Leserfoto:
Ein Augenblick großer Konzentration und Innigkeit

In der heutigen Bildbesprechung widmen wir uns Fragen der experimentellen Fotografie.

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Ein sehr interessantes, experimentelles Bild hat unsere Leserin Yvette Hummel aus Jena unter dem Titel “Total verZOUKt” zur Besprechung eingereicht. Sie schreibt ergänzend: “Dieses Bild entstand auf dem Zouk-Floor einer unserer Salsapartys. Zouk ist ein in Europa noch relativ neuer Paartanz, der sehr expressiv ist. Dementsprechend schöne Motive können beim Fotographieren entstehen (im Vergleich zur motivisch relativ schnell ausgelutschten Salsa). Ich versuche in meinen Bildern immer, die Stimmung der Tänzer einzufangen. Daher finden auch solche Bilder wie dieses hier Eingang in meine Auswahl. Die Tänzer schauen zwar ernst, gerade das ist für uns Tänzer aber meist ein Gütesiegel für die Qualität des grad erlebten Tanzes – völlige Versunkenheit in die Musik, die Bewegung und das Miteinander mit dem/der Tanzpartner/in.”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D5000 mit Zoomobjektiv 18.0-50.0 mm f/2.8-4.5 verwendet. Die Brennweite betrug 27,0 mm (40 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 0.3 Sekunde (hallo!) bei Blende f/8 und ISO 250. Die Aufnahme erfolgte freihändig und offensichtlich mit einem Mitzieheffekt. Ein Blitz wurde laut Exif-Daten nicht verwendet.

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Yvettes Begeisterung und Ernsthaftigkeit für das dargestellte Thema teilt sich – wie ich meine – in Bild und Text sehr schön mit. Ich persönlich wußte zwar nicht, ‘wo Salsa endet und Zouk beginnt’; und ich meinte auch, in der hochkonzentrierten und innigen Versunkenheit und in der dargestellten Neigefigur (nennt man das so?) eher Elemente des Tangos wiederzuerkennen, aber ‘so what?’ … es mag uns hier eher darum gehen, wie wir eine expressive Szene mithilfe eines emperimentellen bzw. unkonventionellen Ansatzes überzeugend umsetzen können. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition: Wir sind zunächst vielleicht etwas irritiert über die hochdynamische Szene, die sich uns im Bild eröffnet – ein nach rechts kippender Raum, Lichtspuren und vereinzelte Blendenflecke symbolisieren dieses Aspekt. In der weiteren Betrachtung ordnet sich das Ganze etwas, wie nehmen das innig verschlungene und in einem Wendepunkt ihres Tanzes wie eingefrorene Paar wahr. Ein neue Irritation erscheint, da sowohl die Beine der jungen Frau mit den interessanten Strümpfen links unten wie auch das Ensemble der beiden Gesichter mit der gegenseitigen Umarmung als Blickeinstieg konkurrieren. Unser Blick schweift nochmals in die Peripherie, die Überstrahlung im linken Bildteil und die schon erwähnten Leuchtspuren ziehen uns an und lenken wiederum vom Hauptmotiv ab. In der restlichen Erkundung der Bildteile nehmen wir schemenhaft noch Personen im Hintergrund rechts wahr – einen stehenden Mann und eine sitzende Frau. Geradezu surrealistisch mutet die über den Kopf der jungen Frau erscheinende linke Hand an, die wir (ich zumindest; Ihr auch?) mit dem jungen Mann verknüpfen – wie ein Teil einer konventionellen Haltefigur, doch kontert sie seine Hand nicht. Hm, rätselhaft – er wird ihr ja wohl keine Ohrfeige verpassen wollen?! Jetzt wird es klarer, es ist die Hand des schemenhaften Tänzers im rechten Hintergrund, die dieser gerade in Kopfhöhe führt!

Tonwerte: Ein sehr hoher Dynamikumfang zeichnet sich im Bild ab, der mit dem Sensor dieser Kamera nicht mehr erfaßt werden konnte. Wir finden viele zugelaufene Schatten und ausgebrannte Lichter.

Farben: Gelb- und Rottöne dominieren das Bild, unterbrochen von den Blautönen in der Kleidung des jungen Mannes.

Struktur: Die Peripherie bleibt durch die lange Belichtungszeit und die Mitziehelemente vage, während sich die Gesichter und Arme der Protagonisten sehr klar darstellen.

