Leserfoto:
Vintage-Look

In der heutigen Bildbesprechung befassen wir uns mit einigen grundsätzlichen Fragen der (digitalen) Schwarzweißfotografie.

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Unser Leser Alexander Dewor aus dem schweizerischen Weinfelden hat uns das obige Bild unter dem Titel “Bauernhaus im Appenzell” zur Besprechung eingereicht und um eine Rückmeldung hinsichtlich der Bearbeitung und Komposition gebeten.

Er schreibt: “Bei einer Wanderung im Appenzell bin ich an diesem alten Hof vorbei gekommen und dachte mir dass sich dieses Motiv sehr gut für ein Schwarz-Weiss Bild mit einem gewissen Vintage-Look eignen würde. Bei den Antennen/Blizableitern auf dem Dach bin ich etwas unschlüssig gewesen ob ich sie per Photoshop entfernen soll, habe mich aber dann dagegen entschieden weil sie nun einmal zu dem Haus dazu gehören. Am Strommast vor dem Haus habe ich allerdings 2 weisse Isolatoren entfernt da sie die Struktur der Schindelfront ziemlich stark gestört haben … Als ziemlicher Neuling im Bereich Fotografie und Bildbearbeitung wäre ich um eine Profikritik hinsichtlich Bearbeitung und Komposition sehr dankbar … Liebe Grüsse, Alex”

Zur Aufnahme wurde eine Olympus u740,S740 mit integriertem Objektiv verwendet. Die Brennweite betrug laut Exif-Daten 6,4 mm (da ich den Formatfaktor nicht kenne, kann ich hier hierzu kein Kleinbildäquivalent angeben), die Belichtungsdaten waren 1/400 Sekunde bei Blende f/3,3 und ISO 80 – bei solchem Setup dürfen wir wohl an die Verwendung einer Belichtungsautomatik denken.

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Als eingefleischter Schwarzweißfotograf freut es mich natürlich, wenn sich auch fotografische Neueinsteiger (als den sich Alexander selber bezeichnet) für eben die Schwarzweißfotografie begeistern können und sich in diesem Bereich Fertigkeiten aneignen wollen. Wir wollen auf diesen Aspekt zum Abschluß hin noch zurückkommen. Doch betrachten wir zunächst wieder systematisch die grundsätzlichen Bildelemente …

Komposition: Nach gängiger Erfahrung sind es die besonders kontrastreichen bzw. tonal hervorstechenden Bildteile, welche den Blickeinstieg markieren. In diesem Sinne wären die beiden angeschnittenen Bäume am linken und rechten Bildrand anzuführen, und wir erkennen darin vielleicht schon eine gewisse Problematik, daß das eigentliche Hauptmotiv des Bauernhauses nicht richtig zum Tragen kommt. Des weiteren nehmen wir zwar eine Staffelung des Raumes im Sinne von Vordergrund / Wiese, Mittelgrund / Bauernhaus sowie Hintergrund / Berge wahr, doch entsteht aufgrund der geringen Tonwertunterschiede kaum ein Eindruck räumlicher Tiefe.

Tonwerte: Die angeschnittenen Bäume bewegen sich in den Zonen I und II, während der Großteil von Wiese, Haus und Bergen in den Zonen II bis V angesiedelt ist. Der Weg wird durch die Zonen VI bis VIII, der Himmel durch die Zonen VIII bis IX markiert.

Feinstruktur: Hier ist aufgrund der verwendeten Ausrüstung nicht viel zu holen – leider, denn so fällt die Verwaschenheit des Hauses, mehr noch der Wiese im Vordergrund sehr ins Gewicht (trotz der bei Kompaktkameras üblicherweise sehr hohen Schärfentiefe).

