Leserfoto:
Studie zur Komposition

Im Rahmen der heutigen Bildbesprechung wollen wir einige Überlegungen zur Komposition anstellen.

Ausgangsbild

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Unser Leser Alexander Kade aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel “Teehaus am Hemkund Sabi” zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: “Das Bild habe ich in Indien aufgenommen, am See Hemkund Sahib, einer Pilgerstätte der Sikh im Himalaya … Der Mann auf dem Bild schenkte in einer Hütte neben dem See Tee aus und die verdampfte Atmosphäre schien mir gut für ein Foto geeignet zu sein. Da ich mehrere Fotos gemacht habe, hat nach einiger Zeit auch sein Gehilfe im Hintergrund in die Kamera geguckt … Ich habe das Foto bereits beschnitten und die RAW-Datein mit Lightroom bearbeitet (Temperatur, Tönung, Belichtung, Kontrast, Rauschreduzierung u.a.) … Für Verbesserungsvorschläge wäre ich sehr dankbar.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 1000D mit EF-S 18-55 mm f/3.5-5.6 IS verwendet. Die Brennweite betrug 24 mm (~ 38 mm Kleinbildäquivalent), die Belichtungsdaten waren 1/25 Sekunde bei Blende f/4.5 und ISO 800.

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Sogar zwei Bildteile eignen sich besonders für den Blickeinstieg – zum einen der rechts unten so prominent positionierte und aus dem Halbdunkel hervorstechende Kessel, zum anderen das etwa im Goldenen Schnitt gelegene Gesicht der den Fotografen (und damit stellvertetend auch uns Betrachter) interessiert und zugleich streng musternden Hauptperson.

Doch beginnen wir beim Kessel rechts unten (siehe Bild ‘Komposition’). Von hier aus wird unser Blick nach links oben auf die von der Hauptperson gehaltene Tasse, danach kurz auf den links von der Hauptperson im Hintergrund gelegenen kleineren Kessel geführt. Unser Blick geht weiter zum Gesicht der Hauptperson, schweift vielleicht nochmals kurz zur Tasse, geht dann jedoch weiter zur zweiten Person im Hintergrund. Hier entsteht eine kurze Irritation bzw. Ablenkung durch die Überstrahlung am oberen Bildrand und die angeschnittene dunkle Person am rechten Bildrand, bevor wir den kleineren Kessel am Bildrand wahrnehmen, von dem aus wir wieder zum Blickeinstieg rechts unten zurückfinden. Die dunklen Flächen links unten, links oben und rechts oben stützen die Komposition und halten den Blick im Bild.

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In der Zusammenfassung sehen wir im Bild eine aus meiner Sicht außerordentliche gelungene Blickführung durch das ganze Bild. Aus den verschiedenen Zwischenstationen lassen sich zahlreiche kompositorische Dreiecke konstruieren (wie etwa 1-2-6, 2-3-4, 2-4-5 und 2-5-6), die das Bild sehr lebendig werden lassen. In der längeren Betrachtung scheint der von der Hauptperson gehaltenen Tasse eine immer größere Rolle zuzukommen – sie ist neben dem Gesicht der Hauptperson und dem großen Kessel rechts unten ein zentraler Blickfang, um den herum sich die anderen Bildelemente harmonisch gruppieren; sie ist desgleichen auch eine inhaltliche Brücke zwischen dem Teeverkäufer und dem Teekessel.

Kleinere Schwächen wurden bereits oben angedeutet – zum einen die überstrahlten Partien am oberen Bildrand, zum anderen die dritte Person am rechten Bildrand. Beide Elemente stören den harmonischen Bilddurchgang etwas, so daß hier eine Retusche erwägenswert wäre und aus einem guten möglicherweise ein herausragendes Bild machen könnte.

Man mag sich den Kessel rechts unten vielleicht etwas schärfer wünschen, doch war eine Fokussierung auf das Gesicht der Hauptperson zweifelsohne richtig und erlaubten die halbdunklen Lichtverhältnisse des Innenraums vermutlich keine kleinere Blendenöffnung (etwa f/8.0) zur Erreichung einer größeren Schärfentiefe.

