Fotoausrüstung:
Lensbaby-Objektive (2)

In der Reihe “Fotoausrüstung” möchte ich Euch ein ganz besonderes Objektiv vorstellen. Es scheint uns ebenso beglücken wie in den Wahnsinn treiben zu wollen – doch lest selbst … im heutigen zweiten Teil geht es um die Aufnahmesteuerung und zwei Beispielbilder.

 
Aufnahmesteuerung

Da Lensbaby-Objektive mangels entsprechender Kontakte ihre Einstellungen nicht zur Kamera übertragen, muß man sich bei der Aufnahmesteuerung ein wenig umgewöhnen bzw. rückbesinnen.

Für die Bemessung des Lichteinfalls bleibt die “manuelle Einstellung” oder etwas komfortabler die “Blendenvorwahl”. Letzteres klingt paradox, da ja wie gesagt keine Information über die verwendete Blendenöffnung übertragen wird, doch in der Praxis (ich habe entsprechende Erfahrungen mit Canon DSLR) funktioniert es einigermaßen. Eine manuelle Belichtungskorrektur wird öfters vonnöten sein, da dieses Setup eine Tendenz zur Überbelichtung hat und dies auch beim Lensbaby recht unschön wirkt. Ein Abblenden um 2/3 bis 4/3 Blendenwerte ist nach meiner Erfahrung ein guter Ausgangswert, zumal sich in der digitalen Nachbearbeitung die Details in den Schattenbereichen noch herausarbeiten lassen, während die ausgebrannten Lichter tote Bereiche sind. Die Einstellung “Auto-ISO” ist zu erwägen, um sich (gerade in flüchtigen Streetsituationen) nicht auch noch um eine verwacklungssichere Belichtungszeit (Umkehrwert der Brennweite, also mindestens 1/50 Sekunde bei kleinbildäquivalenter Brennweite von 50 mm) kümmern zu müssen.

Die Verkippung und Scharfstellung erfordert einige Übung und ist das, was uns “am ehesten in den Wahnsinn treiben kann”. Fast ein Ding der Unmöglichkeit war es bei den ersten Baureihen mit einem beweglichen Balgen. Deutlich leichter geworden (fast komfortabel) ist es bei den späteren Modellen mit Tubus und Kugelgelenk. In der Praxis empfiehlt es sich, zunächst die Verkippung (und damit den “sweet spot”) auf den gewünschten und bildwichtigen Teil einzustellen und dann erst manuell zu fokussieren, da mit der Verkippung auch der Bildausschnitt verrutscht.

Bildbeispiele

Ich möchte zwei Bilder aus meinem Streetportfolio herausgreifen, um daran Möglichkeiten und Wirkungen von Lensbaby-Bildern aufzuzeigen. Statt diese selbst zu kommentieren, möchte ich lieber Florian Adler zu Wort kommen lassen, der die Bilder in den Ausgaben 84 und 85 des Magazins “Schwarzweiß” rezensierte.

Bild 6: "Entfremdet"Zum nebenstehenden Bild “Entfremdet” schreibt er: “Unser Leser hat ein sehr skurriles Foto zur Diskussion und Analyse eingesendet. Da gibt es das verblüffende Wechselspiel aus Realem und Spiegelung, das durchaus zu verwirren vermag. Thomas Brotzler fotografiert ein Sakko in einer Schaufensterauslage. Leicht schräg von der Seite bringt das Sakko eine gewisse formale Spannung. Gut platziert ist auch die Fensterschnittstelle, die, aus der der Mittelachse weit nach links versetzt, das Bild vertikal teilt. Doch nun wird es spannend: Es sind die Spiegelungen in den Scheiben, die das Besondere in diesem Bild ausmachen. Genau beobachtet unser Leser das Motiv und findet den entscheidenden Moment, in dem ein anonymer Mann kleinformatig, scheinbar ins Jackett integriert, zu erkennen ist. Dazu werden auch noch ein Straßenverlauf und Autoparkbuchten sichtbar. Auch die überstrahlten weißen Abgrenzungen im linken Bildteil und dem unteren Bildbereich bewirken eine seltsame Szenerie, die vom Bildautor wirksam und geheimnisvoll anmutend miteinander verbunden werden. Schaufenster, mit ihren Auslagen und vor allem mit ihren Glasspiegelungen, garantieren unendlich viele Motive. Allerdings muß man sich mit ihren sehr konzentriert auseinandersetzen, um wirklich alle Feinheiten und Seltsamkeiten zu entdecken. Vielleicht erreichen die Redaktion in Zukunft weitere Aufmerksamkeit erregende Arbeiten zu diesem Thema.”

