Leserfoto:
Über die Verarbeitung innerer Prozesse in Bildern

Fotografische und psychologische Aspekte mischen sich in unserer heutigen Bildbesprechung …

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Ein sehr stark mit seiner eigenen Geschichte verbundenes Bild hat unser Leser Dustin Umhofer aus Freudenstadt unter dem Titel “Desperation” (Verzweiflung) eingereicht.

Er schreibt dazu: “Dieses Bild entstand kurz nach der Trennung von meiner Freundin. Wir waren lange zusammen und die Trennung hat mich sehr mitgenommen. Eines Abends bin ich die Strecke, die wir sonst immer gemeinsam entlangspaziert sind, alleine entlang gelaufen. Gegen Ende unserer Spaziergänge saßen wir öfters zu zweit auf dem Mäuerchen, auf welchem ich nun alleine sitze. Ich wollte mein Einsamkeitsgefühl festhalten, da ich noch nicht wahrhaben wollte, dass ich in Zukunft nicht mehr das Glück habe mit ihr gemeinsam auf der Mauer sitzen zu können.”

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Ich möchte Dustin zunächst Dank und Respekt zollen, uns solches anzuvertrauen. Das Thema berührt mich nicht nur als Fotograf, sondern auch als Psychotherapeut. Es geht um Ablösung und Trauer, um die Vielzahl der dazugehörigen Empfindungen; aber auch darum, auf welche Art und zu welchem Zweck wir solche inneren Abläufe in Bildform bringen können.

Und Dustin scheint uns zwischen den Zeilen auch zu fragen, ob und inwiefern sich sein Erleben in diesem Bild mitteilt.

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Laßt uns zunächst aber wieder die Bildelemente betrachten …

Eine sehr dunkle Szene, fast wie aus einem ‘film noir’, empfängt uns Betrachter. Der hellste Punkt mag unsere Aufmerksamkeit zunächst anziehen – hier ist es jedoch kein strahlendes Licht, sondern eher die trübe Funzel einer Straßenlaterne. Ein heller Querstreifen an der Grenze zum untersten Bildviertel fällt uns dann auf – hier meinen wir schemenhaft den Torso einer Sitzbank und eine Mauer zu erkennen. Weiter schweift unser Blick, die in Halbdunkel aufragenden Pfosten erweisen sich als Baum mit vier Stützen auf der linken und als angeschnittene Pergola auf der rechten Seite. Eher spät und mehr durch einen den Negativraum einrahmenden Lichtschein zeichnet sich schließlich noch eine Gestalt ab, ganz in sich versunken und den Kopf schwer auf die Hände gestützt.

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Als ich das Bild zunächst ohne den erläuternden Text betrachtete, empfand ich spontan und stark die düstere Stimmung, doch blieb das Bild mit seinen verschiedenen, erst auf den zweiten Blick erkennbaren Elementen auch diffus und verwirrend. An solchen Gefühlen änderte der erläuternde Text zunächst wenig, doch schien das Bild nun als authentischer Ausdruck von Dustins innerer Situation plötzlich einen ganz anderen Sinn zu machen. Als Symbol der erloschenen Liebe wirken nun die Funzel, gleichsam die wie Gerippe hochstehenden Pfosten, und mittendrin befindet sich unser ‘traurig-hilfloser Held’ …

Ich könnte mir vorstellen (ohne mein Empfinden jetzt verallgemeinern zu müssen), daß sich an diesem Bild ‘die Geister scheiden’: das Diffuse und Verwirrende erscheint einerseits als legitime Botschaft des Bildes, weil sich Dustin in seiner inneren Verfassung mitteilen möchte; doch andererseits könnten eben diese Gefühle (so beim Betrachter ausgelöst) auch zu einer raschen Ablehnung und Zurückweisung des Bildes führen. Zum anderen baut der erläuternde Text eine Brücke zum Verständnis des Betrachters, indem eine Identifikation mit den im Bild geborgenen Themen erfolgen kann (viele von uns kennen ähnlich schmerzhafte Ablösungs- und Trauerprozesse); und doch ist es auch ein Bruch mit dem kunstwissenschaftlichen Diktum, daß ein Bild für sich selbst sprechen muß und darüber hinaus erforderliche Erläuterungen auf eine mangelnde Verdichtung und Umsetzung des Themas hinweisen.

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Die Bewertung dieses Bildes erscheint so schwierig und zwiespältig, wie es Dustin selbst zumute sein mag. Vielleicht ist aber die Meinung von Kunstkritikern, Galeristen oder fremden Betrachter gar nicht entscheidend; Dustin schuf dieses Bild kaum für solches Publikum, sondern aus dem Wunsch heraus, sich selbst mehr Klarheit zu verschaffen.

Dies ist der ganz unzweifelhafte Nutzen dieses Bildes.

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Die Psychologie beschäftigt sich seit jeher mit Phänomenen innerer Ablösung. Ein recht anschauliches, auf den Arbeiten von Elisabeth Kübler-Ross beruhendes und in heutigen Beratungs- und Therapiesituationen weithin genutztes Konzept des Trauerprozesses hat die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast in ihrem Vierphasenmodell beschrieben.

Die zentrale These ist dabei, daß die darin beschriebenen Einzelphasen ausreichend tief und lang ‘beschritten’ werden müssen und daß die darin geborgenen Elemente von Verleugnung und Ambivalenz, Suche und Läuterung völlig normale Stadien der inneren Auseinandersetzung mit dem verlorenen Menschen sind. Dieses ‘Tal zu durchschreiten’ verheißt zugleich Gesundung und Gesundheit, während ein Steckenbleiben oder Auslassen einzelner Phasen die Gefahr einer depressiven Entwicklung mit sich trägt (die Depression entspricht in dieser Vorstellung einer ‘eingefrorenen und unbegrenzten Trauer’).

