Leserfoto:
Studie zur Nachtfotografie

Nachtaufnahmen sind ein sehr reizvolles, zugleich aber auch schwieriges Kapitel der Fotografie. In der heutigen Bildbesprechung wollen wir schauen, welche Feinheiten es dabei zu beachten gilt.

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Unser Leser Chris Berking hat uns das oben gezeigte Bild aus seiner Heimatstadt unter den Titel “Winternacht in Schwäbisch Hall” zur Besprechung eingereicht. Er schreibt ergänzend: “Dieses Foto ist bei einem meiner nächtlichen Streifzüge durch Schwäbisch Hall entstanden. Aufnahmen in der Dunkelheit faszinieren mich seit Langem, da sie Dinge offenbaren, die dem Betrachter sonst verborgen bleiben. Ich bin immer wieder von der Wirkung der Langzeitbelichtungen überrascht. Seien es die Spiegelungen auf dem seidig wirkenden Wasser oder die Sternkränze, die um die Lichter entstehen. Dieses Bild vermittelt Ruhe und Behaglichkeit, die sich hinter den hell erleuchteten Fenstern trotz der bitterkalten Winternacht erahnen läßt.”

Zur Technik erfahren wir noch, daß eine Nikon D5100 verwendet wurde und dabei eine Blende 7.1 bei einer Belichtungszeit von 13 Sekunden und einer Empfindlichkeit von ISO 100 zur Anwendung kam. Die Brennweite betrug 40 mm, bei einem Formatfaktor von 1.5 somit einem Kleinbildäquivalent von 60 mm entsprechend. Die Verwendung eines Stativs darf angenommen werden, desgleichen der Verzicht auf einen Blitz.

Chris’ Begeisterung ist durchaus ansteckend, wenn er über die nächtliche Entdeckung von Dingen berichtet, die im Tageslicht zumeist verborgen blieben. Und wir spüren auch Stolz und Selbstbewußtsein, wenn er über die Bildwirkung spricht.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Dem Betrachter eröffnet sich eine sehr dunkel gehaltene, durch die schemenhaft angedeuteten Häuser und herausstechenden Licht rasch als nächtliche Stadtaufnahme erkennbare Szene. Der Großteil der Tonwerte findet sich in den Zonen 0 bis II, ein geringerer Teil (insbesondere im Bereich des großen Hauses im Hintergrund) in Zone III. Der Turm als Blickfang links der Brücke deckt die Zonen III bis VI ab. Eine Vielzahl kleinerer Lichter (Straßenlampen und beleuchtete Fenster) sowie überstrahlte Schneeflächen sind in den Zonen IX und X angesiedelt. Insgesamt ist das Histogramm deutlich linksschief und stark gestaucht (Zentralwert 18, Abweichung 24), sowohl im Bereich der tiefsten Schatten und hellsten Lichter bestehen signifikante Tonwertabbrüche.

In der 100%- bzw. 200%-Darstellung fällt auf, daß der Schärfeeindruck an den Häuserkanten insgesamt recht weich und die Binnenstruktur in den Häuserflächen wie verwaschen wirkt (siehe Bild ‘Feinstruktur’). Mangels weiterer Informationen kann ich hierzu nicht sagen, ob dies in der Abbildungsschwäche des verwendeten Objektivs oder einer kamerainternen bzw. nachträglichen Entrauschung begründet ist. Bei Verwendung am Monitor oder im Internet würde dies nicht unangenehm auffallen, bei einem großformatigen Druck dafür umso mehr.

In Hinblick auf die Komposition ergibt sich uns eine nicht ganz einfach zu ergründende, fast verwirrend anmutende Szene. Üblicherweise erfolgt der Blickeinstieg an der Stelle einer hervortretenden Helligkeit bzw. des stärksten Binnenkontrasts. Drei solcher ‘hot spots’ gibt es hier – das schneebedeckt-angestrahlte Gebüsch am rechten Ufer, eine nicht recht zuordenbare Überstrahlung unter der Brücke und die überstrahlten Schneeflächen links des Turmes (siehe Bild ‘Blickeinstieg’).

