Leserfoto:
Die Natur zur Geltung bringen

Die Natur verwöhnt uns mit zahlreichen, wunderschönen Motiven. Wie sich solcher Reichtum mit bedachter Komposition und behutsamer Ausarbeitung zur Geltung bringen läßt, zeigt das heutige Bild.

***

Das obige Bild wurde uns unter dem Titel “Schnee bedeckte Berge” zur Besprechung eingereicht. Der Fotograf schreibt dazu ergänzend: “Das Bild entstand auf dem Tibetplateau während einer Expedition. Über Nacht hatte es geschneit, jedoch bedeckte der Schnee nur teilweise die Bergflanken. Die Landschaft sah aus wie gemalt … Die Aufnahme wurde später mittels Photoshop in SW umgewandelt.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon Eos 20D mit einem Telezoom 70 – 200 mm verwendet. Die Brennweite betrug 200 mm (320 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/800 Sekunde bei Blende f/7.1 und ISO 100.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition: Zunächst fällt uns die kontrastreich ausgeführte Bergflanke im hinteren Mittelgrund ins Auge. Der eigentliche Blickeinstieg erfolgt jedoch über die dunkel gehaltenen Geröllfelder im Vordergrund, welche das Bild nach unten begrenzen und die Komposition insgesamt stützen. Von dort wird der Blick auf den kleinen Lastwagen im linken unteren Bildquadranten gelenkt, der wie ein ‘Maßstab im Bild’ die enormen Größenunterschiede aufzeigt. Auf verschiedenen Wegen zieht unser Blick sodann in die Höhe, um kurz auf jener schon eingangs erwähnten Bergflanke zu ruhen. Noch weiter erhöht sich der Blick, erreicht schließlich jene drei Gipfel am oberen Bildrand, um von dort aus dem Grat nach links oder rechts zu folgen oder um in den Himmel zu schweifen (siehe unten Bild ‘Komposition’).

Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich rechtsschief, mit einem Median in Zone IX. Weitläufige Schneeflächen in den Zonen IX und X kontrastieren mit dem Vordergrund in den Zonen 0 bis III, dem hinteren Mittelgrund in den Zonen III bis VI und dem Hintergrund in Zonen VI bis VIII.

***

Zusammenfassung: Das Quadrat gilt kompositorisch als anspruchsvolles Format. Um so bemerkenswerter ist es, wie Stephan durch kluge Platzierung der Bildelemente und eine geschickte Blickführung einerseits das Format gut ausfüllt und andererseits die Erhabenheit der Landschaft, deren Weitläufigkeit und Höhe ansprechend symbolisieren kann.

Die hochkontrastige Bildanlage mit den vergleichsweise gering belegten Mittelzonen visualisiert den archaisch-winterlichen Charakter der Landschaft. ‘Grafisch’ hätte ich den Gesamteindruck vielleicht eher benannt, den Stephan selbst als ‘malerisch’ beschrieb.

Diese Arbeit ist mit ihrer kompositorischen und tonalen Anlage und dem kleinen Lastwagen als Maßstab und ‘I-Tüpfelchen’ zweifelsohne wettbewerbs- bzw. ausstellungsgeeignet. In der Druckgröße hinsichtlich Letzterem wäre Zurückhaltung zu empfehlen – bei einer Reduktion auf 240 dpi wäre die 20D sicher für etwa 10 Zoll / 25 Zentimeter Kantenlänge gut; alles darüber hinaus müßte mit einer artefaktträchtigen Interpolation erkauft werden.

***

Komposition

Komposition

***

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

9 Kommentare

  1. Eine erstaunliche Zeichnung :->. Mein Blick wurde direkt von der Bergflanke eingefangen. Viel später entdeckte ich den Lastwagen und die Viehherde… und da verstand ich erst die Dimension der Landschaft. Es ist für mich diese Weite – obwohl Du maximal gezoomt hast – die das Bild so unwirklich erscheinen lässt. Klasse Motiv, toll gesehen und fotografiert!
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

  2. Eine gelungene Bildkritik.
    Besonders dem Teil über die Komposition und die Blickpfade kann ich nur zustimmen. Diese Qualität des Kritikers ist mir schon vorher positiv aufgefallen.
    Bei den Ausführungen zu den Tonwerten fehlt mir das leider. Hier hätte ich mir ein Schaubild des Histogramms gewünscht.

    • Zitat “Diese Qualität des Kritikers ist mir schon vorher positiv aufgefallen.”

      Danke für solche Wertschätzung. Ich fühle mich in meinem Ansatz, das Instrument der klassischen Bildanalyse auch in Zeiten digitaler Fotografie nutzbar zu machen, und eben nicht den andernortes vielleicht üblichen ‘schmallippigen Bildverriß’ zu pflegen, wahrgenommen.

      Zitat “Bei den Ausführungen zu den Tonwerten fehlt mir das leider. Hier hätte ich mir ein Schaubild des Histogramms gewünscht.”

      Die Histogrammeinblendung hatte ich bisher zur Veranschaulichung verwendet, wenn ich substantielle Tonwertverschiebungen in der Überarbeitung vorgenommen hatte. Dies gilt auch für die am Freitag geplante Bildbesprechung.

      Sofern es für Euch tatsächlich einen ‘Mehrwert der Bildbesprechung’ darstellte, könnte ich das Histogramm gerne standardmäßig bei der Tonwertanalyse bzw. Zonenbestimmung mitlaufen lassen. Vielleicht können sich aber auch andere Leser noch zum Nutzen solcher Darstellung äußern – denn es mag auch kritische Stimmen geben, die darin zu sehr eine ‘Technisierung bzw. Photoshopisierung’ sähen (die nicht meine Intention wäre) …

    • Ein Histogramm dieses Bildes ist ja nicht sonderlich interessant: Der Schnee bedeckt einen Großteil des Bildes, was dann auch das Histogramm belegt :->. Ich finde Deine Beschreibung mit dem Zonensystem, Thomas, sehr viel aussagekräftiger. Also klare Antwort: nein.
      Ich hatte mir das Bild trotzdem heruntergeladen, um die Grauwerte der Flanke zu analysieren. Mich interessierte die Frage, warum gerade dieser Teil des Photos so wie gemalt aussieht.
      Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Zitat “Mich interessierte die Frage, warum gerade dieser Teil des Photos so wie gemalt aussieht.”

      Zwei Ideen dazu:
      1. Abbildungsleistung und Schärfeeindruck sind gut, aber nicht übertrieben. Vielleicht ist dies ein Glücksfall für ein solches Motiv, denn jene ‘weiche Schärfe’ betont den atmosphärischen Aspekt.
      2. Gerade jene Bergflanke in ihren natürlichen Strukturen läßt an Kohle-, Kreide oder Bleistiftzeichnungen denken.

    • Danke für die ergänzende Antwort, Thomas. „Vielleicht ist dies ein Glücksfall“. Ja das glaube ich auch. Der Kontrast der Bergflanke ist sehr hoch, fast binär. Aber die Unschärfe lässt weitere Grautöne erscheinen. Sieht wirklich gut aus.

    • Naja, was heißt Technisierung oder Photoshopisierung?

      Mir persönlich ist der Teil über die Tonwerte und die Zonendarstellung etwas zu akademisch. Prakisch hätte es wohl heißen müssen: Schwarz folgt auf weiß und umgekehrt.

      Das Problem sehe ich eher darin, dass etliche Leser noch nie etwas über diese Zonen gehört haben. Selber hab ich sie auch nicht so parat, als dass ich ordentlich mitreden könnte. Hier müsste ich meine Bücher konsultieren und würde trotzdem nicht direkt in die praktische Anwendung finden.

      Mir jedenfalls käme es als Gewinn vor, konkretere Informationen dazu zu haben. Sei es als Histogramm mit Bezug aufs Bild oder direkt im Bild.

  3. Dem Lob kann ich mich nur anschliessen. Vor ein paar Jahren waren die Bildbesprechungen gut, dann kam eine deutliche Delle, und jetzt sind sie exzellent. Die guten und lebhaften Diskussionen sind sicherlich auch ein Zeichen fuer die gute Arbeit von Dr Thomas. Histogramme und andere visuelle Techniken ein Bild zu erklaeren (Blickfuehrung durch Pfeile etc.) sind ein gutes Mittel die Inhalte zu erklaeren.

  4. Danke für Eure Rückmeldungen, insbesondere zum Thema der Histogrammeinblendung …

    So will ich die Histogramme bei künftigen Bildbesprechungen gerne häufiger einblenden, um die Zuordnung der einzelnen Zonen besser zu visualisieren – dies jedoch zielgerichtet, denn eine schon optisch übersichtliche Tonwertverteilung wird nicht immer eines Histogramms bedürfen.

    Und habt bitte ein wenig Geduld mit der Umstellung, da noch etwa ein Dutzend Bildbesprechungen alter Art im Umlauf sind und erst über die nächsten Wochen veröffentlicht werden.

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder