sind klasse, das Bild gewinnt durch den Beschnitt, die Aufhellung und (!) durch das Retuschieren.

    Als ich bei Deinem letzten Bild gefragt habe, „darf man das?“, hatte ich einen Aufschrei der Empörung der professionellen Fotografen erwartet. Aber das retuschierte Bild ist einfach aussagekräftiger. Für mich ist das eines der Reize der digitalen Nachbearbeitung, die ich nicht missen wollte.

    Besonders gut gefällt mir die Natürlichkeit des Fotos. Du hast auch bei diesem Bild wieder geschafft, ein Bild zu gestalten, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. Klasse! Der Abstand ist für mich dabei absolut ok.

    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Danke, Tilman! Das freut mich sehr – und die Kommentare und Kritiken ermuntern mich, auf dem Weg weiter zu machen. Die Reize der digitalen Bildbearbeitung muss ich noch kennenlernen – bin da ein echtes greenhorn! ;-)
      Beste Grüsse an die Runde und Danke für Euer Interesse! Da ich mit meinen Fotos auch von mir etwas zeige (und meinem Blick auf die Welt), ist es schön, wenn’s entsprechend auch gesehen wird.
      Jacqueline

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