Leserfoto:
Ein Schwindelbild

In unserer heutigen Besprechung beschäftigen wir uns mit Aspekten psychologischer Bildwirkung.

***

Unser Leser Tilman Jochems aus dem nordrhein-westfälischen Kreuztal hat uns das obige Bild unter dem Titel “Circular” zur Besprechung eingereicht.

Fast meint man einen ‘erstaunten Schrecken über die Wirkung seines eigenen Bildes’ herauszuhören, wenn er ergänzend schreibt: “Dieses Foto habe ich für einen englischen Fotowettbewerb gemacht (Circular/myFinepix). Mein Ziel war, ein Fahrrad zu fotografieren. Das Resultat entspricht nicht ganz der Wahrheit – es ist sozusagen fast alles ‘erstunken und erlogen’ – die Bearbeitung hat aber unheimlich Spaß gemacht. Was ich interessant finde, aber bis heute nicht erklären kann, ist, warum ein Bild, was zu 95% unscharf ist (mit Absicht), trotzdem betrachtet wird.”

Zur Aufnahme wurde eine Fujifilm FinePix HS10 HS11 als Bridgekamera mit integriertem 4.2–126.0-Zoomobjektiv verwendet. Die Brennweite betrug 13.8 mm (~79 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von ~5.7), die Belichtungsdaten waren 1/640 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 100.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente …

Die Komposition ist übersichtlich und gefällig. Das in seinem Zentrum etwa im Goldenen Schnitt liegende Vorderrad eines Fahrrads markiert den Blickeinstieg und zugleich das motivische Zentrum. Der Blick ergänzt das Vorderrad zunächst zum Fahradtorso mitsamt einem linken Rand angeschnittenen Unterschenkel des Fahrers. Schließlich fällt noch im Hintergrund, wie eine zweite Ebene quasi, eine Kuhherde ins Auge – “ni chat ni fille”, Tilman versteht die Andeutung :) …

Die Tonwerte sind ausgewogen, das Histogramm zeigt sich mittenbetont. Die Farben sind lebhaft, der ganze Farbkreis wird durchschritten.

In Hinblick auf die Feinstruktur fällt uns sogleich jener Schärfekreis auf, der mit dem motivischen Bildzentrum des Vorderrads zusammenfällt. Von dort ausgehend nimmt die Schärfeanmutung rasch ab, um sich in solch verschwommener Zeichnung bis zu den Bildrändern fortzusetzen. Des weiteren fallen uns radiale Bewegungsspuren, ebenfalls vom Vorderrad ausgehend, auf.

***

Spannend ist die Frage, wie bzw. wodurch dieses Bild wirkt – eine psychologische Fragestellung also. Ich möchte dazu folgende Hypothesen aufführen …

1. Es mag fast banal klingen: ein Foto, welches den Fotografen stark berührt, hat wohl das Zeug dazu, auch die Herzen der Betrachter zu bewegen.
2. Ein Bild mit einer guten Mischung aus Vertrautem (hier: das Rad, die Kuhherde) und Fremdem / Befremdendem (hier: was hat das Rad mit der Kuhherde zu tun? Woher rührt diese ungewöhnliche Schärfeverteilung?) wird beim Betrachter oft gut ankommen – hier kann er sich einerseits auf sicherem Terrain finden und zugleich Neues entdecken. Ist ein Bild nur vertraut, wirkt es langweilig; ist es nur befremdend, wirkt es verstörend bzw. abstoßend.
3. Die nach außen zielenden Bewegungspuren mitsamt dem ungewöhnlichen Schärfeverlauf bringen eine starke Dynamik hinein, sie übersetzen die Bewegung wie einen Achterbahneffekt in das statische Bild und provozieren in der Betrachtung ein leichtes Schwindelgefühl.

Ganz im Sinne unseres Anspruchs als ‘als fotografisches Seminar für anspruchsvolle Digitalfotografen’ möchte ich fragen: “hat einer von Euch eine Idee, wie Tilman das mit der Unschärfe und den Bewegungspuren gemacht hat?” Tilman weiß es, ich auch; aber wir verraten es noch nicht :) …

Und abschließend: muß Tilman Skrupel wegen der ihn selbst so verblüffenden Wirkung seines Bildes haben? Ich meine: nein. Der Montage- und starke Bearbeitungscharakter des Bildes ist klar erkennbar, kaum jemand müßte dies wohl für bare Münze und schlichte Realität halten. Und falls er sich grämt, daß die Leute sich in solcher Weise foppen lassen? Gemach, wir Menschen und unser optischer Apparat (Auge, Sehrinde) sind einfach täuschungsbereit, wie viele lustige Experimente belegen.