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Zusammenfassung: Es ist auch in der Fotografie immer begrüßenswert, ‘ausgetrampelte Pfade zu verlassen’ und Neues zu probieren. Dies hat Yvette versucht und dafür gebührt ihr unsere Ermunterung. Und wir mögen anerkennen, daß sie die Szene nicht ‘totgeblitzt’ hat, wie es unzählige andere getan hätten (à la fünf Millionen ‘Szenebilder mit überstrahlten Vampirgesichtern’). Zudem ist für uns erkennbar, daß sie planvoll und gestalterisch an die Szene heranging, sich also überlegte, wie sie diesen ‘Augenblick innigen Stillstandes in einer bewegten Umgebung’ gut visualisieren könnte.

Doch andererseits bleibt ihre Bildsprache zu konventionell, die zahlreichen Ablenkungen durch die Überstrahlungen, Lichtspuren, Blendenflecken, Rolläden und Hintergrundpersonen (Geisterhand!) schwächen das Bild. ‘Durchgeknallte Szenen brauchen eine durchgeknallte Bildsprache’, könnte man vielleicht salopp sagen. In diesem Sinn habe ich einmal eine Bearbeitung (siehe Bild unten) versucht mit …

1. einem Beschnitt zum Quadrat, um die störenden Elemente zu vermindern,
2. einem ‘Pseudo-Lensbaby-Look’ (neue Ebene mit Bewegungsunschärfe, die bildwichtigen Motive dann herausradiert), um die Akzentuierung auf den Gesichtern und Armen zu belassen und eine Art ‘bereinigter Dynamik’ wieder in die Peripherie einzufügen,
3. einer simulierten Cross-Entwicklung, welche die Farben ein bißchen akzentuiert, verschiebt und harmonisiert (‘LSD-Look’?) sowie
4. einer Filmkornsimulation mit ISO-400-Entsprechung, um die Dynamik der Szene weiter zu betonen.

Nur als Vorschlag, in welche Richtung das gehen könnte und als Ermunterung, hier nicht auf halben Wege stehen zu bleiben. Generell möchte ich Yvette auch empfehlen, solche Themen nicht nur ‘von Einzelbild zu Einzelbild’, sondern im Sinne einer längerfristigen Konzeptfotografie anzugehen (also Bildserien zu machen) – ein solcher Ansatz betont das ‘persönliche Ringen um eine angemessene Ausdrucksform für bestimmte Themen’ (vulgo ‘künstlerisches Streben’) und mindert den Erfolgsdruck beim Einzelbild (die Vorstellung eines unvermeidlichen Bildausschusses ist dann nicht mehr so kränkend).

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Bearbeitung

Bearbeitung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Kommentare

  1. Vielen Dank für die Bildkritik!
    Eine irrtümliche Annahme, die wohl schlicht daraus entstanden ist, dass ich es nicht angegeben habe, möchte ich noch ausräumen: Das Bild wurde mit indirektem Blitz aufgenommen. Da dieser jedoch kein TTL besitzt, steht er nicht in den EXIFs.

    Gruß
    Yvette

    • Danke für dies Info. Ich war ja über die komplexe Mitziehbewegung schon etwas ins Grübeln gekommen :o) …

      In Hinblick auf meine Bildanalyse und die Überlegungen zur Ausarbeitung ändert dies aber nichts.

  2. Verstehe ich Dein Bild richtig, Yvette? Du hast eine lange Belichtungszeit eingestellt, die Kamera schnell bewegt und in dieser Bewegung den Blitz ausgelöst? Erklärt sich so der Eindruck der Bewegung (nicht des Paares, sondern des Hintergrunds)?

    • Die Frage nach “erstem oder zweitem Vorhang” läßt sich alleine vom Bild her m. E. nicht beantworten, da die Protagonisten nur mittelbare Lichtquellen sind und insofern keine eigenen Leuchtspuren erzeugen. Es wäre aber schön, wenn wir auch noch über Yvettes Gestaltungsansatz diskutieren könnten …

    • „Yvettes Gestaltungsansatz“ Das ist genau der Punkt, Thomas. Der Gestaltungsansatz ist für mich… angenommen ich habe mit meiner Vermutung Recht… das Überlagern zweier Bilder. Das eine kommt durch die Bewegung der Kamera zustande, man sieht hauptsächlich die Lichtquellen (hier http://sdrv.ms/15FuWdk mal ein Beispiel, das mein 7 jähriger Sohn gemacht hat, Belichtungszeit 2s, Kamera bewegen war mal ziemlich „in“ bei uns :-). Aber dann noch das zweite Photo im Photo, einen Augenblick durch den Blitz festhalten. Das ist für mich der Ansatz! Und ich finde die Idee und das Resultat genial! Klare, scharfe Tänzer und viel Bewegung. Das ist wie ein Taumel :->. Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Danke für die Lorbeeren, Tilman :)

