Leserfoto:
Wie eine Kalligraphie

In unserer heutigen Besprechung widmen wir uns der bildlichen Umsetzung winterlicher Motive.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Fred Riedel wohnt in Münsingen, also auf der Schwäbischen Alb. Nicht weit davon hat er jenes Bild aufgenommen, welches er uns unter dem Titel “Wie aus dem Nichts” zur Besprechung eingereicht hat. Er schreibt dazu: “Aufgenommen hab ich dieses Foto am 15.02.2013 so um 17 Uhr auf der Schwäbischen Alb bei Engstingen. Ich war mit dem Auto unterwegs, teilweise in recht dichtem Nebel. Kurz vor dem Albabstieg in Richtung Gönningen vielen mir diese beiden Bäume auf, die sich innerhalb der Nebelschwaden gezeigt hatten. Kaum hatte ich angehalten und ein paar wenige Aufnahmen ohne Stativ gemacht, verschwanden die beiden Bäume im Nebel … Bezüglich Nacharbeit habe ich das Foto ein wenig geschnitten, mit dem Klonestempel ein paar Verunreinigungen im Schnee entfernt und irgendwie (bin diesbezüglich kein Experte) die Kontraste und Helligkeiten korrigiert, bis es für mich ansprechend gewirkt hat.”

Aus den Exif-Daten des Bildes ließ sich noch auslesen, daß eine Canon EOS 550D mit einem 18-200-Zoomobjektiv (vermutlich von Sigma, wie in Freds FC-Account beschrieben) bei einer Brennweite von 73 mm (entsprechend 117 mm Kleinbildäquivalent), einer Blende f/5.6 sowie einer Belichtungszeit 1/125 Sekunde bei einer Empfindlichkeit von ISO 125 verwendet wurden. Ein Blitz kam nicht zur Anwendung, über die Freihändigkeit hat Fred bereits geschrieben.

Für die Besprechung hat Fred das Bild in voller Größe von 4814 auf 3256 Pixel hochgeladen. Dies ist interessant für die Betrachtung der Feinstruktur, doch ein bißchen viel für normale Monitore, weswegen wir für das Popup eine reduzierte Größe von 1000 auf 676 Pixel nutzen.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

In Hinblick auf die Komposition wirken zwei winterlich kahle Bäume mit umstehendem Gebüsch und angedeuteten Baumschatten im Vorschaubild sehr einladend und bilden somit den Blickeinstieg. Unser Blick pendelt zunächst zwischen den beiden Gruppen und gewahrt dort noch einige Details, schweift dann in die Randbereiche des Bildes (insbesondere den Vordergrund), ohne dort Halt zu finden (siehe unten Bild ‘Komposition’).

Von den Tonwerten her bewegen sich die Stämme und Hauptäste in den Zonen 0 bis I, die Nebenäste und feineren Zweige in den Zonen II bis IV, die Baumschatten in den Zonen VI bis VIII, die Schneeflächen und der Himmel in den Zonen IX und X.

Hinsichtlich der Feinstruktur bleiben weite Bereiche des Bildes völlig zeichnungslos: die Stämme und Hauptäste sowie die Schneeflächen und der Himmel gemäß der Definition des Zonensystems (volle Zeichnung in den Zonen III bis VII sowie partielle Zeichnung in den Zonen II bis VIII vorsehend); doch auch die (in grundsätzlich zeichungsfähigen Zonen gelegenen) Nebenäste und feineren Zweige sowie die Baumschatten wirken verwaschen (siehe unten Bild ‘Feinstruktur’).

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In der Zusammenfassung möchte ich zunächst gerne darauf hinweisen, welch unglaublich reizvolles Geschenk solche winterliche Motive darstellen können. Warum nicht ‘nach der Decke strecken’ und Vorbild an den fotografischen Meistern nehmen? Laßt uns in diesem Zusammenhang noch einmal das erste und vierte Bild (nach dem Porträt) in der Vorstellung von Michael Kennas Arbeiten anschauen (Link öffnet in neuem Browserfenster). Wir erkennen dort wunderbare, kalligraphieartige Strukturen und Tonwerte, verdichtet zu in sich ruhenden, zeitlos erscheinenden Bildern.

Fred hat den Wert eines solchen Motivs ganz richtig erkannt und zu nutzen versucht. Was könnten wir ihm an Hinweisen und Anregungen noch mitgeben?

Die Komposition als solche geht nicht ganz auf, wie ich oben schon andeutete. Der ‘Durchgang durch das Bild’ erschöpft sich im Pendeln zwischen den beiden Motivgruppen, die Leere drumherum läßt uns eher zurückschrecken. Der Schnee in Zone IX und X ist dabei nicht das Problem, der gehört so; es ist eher die fehlende Abstufung zum Himmel, der sich in Kennas Arbeiten in den Zonen XIII bis IX wiederfindet. Und es fehlt in dieser Anordnung ein geeignetes Bildelement im Vordergrund, um den Blick des Betrachters durch das ganze Bild führen zu können.

Auch andere Formate könnten durch nachträglichen Beschnitt versucht werden – in der Landschaftsfotografie sind wir gegenüber dem landläufigen Stereotyp nicht auf das 3:2-Querformat festgelegt. Ein querformatiges Panorama wäre denkbar (siehe unten Bild ‘Panorama’), doch bleibe dann das Problem bestehen, daß das Auge des Betrachters im Pendeln zwischen den beiden Motivgruppen keinen Halt findet. Auch verkürzte Querformate (4:3, 5:4) kommen in Frage, ggf. auch ein Hochformat, um die Einsamkeit bzw. Weitläufigkeit eines alleinstehenden Motivs zu betonen. Hier lassen wir jedoch die Möglichkeit dieses Bildes hinter uns, da nicht genug Himmelsraum und -zeichnung zur Verfügung steht – eine Anregung also, bei künftigen Gelegenheiten solcher Art auch in solche Richtungen zu denken.

Und auch zur Feinstruktur möchte ich noch etwas sagen. Im Vorschaubild, in Monitor- bzw. Internetgröße oder auch im postkartengroßen Druck mag die Verwaschenheit der Strukturen nicht auffallen, bei allen anderen Verwendungen hingegen umso mehr. Natürlich kann argumentiert werden, daß das Bild nur auf Bildschirmen gezeigt wird. Doch für solche Zwecke würde auch eine Handy- oder Kompaktkamera ausreichen, es bräuchte keine Ausrüstung zum Marktpreis von 900 Euro. Wer nach technisch wirklich anspruchsvollen Bildern strebt, mag sich vielleicht überlegen, ob jene Reihung von hochverdichtet aufnehmenden Einsteiger-DSLR und abbildungsschwachen Superzooms auf Dauer wirklich den eigenen Zielen dient.

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Komposition

Komposition


 
Feinstruktur

Feinstruktur


 
Panorama

Panorama


 

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

6 Kommentare

  1. ein sehr ansprechendes Motiv, lieber Fred! Ich musste an die Geschichte von Philemon und Baucis denken (Methamorphosen von Ovid), die, als sie uralt starben, sich wünschten, als Bäume nebeneinander weiterzuleben.
    Mir gefällt der Zuschnitt auf das Panoramaformat von Thomas am besten, Das viele Weiss im Vordergrund wirkt eher beängstigend-leer. Aber vielleicht war das ja auch die Absicht?

    Zur Geschichte siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Philemon_und_Baucis

  2. Als Fan der äußerst reduzierten Bilder Michael Kennas hat das Foto sofort mein Interesse geweckt. Vielleicht hätte eine noch eindeutigere Schwarz-Weiß-Bearbeitung noch mehr gebracht. Mit einem ähnlichen Motiv habe ich mich diesen Winter auch versucht: http://flic.kr/p/ea3Mtj

    • Hallo Markus,

      Deine Arbeit kann sich sehen lassen. Sie zeigt einige jener “Gimmicks” wie Blickführung durch Vignettierung, Zeitlosigkeit durch Motivreduktion, Raumsimulation durch angedeutete Vordergrundstrukturen oder Changieren des Hintergrundes, die gute Schwarzweißfotografie auszeichnen.

      Du verstehst aber sicher auch, daß es heute vornehmlich um Freds Bild geht und wie wir ihn weiterbringen können. Erzähle ihm (und uns) doch einfach mal, wie Du ein solches Motiv angehen, worauf Du also hinsichtlich der Komposition und Belichtung achten würdest.

  3. Vielleicht hätte eine Anordnung der Bäume in der Mitte des Bildes mit anschließender Vignettierung den Blick besser lenken können. Ein paar Schritte nach links und hinten, um den im Nebel verschwindenden Baum/Strauch im Hintergrund mit einer längeren Brennweite optisch näher und zentrierter an die Bäume zu rücken, hätte vielleicht auch den leider nicht sehr erkannbaren Nebel besser zur Geltung gebracht.
    Am meisten stört mich aber das Gestrüpp um die Bäume, das die ästhetische Form der Bäume fast zunichte macht. Für mich gilt in der Schwarz-Weiß-Fotografie: Weniger ist mehr. Deswegen finde ich auch die “angedeuteten Vordergrundstrukturen” in meinem Foto nicht als “Gimmick”, sondern eher störend und konfus. Retuschieren in diesem Ausmaß kann und will ich aber nicht.
    Kurzum: Fotograf. Blick und Komposition sind für mich das A&O. Leider merkt man erst oft in der Durchsicht der Fotos, dass das Motiv nicht das hergibt, was man sich vorgestellt hat. Da helfen dann auch keine “Gimmicks” mehr;)

  4. Ich habe einmal gelesen (vielleicht war es auch hier bei fokussiert):

    Dinge, die in der oberen Bildhaelfte abgebildet werden und nach unten keinen Halt haben, fliegen. Das entspricht der Natur der Sache.

    Es koennte ein Vogel sein, etwas leichtes wie eine Feder oder ein Blatt. Aber Baeume?

    Abgesehen von diesem Umstand gefaellt mir das Bild sehr. Es erinnert mich and die auch sehr kalligraphisch wirkenden Naturaufnahmen von HARRY CALLAHAN (seine Arbeiten werden gerade im Haus der Photographie in Hamburg ausgestellt – http://www.deichtorhallen.de/index.php?id=350 ).

    • Zitat: “Dinge, die in der oberen Bildhaelfte abgebildet werden und nach unten keinen Halt haben, fliegen. Das entspricht der Natur der Sache.”

      Das ist sehr poetische Umschreibung für etwas, was in der Luft hängt …

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