***

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

22 Kommentare

  1. Hallo Thomas und Tilman,

    ein wirklich lustiges Beispiel für eine „bricolage“ mit den Möglichkeiten der Bildbearbeitung, bei dem ich mir erst einmal die Augen reiben musste – vielleicht lag‘s an der falschen Brille? Nun bin ich nicht unbedingt ein Freund von diesen Effekten, aber wenn solche Fotos auch zu Wettbewerben eingereicht werden können, muss ich doch einmal herzlich lachen – und das ist jetzt gar nicht abfällig gemeint, denn Fotografie sollte ja nicht immer so bierernst genommen werden.

    Ich bin kein Meister in Photoshop & Co. und auch kein Freund aufwändiger Postproduktionen, weswegen ich bei diesem Bild mit meinen bescheidenen Kenntnissen nur spekulieren kann, wie es entstanden ist: Zunächst könnte es sich hier durchaus um zwei Fotos handeln – Kühe im Hintergrund, Fahrrad im Vordergrund –, die einfach ineinader montiert wurden. Mit dem Auswahlwerkzeug wird anschließend in Photoshop der 
Reifen (Speichen) kreisförmig markiert, um ihn von der weiteren Bildbearbeitung auszuschließen. Schließlich fügt man für die restlichen 90% der Bildanteile oder partiell (Fahrradtorso mit Bein) etwas Bewegungsunschärfe hinzu und obendrein noch eine wohldosierte Prise radialen Weichzeichner, der strahlenförmig um das Vorderrad des Bikes gelegt wird. … Fertig wäre der Bastelspaß. 
Mich würde mal interessieren, ob denn das Bild bei den Briten auch einen Preis gewonnen hat … ?? 

Beste Grüße
    Marcus 


    • Hallo Marcus …

      Ja, bei solchen Bildern wird einem doch ganz schwindlig, nicht wahr?! Ich muß mich dann manchmal vergewissern, ob sich die zuvor noch volle Rotweinflasche nicht plötzlich irgendwohin entleert hat :) …

      Mit Deinen Vermutungen zur ‘Postproduction’ liegst Du ziemlich gut. Ich denke, Tilman wird uns das noch im Einzelnen erläutern (wo bleibt er denn?) …

      Schon heute nachmittag (ich habe nur mittelbaren Einfluß auf die Taktung der Publikationen) soll der erste Teil meines Tutorials zum Lensbaby-Look erscheinen, somit die in der Bildbesprechung auftauchenden Fragen aufgreifend und fortführend …

  2. Hallo,

    Vielen Dank für Deine Besprechung, Thomas. Schon das Lesen Deiner letzten Kommentare fand ich sehr lehrreich. Umso größer war jedoch meine Freude, heute morgen mein eigenes Bild hier zu finden.

    - Ja, sowohl die Berge und Frankreich (das „Hintergrundbild ist in der Nähe von Bethmale in der Ariège aufgenommen worden, die Kühe hier sind vermutlich die Fabrikanten des wunderbaren Rohmilchkäses gleichen Namens http://goo.gl/eo3tf) als auch Fahrradfahren liegen mir sehr am Herzen.
    - Der Aspekt Vertrautes/Fremdes ist mir neu. Ein interessanter und anregender Gedanke!
    - Alle meine Versuche, die Bewegung des Rades bei der Aufnahme einzufangen, sind fehlgeschlagen: Unschärfe kann man schlecht überlagern. Deswegen habe ich einen digitalen Filter benutzt. Der nennt sich bei meiner Software „Flou de zoom“ und simuliert die Unschärfe, die beim Zoomen entsteht. Diese Bewegung hat also nichts mit der natürlichen Bewegung eines Fahrrades zu tun. Achterbahneffekt ist eine tolle Erklärung für das Schwindelgefühl.
    - Foppen… Thomas, Du hast recht, man hat sogar das „Excellent timing“ des Bildes gelobt :-> Habe ich gleich aufgeklärt.