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Komposition

Komposition


 
In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Ein wunderbares Bild, toll! Und wieder eine sehr lehrreich Besprechung, danke! Ich habe eine Frage zum goldenen Schnitt:
    - dieser ist definiert mit a/b=1,618, also bei 38% der Bildbreite, andere Fotobücher empfehlen die 1/3 Regel (33%), der Schnitt ist also etwas mehr zum Rand hin gelagert. Welches ist die bessere Regel? Oder macht diese Frage überhaupt einen Sinn?
    - bei diesem Bild hat Alexander das Bild so beschnitten, dass der goldene Schnitt mit b=257 genau durch die Mitte des Gesichts führt. Trotzdem habe ich das Empfinden, dass das Bild rechtslastig ist. Woher kommt das? Ich hätte den Mann wohl etwas mehr nach links gerückt, z.B. indem das Bild rechts weniger beschnitten wird (falls möglich).
    Ansonsten gefällt mir besonders gut die Helligkeit/Kontrast des Gesichtes, es ist wirklich ein Blickfang ohne unnatürlich zu wirken. Alexander, hast Du hier den Kontrast lokal nachbearbeitet ?
    Viele Grüße, Tilman

    • Auch ich arbeite pragmatisch mit “ein Drittel bis knapp 40 Prozent” und würde daraus keinen Dogmatismus machen wollen … schon allein deswegen, weil wir ja im besten Fall eine Gesamtkomposition aller bildwichtigen Teile finden sollten; und auch die Frage der Dramaturgie kommt hinzu insofern, daß ruhige, statische Szenen wie diese wohl eher des Goldenen Schnittes bedürfen wie dynamische, flüchtige Szenen, welche durch exzentrische Platzierung womöglich an Eindringlichkeit gewinnen (Paolo Pellegrin etwa zeigt gute Beispiele für dramatische Regelbrüche).

      Das klingt jetzt hoffentlich nicht zu theoretisch, an konkreten Bilder wird es sich in künftigen Besprechungen noch klarer aufzeigen lassen.

      Und die Rechtlastigkeit empfinde ich auch. Soweit ich mir das Bild ohne jene mit gelbem Blitz markierte Person vorstellen kann, schiene es mir (wie schon angedeutet) noch “runder” …

  2. Wirklich sehr toll eingefangen das photo. Mir gefällt besonders der kaltwarmkontrast zwischen den turban, feuer und dem dampf. Ich empfinde auch das das bild mehr im gleichgewicht liegen würde wenn die dritte person am rand nicht zu sehe wäre oder wenn die linke seite ein wenig beschnitten wäre.

  3. Ein besonderes Foto.
    Ich sehe hier vor allem eine Diagonale von dem Feuer unter dem Kessel hin zu dem ernsten Gesicht des in sich ruhenden Mannes. In Mitten dieser Diagonalen sehen wir die Teetasse, der sowohl kompositorisch als auch inhaltlich die zentrale Rolle zukommt.
    Inhaltlich deshalb, weil sie den vom Feuer erhitzten Tee beinhaltet, dessen Genuss wir mit dem ruhigen Gesicht des Mannes assoziieren. Die Teetasse ist somit ein Vermittler der (auch räumlich) diametral entgegengesetzten Pole: Feuer, Hitze, Spiel und Gesicht, Ruhe, Ernst.
    Aus diesemGrund empfinde ich nicht nur die angeschnittene Person am Rand sondern sogar mehr noch den als Gehilfe bezeichneten Jungen im Bild als eher störend.

    VG
    Jens

  4. Ich spreche wiederum für mich: Ein wunderschönes Motiv, durchweg mit Blautönen, was die orientalische Impress- sion gut verstärkt; Die bereits genannten Störungen in der Grundaufnahme können zwar durch Objektivkorrektur entfernt werden, (habe es getestet, jedoch wird dann die Person zu nahe; ich empfinde, dass diese imposante Person außenherum Raum braucht. Manchmal warte ich dann, bis Personen aus dem Bild sind. Auch mache ich meistens mehrere Aufnahmen weiter entfernt, näher, um Korrekturen, wenn notwendig vornehmen zu können.
    Bildbesprechungen werden im Kreise der Fotofreunde viel gemacht; leider kann man nicht jedes Foto optimieren.
    Ansonsten ein sehr schönes Motiv.

    • Zitat “leider kann man nicht jedes Foto optimieren”

      Ganz meine Auffassung, wenngleich unsere Bildbesprechungen etwa bei SPON leider gerne auf ‘einmal Photoshop bitte’ reduziert werden.

      Das ist nicht der Sinn des Ganzen. Nach meiner Philosophie ‘besprechen wir hier das eine Bild, um beim nächsten achtsamer zu sein’ …

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