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Zusammenfassung: Die Grenzen der oftmals recht bescheidenen Abbildungsleistung solcher Kompaktkameras sind hier wie beschrieben (Feinstruktur) erreicht. Wenn Alexander schon mit dem teuren Photoshop arbeitet, wird er sich bei ernsthaften Interesse sicher überlegen, ob er ausrüstungsmäßig nicht in den Bereich klassischer Spiegelreflex- oder neuerer Systemkameras einsteigen will – der Vergleich in der Abbildungsleistung könnte einem ‘Erweckungserlebnis’ gleichkommen …

Bei rechtem Licht betrachtet ist die Schwarzweißfotografie etwas sehr Schönes, da sich in solcher Weise Strukturen, Tonwerte und Stimmungen ansehnlich darstellen und die gesehene Wirklichkeit abstrahieren, verdichten und übersetzen läßt; doch ist sie (die Schwarzweißfotografie) auch etwas Forderndes, was Geduld und Akribie benötigt. Mit der einfachen Umwandlung in Graustufen oder der Anwendung irgendeiner ‘App’ ist es leider nicht getan – das führt regelmäßig zu einer ‘mittelgrauen Melange’ und wird etwa durch die Sepiatonung i. S. eines ‘Vintage-Look’ noch verstärkt, Stattdessen ist die subtile Aussteuerung der verschiedenen Farbkanäle gefragt (ein Tutorial dazu ist geplant), um die Kontraste ansehnlich darzustellen – und das ist durchaus vergleichbar mit der Herausforderung, ein ‘Musikintrument spielen zu lernen’. Moderne Schwarzweißfotografie sollte sich meines Erachtens nicht darauf beschränken, orthochromatische Filme alter Tage zu imitieren.

Zur Frage der Entfernung von Antennen, Blitzableitern und Isolatoren gibt es meines Erachtens mehr wie eine zulässige Antwort. Man kann so argumentieren, daß man ‘im Sinne des zeitlosen Bildes den ganzen Zivilisationsmüll am liebsten entfernen wollte’. Das kann man machen, möglicherweise landet man dann aber irgendwann bei der nicht mehr ganz zeitgemäß wirkenden (vulgo ‘kitschigen’) Fortschreibung eines Spitzwegschen Idylls. Oder man kann bewußt die Brüche zwischen grandioser Landschaftsanmutung und zivilisatorischer Verbauung im Sinne eines ‘gebrochenen Idylls’ suchen und abbilden, wie es mein Freund und Fotografenkollege Torsten Andreas Hoffmann etwa in seiner Serie ‘Janusblicke’ einmal auf sehr reizvolle Art tat.

Abschließend möchte ich gerne noch auf einige Prinzipien guter Komposition zurückkommen. Das Tableau ‘Bauernhäuser mit Wiesen vor nebelverhangenen Bergen’ ist außerordentlich reizvoll und ergiebig. Viele tolle Fotos wurden in diesem Sinn schon gemacht, und auf weitere dürfen wir hoffen. Konkret würde ich empfehlen, das Augenmerk auch auf die Randbereiche des Bildes zu richten. Das fällt Einsteigern erfahrungsgemäß besonders schwer, weil sie zu fasziniert und gefangen von eigentlichen Motiv sind – doch lohnt solche Mühe, weil die ‘klassischen Ablenker’ wie angeschnittene und kompositorisch nicht eingebundene Bäume oder hineinragende Zweige rasch einen amateurhaften Eindruck vermitteln. Lohnend ist es auch, sich ein Konzept zu machen und die Anzahl der Bildelemente gering zu halten – dies könnte hier etwa lauten: “ich versuche, das Bauernhaus ohne ablenkende Elemente und etwas zur Seite versetzt ansehnlich in den Vordergrund zu bringen und dieses dann durch die Berge im Hintergrund dramatisch einzurahmen …”.

