Leserfoto:
Winterliche Bergdramatik

In unserer heutigen Bildbesprechung sehen wir ein Beispiel für eine gelungene Komposition mit leichten technischen Schwächen.

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Unser Leser Dietmar Rieder aus Innsbruck hat uns das obige Bild unter dem Titel “Skitouring” zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: “Das Foto entstand, während ich meiner liebsten Freizeitbeschäftung nachging, dem Skitouren gehen. Am Ziel angekommen, dem Glück sehr nahe und voller Erwartung auf die bevorstehende Abfahrt. Kurzum: ein toller Tag, beschränkt auf das Wesentliche. Das Foto soll dem Betrachter etwas von dieses Gefühl vemitteln.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon PowerShot G1 X mit integriertem Objektiv (15.1 mm – 60.4 mm) verwendet. Die Brennweite betrug 56,2 mm (entsprechend 108,5 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.93), die Belichtungsdaten waren 1/640 Sekunde bei Blende f/8 und ISO 100. Aus Gründen der Darstellbarkeit haben wir das Bild auf 750 px mal 1000 px verkleinert. Die nachfolgenden Bilder zur Feinstruktur beziehen sich aber auf das vollständige Format von 2250 px mal 3000 px.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Die Komposition ist sehr gefällig. Die etwa in den Goldenen Schnitt nach rechts oben gesetzte Person (siehe Bild ‘Komposition 1′) fungiert als Motivzentrum. Der links von hellen Schneeflächen und rechts vom Bergschatten kontrastreich eingesäumte Grat im Vordergrund und die Berge im Hintergrund betonen durch hinführende Linien diesen Aspekt noch. Von der Person wird der Blick über den Grat weitergeführt, folgt dann dem Abhang abwärts, um im rechten unteren Schneefeld gewissermaßen Halt zu finden und wieder auf den Grat zurückzukehren (siehe Bild ‘Komposition 2′).

Die Tonwerte zeigen sich im Histogramm zweigipflig. Die Hauptperson erscheint als Silhouette reinschwarz in der Zone 0. Die schattigen Partien rechts unter diesem sind in die Zonen I bis II gelegt, die Berge im Hintergrund in die Zonen IV bis VI. Die in den Zonen IX und X befindliche, somit grenzwertig überstrahlte Schneefläche links unten entspricht durchaus der Seherwartung.

Hinsichlich der Feinstruktur zeigt sich in den 100%-Ausschnitten eine maßgebliche Unschärfe bzw. Verwaschenheit (siehe Bilder ‘Feinstruktur 1 und 2′)

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In der Zusammenfassung möchte ich die sehr gelungene Komposition hervorheben, die meines Erachtens das von Dietmar berichtete Glücksgefühl tatsächlich vermitteln kann. Wir spüren die Erhabenheit in solcher Naturnähe und vielleicht auch ein wenig jene Mischung aus Vorfreude und Aufregung vor der anstehenden Abfahrt. Die Schwarzweißkonvertierung erscheint hier als ein geeignetes Mittel, um auf diese zentrale Bildaussage zu fokussieren.

Die erwähnte Zweigipfligkeit des Histogramms, also der sehr betonte Kontrast zwischen dunklen und hellen Partien bei vergleichsweise gering belegten Mitteltönen, unterstützt diese Bildaussage in dramatischer und guter Weise. Wichtig ist dabei, daß der Bergabhang als offener Schatten (Zonen I bis III) erkennbar bleibt, was auf billigen oder nicht profilierten Monitoren nicht gewährleistet ist – dort erscheint die Schattenpartie möglichweise als zugelaufen (Zone 0 bis I), was der harmonischen Bildwirkung Abbruch täte.