  3. Na dann melde ich mich doch nochmal und kann ja gern mein Foto noch einmal etwas genauer erklären.

    Also, erst nochmal zum Blitz: Ich blitze auf dem ersten Vorhang, da die Zeitfenster für ein gutes Motiv bei den Tänzern extrem kurz sind. Bei Zouk mit eher langen, getragenen Bewegungen geht das noch, bei Salsa nicht mehr. Da habe ich im Wesentlichen Haken schlagende Hasen vor mir und muss quasi schon abdrücken, wenn ich weiß, was das Paar gleich machen wird (ich kenne ja den Tanz und seine Figuren). Daher 1. Verschlussvorhang.

    Die Lichtspuren:
    Da musste ich beim Lesen der Kritik besonders schmunzeln, denn die waren gewollt. Ich liebe es ansich, meine fotographierten Paare in einen Lichtschleier zu packen, was ich mir so ein bisschen von Valentin Behringer versucht habe, abzugucken. Ich finde das jedenfalls sehr schick, habe aber durchaus auch gemerkt, dass da die Meinungen auseinander gehen.

    Was den Beschnitt angeht: Da habe ich ewig mit mir gerungen. Ich könnte mich ärgern, dass das Bild von vornherein etwas schief geraten ist. Wenn ich es aber soweit drehe, dass es grade ist, geht mir ein Teil von Sandra (der Tänzerin) flöten und gerade den Aspekt, dass sie komplett im Bild sichtbar ist und eine Diagonale bildet, fand ich so reizvoll. Daher gefällt mir der Beschnit zum Quadrat auch nicht so sehr, weil er eben genau dieses Element nimmt.

    Zum Thema Bildserien: In der Regel gehe ich 2-3 mal pro Abend durch den Raum und schieße von jedem Paar ca. 5-6 Aufnahmen, ohne diese gleich anzugucken. Ausgesiebt wird dann erst zuhause. Seit ich mit relativ geschlossenen Blendeneinstellungen arbeite, habe ich weniger Ausschuss, da mit offener Blende mein größtes Problem immer der falsch gesetzte Fokus war. Meist war die Wand hinter dem Paar scharf -.- Für rein manuelles Fokussieren unter diesen Bedingungen (hakenschlagende Hasen) bin ich einfach noch viel zu langsam und ungeschickt.
    Wenn mich der Bildausschuss kränken würde, hätte ich die Kamera wohl gleich nach der ersten Session in die Ecke gefeuert :D Wenn ich aus einem Abend 50% veröffentlichbare Bilder rausbekomme, bin ich schon mehr als glücklich!

    Gruß!

    • Was bei Deinem Vorbild (Valentin Behringer) auffällt, ist, daß er öfters Anschnitte zum Knie- bzw. Hüftbild verwendet, was die Paare mehr ins Blickzentrum bringt. Sie sind auch heller gezeichnet, so daß es sich nicht nur um einen Aufhellblitz zu handeln scheint. Auch kontrolliert er den Hintergrund im Sinne weniger Lichtquellen mehr, so daß hier durchaus einige gewollte, aber nicht allzu viele dynamische Ablenkungen resultieren.

  4. Hallo Yvette,

    mir gefällt Dein Bild, wie es ist. Ich finde die Lichtspuren gut (vielleicht eine weniger), mir gefällt die Szene, die Du einfangen hast. Die einzige Kritik, die mir noch einfällt: das Paar blickt nicht in die Kamera. Ich kenne diesen Tanz nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass auch beim “Zouk” das Paar in die Kamera gucken könnte. Ansonsten: Chapeau!

    • Danke für das Lob :)
      Auf vielen meiner Bilder gucken die Paare, oder zumindest einer von beiden, auch in die Kamera. Beim Zouk auch manchmal. Gerade bei so engen Tanzhaltungen wie auf dem Bild geschieht das aber meistens nicht.
      Einige Tänzer sind auch regelrecht “kamerafixiert”: Sobald ich auftauche, wird nur noch in die Linse gegrinst und sich am Platz bewegt. Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir das meistens so gar nicht. Die Fotos sehen dann nicht wie die Beobachtung eines unbeteiligten Dritten, sondern wie gestellte Werbebilder aus. Lachende und lächelnde Gesichter sind natürlich trotzdem das Non-plus-ultra bei der Darstellung der tanzverursachten Lebensfreude, da hast du recht :)

      Gruß

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