    Die Frage, wie man Unschärfe als Mittel einsetzen kann, fasziniert mich… die meisten meiner Versuche gelingen nicht. Ich freue mich schon auf Deinen Artikel zum Lensbaby-Look, Thomas!

    @Marcus Vielen Dank auch für Deinen Kommentar. Du erklärst meinen Schwindel schon ziemlich gut. Hier sind die Orignalbilder http://sdrv.ms/16gdoF8. Das größte Problem war die Segmentation, also das herausfiltern des Rades, da die Speichen sehr dünn sind. Dafür habe ich ein selbst geschriebenes Programm benutzt. Dieses Bild hat keinen Preis gewonnen, bei der Leser-Bewertung hat es Platz 9 von 919 eingereichten Bildern erreicht.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    • Zitat “Platz 9 von 919 eingereichten Bildern”

      Na immerhin, üblichen Wettbewerbsgebräuchen folgend wäre dies ja schon eine Nominierung, also auch eine Form der Auszeichnung. Gratulation!

    • Danke Thomas! Aber das war die Wertung der Leser. Habe allerdings auch mal einen Preis in Neuseeland gewonnen… das Photo ist mir mittlerweile peinlich :->

    • Ralph Waldo Emerson: “Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter.”

      Kannst es ja bei Gelegenheit mal einreichen, vielleicht mit entsprechendem Hinweis …

  3. @Tilman
    Dacht ich‘s mir doch, dass dem Fahrrad der Stillstand inne wohnt, obwohl die Belichtungszeit von 1/640 s da schon auf die falsche Fährte führen könnte. Aber: eigentlich stimmen hier ja weder die Belichtungsangaben, noch die Blende und schon
mal gar nicht die Brennweite. … Schwamm übers Schummeln auf hohem Niveau ;-)) 
Wie gesagt, das ist nicht mein Terrain, bewundere aber die Fähigkeit, Programme zu kreieren, die so etwas leisten.

    Schärfe und Unschärfe im Bild wären gewiss einmal ein besonderes Thema für den Experten à la Thomas – und dabei meine ich nicht die programmtechnische Seite. Für mich zählt die kreative Aufnahmepraxis und da hätte ich zum Thema einer bewusst eingesetzten Unschärfe durchaus das ein oder andere Beispielfoto parat. … Ich habe da so meine eigenen, auch kritischen Gedanken (zum Schärfewahn im digitalen Zeitalter der Fotografie) … , aber das gehört jetzt nicht hierher. Die Lensbabys finde ich übrigens auch äußerst interessant, bin Thomas für die entsprechenden Beiträge daher sehr
    dankbar.

    Beste Grüße
    Marcus

    • Marcus, „Schummeln” ist eigentlich irreführend, da ich die Bearbeitung nicht verheimlicht habe. Auch beim Wettbewerb nicht, in dem Fotomontagen erlaubt sind. Die Exif-Daten sind auch korrekt, für das Kuhbild halt. „Schwindelbild“ lasse ich mir gerne gefallen :->

    • Lieber Tilman,

      ich wollte Dir keineswegs zu nahe treten, zumal ich natürlich davon ausgegangen bin, dass Dein “Schwindelbild” auch für die Jury korrekt und klar als solches eingereicht wurde. Ich finde ja auch, dass Deine Aufnahme, je länger ich sie betrachte, auch für mich etwas hat! Für Deine Platzierung beim Wettbewerb kann ich Dir jedenfalls nur nachträglich gratulieren :-))

    • Zitat “Ich habe da so meine eigenen, auch kritischen Gedanken (zum Schärfewahn im digitalen Zeitalter der Fotografie)”

      Da auch ich ursprünglich von der Analogfotografie herkomme und durchaus eine Idee von der ‘Schönheit malerischer Unschärfe’ habe, bin ich von der zitierten Haltung ganz gewiß nicht weit weg …

      Die heutzutage unterhalb des Kleinbildvollformats verfügbare Ausrüstung (also Crop-, Bridge- und Kompaktkameras mit ihren Minisensoren) punktet bauartbedingt mit beachtlicher Schärfentiefe (nicht Abbildungsleistung, das ist ein anderes Kapitel), so daß die Bildgestaltung mittels Schärfeverlauf bei nachfolgenden Fotografengenerationen allmählich in Vergessenheit zu geraten droht.

