Bildbearbeitung:
Schärfung, lokaler und globaler Kontrast – eine Begriffsklärung mit Anwendungsbeispielen (2)

Der nachfolgende Artikel will zu einer Klärung der oben genannten, oftmals etwas widersprüchlich bzw. verwirrend verwendeten Begriffe beitragen und einige praktische Anwendungsbeispiele geben.

Lokalkontrast

Der Lokalkontrast (womit ich also die an anderer Stelle geläufigen Begriffe “Mikrokontrast” bzw. “Klarheit” subsummiere) steht nach meinem Verständnis an mittlerer Stelle zwischen Schärfung und Globalkontrast. Diese Auffassung bezieht sich auf das Verhalten der Parameter “Stärke” und “Radius”, wie ich es nun nachstehend erläutern möchte.

Konzeption

Das Verblüffende ist, daß sowohl die Schärfung wie auch die Verstärkung des Lokalkontrasts mit ein und demselben Instrument erfolgen kann, nämlich dem “Unscharf Maskieren” – es hängt maßgeblich von der Aussteuerung der Parameter ab.

Ich darf nochmals rekapitulieren (und aus dem dritten Teil meinem Tutorials zur Bildschärfung wie folgt zitieren): “Ein guter Ausgangswert bei ‘Unscharf Maskieren’ und ‘Selektivem Scharfzeichner’ sind Bildauflösung / 2 für die Stärke und Bildauslösung / 200 für den Radius. Für die Ansicht am Monitor oder im Internet errechnen sich daraus Werte von 36 bis 48 (72 bis 96 ppi/2) für die Stärke, 0,4 bis 0,5 für den Radius (72 bis 96 ppi/200), für den Tintendruck hingegen Werte von 150 bis 180 (300 bis 360 ppi/2) für die Stärke, 1,5 bis 1,8 für den Radius (300 bis 360 ppi/200).”

Für die Verstärkung des Lokalkontrasts kehren wir nun das “Prinzip großer Stärke und kleinen Radius’” auf den Kopf – ich nenne es deswegen auch “invertiertes USM”: wir erhöhen den Radius etwa auf 100 Pixel, belassen die Stärke bei 25 % und verzichten mit einem Schwellenwert von 0 Stufen auf einen Schutz der feinen Bildstrukturen.

Handhabung

Auf das Beispielbild ohne vorherige Spreizung des Tonwertumfangs bzw. Anhebung und Absenkung einzelner Tonwertbereiche bezogen ergibt sich dann “jener merklich aufgefrischte Eindruck” im nachfolgenden Bild. Doch ist dieser erfreuliche Effekt nicht ohne Tücken. Bei genauem Hinsehen fällt auf, daß die Abbildung der Frau nun silhouettenartig in den Zonen O und I mit geringer Tonwertvariation und ohne Zeichnung angelangt ist, wiewohl ich diese für Zone II (volle Tonwertvariation und geringe Zeichnung) vorgesehen hatte. Für Details solcher Überlegungen darf ich auf meinen Artikel “Das Zonensystem” hinweisen. Hinzu kam, daß sich durch die Prozedur ein deutlicher “Heiligenschein” gebildet hatte, was in der Bildaussage ebenfalls nichts zu suchen hatte.

Hier galt es aus meiner Sicht also noch zu korrigieren – und damit man solche Effekte korrigieren kann, ist es unabdingbar, die USM-Prozedur auf einer Duplikat- bzw. Arbeitsebene des Hintergrunds (Strg+J) durchzuführen; denn so läßt sich die Deckung der Arbeitsebene insgesamt vermindern oder Artefakte mit dem Radiergummi retuschieren. Im besagten Beispiel machte ich Letzteres (“Strukturwiederherstellung der Tiefen unten rechts “) und radierte auch den hellen Randsaum vorsichtig weg.

Invertiertes USM

Invertiertes USM

Die Arbeit am Lokalkontrast ist, wie meine Ausführungen vielleicht erkennen lassen, etwas durchaus Lohnenswertes, aber auch Heikles. Wir können einerseits den Bildeindruck deutlich verbessern, sind aber andererseits sehr schnell im Bereich der Übertreibungen, also des Zeichnungsverlust oder der Artefaktbildung angelangt. Es braucht aus meiner Sicht einige Erfahrung und Behutsamkeit, um diese Werkzeuge unter dem Strich gewinnbringend einzusetzen – fast wie ein Musikinstrument, welches man erst spielen lernen muß.

Es gibt noch andere Ansätze, wie etwa die “deckkraftreduzierte Überlagerung mit weichem Licht” oder die Verrechnung als Pseudo-HDR, die allesamt auf dem Prinzip der abgestuften Kontrastanhebung mit breitem Radius funktionieren, aber eine weitere Aufzählung erschiene mir hier ermüdend.

Statt dessen möchte ich Euch abschließend noch ein gut einsetzbares und weniger artefaktträchtigeres Verfahren zur Verbesserung des Lokalkontrast vorstellen.

Das Instrument “Tiefen/Lichter”

Ihr findet dieses unter dem Menü Bild > Korrekturen > Tiefen/Lichter (da dieses Instrument zu meinem Standardrepertoire der Bildbearbeitung gehört, hat es mich schon öfters gewurmt, daß es hierfür keinen Tastatur-Shortcut gibt).

