Leserfoto:
Ein neues Bild im alten Gewand

Digitale Bildbearbeitungsmöglichkeiten bieten interessante Verfremdungsmöglichkeiten. Unsere heutige Besprechung zeigt diese an einem Bildbeispiel auf.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Eine interessant verfremdete (und für unsere Verhältnisse insofern ungewöhnliche) Arbeit hat unser Leser André Bax unter den Titel “Cala Pie – alter Wachturm” zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: “Es handelt sich hier um einen Jahrhunderte alten Wachturm an der Mittelmeerküste von Cala Pie auf Mallorca. Ich lebe hier und suche nach einer anderen Art diese Insel zu zeigen. Entstanden ist das Bild in Ebenentechnik. Ich wollte hier einfach mal meine Art der Bearbeitung zur Diskussion stellen.”

André hat auch noch einen Link zu Flickr angegeben. Dort zeigt er ein vielfältiges Portfolio monochromer und farbiger Arbeiten, welches uns durchaus denken läßt, daß er die Fotografie schon eine Weile ernsthaft betreibt.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Das Bild eröffnet sich uns in einer sehr geordneten und gefälligen Weise. Der Blickeinstieg gelingt über den etwa im Goldenen Schnitt gelegenen Turm, wobei sich hier noch interessante Details und Kontraste zwischen dem dunklen Fenster auf der linken und der vom Streiflicht wohlbeschienenen, aber nicht überstrahlten Partie auf der rechten Seite besagten Turmes anbieten. Der Blick mag dann nochmals kurz in die linke untere Ecke zurückgehen, wo ein dunkel gehaltenes Gebüsch den symbolischen Einstieg in den Raum markiert. Weiter schweift der Blick denn am Turm vorbei zu jenen in Wassernähe gelegenen Gebüsch- oder Felsformationenen. Die ganz rechts gelegene Partie klammere ich in dieser Bildwanderung noch aus, dazu mehr bei den abschließenden Überlegungen. Die Blickwanderung endet mit dem Bogen der den Turm einrahmenden Himmelspartie.

Das Histogramm zeigt sich linksschief, auch mit einigen Tonwertabbrüchen im Schattenbereich, gleichwohl bleibt die Balance durch die Belegung der Mitteltöne erhalten. Die Lichter sind schön durchgezeichnet, Überstrahlungen liegen nicht vor. Im Sinne des Zonensystems bilden sich die Gebüsch- oder Felsformationenen in den Zonen 0 bis II, der Turm mit dem Vordergrund in den Zonen II bis VI und die Himmelspartie schwerpunktmäßig in den Zonen IV bis VII ab.

Bei der Farbgebung ergeben sich gegenüber unserer landläufigen Seherwartung bei Landschaftsaufnahmen einige Verschiebungen in den Rot- und Gelbbereich mitsamt einer insgesamt verstärkten Farbsättigung. Hier bin ich mir nicht ganz sicher, ob eine simulierte Crossentwicklung oder eine entsprechende Tonung zur Anwendung kam.

Hinsichtlich der Feinstrukturen stechen uns die bewußt hinzugefügten Artefakte (im Sinne dunkler Einsprengsel, die an Kratzer, Flecken oder sonstige Bildfehler alter Analogaufnahmen erinnern) besonders ins Auge. Eine gewisse Diskrepanz ergibt sich zwischen solchem Dramatisierungseffekt und dem gleichwohl noch sichtbaren Schönwetterhimmel. Auch darauf will ich bei den abschließenden Überlegungen noch zurückkommen. Nicht ungeschickt wirkt, daß der Turm und der Vordergrund von besagten Artefakten weitgehend ausgespart bleiben.

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Wir haben es zusammengefaßt also mit einer Arbeit zu tun, die ihren Ursprung in einer konventionellen Landschaftszene zwar noch erkennen läßt, die aber von André einer sehr starken Bearbeitung und Verfremdung unterzogen wurde – die dazu wichtigen Elemente der willentlichen Farbverschiebung und Artefakteinfügung habe ich oben beschrieben. In der Gesamtwirkung wirkt die Szene dadurch wie aus der Zeit gefallen, sie bekommt ein malerisches Element, welches uns in gewisser Weise gar an die Landschaftsmalerei der alten Meister (etwa der holländischen Schule) erinnert. Es ist eine Art der gewollten Bildmanipulation mit den heutigen Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung, die wir vielfach auch auf deviantART antreffen.

