Leserfoto:
Gestaffelte Wirklichkeit

Der fotografische Blick in und durch Fenster öffnet ausgezeichnete Motivmöglichkeiten im Sinne doppelter bzw. gestaffelter Wirklichkeiten. Wie solche, oftmals nicht ganz einfache Bildfindung kompositorisch und dramaturgisch ansprechend gelingen kann, zeigt das heutige Bildbeispiel.

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Ein weiteres Bild aus seinem reichen Portfolio hat unser Leser Marcus Leusch aus Mainz in der Sparte ‘Konzeptfotografie’ eingereicht. Er nennt es “Sanatorium, ein Tagtraum” und schreibt dazu ergänzend: “Kassel/Karlsaue: Unter dem Titel ‘Sanatorium’ präsentierte der mexikanische Künstler Pedro Reyes zur documenta (13) seine ‘provisorische Klinik’, ein fortlaufendes Projekt, in dem typische Krankheiten von Städtern wie Stress, Einsamkeit oder Angstgefühle behandelt werden sollen. Die Klinik, in die man sich selber zur Therapie einweisen konnte, war in einem einfachen Holzpavillon untergebracht. Ein ‘fotografischer’ Blick durch die Klinikscheibe in eines der Zimmer hatte für mich allerdings wenig Befreiendes. Hier wurden also die Krankheiten unserer Zivilisation abgewogen und systematisch katalogisiert, die einzelnen ‘Betriebsunfälle’ wie bei einem Insektenforscher ‘aufgespießt’ und abgelegt. Der behandelnde ‘Arzt’ verlässt das Ordinationszimmer und hinterlässt einen Berg an ungelösten (?) Fällen, die hier wie leblose Voodoo-Puppen aufgebahrt sind … Für mich ein surreales Sinnbild unseres Umgangs mit der ‘modernen’ Psyche auf der Suche nach ihrer eigenen unbeschädigten Natur.”

Zur Aufnahme wurde eine Vollformatkamera Nikon D700 mit dem Weitwinkelzoom Nikon AF-S Zoom-Nikkor 17-35mm 1,2,8D IF-ED verwendet. Die Brennweite betrug 25 mm (entspricht Kleinbildäquivalent), die Belichtungsdaten waren 1/40 Sekunde bei Blende f/4.5 und ISO 800.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Die Komposition ist etwas kompliziert, aber letztlich eingängig und ansprechend. Aus den dunklen Partien A1, A2 und A3 können wir ein aufgerichtetes, aus den hellen Partien B1, B2 und B3 ein auf dem Kopf stehendes Dreieck konstruieren, wodurch wohltuende Bildspannung erzeugt wird (siehe Bild ‘Komposition 1′). Der Blickeinstieg gelingt wahlweise über die dunklen Behältnisse links mit Fortsetzung über die Figuren im Mittelgrund oder über den Stuhl mit Fortsetzung über den Tisch und die dort abgelegte Figur. Weiter schweift der Blick dann auf die gerade aus der Tür hinausgehende Person als Motivzentrum, geht weiter in Richtung der Uhr und endet im Himmel bzw. der gespiegelten Figur im Park (siehe Bild ‘Komposition 2′). Für diese Veranschaulichung habe ich die beiden Tische horizontal ausgerichtet (siehe Bild ‘Ausrichtung’).

Das Histogramm ist sehr ausgewogen, die Tonwerte umfassen das ganze Spektrum der elf Zonen. Die Schatten der Behältnisse links sowie der Figuren im Mittelgrund markieren dabei den dunklen Abschluß in den Zonen 0 und I, der Tisch mit Stuhl und der Himmel hingegen den hellen Abschluß in den Zonen IX und X.

Die Feinstruktur ist hochausflösend gemäß der sehr wertigen Ausrüstung.

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In der Zusammenfassung erzählt uns Marcus mit diesem Bild ‘eine große Geschichte’. Wichtige Hinweise ergeben sich noch aus seinen mitgeteilten Gedanken und Empfindungen, doch bereits das Bild als solches vermag uns zum Nachdenken und -fühlen anregen, wie etwa: “wir sehen eine Art Werkstatt, aber was für eine? Welche Figuren werden dort hergestellt bzw. bearbeitet, und zu welchem Zweck? Warum geht der Protagonist fort, was hinterläßt er?”

Diese Unbestimmtheit im Bild hat nach meinem Dafürhalten nichts (übermäßig) Verwirrendes an sich, sondern etwas die Gedanken und Gefühle des Betrachters Anregendes. Der Blick in und durch ein Fenster mit seinen ‘gestaffelten Wirklichkeiten’ ist fotografisch durchaus anspruchsvoll (nicht jedes Bild gelingt wie dieses hier), aber auch reizvoll. Ich meine, daß Marcus durch dieses kompositorische und dramaturgische Element die Szenerie von jedweder Profanität befreit und ihr eine Tiefe verliehen hat, welche den eigentlichen Inhalt auf bestmögliche Weise unterstützt.

Darauf hinweisen möchte ich noch, daß das Abfotografieren eines Kunstwerks (und ein solches stellt diese Installation ja dar) nicht automatisch auch ein künstlerisch wertvolles Bild nach sich zieht, sondern im Gegenteil einige unangenehme Urheberrechtsprobleme nach sich ziehen könnte. Solche Bedenken bzw. Besorgnisse sind aber bei dieser Arbeit völlig unnötig, denn der Fensterblick und die dramatische Einbindung der Person verleiht Marcus’ Arbeit jene schöpferische Höhe, welche solche Nutzung eines von anderer Hand geschaffenen Kunstwerks legitimiert.

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Eine Frage an Euch hätte ich ja noch, ganz im Sinne unseres Anspruch als ‘fotografisches Seminar für anspruchsvolle Digitalfotografie’: “wie läßt sich das Ausmaß der Spiegelung bzw. des Durchblicks bei einer solchen Fensteraufnahme regulieren?”

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Komposition 1

Komposition 1


 
Komposition 2

Komposition 2


 
Ausrichtung

Ausrichtung


 

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Eines der besten Bilder, die ich in letzter Zeit gesehen habe, Marcus. Fantastisch! Mir gefällt besonders gut, wie die Spiegelung einen natürlichen Rahmen bildet. Du selbst hast Dich so positioniert, dass Deine Spiegelung mit der hellen Wand zusammenfällt… erst nach langem Hinsehen erkennt man den Fotografen. Nur die Person neben Dir stört mich etwas. Eine tolle Besprechung, Thomas. Vielen Dank! Ich habe nicht ganz verstanden, warum Du das Bild „ausgerichtet“ hast. Diese Bearbeitung empfinde ich als Verzerrung. Was Deine Frage angeht: am besten kann man das durch gezielte Beleuchtung des Innenraums beeinflussen :->. Ist aber sicher nicht die Antwort, an die Du gedacht hast.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

  2. Oh, jetzt bin ich aber mächtig überrascht und fühle mich erneut etwas verlegen angesichts dieser freundlichen und überaus instruktiven Kritik. Ja, das kompositorische Spannungsverhältnis (Dreiecke), auch der leicht geneigte Tisch sind mir erst jetzt so richtig zu Kopf gestiegen. Wie schon einmal erwähnt, „arbeite“ ich eher intuitiv. Merci also abermals an Thomas für das aufklärende Licht, das mir jetzt durchs Hirn wetterleuchtet, ja überhaupt für die unvermutete Auswahl zur Bildbesprechung.
    
Kein leichtes Bild, weil es „gelesen“ werden muss und vielleicht deshalb auch nicht unbedingt jedermanns Sache ist, aber eines, das für mich eine gewisse Tiefe hat, die ich im entscheidenden Moment nicht suche, der ich aber immer wieder auf wunderbare Weise im Alltag begegne. Ein Bild also, das geradezu in mich hinein gefallen ist, weil es etwas „formuliert“, das mich bewegt, und das ich nicht besser zur „Sprache“ bringen könnte, obwohl das mein eigentliches Metier wäre. Es ist in der Tat schön zu erfahren, dass der/ein Sinn einer solchen Aufnahme auch ohne meine verbalen Erklärungen das Kino im Kopf des Betrachters in Bewegung versetzt. …

    Nun also noch einmal zum Foto: Ich hatte Glück, denn die Klinik hatte bereits geschossen (19 Uhr 12!) , sodass die Räumlichkeiten menschenleer waren. Der „Arzt“ (oder besser: künstlerische Impressario ?) im Raum war somit eine reine Zufalls“bekanntschaft“. Ich trat also so nah wie möglich an das Fenster heran – ich glaube, das Objektiv „klebte“ schon an der Scheibe –, um meine eigene Spiegelung im Foto nahezu unsichtbar werden zu lassen, auch wenn das mit diesem Bildmotiv ein interessantes Selbstportrait abgegeben hätte ;-))
    Die Dame neben mir, lieber Tilman, hat mir die Komposition etwas verhagelt. Aber mit welchem Recht hätte ich sie „wegschubsen“ sollen? So bleibt sie wenigstens in meiner Erinnerung ;-)) und hat nun unfreiwillig ihren Platz im Bild.
    Mich hat die Einbettung der Szene in einen naturnahen Kontext über das bereits Gesagte hinaus besonders angesprochen. Dieses „Besinne Dich der/deiner eigenen Natur“, ein Leitmotiv dieser documenta (13) à la Rousseau, ist ja in Zeiten, in denen unsere tägliche Mahlzeit fast nur noch aus Industrieprodukten besteht, eine recht sentimentale Angelegenheit ;-))

    Auf die Frage von Thomas gäbe es, glaube ich, viele Antworten:

    
1. (Vario-)Polfilter (die technische Variante)

    2. Standpunkt/Perspektive im Bezug auf die spiegelnde Fläche und das anvisierte Objekt hinter der Scheibe (nach, fern, rechter Winkel, linker Winkel, mittig?)

    3.Hintergund: Helligkeitwert des gespiegelten Bildinhalts – je dunkler der Hintergrund (im Rücken des Fotografen), desto klarer das anvisierte Objekt, vorausgesetzt, es ist heller als dieser (vice versa).

    4. Einen anderen Sonnenstand abwarten – das ist in den meisten Situationen, in denen es schnell gehen muss, allerdings keine günstige Lösung … Ein beleuchtetes Schaufenster bei Nacht ist allerdings immer ein willkommenes Sujet …

    Nochmals Dank für die positive Kritik an Thomas und Tilman

    Mit besten Grüßen
    Marcus

  3. Hallo Tilman, hallo Marcus, alle Eure Überlegungen zur Steuerung des Reflexionsgrades bei einem solchen Fensterdurchblick sind korrekt. Ich selbst war bei der Formulierung meiner Frage ‘ein wenig linear’ (eingleisig) und dachte in erster Linie an den Polarisationsfilter. Dieser erlaubt durch entsprechende Drehung eine fein dosierte Bemessung des Durchsicht- und Reflexionsgrades.

  4. Ich sehe einen fast schon klinisch-sauberen Raum mit einem sauberen Tisch, auf dem eine Menschliche Plastik zu sehen ist,wie sie in Afrika oft gefertigt wird und die man an so manchen Stellen kaufen kann ( ich mag diese Holzplastiken) .
    Dazu passend ein Junger, schwarzfarbiger Mann, der eher im Gespräch mit Jemand anderem zu sein scheint, denn er lehnt eher gegen den Türpfosten,wie man an dem die Kante verdeckenden Ärmel des Kittels und der Körperhaltung erkennen kann.

    Eine sehr entspannte Atmosphäre, die durch die Beleuchtung und den starken Kontrast S/W sowie die Rolle des Betrachters als durch das Fenster beobachtender “Voyeur” zusätzlichen Reiz gewinnt.

    Die Figuren sind massenhaft auf einem Tisch gestapelt, eine liegt auf dem “Bearbeitungstisch”, von welchem der junge Mann soeben für einen Plausch, um Rat fragend oder vor dem Betrachter flüchtend aufgestanden zu sein scheint.

    Als einziges “Werkzeug” sieht man einen Gegenstand, der am ehesten einem Tuschestift
    mit daneben liegender, abgenommener Kappe zu sein scheint. Man kann sich also vorstellen, dass der Mann hier die Augen etc aufdie Holzfiguren malt.

    Eine Situation wie in einer medizinischen Einrichtung vermag ich hier ein vom Bild her nicht zu erkennen.

    Insgesamt ein schönes Foto, welches das Kopfkino anregt und daher eine Geschichte erzählt.

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