Es ist ein wenig bekanntes, aber nach meinem Dafürhalten wertvolles Instrument, welches eine Vielzahl behutsamer und wenig artefaktträchtiger Möglichkeiten bietet. Auf die Details der ersten Abteilungen Tiefen und Lichter, jeweils mit Stärke, Tonbreite und Radius will ich hier jedoch nicht eingehen (dazu könnte ich fast einen eigenen Artikel schreiben), dafür auf die Abteilung Korrekturen und dort insbesondere auf den Mitteltonkontrast (einer weitere Variante der “vielen Namen” für den Lokalkontrast). Schaut Euch die Effekte einer entsprechenden Erhöhung um 10 bzw. 20 Einheiten im nachstehenden Bild an und achtet bitte darauf, wie unversehrt die (bei jeder Kontrasterhöhung von Beschnitt bedrohten) Bereiche der extremen Tiefen und Lichter bleiben.

Tiefen / Lichter

Tiefen / Lichter

Fazit

Damit wäre ich nun zum Schluß meiner vergleichenden Betrachtungen zu Schärfung, lokalem und globalen Kontrast gekommen. Ich hoffe, daß die Abgrenzungen bzw. Übergänge und die praktischen Verwendungsmöglichkeiten damit etwas deutlicher geworden sind.

 

3 Kommentare

  1. Hallo Thomas,
    Bei diesem Thema werden wir uns wohl nicht einig werden… Dein Blickwinkel ist die eines Praktikers und Du analysierst wie sich der Kontrast ändert. Ich versuch eher den Filter im Frequenzbereich zu verstehen, also welche Frequenzen werden abschwächt. Ein großer Radius bedeutet ein selektives Verhalten im Frequenzbereich, nur sehr tiefe Frequenzen werden abgeschwächt. Für mich besteht also überhaupt kein Unterschied in der Wirkung, nur der Frequenzbereich ändert sich.
    Interessieren wird Dich vielleicht folgende Seite http://photo.net/bboard/q…ch-msg?msg_id=001Mod in der Winston Chang erklärt, wie er den Plugin unsharp-mask für Gimp implementiert hat: ein Gauss-Filter für die Tiefpassfilterung mit Hilfe einer Faltung (sollte es auch bei Photoshop geben, heißt “Gausscher Weichzeichner” oder ähnlich) und eine anschließende Subtraktion und Gewichtung… also genau so wie es früher analog gemacht wurde.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

  2. Zitat: “Dein Blickwinkel ist die eines Praktikers”

    Du hast Du wohl nicht unrecht. Und auch wenn ich im Erstberuf ja ein naturwissenschaftliches, wenngleich nicht technisches Studium hinter mir habe, habe ich mich in der Spezialisierung irgendwann am geisteswissenschaftlichsten Zipfel wiedergefunden. Ich fürchte, ich werde damit leben müssen :) …

    Aber “Ernst beiseite” … ich habe tiefen Respekt, wenn Leute (so wie Du) da wirklich einen abgrundtiefen Durchblick haben. Andererseits schiene mir “tech talk” für unsere Zwecke (“fotografisches Seminar für anspruchsvolle Digitalfotografen jeder Stufe) doch etwas heikel und zu wenig praxisbezogen.

    • Hallo Thomas,

      „Andererseits schiene mir “tech talk” für unsere Zwecke doch etwas heikel und zu wenig praxisbezogen.“

      Fotografie, und besonders die Digitalfotografie, hat zu mindestens 2 Seiten: die artistisch künstlerische und die technische. Diese sind oft sehr verflochten, ich möchte einfach mal einige praxisbezogene Beispiele aus Deinen Artikeln zitieren.

      - „bei Kameras mit Tiefpaß- bzw. Antialias-Filter immer”. Was bedeutet das eigentlich, Antialiasing, was ist das für ein Filter, kann ich den nicht einfach abschrauben, hat Aliasing vielleicht etwas mit Shannon und dem Abtasttheorem zu tun, warum ist das ein Tiefpass-Filter…
      - „Der Weg zum perfekt ausgearbeiteten Bild und zur anspruchsvollen Fotografie führt gewiß nicht über das JPG-Format mit seinen kamerainternen Automatismen” Was ist eigentlich so schlecht an dem JPG Format, was sind eigentlich Raw Daten, wie entsteht Farbe, was macht eigentlich so eine moderne Kamera intern, warum denn nicht benutzen, was die Kamera mir zur Verfügung stellt…
      - „hat einer eine Idee, was Martin da hätte besser machen können?” Ja, aber warum wird denn ein Bild unscharf bei offener Blende… und warum wird es unscharf bei sehr kleiner Blende? Ist doch irgendwie widersprüchlich, hängt das mit der Qualität meines Objektives zusammen…
      - „Schärfung durch Maskierung der Unschärfe”. Man überlagert eine unscharfes Bild mit einem noch unschärferen, und es wird scharf? Die spinnen doch…

      Ich schätze sehr an Deinen Beiträgen, Thomas, dass Du beide Seiten ansprichst. Es hängt sicher auch mit Deinem Werdegang zusammen. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass man technische Sachverhalte nur mit „tech talk“ erklären kann. Wenn man will, dass Technik das macht was man will, dann muss man sie einfach verstehen, und nicht nur einfach an den Knöpfen drehen bis man mein ein „gutes“ Ergebnis bekommt :->.

      Es ist nicht ganz einfach, Technik allgemein verständlich zu veranschaulichen. Ich erlebe das täglich in meinem Beruf!

      Mit freundlichen Grüßen, Tilman

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