Leserfoto:
Studie zur Komposition II

Kompositorische Überlegungen bestimmen nochmals die heutige Bildbesprechung. Am Ende wartet aber auch noch eine kleine Frage zur Aufnahmetechnik auf die Leser.

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Unser Leser Martin Göbe aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel “Duck shadows” (Entenschatten) zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: “An einem See ist mir die Grenze zwischen dem noch zugefrorenen Teil und dem schon aufgetauten kleinen Streifen am Rand aufgefallen. Die Spiegelung der Umgebung faszinierte mich. Aber viel mehr war es eine Ente auf der Eisfläche, die sich ebenfalls spiegelte. Diese Spiegelung sah aber mehr wie ein Schatten aus, welcher für mich imposant und majestätisch wirkte. Nach mehreren Versuchen bewegte sich die Ente an die richtige Stelle. Genau an den Rand der Eisfläche, wo die Spiegelung ihre volle Wirkung entfaltete. Zunächst noch in Farbe geschossen, habe ich mich schon beim Ansehen für eine Entsättigung entschieden, um die Wirkung des Schattens noch zu verstärken. Ebenso wurde das Bild an den Seiten beschnitten.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 600D mit der Festbrennweite EF 50 mm f/1.8 II verwendet (entsprechend einer kleinbildäquivalenten Brennweite von 80 mm), die Belichtungsdaten waren 1/1000 Sekunde bei Blende f/1.8 und ISO 100.

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Der in Martins Beschreibung deutlich werdende Ansatz, das vor Ort Gegebene ebenso wachsam wahrzunehmen wie in seine bildgestaltenden Überlegungen einzubinden, gefällt mir sehr gut. Hier klingt etwas an, was ich als ‘den fotografischen Blick’ zu bezeichnen nicht müde werde. Martin mag dabei das einzelne Bild vielleicht als Ausgangpunkt eines künftig noch besseren Bildes auffassen (“das Bessere ist des Guten Feind”). Doch betrachten wir im Sinne der klassischen Bildanalyse zunächst wieder die grundsätzlichen Elemente …

Hinsichtlich der Komposition (siehe Bild) bieten sich der Bereich des größten Kontrastumfangs, also die Spiegelung der Ente, als Blickeinstieg an. Von hier aus wandert das Auge zur Spiegelung des Hauses und zur Gestalt der Ente. Es ist somit eine harmonische Blickführung, welche die Motivgruppe als geschlossene Einheit erkennen läßt. Der Blick in Richtung der Bildränder läßt dann allerdings ‘viel Luft nach oben und wenig Luft nach unten’ erkennen. Auch irritiert das angeschnittene Blatt am unteren Bildrand etwas.

Die Tonwerte sind sehr ausgewogen und unterstützen in ihrer Verteilung das kompositorische Grundgerüst. Wir finden die Spiegelung der Ente in den zeichnungslosen Zonen 0 und I wieder, dramatisch umgeben von einem Aufhellungsbereich der Zone VIII. Die Spiegelung des Hauses und die Gestalt der Ente findet sich weit gespreizt in den Zonen 0 bis VIII. Die Wasserpfütze ist in die Zonen V und VI gelegt, der Hintergrund in die Zonen VI bis VIII. Gestaltungspsychologisch verdienen ‘Figur und Hintergrund’ diese Bezeichnung durch solches Hervor- und Zurücktreten des Kontrastumfangs in den verschiedenen Partien.

Ein Blick auf die Feinstruktur (siehe Bild) läßt uns in der 200%-Darstellung des Blickfangs (Gestalt und vor allem Gesicht der Ente) etwas erkennen, was uns vielleicht nicht als Unschärfe, aber doch als Weichheit erscheint.

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In der Zusammenfassung möchte ich nochmals Martins planenden und gestaltenden Ansatz würdigen. Er ist damit auf einem guten Weg.

Die sich aus den beschriebenen drei Elementen zusammensetzende Motivgruppe empfinde ich als etwas zu weit unten angelegt. Nach meinem Dafürhalten verliert sich der Blick nach oben zu sehr und stößt unten zu sehr an. Das Blatt am rechten unteren Bildrand könnte retuschiert werden, der Bilddurchgang wäre dadurch meines Erachtens noch harmonischer.

Ich hatte auf eine Eigentümlichkeit in der Großdarstellung der Entengestalt hingewiesen. Trotz der weichen Zeichnung ist dort das Schärfemaximum, so daß wir nicht in Richtung einer Fehlfokussierung denken müssen. An der Ausrüstung liegt es nicht, die ist ordentlich und gäbe grundsätzlich mehr Abbildungsleistung her. Es ist etwas anderes, fast Banales, was mit dem Aufnahmesetup zu tun hat. Nachdem wir uns ja als ‘als fotografisches Seminar für anspruchsvolle Digitalfotografen’ verstehen, möchte ich Euch jetzt doch einfach mal fragen: “hat einer eine Idee, was Martin da hätte besser machen können?”

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Komposition

Komposition

 

Feinstruktur

Feinstruktur

 

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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18 Kommentare

  1. hallo,
    offenblende bringt eben nicht die schärfsten bilder. das schärfemaximum erreicht man meist im miittleren blendenbereich (und ist vom jeweils verwendetem objektiv abhängig). für standartportraits einer person ist die offenblende die richtige wahl, besonders wenn die geringe schärfentiefe auf den augen liegt…
    im tumbnail hat mir das bild gut gefallen – da sah ich es im querformat- oben und unten fehlte da was, und das fehlende machte ein gutes pic. die beiden spiegelungen, einmal verzerrtes haus und einmal entennegativ und die damit entstehende diagonale finde ich gut. aber hier im hochformat verliert sich das. die blätter unten rechts stören mich jetzt nicht besonders da sie keinen großen raum im bild einnehmen und beschnitten sind. die sw umsetzung find ich auch gelungen.
    lg thomas

    • Zitat: “offenblende bringt eben nicht die schärfsten bilder. das schärfemaximum erreicht man meist im miittleren blendenbereich”

      Das gibt 100 Punkte bzw. ‘Narzißmustaler’: bei Traumflieger ist nachzulesen, daß im erweiterten Zentrum bei Blende f/1.8 traurige 1252 Linien übrig bleiben gegenüber fantastischen 2361 Linien bei Blende f/5.6 – also fast die doppelte Abbildungsleistung …

  2. Auf Eisfläche wäre ich nie gekommen :-> Die Reflexion ist super. Die Spiegelung der Ente, die wie ein Schatten aussieht, auch. Aber irgendwie finde ich das Bild zu grau bzw. eintönig. Für mich gehört die Ente in den „Mittelpunkt“, sie müsste mehr hervorstechen. Ich habe den Eindruck, dass Martin deswegen bereits versucht hat, die Ente etwas aufzuhellen. Allerdings auch das Eis um sie herum.
    Was Dein Rätsel angeht, Thomas, ist f/1.8 das richtige Stichwort?
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Korrekt, aber leider vier Minuten zu spät. Das gibt dann leider Abzug, nur noch 80 Punkte bzw. ‘Narzißmustaler’ :o) …

    • 80 Narzissmus-Taler… Ich bin enttäuscht. Habe ich doch absichtlich meinen Beitrag sehr spät abgeschickt, und dann nicht einmal eine Antwort sondern nur einen Hinweis gegeben… Dafür habe ich wohl sehr viel weniger Taler verdient!

    • Da kann ich abhelfen: ich hatte ja noch nicht die 200% Ausfuhrsteuer erwähnt, die auf Deine Narzißmustaler erhoben werden :o) …

  3. Ich bin keine ambitionierte Fotografin, verfolge aber sehr interessiert die Beiträge hier. Bei dieser Komposition liegt fast das gesamte Gewicht unterhalb der Mitte, darüber ist viel Leere. Ich würde die Ente deutlich zum oberen Rand verschieben und das Bild evtl. nochmals beschneiden, vielleicht tatsächlich zum geliebten Quadrat? Oder vielleicht gibt das ursprüngliche Foto noch Raum nach unten her? Grüße von Sabine

    • ich bin ganz Sabines Meinung – zu viel Raum oben = Ente nach oben rutschen und neu schneiden!

  4. Ja, für so eine lahme Ente hätten 1/100 – 1/200 sek wahrscheinlich gereicht. Und die geringe Schärfentiefe bei Offenblende kommt ja bei dieser Perspektive von oben herab kaum zum tragen und dient auch dem Motiv nicht. Bei soviel Licht also z.B. f/5.6.
    Aber mal angenommen, es wäre später Nachmittag und ein Stück dunkler. Dann müsste man wohl abwägen, ob man die Blende öffnen oder die Empfindlichkeit (ISO) erhöhen will. Weniger Schärfe oder mehr Rauschen (angenommen gleiche Kamera und gleiches Objektiv)? Was meint Thomas B. dazu?

    Übrigens, Martin, Gratulation zu der sorgfältigen Motivwahl.

    • Das würde ich auch so sehen: förderliche Blende f/5.6, Zeit 1/125 bis 1/250 Sekunde und dann nach Lichterfordernis die Emfindlichkeit erhöhen.

      Und wie schon angedeutet: es ist außerordentlich nützlich, die Charakteristika der eigenen Objektive vor Augen zu haben – in unserem Beispiel eben die Kennlinie von zunehmender Abbildungsleistung bis zum Maximum der ‘förderlichen Blende’, gefolgt von der erneuten Abnahme aufgrund der Beugungsunschärfe.