Als Blickführung bietet sich eine Bewegung vom weit links gelegenen Turm zum weit oben positionierten Gebäude im Hintergrund an. Dort endet der Blick dann aber auch gewissermaßen, denn es gibt von dort aus keine gediegene Fortführung mehr und der Rest des Bildes bleibt in solcher Weise ausgespart. Allenfalls ein Rücksprung zu den rechten und mittleren Einstiegspunkten böte sich an, vielleicht auch zu einzelnen der in Vielzahl vorhandenen Lichtpunkte. Das Auge, so meine These, ‘irrt im Bild herum, ohne wirklich Halt zu finden’ (siehe Bild ‘Blickführung’).

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In der Zusammenfassung muß ich leider sagen, daß mich diese Arbeit technisch und vor allem kompositorisch nicht überzeugen kann. Und ich bin mir bewußt, daß dies für Chris eine schwierige Botschaft sein mag, zumal er in seinen Erläuterungen doch so stolz und selbstbewußt wirkte (“Dieses Bild vermittelt …”).

Eine konkrete Empfehlung wäre, gerade in der nächtlichen Situation nach kompositorischer Verdichtung und Klarheit zu streben, die Vielzahl der Einzelelmente und Lichtquellen zu reduzieren und im Zuge der Motiverarbeitung vorauslaufende Überlegungen zum Blickeinstieg und zur Blickführung anzustellen (einen Vorschlag dazu zeigt das Bild ‘Beschnitt’).

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Feinstruktur

Feinstruktur


 
Blickeinstieg

Blickeinstieg


 
Blickführung

Blickführung


 
Beschnitt

Beschnitt


 
In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Kommentare

  1. Zitat Dr. Brotzler: “In der 100%- bzw. 200%-Darstellung fällt auf, daß der Schärfeeindruck an den Häuserkanten insgesamt recht weich und die Binnenstruktur in den Häuserflächen wie verwaschen wirkt (siehe Bild ‘Feinstruktur’). Mangels weiterer Informationen kann ich hierzu nicht sagen, ob dies in der Abbildungsschwäche des verwendeten Objektivs oder einer kamerainternen bzw. nachträglichen Entrauschung begründet ist. Bei Verwendung am Monitor oder im Internet würde dies nicht unangenehm auffallen, bei einem großformatigen Druck dafür umso mehr.”
    Wahrscheinlich hat Chris Berking eine kleine Blende eingestellt, um möglichst viel scharf zu haben. Bei Nachtaufnahmen wie auch bei richtig großen Landschaften empfiehlt sich aber, mit etwa Blende 8 oder 9 auf ein Drittel der Szene zu fokussieren, dann in den manuellenModus zu wechseln und Blende 16 einzustellen.
    Bei diesem Bild wurde so vorgegangen:
    http://allmondo.com/wp-co…/2013/02/DSC6831.jpg
    Ansonsten ist der Kritik von Dr. Brotzler nichts hinzuzufügen.

    • Lieber Egbert, auch wenn ich selbst ‘schon etwas älteres Semester’ bin, habe ich mich mittlerweile an das ‘gebräuchliche Internet-Du’ gewöhnt – insofern bin ich hier sehr gerne ‘Thomas’ …

      Du beschreibst das Phänomen der Beugungsunschärfe, welches bei kleiner Blendenöffnung bzw. großer Blendenzahl auftritt (Infos dazu siehe http://de.wikipedia.org/w…ugungsunsch%C3%A4rfe). Hier ließ sich jedoch Blende 7.1 aus den Exif-Daten auslesen, so daß ich andere Ursachen vermute.

      Dank auch für Deinen wichtigen Hinweis zur Aufnahmetechnik. Die Regel ‘Fokus im Bild so setzen, daß ein Drittel nach vorne, zwei Drittel nach hinten resultieren’ ist auch heute noch gültig und bringt bessere Resultate wie einfach dem Autofokus vertrauen (der ‘rudert’ in der Nacht sowieso nur herum) oder blind auf Unendlich zu fokussieren.

  2. Es ist schade, dass das Bild etwas unscharf ist. Das liegt vielleicht auch an der Tatsache, dass die Auflösung hier limitiert ist (vielleicht sollte man die ausgewählten Bilder mit höherer Auflösung zeigen).
    Ich finde das Bild etwas zu dunkel. Das liegt aber auch an der Stadt „Schwäbisch Hall“, die scheinbar Strom spart :-> Besonders die Fachwerkhäuser, die wirklich so toll aussehen könnten, sind überhaupt nicht beleuchtet. Das habe ich mal geändert (http://sdrv.ms/12ihuv7) :->
    Tolles Ausgangsbild, interessante Besprechung, sehr lehrreich. Mit freundlichen Grüssen, Tilman

    • Zitat: “vielleicht sollte man die ausgewählten Bilder mit höherer Auflösung zeigen”

      Insgeheim freue ich mich ja über vollaufgelöste Bilder, weil ich dann die Feinstruktur besser beurteilen kann und nicht über Verkleinerungs- und Kompressionsartefakte rästelraten muß. Offiziell muß ich natürlich auf die ‘internetgängigen 1000 Pixel auf der langen Seite’ hinweisen. So ist das Leben :) …

      Zitat: “Das habe ich mal geändert”

      Das Resultat kann sich sehen lassen. Wir könnten bei einem solch ‘forcierten Herausholen der Schatten einer unterbelichteten Aufnahme’ andererseits natürlich mit guten Gründen befürchten, daß alle nur denkbaren Artefakte (Helligkeits- und Farbrauschen, Hotpixel, Moiré) ‘dann fröhliche Urstände feiern’, zumindest bei passablen Druckgrößen – ein ausführliches Tutorial über das ‘digitale Belichtungsdilemma’ ist in Vorbereitung …

    • „ein ausführliches Tutorial über das ‘digitale Belichtungsdilemma’ ist in Vorbereitung …“
      Freue ich mich drauf!

  3. Spät nachts schaue ich mir das Nachtfoto an…Zufall! Mich hat das Thema Blickführung hier beschäftigt. Bevor ich die Besprechung von Thomas und Kommentare gelesen habe (ich lasse gerne das Bild erstmal so auf mich wirken und prüfe, ob ich eine “Geschichte” dazu phantasiere) – also, vorher fing ich beim Spaziergang über das Bild am Turm links an, das führte mich dann über die Brücke nach rechts und dann stand ich da im Dunkeln und wollte eigentlich zum grossen Haus ober gehen…war aber dann etwas verloren beim Gebüsch (roter Kreis rechts).
    Thomas’ Zuschnitt auf das quadratische Format verdichtet das Bild sehr, lässt mich einen anderen Weg gehen: auf der Mitte der Brücke stehend gehe ich zurück zum Turm und finde von dort aus den Weg nach oben zum grossen, erleuchteten Haus. Da gibt es endlich den warmen Tee! ;-)

  4. “Das liegt aber auch an der Stadt „Schwäbisch Hall“, die scheinbar Strom spart :-> Besonders die Fachwerkhäuser, die wirklich so toll aussehen könnten, sind überhaupt nicht beleuchtet.”

    na, wenn Du in so einem Fachwerkhaus wohnen würdest, wärst Du bestimmt begeistert, wenn Dir die ganze Nacht ein Strahler ins Schlafzimmer leuchtet ;) – und achso: Rolläden sind aus Denkmalschutzgründen etc. nicht erlaubt.
    Ansonsten wieder sehr interessante Bildbesprechung !!

  5. die Bildbreite hat gerade einmal 800 Pixeln, da wundere ich mich immer wieder wie ihr die Bildqualität beurteilen könnt :-))

    s.g.Herbert

    • Mir ist nicht ganz klar, wenn Du mit “Ihr” meinst: die Diskutanten, uns Autoren? Für mich kann ich immerhin sprechen …

      Deine kritische Nachfrage ist grundsätzlich berechtigt, da im Zuge der Verkleinerung und Kompression zum JPG-Bild viel Substanz (95% bis 99% der Datenmenge eines 16-Bit-TIF-Bildes) verloren geht. Aussagen zur Feinstruktur treffe ich insofern zurückhaltend – außer in sehr eindeutigen Fällen wie diesem, von dem ich aufgrund meiner Erfahrung voraussagen kann, daß dies im großformatigen Druck massive Probleme gäbe.

      Aussagen zur Komposition und Tonwertstruktur können hingegen auch im verkleinerten und komprimierten Format ohne weiteres getroffen werden.

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