      Ich sehe das allerdings nicht nur negativ. Wer die ‘old school’ noch kennt, kann sich gerade heute ganz gut von der Masse abheben. Oft höre ich bei meinen Ausstellungen, daß meine Bilder eine analoge Anmutung bzw. malerische Wirkung aufweisen. Und groß ist dann immer das Erstaunen, daß diese Arbeiten digital entstanden sind.

  4. Hallo Tilman,

    (Hallo auch Thomas und Marcus!)

    Ich habe über das Bild sehr schmunzeln müssen. Und ich finde es gut, dass auch so ein Bild hier vorgestellt und besprochen wird.

    Rein technisch halte ich es für vollkommen ok. Mit dieser zentrierten Unschärfe wird der Blick faktisch “angekettet”. Wenn man versucht, nur drüberzuschweifen, klebt man sofort fest.

    In 20 Jahren können solche Art Bilder dann auch als Kunst gelten, so wie das Werbebild für Bademoden vor Ägyptischen Pyramiden von F.C. Gundlach, gestern (8.5.2013) abgebildet in “Zeit Fotografie”. Mit diesem zeitlichen Abstand kann es dann emotional auch den damaligen Zeitgeist widerspiegeln. Tilmans Bild wird das nach dieser Zeit auf gleiche Weise:

    Es wird uns erinnern an eine Zeit, als solche Effekte verwendet wurden, um die Augen potentieller Käufer auf Katalogseiten zu heften, wo Fahrradhelme, -Schläuche, oder -Speichen kostengünstig angeboten werden.

    So etwas ist subjektiv. Was ich damit ausdrücken will: Auf mich wirkt es, technisch perfekt, wie aus einem Prospekt eines Fahrradzubehörzulieferers.

    Und wenn so ein Bild speziell für diesen Zweck komponiert wird, dann ist es gut. Richtig gut. Zumindest für einen Käufer, wie mich.

    :-)

  5. -Psychologisch-

    Tilman hat ja die Frage stellt, warum das Bild die Aufmerksamkeit auf uns zieht, obwohl es zum größen Teil unscharf ist. Ich denke, eine Lösung formulieren zu können:

    Aus der Ur-Angst, uns vor Gefahren schützen zu müssen, blicken wir möglichst rasch und intensiv auf ein Geschehen, wo sich etwas sehr schnell, und womöglich auf uns zu, bewegt. Der zentrale Punkt eines solchen Objektes bleibt im Fokus des Auges und erfährt keine Bewegungsunschärfe. Aber bei einer schnellen und nahen Bewegung direkt auf uns zu verwischen alle Konturen um diesen zentralen Punkt zu einer Bewegungsunschärfe, die optisch sehr ähnlich, wie in diesem Bild ist. Also vom zentralen, scharfen Fokuspunkt nach außen hin bewegt und dementsprechend unscharf. Je weiter vom zentralen Fokus entfernt, um so mehr radial verwischt/unscharf.

    Genau genommen handelt es sich also um einen Angst-Reflex, eine vermeintlich und bedrohende Bewegung auf uns zu zu lokalisieren, um sie bewerten zu können und ihr ausweichen zu können.

    Und dann sollen wir das im Katalog abgebildete Fahrrad auch noch kaufen? :-)

    Ja klar. Dann beherrschen wir dieses Objekt und können anderen Angst einjagen. :-)

    Ist meine Theorie. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass hier der Angstreflex die Basis ist.

    • Vielen Dank für Deinen sehr ausführlichen und netten Kommentar, Frank. Ja, Werbefoto, daran hatte ich auch schon gedacht. Obwohl Du Dir ja später selbst widersprichst :->. Die Idee mit dem Angstreflex finde ich ganz toll. Das ist ja eigentlich das Fachgebiet von Thomas. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass im Unterbewusstsein dieser Reflex eine Bedeutung hat. Würde auch erklären, warum einige Betrachter das Foto im ersten Augenblick ablehnen. Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Zitat “das Fachgebiet von Thomas”

      Schon, aber nach meiner therapeutischen Erfahrung ist die spezifische Angstdisposition zu sehr ein individuelles Merkmal des Einzelnen (also abhängig von seinen Vorerfahrungen, damit auch von seiner Bereitschaft, sich auf Neues bzw. Irritierendes einzulassen), als daß ich hier generalisierende Feststellungen treffen wollte.