  5. Ich habe heute morgen noch einmal mit dem Bild ein bisschen herumgespielt: http://sdrv.ms/ZDkCu9. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Wasser mit einem großem Rauschen behaftet ist, ich glaube immer mehr, dass Martin weitgreifend den Kontrast des Bildes geändert hat. Ich würde gerne einmal das Original in Farbe sehen :->. Allerdings glaube ich auch, dass es ziemlich schwer ist, ein Objekt vor einem weißen Hintergrund vernünftig darzustellen. Mit meiner Lösung, dem Hintergrund eine leichte Blaufärbung zu geben, bin ich auch nur halbwegs zufrieden. Wie kann man das besser machen? Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Du hast Recht, das Wasser ist wirklich mit einem großen Rauschen behaftet, dies fällt allerdings in deiner Version noch mehr auf, als in der normalen. Ich persönlich finde deinen Bearbeitungsansatz interessant, und die Ente hebt sich wirklich deutlich stärker hervor. Meiner Meinung nach ist der Blickeinstieg bei deiner Bearbeitung nicht mehr der Schatten der Ente, sondern die Ente selber. So richtig gut finde ich, wie du auch schon selber sagtest deine Bearbeitung auch nicht, aber ich habe leider auch keine bessere Idee…um ehrlich zu sein habe ich mich auch noch nicht viel mit Bearbeitung oder technischen Einstellungen beschäftigt, habe aber vor dies bald nachzuholen. :) was mich an deiner Bearbeitung allerdings stört ist, dass du die Spiegelung unten angeschnitten hast. Vielleicht sollte man sich wirklich mal an einem Querformat versuchen?

    • Ich habe gerade noch einmal überlegt, Querformat scheint mir doch keine gute Idee zu sein. Aber vielleicht eine quadratische Beschneidung, wie hier ja auch schon vorgeschlagen wurde?

  6. Ich freue mich sehr, wie eifrig diskutiert wird – für Martin und sein Bild zum einen, denn so kann er seine eigenen Überlegungen an den verschiedenen Vorschlägen messen; für Euch zum anderen, denn ein solches Argumentieren und Probieren an einem Beispielbild fördert wie kaum etwas anderes den “fotografischen Blick” – jene Fähigkeit also, kompositorisch und dramaturgisch planvoll an die eigenen Bilder heranzugehen und sich nicht nur “vom sensationellen Motiv erschlagen zu lassen” (und den nötigen Rest darüber zu vergessen).

    Aus eigener Erfahrung kenne ich genug Situationen, in denen das Motiv sehr vielversprechend und die Ausarbeitung leichtgängig war, bei denen mir selbst aber am Schluß (beim Probedruck) “das letzte Fitzelchen noch fehlte, so sehr ich es auch drehte und wendete”. Für mich ist dies mittlerweile ein Signal, es mit diesem Bild dann irgendwann auch gut sein zu lassen und stattdessen eher “Fehlerinventur” zu machen bzw. Vorsätze für künftige Bilder zu formulieren.

  7. Ich spreche hier als Fotografin nur für mich:
    ganz selten benutze ich Hochformat: das Auge bevorzugt Querformat, dann würde weniger Schlamm sichtbar sein, der für mich das Bild fad erscheinen läßt. Mir erscheint der Entenschatten zu kontrasriert. Insgesamt ist das Bild mit der Spielgelung links mit dem Haus für mich interessant.
    Will ich die Reflexe/Schatten gut drauf haben, fokusiere ich in die Mitte der beiden Teile. Da kommt der Entenschatten als Beispiel und die Ente gut in den Fokus und scharf, damit ist auch die linke Reflexion gut abgedeckt.

  8. Wow, ich bin überrascht, dass mein Foto für genommen wurde. Ich danke Thomas für die Kritik. Sie wird mich weiterbringen auf dem Weg der Fotografie. Bisher kam immer nur “tolles Bild”. Aber jetzt, wo etwas Zeit zwischen der Aufnahme und der Kritik verstrichen ist, sehe ich das Bild nun mit ganz anderen Augen.

  9. Unser Leser Damir Mosch hat freundlicherweise seine Idee einer Änderung des Bildes eingeschickt. Vielen Dank!

    • Vielen Dank, Barbara, für die Verlinkung von Damirs Überarbeitung … und nochmals Dank an alle Mitdiskutierenden für die zahlreichen Überlegungen und Vorschläge.

      Es scheint mir (und das freut mich sehr), wie wenn wir hier die konstruktive Arbeitsatmosphäre eines Workshops auf das Medium des Internets übertragen konnten. Und ich darf nochmals darauf hinweisen, daß es bei solchem Tun vornehmlich ‘um das Sehen, Argumentieren und Ausprobieren’ geht.

      Eine Diskussion muß auch nicht darin enden, daß ‘nur eine einzig zulässige Bildversion übrig bleibt’. Dazu sind die Geschmäcker und Sichtweisen auch oft zu unterschiedlich, selbst im professionellen bzw. berufenen Bereich: ‘drei Jurys, vier Meinungen’ sage ich dazu aus eigener Erfahrung …

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