Leserfoto:
Wolfsmädchen

In der heutigen Bildbesprechung geht es um die ‘Regiegewalt’, die wir in der Fotografie durch Ausschnittwahl und Aufnahmezeitpunkt haben.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unter dem Titel “Am Strand” hat unsere Leserin Esther Bachmann aus dem schweizerischen Hüntwangen das obige Bild in der Kategorie ‘Landschaftsfotografie’ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: “Spaziergang auf der Mole gegen Abend (es war 18:16 h, ich vergass, die Zeit anzupassen an meiner Kompakten). Die Wellenlinien, die beiden Hunde und das am Boden sitzende Mädchen ergaben für mich ein Sujet, zu dem man sich Geschichten ausdenken kann, auch wenn oder gerade weil gar nichts geschieht.”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon Coolpix 7100D mit integriertem Objektiv verwendet. Die Brennweite betrug 18.1 mm (~ 85.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 4.7), die Belichtungsdaten waren 1/200 Sekunde bei Blende f/8 und ISO 100.

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Hinsichtlich der Komposition öffnet sich das Bild dem Betrachter übersichtlich und gefällig. Die Gruppe des kauernden Mädchens und der beiden links und oberhalb von ihr stehenden Hunde stellt dabei das Motivzentrum dar. Dieses ist in den Goldenen Schnitt rechts oben gesetzt und wird durch die von links unten anbrandenden Wellen sowie die von oben als Spiegelungen hineinreichenden Hochhäuser eingerahmt (siehe Bild ‘Komposition’).

Die Tonwerte sind ausgewogen, das Histogramm dabei etwas in den Mitten gestaucht. Einzelne, allerdings nicht weiter störende Überstrahlungen finden sich nur in den Wellenkronen. Bei den Farben überwiegen kühle Blautöne, während wärmeren Töne nur bei den Personen, in den Wellenkronen und den Spiegelungen der Hochhäuser vorkommen.

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In der Zusammenfassung sehen wir eine kompositorisch recht geschickt angelegte Aufnahme, die durchaus das Sujet des konventionellen (und immer wieder reproduzierten) Urlaubs-, Erinnerungs- und Strandbildes aufgreift, dieses aber mit einem wohltuenden ‘Mehrwert an Hintergründigkeit’ ausstattet.

Esther hat diesen Aspekt im Sinne des ‘sich Geschichten Ausdenkens’ schon angedeutet, ohne uns damit schon eine bestimmte Richtung vorzugeben. Eine Diskussion darüber, was jeder von uns in dieses Bild hineinsieht, könnte spannend werden. Meine Assoziation ging rasch in Richtung einer gewissen Verlassenheit des Mädchen, die ohne menschliche Nähe, aber quasi unter dem Schutz zweier Hunde (daß diese keine ängstlichen oder aggressiven Neigungen gegenüber dem Mädchen haben, ist an deren entspannter Haltung und Blickabwendung abzulesen) versunken am Strand spielt – über eine solche ‘Romulus-und-Remus-Phantasie’ kam ich auch zum Titel der Bildbetrachtung. Und weiter erschienen mir die Spiegelungen der Hochhäuser (‘Bettenburgen’?) in gewisser Weise auch bedrohlich, das Idyll des Augenblicks störend.

An diesem Bild läßt sich meines Erachtens festmachen, welche ‘Regiegewalt’ wir bei der Fotografie doch oft haben. Eine andere Ausschnittwahl, ein anderer Aufnahmezeitpunkt hätte ein ganz anderes Bild mit einer ganz anderen Aussage hervorgebracht – das Mädchen wäre vielleicht weitergelaufen, die in der Nähe befindlichen Menschen hätten wieder engeren Kontakt aufgenommen …

Man könnte das Bild noch ein wenig ‘auffrischen’, wie ich es nachstehend durch einen behutsamen Tonwertbeschnitt von links unter Ausklammerung der Protagonisten, eine geringe Aufhellung und eine leichte Verstärkung des Mitteltonkontrasts einmal versucht habe (siehe Bild ‘Tonwertanpassung’).

Die Zuordnung als ‘Landschaftsfotografie’ schien mir nicht ganz optimal, es gehört eigentlich in die Kategorie ‘Street’ im Sinne einer bedachten und hervorgehobenen Darstellung des täglichen Lebens.