Und bei der Motivsuche unbedingt Zeit lassen – das geht nicht im Vorübergehen! Versucht ruhig einmal, ‘das Motiv nicht nur zu sehen, sondern mit allen Sinnen – Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen usw. – zu erfassen’ (auch dazu ist ein Tutorial geplant)! Der bekannte britische Landschaftsfotograf Michael Kenna drückte es in einem Video sinngemäß einmal so aus: “und wenn ich mich dann eine Stunde mit einem einzigen Baum beschäftigt und diesen von allen Seiten erforscht habe …”.

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Erst einmal herzlichen Glückwunsch, Alexander. Ein wirklich tolles Bild.
    Mir gefällt, wie Du die Stimmung eingefangen hast. Ein altes, teilweise schon etwas verrottetes Haus, eine wunderschöne Landschaft, ein sehr guter Hintergrund mit dem Nebel… klasse! Die Unschärfe tut dem kein Abbruch. Wie auch Thomas (ein sehr interessante Kritik, danke!) finde ich die Bäume unpassend. Die Blitzableiter sind fast schön, den Strompfahl hätte ich wohl vollkommen wegretuschiert.
    Aber am meisten interessiert mich die Wirkung des Vintage-Look. Auf der einen Seite gefällt er mir, er unterstreicht die Stimmung. Ich finde ihn auf der anderen Seite übertrieben, zu kräftig, zu aufdringlich. Ich habe mal das Bild in schwarz/weiss angeschaut, ist irgendwie auch enttäuschend. Deswegen habe ich mal ein Experiment gemacht (leider viel zu schnell…), in dem ich selektiv die Farbsättigung des Himmels verringert habe http://sdrv.ms/18kCGOH.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Danke für die Kritik. Ich habe mir das Bild von Tilmann mal angeschaut und muss sagen dass es mir viel besser gefällt. Ich werde mal noch ein anderes SW Bild zur Kritik einreichen. Bei diesem Bild habe ich die Umwandlung in SW mit Photoshop gemacht und eine Spiegelreflex verwendet. Würde mich interessieren ob ich auf dem richtigen Weg bin. (Photoshop verwendet meine Frau für berufliche Zwecke, ansonsten hätte ich es wahrscheinlich nicht :-))

      Liebe Grüsse Alex

  2. lieber Alex, das appenzeller Idyll gefällt mir – aber ich denke, im klassischen, etwas härteren schwarz/weiss (nicht sepia) wäre es vermutlich ausdrucksstärker. Aber die Stimmung ist “stimmig” – denn:
    lieber Thomas, ich kann den Nebel riechen und die Feuchtigkeit spüren! Fotografieren mit allen Sinnen – das wäre das ZIEL.

    • „den Nebel riechen und die Feuchtigkeit spüren“
      Genau das empfinde ich auch… und ich denke, dass die Sepia Färbung dieses Gefühl unterstreicht. Hast Du Dir mal das Bild in Schwarz-Weiß angeguckt, Jacqueline? Ich empfinde, dass genau dieser Aspekt verloren geht.
      Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Dazu kann ich zwei kontroverse Haltungen in der Schwarzweißfotografie zitieren …

      Haltung 1: “Die Tonung bringt die atmosphärischen Qualitäten der Schwarzweißfotografie zur Geltung”

      Haltung 2: “Wenn eine Schwarzweißfotografie überwiegend durch Tonung wirkt, stimmt etwas im inneren Bildaufbau nicht”

      Letztlich bleibt es dem Geschmack des Betrachters vorbehalten. Bei meinen eigenen Arbeiten neige ich eher zur zweiten Haltung (ich printe mit minimalen Sepiaton, was überwiegend dem Papier – warmtoniges Ilford oder Hahnemühle – geschuldet ist) und empfehle beim Einstieg in die Schwarzweißfotografie, das Augenmerk zunächst auf die ‘inneren Qualitäten’ des Bildes zu richten. Zu bedenken ist auch, daß eine übermäßige Tonung den Kontrastumfang und die Plastizität des Bildes einschränkt – es ‘verseift’ …

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