      Gewiß gibt es Übergänge zwischen Schwindel, Unbehagen und Angst. Sofern solche Elemente in der subjektiven Betrachtung des Einzelnen hier mit hineinspielen, werden sie ja andererseits durch jenes humorige bzw. skurrile Element der Motivzusammenstellung wieder ausgeglichen.

      Daß das Bild polarisiert, verwundert mich nicht. Es mag die Gestaltungsart sein, welche die Geister sich scheiden läßt. Oder auch jenes beabsichtigte Aufeinandertreffen von ‘Schwindel, Unbehagen und Angst’ einerseits, ‘Humor und Skurrilität’ andererseits, welche die Betrachter zu nahe an die Grenze des Erträglichen bringt. Als Magritte einen Apfel malte und “dies ist kein Apfel” dazu schrieb, konnte er sich wohl ziemlich sicher sein, daß sich viele Betrachter vera….t fühlten.

  6. @ Thomas
    Ja, mit der „old school“ liegst Du wahrscheinlich im Focus der Wahrheit. Ambitionierte Fotografen/Profis, die sich durchaus noch an den klassischen Vorbildern „geschult“ haben, nutzen die kreativen Räume einer bewusst eingesetzten Schärfentiefe und Bewegungsunschärfe (schon bei der Aufnahme) nach wie vor. Deine Fotos zeigen dieses „Spiel“ gewiss exemplarisch, und dies auch noch in einer ungewöhnlichen Brillanz und Präzision der Bildbearbeitung… – vielleicht sollte ich auch einmal einen Kurs bei Rolf Walther belegen, liegt ja bei mir um die Ecke :-)…

    Aber: Noch nie waren Fotografien dank moderner Sensortechnik und Bildbearbeitung so scharf wie heute. Noch nie war unser Sinn für Schärfe und Unschärfe so manisch am werbeindustriell und medial verbreiteten Bild orientiert. … Mir fehlt da oftmals der persönliche Bezug zum Fotografieren, die persönliche Handschrift, ein kreatives express yourself … und dieses „yourself“ hat eben zahlreiche dunkle und unscharfe Stellen. 
Vielleicht mit ein Grund mehr, warum das Bild von Tilman so gut „funktioniert“, da es unsere Sehgewohnheiten so gekonnt in Irritation versetzt, ein Eyecatcher im buchstäblichen Sinn – und auch noch so humorig :-)

    @ Frank
Interessante Theorie mit der „Ur-Angst“, gewissermaßen der „Schwindel“ bei einer Achterbahnfahrt im Moment des Absturzes in die Tiefe, den man aber auch als Ur-Lust an einer Grenzüberschreitung bezeichnen könnte. In den (Bewegungs-)Unschärfen eines Bildes – wenn diese bewusst eingesetzt wurde – liegt für mich auch etwas Rätselhaftes, nicht genau Fassbares, das ein Motiv interessant erscheinen lässt, es in „Schwingung“ (Stimmung) versetzt, es interpretierbar macht über das klar Sichtbare hinaus. Und das hat ja auch einen ungemein befreienden Charakter, da sich in diesem clair-obscur Bedeutungsebenen für den Betrachter öffnen, im Positiven (Lust) wie im Negativen (Angst, das Unheimliche).
    Ein weiterer Aspekt besteht wohl darin, in einem statischen Bild Bewegung als solche bewusst einzufangen, so als könne man Zeit akkumulieren … Eigentlich ein Widerspruch in sich, aber einer mit Aufmerksamkeitswert.

    • Zitat “vielleicht sollte ich auch einmal einen Kurs bei Rolf Walther belegen, liegt ja bei mir um die Ecke :-)…
”

      Rolf war mir tatsächlich ein sehr guter und wichtiger Begleiter auf jener Wegstrecke der Ausarbeitung und des Drucks. Wir (eine Gruppe seiner ‘hartnäckigen Schüler’ mithin) treffen uns auch alljährlich im November zu seinem ‘Fine-Print-Forum‘ …

      Zitat “im Positiven (Lust) wie im Negativen (Angst, das Unheimliche)”

      Dazu fällt mir das Phänomen der ‘kindlichen Angstlust’ ein – jene aus Sicht von uns Erwachsenen immer wieder beeindruckende Gleichzeitigkeit der kleinkindlichen Empfindungen im Sinne von Faszination und Schrecken. Dies mag uns auch an frühe Phasen des eigenen Lebens erinnern, denn als Erwachsene haben wir längst unsere inneren Abwehr- und Verdrängungsmechanismen dahingehend ausgebildet und trainiert, daß wir in der Regel nicht mehr in solcher Weise simultan bzw. paradox empfinden können.