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Komposition

Komposition


 
Tonwertanpassung

Tonwertanpassung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Hallo Esther,
    ein sehr schönes Foto, herzlichen Glückwunsch! Mir gefällt ganz besonders Dein Standort, oberhalb des Geschehens. Da man die Mole nicht sieht, hat man den Eindruck, Du würdest über dem Strand schweben. Das Bildformat 2/3 passt auch toll und gibt gut die Weite des Strands und des Meeres wieder.
    Danke für Deine Besprechung, Thomas. Deine sehr sanfte Tonwertanpassung gefällt mir. „Regiegewalt“, das Wort habe ich immer anders verstanden als dass mein Sohn wegläuft, wenn ich ihm etwas sagen will :-> Es ist vielleicht interessant, eine Szene zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufzunehmen. Selbst ein geringfügig andere Körperhaltung kann bereits den Sinn des Bildes verwandeln.
    Das Einzige was mir nicht gefällt, ist die Spiegelung der Hochhäuser. Ich finde, dass der Blick zu sehr abgelenkt wird. Aber vielleicht passen sie auch einfach nicht in meine Geschichte.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Und was ist Deine ‘Geschichte’ in diesem Bild? Wie ist sie mit und ohne Spiegelungen?

    • Hallo Thomas, gestern Abend habe ich das Original und ein Bild ohne Hochhäuser meiner Familie gezeigt. Für meine Freundin war die Spiegelung wichtig, da sie die Szene gleich an den Strand nach Spanien gelegt hat, mit einem spielenden Kind und streunenden Hunden. Das Bild ohne Spiegelung ändert den Charakter. Meine Geschichte ist die eines verlassenen, verlorenen Mädchens, kein Mensch in Sicht. Die streunenden Hunde haben sich dazu gesellt. Aber das Mädchen ist so in Ihren Kummer versunken, dass sie sie gar nicht wahr nimmt. Meinen Sohn interessierten die Bilder seltsamerweise nicht :->. Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Das scheint mir ein wichtiger Punkt zu sein, daß jene Spiegelungen einen wichtigen Aspekt der Gestaltung und damit der Wirkung dieses Bildes ausmachen – kompositorisch im Sinne eines Gegengewichts zu den anbrandenden Wellen, bei dessen Fehlen das Bild m. E. ‘nach oben hin auslaufen’ würde bzw. keinen Abschluß fände; dramaturgisch im Sinne eines mysteriösen, fast bedrohlichen Elements, bei dessen Fehlen das Bild m. E. zu idyllisch wirkte bzw. sich nicht von jenen abertausenden von Erinnerungsbildern unterschiede …

      Deiner Freundin dienen jene Elemente zu einer ‘nötigen Bildverortung’. Zu wissen, wo etwas spielt, kann ein unterschwelliges Unbehagen bannen. Dein Sohn ist vermutlich noch in einem Alter (ich kenne ihn ja von jenem schönen Familienporträt, welches auch noch zur Besprechung kommt), in welchem Sehen und Zuordnen noch überwiegend konkretistisch bzw. gegenwartsnahe sind und die Abstraktionsfähigkeit noch nicht jenes ‘dreimal ums Eck herum’ im Sinne der Symbolisierungsfähigkeit und des reichen Erinnerungsvergleichs von uns Erwachsenen aufweist.

  2. Danke Thomas und Tilman für eure Kommentare und die Auseinandersetzung mit meiner Aufnahme, sogar Besprechung mit Freundin und Sohn. Für mich waren die Hochhäuser bei der Aufnahme wichtig, ich habe sie gezielt platziert. Allerdings sah ich sie nicht als Bedrohung, sondern eher als Hinweis, dass das einsame Mädchen doch nicht so ganz verlassen sein kann und es noch eine Verbindung zum Ufer und damit zu (seinen) Menschen gibt.
    Danke Thomas auch für die Auffrischung und Korrektur der Tonwerte. In der Bildbearbeitung besteht bei mir Lernbedarf, weil ich ein Zuviel nicht mag und unsicher bin, lass ich es meist.
    Die Aufnahme machte ich in Puerto Madryn, Argentinien.

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