An solcher Art von Bildern werden sich immer die Geister scheiden und Diskussionen entzünden. Ich selbst bin bei gut ausgearbeiteten Bildern solcher Art sehr aufnahmebereit und tolerant, zumal mir als eingefleischten Schwarzweißfotografen das Wesen der Bildverfremdung (hier eben der nötigen Umsetzung von Farb- in Tonwerte) sehr vertraut ist.

Andererseits (und dessen wird sich André sicher bewußt sein) besteht natürlich grundsätzlich schon die Gefahr, daß eine solcher ‘Look irgendwann überstrapaziert und ausgelutscht’ wirkt …

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Insgesamt spricht mich die Arbeit durchaus an, ich halte sie für gut verwendbar im Rahmen analoger oder digitaler Präsentation.

André könnte sich vielleicht nochmals überlegen, ob die beschriebene Diskrepanz zwischen dem einerseits durch die Artefaktüberlagerung recht dramatisch wirkenden und dem andererseits von Seiten der Ursprungsaufnahme her deutlich heiteren Himmel plausibel ist.

Und auf etwas anderes möchte ich noch hinweisen, was weniger mit der hinterfragten Wirkung der Bearbeitung wie vielmehr mit kompositorischen Überlegungen zu tun hat: diese Gebüsch- oder Felsformationen am äußersten rechten Bildrand machen für mich wenig Sinn, sie stört meines Erachtens sogar die harmonische Blickführung durch das Bild.

Da ich mittlerweile vielleicht schon einen gewissen Ruf als ‘beschneidungsfreudiger Rezensent mit einem seltsamen Hang zum quadratischen Format’ erworben habe, kann ich dieser Tradition ja treu bleiben: schaut Euch doch bitte einmal den nachfolgenden Beschnittvorschlag an und überlegt, ob dieser das Bild womöglich noch dichter und stimmiger wirken läßt.

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Beschnittvorschlag

Beschnittvorschlag


 

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Ich finde den originalen Schnitt wesentlich ausgewogener und angenehmer als den des Rezensenten. Möglicherweise liegt es an der ganz persönlichen Gewichtung der einzelnen Bildbestandteile.
    Im Original sehe ich den Turm als – wenn auch wichtiges – Teil einer Insellandschaft. Die vorgelagerte Landzunge am rechten Bildrand, die ins Meer abfällt (Brandung!), gibt uns wichtige Informationen über den Standort und hält auch gestalterisch zusammen mit den dunklen Sträuchern rechts das Bild in der Waage.
    In der beschnittenen Version wirkt der Turm auf mich isoliert, ohne Bezug zur Umgebung und weil rechts das Gegengewicht fehlt, wird das Bild links zu “schwer”.
    Zur Bearbeitung an sich kann man sicher völlig unterschiedlicher Meinung sein. Ich finde es auf jeden Fall eine sehr fleißige Bildbe*Arbeit*ung. Aber aus einem Foto wird eben doch nicht so schnell ein “alter Meister” ;-)

    Insgesamt gefällt mir das Bild aber gut.

    Gruß
    Wolfgang

    • Zitat: “Aber aus einem Foto wird eben doch nicht so schnell ein ‘alter Meister’”

      Volle Zustimmung. Als ‘neuer Look’ (wie es heutzutage immer gerne heißt und dann 1000mal reproduziert wird, am besten als PS- oder LR-Aktion) ist so etwas ganz schnell ausgelutscht …

  2. hm – das bild würde ich mir nicht an die wand hängen… die bea find ich klasse und macht das bild interessant. als landschaftsfotographie ist mir zu wenig landschaft auf dem “foto” – da fehlt dann was. als eycatcher ist der turm sehr gut geeignet aber durch den beanspruchten raum im bild wird er zum hauptmotiv. da kommt dann bei mir kein mallorcafeeling auf, was ja der schöpfer erreichen wollte. und als architekturfoto taugt es in dieser bea nicht, da man eine alte landschaftsmalerei vermutet.
    würde mir daher mehr weitwinkel mit mehr landschaft wünschen und für an die wand mit weniger bea :-)

  3. Mir gefällt die Bearbeitung gut.
    Erinnert wirklich stark an die schon erwähnten Holländischen Meister.
    Richtig Sinn würde das Bild für mich als Bestandteil einer ganzen Serie machen .
    Da alle Sehenswürdigkeiten auf Mallorca ja schon unzählige Male fotografiert wurden, würde eine Serie in diesem Stil doch schon aus dem Rahmen fallen und zumindest m.E.
    bei Touristen auf reges Interesse stoßen.

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