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Wir Menschen unterscheiden uns nun darin, auf welche Weise wir den nötigen Trauerprozeß beschreiten – mancher kann und will dies alleine meistern; andere suchen Aussprache mit vertrauten Menschen, behelfsweise auch in einer Selbsthilfegruppe, Beratungsstelle oder Therapie; und wieder andere (zu denen Dustin meines Erachtens gehört) bemerken, daß diesem ‘bildhaften Aufzeichnung innerer Strebungen und Gefühle’ auch etwas Auflösendes und Entlastendes innewohnt (die Kunst- und Gestaltungstherapie greift dieses Moment übrigens auf).

Insofern möchte ich Dustin eine Fortsetzung empfehlen – was könnte verkehrt daran sein, eine Bildserie der verschiedenen Auseinandersetzungsstadien anzufertigen? Ich könnte mir sogar vorstellen, daß in der späteren Gesamtschau eine solche Bildserie dann tatsächlich ‘für sich selbst spricht’ und eine über den Augenblick hinausragende Bedeutung bekommt …

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Ein ungewöhnliches Foto und ein ungewöhnlicher Mut, sich mit dieser Trauerarbeit so bereitwillig einem Publikum zu öffnen. Und es ist in diesem Fall nicht einfach, einen Kommentar abzugeben. Mir fallen dazu einige Zeilen von Diane Arbus ein, die ich sehr verehre, gerade weil Photographie für sie so eng mit dem eigenen Leben verbunden war:
    „… Etwas wird nicht gesehen, weil es sichtbar ist, es ist im Gegenteil sichtbar, weil es gesehen wird … “ Ich sehe: eine Laterne, die die Dunkelheit hilflos in Schach hält, ich sehe eine entlaubte Hecke, die man ordnungshalber genau auf die Höhe eines Verteilerkastens heruntergeschnitten hat, ich sehe einen Baum ohne Krone, der von vier Pfeilerkrücken gehalten wird und aus einem Rasenstück herauswachsen soll, dem man eine betonumantelte Sicherungsverwahrung (Sitzbank) verordnet hat, ich sehe die Ausläufer einer Pergola (?) auf zierdelosen Holzstelzen, ihr Dach ragt allzu schroff in die düstere Monotonie, ich sehe links im fernen Hintergrund einen schwarzen Kubus, in dem wohl Menschen wohnen, rechts verschwindet ein kleines Familienhaus. Ich sehe schemenhaft einen Menschen in sitzender, halb kauernder Haltung, den Kopf in die Hände gestützt. … 
– Es braucht kaum einer zusätzlichen Erklärung (Geschichte hinter dem Bild), diese sprachlose Trostlosigkeit zum Sprechen zu bringen. Ich finde dieses Foto, auch wenn es nicht nach fotografisch-künstlerischen Gesichtspunkten „komponiert“ wurde, durchaus ausdrucksstark. Das „Diffuse“ und „Verwirrende“ der einzelnen Bildkomponenten entspringt wahrscheinlich einer inneren Leere, die nur allzu verständlich ein beziehungsloses Nebeneinander der Dinge zum Ausdruck bringen kann. Wo ist der alles ordnende Sinn? Wahrscheinlich bloß noch in der Geste der „Verzweiflung“, die nichts mehr zu ordnen versteht. Nochmals Dank für diese „Desperation“ und meine Bewunderung für den Mut zu dieser Veröffentlichung. 


  2. …ich bin gerührt!

    Sowohl das Foto samt Dustins Erklärung als auch die Bildbesprechung sind einfühlsam und ehrlich. Eben diese Sensibilität finde ich auch in dem Foto wieder. Und es fällt mir schwer, das Foto zu analysieren. Es ist höchstpersönlich, intim und privat. Es ist Dustins Welt!

    Kopf hoch!

  3. Um dieses Foto zu machen, muss man wohl ein Stativ und einen Selbstauslöser verwenden. Und sich dann schnell in die „Trauerposition“ begeben. Das Foto wurde dann bearbeitet, ein Copyright Vermerk unten links eingefügt.
    Das war für mich zunächst ein Widerspruch, ein Leiden durch eine selbst-quälerische Handlung zu lindern. Umso mehr habe ich mit Interesse den Kommentar von Thomas gelesen.
    Ich wünsche Dir viel Glück, Dustin, diese traurige Phase zu überwinden.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Zitat: “Um dieses Foto zu machen, muss man wohl ein Stativ und einen Selbstauslöser verwenden. Und sich dann schnell in die ‘Trauerposition’ begeben.”

      Ein interessanter Hinweis auf den Inszenierungscharakter, der uns auf durchdachtes und planvolles Handeln schließen läßt. Auch Unterschwelliges läßt uns handeln, so daß dadurch meines Erachtens nach jene unmittelbare Authentizität des Bildes nicht in Abrede steht.

  4. Dustin ist wirklich mutig – uns allen seine Verzweiflung zu zeigen. Aber manchmal ist gerade das auch ein Stückchen auf dem Weg aus der Verzweiflung raus…dass ein “Zeuge” das Leid sieht und anerkennt. Und wenn es auch noch so in Szene gesetzt ist (Stativ, Selbstauslöser) – es ist Ausdruck seines Empfindens und damit legitim. Fotografisch mag ich dazu nichts sagen, auch ich empfinde das Bild als “seins”, Dustins, und er lässt es uns sehen. Es bleibt seins, wie der Schmerz auch.
    Alles Gute, Dustin.

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