Bild 7: "Mondäne Welt"Zum nebenstehenden Bild “Mondäne Welt” schreibt er: “Ein weiteres, auf den ersten Blick seltsam anmutendes Foto hat unser Leser Thomas Brotzler eingesendet. Er ist Psychotherapeut und so interessieren ihn Zwischenwelten, auf die er trifft. Diesmal findet er sein Motiv in einer Schaufensterauslage. Das zu beobachtende Wechselspiel aus Schärfen und Unschärfen fasziniert. Aus dem Vordergrund führt eine abgerundete Form in den Bildhintergrund. Daß diese Form nicht scharf gezeichnet ist, stört hier nicht. Vielmehr trägt sie bei zu einem geheimnisvoll anmutenden Bildinhalt. Die Bewegung weist auf zwei Schaufensterpuppen in linken oberen Bildbereich. So ist größtmögliche formale Spannung erzielt und eine eindeutige Ausrichtung des Bildbetrachters. Neben der unscharfen Form, die in den Bildhintergrund führt, fallen die durch Lichtbrechungen in den Schaufenstern ebenfalls unscharf wirkenden Architekturelemente auf. So ist auf eine sehr unwirklich anmutende Welt verwiesen, die ziemlich unkonkret bleibt. Das öffnet natürlich dem Betrachter des Bildes unzählige Assoziationen, die vom Bildautor durchaus angestrebt sind. Es bleibt das Wechselspiel aus realer Welt und verfremdeter Welt. Der Fotograf manipuliert hierbei nicht, sondern greift zurück auf Vorhandenes. Es gibt so manchen Fotografen, der mit komplizierter Verschiebetechnik an der Kamera solche Bildeindrücke manipuliert, um an ähnlich geheimnisvolle Bildaussage zu gelangen, Unser Leser greift bei seiner Auseinandersetzung mit der Welt nur auf Vorhandenes zurück. Und vielleicht liegt gerade hier die Stärke seiner Arbeit.”

Fazit

Mit dem “Instrumentenvergleich” in der Einleitung hatte ich ja schon eine persönliche Einschätzung angedeutet. Ich will dies noch ein wenig weiterführen …

Das Lensbaby ist mir in Teilen meiner eigenen fotografischen Tätigkeit (insbesondere im Bereich der Streetfotografie) durchaus wichtig. Aber ich würde es nicht uneingeschränkt jedem empfehlen, da ich aus eigener Erfahrung ziemlich gut weiß, wie schnell sich “Spaß- und Spielzeugfaktor” verflüchtigen können. Danach wartet eine längere, bisweilen frustüberlagerte Phase, um dieses Objektiv mit seinen für heutige Tage ungewohnt hohen Anforderungen auch in flüchtigen Situationen sicher bedienen zu können. Allzu schnell wird “das Teil dann in die Ecke fliegen und nie mehr hervorkommen”, und dafür wäre die Anschaffung dann doch etwas teuer.

Ich arbeite derzeit mit der “Double Glass Optic” und der “Sweet 35 Optic” am “Composer Pro” in Verbindung mit einer Vollformatkamera. Eine Aufrüstung mit der “Edge 80 Optic” kommt für mich persönlich nicht in Frage – zu sehr scheint Lensbaby damit in den Bereich der richtigen Tilt-Shift-Objektive vordringen zu wollen. Aber das geht für mich nicht auf, da verwende ich lieber meine richtigen Tilt-Shift-Objektive.

Mittlerweile verspüre ich übrigens gegenüber dem landläufigen Begriff “Spielzeugwelten” eine milde Allergie. Das dafür typische “wir knipsen jetzt mal von erhöhtem Standpunkt in die Menge hinein, und zack haben wir Fotokunst gemacht” ist nach meinem Dafürhalten schon ein wenig zu oft reproduziert und kopiert worden, um wirklich noch als kreativ gelten zu können. Aus meiner Sicht besteht (wie so oft in der Fotografie) die Herausforderung darin, neue Sichtweisen und Blickwarten zu entwickeln …

 

3 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen 2. Teil des Artikels. Es war für mich sehr interessant zu lesen, wie Du das Objektiv künstlerisch einsetzt. Und welche Erfahrungen Du damit gemacht hast. Die beiden Bilder gefallen mir sehr gut. Du hast aus Deiner Galerie http://goo.gl/waTLI 2 Bilder ausgesucht, die einen komplexen Bildaufbau (Spiegelung/Durchblick durch das Schaufenster) besitzen. Hier empfinde ich die Unschärfe als „natürlich“ und bereichernd. Mit freundlichen Grüßen, Tilman

  2. Ich hatte auch mal so ein Objektiv an der alten Canon EOS 400D. Nach anfänglicher Begeisterung stellte sich aber schnell die nüchterne Wahrheit ein. Weil man definitiv nur stillstehende Motive oder sich leicht bewegende mit viel Übung ablichten kann. Nachdem ich die Kameramarke gewechselt hab, hab ich mir aber keins mehr gekauft, da es nur noch als “Platzfüller” in der Fototasche rumlag.
    Aber für denjenigen den´s gefällt und der damit Sicher umgehen kann ist es das Höchste da man echt abgefahrene Foto´s realisieren kann.
    schönen Gruß, Andreas

    • Zitat: “Nach anfänglicher Begeisterung stellte sich aber schnell die nüchterne Wahrheit ein.”

      Siehe zweiter Absatz meines Fazits. Das Ganze wird aus meiner Sicht auch zu sehr als ‘tolles Spielzeug’ beworben. Tatsächlich sind es Objektive, die einer geduldigen und mühsamen Aneignung bedürfen (wobei die Mühe aus meiner Sicht lohnt). Die Bedienung konventioneller Tilt-Shift-Objektive ist demgegenüber ein Kinderspiel …

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