Hinsichtlich der Feinstruktur wurde meines Erachtens Potential verschenkt, denn die Kamera schneidet mit gut 1.800 Linien im Blendenoptimum von f/8.0 bei traumflieger.de auf gutem DSLR-Niveau ab. Hinsichtlich der Unschärfe und Verwachsenheit kann ich nur Vermutungen anstellen in Richtung einer verlustbehafteten JPG-Aufnahme oder einer nachträglichen Entrauschung. Da Dietmar, wie seine Website erkennen läßt, auch mit Vollformatausrüstung arbeitet, werden ihm die Unterschiede zwischen RAW- und JPG-Aufnahmen und die Tücken weichzeichnender Entrauschungsroutinen sicher geläufig sein – und vielleicht kann er zu dieser offenen Frage hier noch etwas sagen.

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Komposition 1

Komposition 1


 
Komposition 2

Komposition 2


 
Feinstruktur 1

Feinstruktur 1


 
Feinstruktur 2

Feinstruktur 2

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Wieder ein sehr schönes Bild und eine interessante Besprechung. Ich finde schade, dass das Bild s/w ist. In dieser Landschaft gibt es ja eigentlich keine Farben… nur der Himmel ist vielleicht leicht blau. Das wäre für mich ein zusätzlicher Reiz gewesen: ein Farbbild ohne Farbe :-> Die Dimensionen sind erstaunlich. Ich habe die ganze Zeit gerätselt, wie weit eigentlich der Skifahrer entfernt ist. Er sieht fast künstlich nah aus, wie hinein kopiert… liegt vielleicht an dem weiten Blick und an dem sehr harten Kontrast. Der beschneidungsfreudige Thomas hat hier kein neues Format gewählt, ich hätte das wohl gemacht [http://sdrv.ms/10VDEjr]. Herzlichen Glückwunsch, das Bild macht wirklich Lust auf die Berge, Tilman

    • Deine Version geht für mich kompositorisch durchaus auf, es verlagert die Blickführung von der Vertikalen in die Horizontale. Und es ändert sich die Bildwirkung deutlich – wo im Ausgangsbild eher die Höhe (durch den hochstehenden Skifahrer) simuliert wurde, ist es in Deiner Bearbeitung die Weite (durch die Betonung der Bergkette im Hintergrund).

  2. Mir gefällt die Aufnahme ebenfalls sehr gut, allerdings stören mich zwei Details:
    1) Die Reste der Erhöhung am unteren Bildrand, von der die Aufnahme aus getätigt wurde, würde ich wegschneiden
    2) Die rechts über den Kamm herausragenden Gipfel der Bergkette am Horizont “verschmelzen” in irritierender Weise mit dem Kamm selbst. Sie zu entfernen, wäre vielleicht ein zu starker Eingriff, aber evtl. könnte man sie durch lokale Aufhellung etwas “dunstiger” gestalten und dadurch optisch besser vom Kamm abtrennen.

    VG
    Jens

    • Zu 1): Nach meinem Dafürhalten würde der “Blickführungsbogen” dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Aber man müßte es mal sehen …

      Zu 2): Keine schlechte Idee, die Bergkette rechts um eine Zone abzuwedeln …

      Versuche Dich doch einmal in einer solchen Bearbeitung und zeige uns das Ergebnis. Hier ist das Bild in vollständiger Auflösung

  3. Hallo,

    leider habe ich erst heute mitgekriegt, dass mein Foto besprochen wurde, was mich sehr gefreut hat.

    Danke, Thomas für die sehr detailierte und hilfreiche Analyse! Danke auch Tilman und Jens für die Anregungen und das Lob.

    @Tilman: Die Entfernung zum Skifahrer, hat etwa 20-25 Meter betragen, wenn ich mich recht erinnere, und nein er wurde nicht hineinkopiert :-)

    Zur Schwäche in der Feinstruktur kann ich sagen, dass es sich hier leider um ein Artefakt nachträglicher Entrauschung handelt. Leider habe ich dies übersehen. Das Original wurde natürlich im RAW-Format aufgenommen. Da werde ich nochmals ran gehen :-)

    LG
    Dietmar

    • Zitat: “leider habe ich erst heute mitgekriegt, dass mein Foto besprochen wurde”

      Wir klären das noch in der Redaktion bzw. mit der Technik wegen der rechtzeitigen Benachrichtigungen. Nach einer Systemmigration scheint das momentan leider nicht optimal zu laufen.

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