    • @ Thomas

      Merci für den Fine-Print-Link – leider ist das Forum schon ausgebucht … Nun, ich brauche wohl noch etwas Anlauf für den fotografischen Stabhochsprung :-))



      Zum „Phänomen der ‚kindlichen Angstlust‘ “: Das ist ein interessanter Aspekt, der mir aus der Literaturgeschichte durchaus vertraut ist. E.A. Poe, die Schwarze Romantik (E.T.A. Hoffmann & Co.), französische décadence , expressionistischer Film (Murnaus Nosferatu etc.) spielen auf dieser Klaviatur des schönen Schreckens und einer Ästhetik des Hässlichen. Diese Grenzbereiche haben wir Heutigen nur scheinbar „zivilisiert“: Faszination und Schrecken sind doch nur eine oberflächlich auseinander gerückte Nähe, wie beim Bunjee-Jumping – Aber genug philosophiert, sonst wird‘s gar noch zu einem Kolloquium … ;-))

    • Zitat: “leider ist das Forum schon ausgebucht”

      Hoppla. Dann sollte ich mich vielleicht doch langsam mal anmelden :) …

      Zitat: “Schwarze Romantik”

      Gute Asssoziation zu diesem Thema! Es ist dann wie eine fraktionierte bzw. kontrollierte Wiederholung solch kindlicher Empfindungen in Buch- oder Bildform – wir stecken nur mittelbar drain; wenn es uns zu viel wird, können wir immer noch ausschalten …

    • @ Thomas

      … Ja, das ist genau der Punkt: unsere Träume, ob hell oder dunkel und unfassbar, lassen sich ästhetisch sublimieren, das macht eine wesentliche Konstante jeder Kreativität, die das Leben sucht … und beim Fotografieren befinden wir uns mitten drin, ob nun künstlerisch oder nicht, ob gewollt oder unfreiwillig … und wenn‘s uns zu viel wird, schlagen wir in diesem Buch des Lebens eben eine andere „Landschaft“ auf. Oder frei nach Tucholsky: „Und zum juten End wir janz einfach abjeblendt.“



      Beste Grüße 
und
      viel Glück bei der
      Anmeldung zum Forum


    • Zitat: “viel Glück bei der Anmeldung zum Forum
”

      Laß es mich ironisch ausdrücken: ‘Anmeldung’ trifft den Kern des hier innewohnenden Prozesses vielleicht nicht ganz. Rolf scheint mich mittlerweile zum ‘Inventar des Forums’ zu zählen – wie einen alten Besen etwa, den über die Zeit einfach noch niemand weggeschmissen hat …

      Es würde mich trotzdem freuen, wenn wir uns dort einmal sehen würden. Über die Jahre ist dort eine schöne und gegenseitig unterstützende Gemeinschaft eingefleischter Schwarzweißfotografen (analog und digital) gewachsen.

      Wir (die Gruppe der Altgedienten) hatten Rolf zuletzt aber ein wenig bearbeitet, die Gruppe nicht allzu sehr ausufern zu lassen – wenn etwa 30 Leute ihre Arbeiten eines ganzen Jahres mit Muße vorstellen wollen, dann ist das am Schluß recht kräftezehrend …

  7. Spannend eure Diskussionen und Impressionen zum Bild. Das meine ich jetzt, nach zwei Gläsern guten Weins, also mit leichter Unschärfe im Denken. Ich experimentiere im Moment auch mit “unscharf”, allerdings handgestrickt mit Kameraziehen und Zoomen (dann jedoch völlig nüchtern). Melde damit Interesse an weiteren Beispielen und Ideen zum Thema.

  8. Tolles Bild, wollte ich nochmal kurz loswerden und dein Text dazu ist auch klasse. Bin per Zufall hier gelandet und interessiert hängen geblieben :)

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder