Leserfoto:
Über Segen und Tücke des Stillebens

Auch aus alltäglichen Motiven lassen sich – pfiffig inszeniert – wunderschöne und stimmungsvolle Bilder erschaffen, doch braucht es dafür sorgfältige Planung und Umsetzung.

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“Smoky Shot” nennt unser Leser Stephen Bodmer aus dem schwäbischen Balingen sein zur Bildbesprechung eingereichtes Stilleben. Zur Entstehung des Bildes erfahren wir: “Ich wollte schon seit längerem Rauch fotografieren, wusste aber nicht, wie ich es ansprechend/interessant gestalten konnte … Dann eines Abends klickte ich durch Zufall auf ein Youtube Video, in welchem jemand auf diese Art Rauch in ein Glas füllte. Die Idee war da und nach einem nächtlichen Fotoshoot war dann das hier eines der Ergebnisse.”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D5000 mit der Festbrennweite Nikkor 50mm f1.4 (75 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5) verwendet. Die Belichtungsdaten waren 1/25 Sekunde bei Blende f/7.1 und ISO 200. Laut Exif-Daten wurde der Blitz ausgelöst.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Den Betrachter empfängt eine übersichtliche und gefällige Szene. Hinsichtlich der Komposition markiert das etwa in den Goldenen Schnitt rechts unten gelegte Glas den Blickeinstieg. Dieses stellt mit seinen horizontal schön getaffelten Graustufen auch das Motivzentrum dar. Von dort wird der Blick dem Rauch folgend nach oben geführt, um sich dann in den zwei Fortführungen des Rauches nach links und rechts oben zu verlieren (siehe Bild ‘Komposition 1′).

Schließlich stößt der Blick an eine Art Grenze nach oben in Form einer horizontalen und reinschwarzen Fläche, an welcher der Rauch plötzlich abbricht (siehe Bild ‘Komposition 2′).

Die Lichtführung erscheint etwas verwirrend, indem sich die Frontansicht zunächst als hellste Seite darstellt, zugleich aber ein recht harter Schatten vom Glas aus nach rechts vorne fällt (siehe Bild ‘Lichtführung’).

Das Histogramm ist deutlich linksschief im Sinne einer Low-Key-Szene. Die Tonwerte im Glas als Blickfang spreizen sich reizvoll zwischen den Zonen I und IX auf, während sich die Umgebung in den Zonen 0 bis II wiederfindet.

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In der Zusammenfassung vermag die reizvolle Anmut der dargestellten Szene zunächst zu überzeugen. Auch die Schwarzweißkonvertierung und die Verteilung der Tonwerte ist ansprechend. Ein solches Motiv birgt enormes Potential für stille und eingängige Bilder. Beim längeren Blick fallen jedoch folgende Schwächen auf, die ich wie folgt beschreiben möchte:

  • Gelungen ist die sich an der Maserung des Tisches ausrichtende Anfangsstrecke der Blickführung. In seiner Positionierung im Goldenen Schnitt rechts unten erscheint mir das Motivzentrum jedoch deplatziert, der Blick stößt dadurch zu rasch am rechten Rand an und der linke Bereich des Bild bleibt zu wenig berücksichtigt. Im Sinne einer harmonischen Bildanlage wäre das Glas somit besser im Goldenen Schnitt links unten aufgehoben.
  • In der Endstrecke der Blickführung ergeben sich verwirrende Elemente dahingehend, daß der Rauch sowohl nach links wie nach rechts oben driftet und dann sogar noch an einer kompositorisch nicht erklärten schwarzen Wand abbricht.
  • Die Lichtführung läßt Plausibilität vermissen. Die dem Betrachter zugewandte Seite wirkt am hellsten, wirft jedoch keine Schatten. Der tatsächliche Schatten ist relativ hart, vermutlich von einem entkoppelten Blitz auf der linken Seite herrührend, doch wird durch dieses Bewegungsmoment nach rechts die harmonische Blickführung von links unten nach rechts oben unterbrochen und gestört.

Mit diesen kritischen Hinweisen möchte ich Stephen keinesfalls entmutigen, sondern ihn im Gegenteil anspornen, hier am Ball zu bleiben.

Ein solch reivolles Motiv verdient eine perfekte Umsetzung in Hinblick auf Komposition, Lichtführung und Hintergrundbereinigung, dann können auch beeindruckende Bilder resultieren. So etwas kann ohne weiteres ‘in stundenlange, harte Arbeit ausarten’ und wird vielleicht vieler vergeblicher Aufnahmen bedürfen, bis sich etwa ‘der Rauch mal in eine gefällige und eindeutige Richtung bewegt’ …

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Komposition 1

Komposition 1

 

Komposition 2

Komposition 2

 

Lichtführung

Lichtführung

 

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Wow, das ist mal eine richtig gute Bildkritik! Es beschreibt “einfach” das Sehen eines Fotografen in kleinen Schritten; wo er hängen bleibt, was unruhig wirkt, stört und vor allem auch gut gelungen ist. Mir als Fotografenstift gefällt diese Seite sehr gut! : )
    Wie kann man denn ein Bild einreichen?

    Weiter so!
    Journey

  2. Ein sehr guter erster Versuch, Stephen! Mir gefällt besonders der Übergang zum schwarzen Hintergrund. Hast Du noch Link auf das Video, würde mich auch interessieren.
    Ein weiteres Lob von einem Lehrbub, Thomas. Vielen Dank für Deine Kritik!

  3. Eine weitere super Bildbesprechung :)

    Wie im Artikel schon gesagt, auf den ersten Blick ist das Bild sehr gefällig, aber die Sache mit dem Schatten, der nicht dem restlichen Licht entspricht und der abgeschnittene Rauch sind sehr schade. Mich würde sehr interessieren, woher die schwarze “Wand” kommt. Vielleicht möchte Stephen Bodmer ja noch was dazu sagen?

    Noch was: Den nach rechts aufsteigenden Rauch hätte man hier durch den einfarbigen Hintergrund sehr einfach wegretuschieren können.

    Trotz allem muss ich sagen, dass Stephen Bodmer auf einem sehr guten Weg ist :) Ich hoffe, er sieht diese Bildbesprechung als Ansporn.

  4. Was mir sehr fehlt ist der Schatten des “Rauchs” auf dem Tisch…

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