Leserfoto:
Bildbearbeitung auf Basis des Zonensystems

Die Darstellung von Schneelandschaften beinhaltet einige Tücken. Wie wir das Zonensystem dabei konstruktiv nutzen können, soll die heutige Bildbesprechung zeigen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Gedanken zum “Märzwinter” hat sich unser Leser Reinhard Witt aus dem schleswig-holsteinischen Loose gemacht. Er schreibt dazu: “Eines Abends kam ich nach Hause und bemerkte diese Lichtsituation auf dem Schnee. Der Schattenwurf des Zaunes brachte eine weitere interessante Komponente ins Spiel. Es hat ein wenig gedauert, bis ich den für mich richtigen Ausschnitt gefunden hatte …”.

Zur Aufnahmetechnik berichtet er noch: “Canon 20D, Tamron 2.8/24-70mm, Aus der Hand geschossen mit 1/8sec. und dem IS bei ISO 800. Mehr lässt mein Dinosaurier einfach nicht zu … :-) …”.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Das Bild empfängt den Betrachter recht düster und rotstichig. Aus der relativen Dunkelheit schälen sich dann allmählich die Grundelemente der Komposition heraus – jener Busch links oben, der vergleichsweise akzentuierte Schatten des Lattenzauns links unten sowie die Schneefläche rechts oben, in welcher der Blick schließlich verweilt.

Hinsichtlich der Tonwerte zeigt sich das Histogramm deutlich linksschief, mit einigen Tonwertabbrüchen am linken Ende. Entsprechend finden sich der Busch und der Schatten des Lattenzauns in den nicht durchgezeichneten Zonen 0 und I, die Schneefläche in ihren dunkleren Partien in den Zonen II bis III, in ihren helleren Partien hingegen in den Zonen IV bis V – siehe dazu unten das Bild ‘Ausgangsbild (Zonenspreizung)’.

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Beim ersten Blick denken wir vielleicht an eine nachts bzw. am Ende der bürgerlichen Dämmerung aufgenommene Szene. Doch ein zweiter Blick verwirrt uns – der Schatten des Lattenzauns ist derart akzentuiert, wie es nur bei Streiflicht sein kann. Eine künstliche, von links außen hereinscheinende Lichtquelle kommt hier in Frage, doch ganz klar wird es meines Erachtens nicht.

Etwas Rätselhaftes scheint dem Bild insofern anzuhaften – was gewiß nicht von vornherein verkehrt ist, gleichwohl Irritation und Ablehnung auslösen kann.

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Wie könnte man vorgehen, wenn man das Bild den konventionellen Seherwartungen einer Schneelandschaft (siehe dazu auch den 2. Teil meines Tutorials zum Zonensystem) anpassen, die Tonwerte ausgewogener verteilen und die Komposition ‘besser ins Licht zu rücken’ wollte?

Um das Spektrum der Möglichkeiten in diesem Sinn aufzuzeigen, habe ich einmal die Schatten behutsam geöffnet (in die Zonen I und II), die Mitten deutlich aufgehellt (in die Zonen II bis IV bei den Schatten des Lattenzauns, in die Zonen IV bis VI bei den dunkleren Schneepartien), die Lichter vorsichtig akzentuiert (in die Zonen VII bis IX) und das Bild in Graustufen mit abschließender kühler Tonung umgewandelt – siehe dazu unten die Bilder ‘Bearbeitung’ und ‘Bearbeitung (Zonenspreizung)’.

Von der Lichtstimmung und Atmosphäre her entsteht so ein völlig neues Bild – quasi ein ‘krasser Gegenentwurf’. Um ‘gutes versus schlechtes Bild’ geht es mir dabei übrigens nicht. Ich möchte eher aufzeigen, welche enormen Interpretationsmöglichkeiten eines Ausgangsbildes sich durch die nachfolgende Ausarbeitung auf Basis des Zonensystems ergeben.

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Ausgangsbild (Zonenspreizung)

Ausgangsbild (Zonenspreizung)

Bearbeitung

Bearbeitung

Bearbeitung (Zonenspreizung)

Bearbeitung (Zonenspreizung)

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Eine außergewöhnliche Bildauslegung, die sehr gut zeigt, was aus einer Fotografie mittels sachgerechter und versierter Bearbeitung (Zonenspreizung)herauszuholen ist, wobei ich wieder einige Anregungen für die eigene Bildbearbeitung mit einem merci an Thomas mitnehmen werde. Ich hätte diese Szene wahrscheinlich auch eher in Graustufen interpretiert, den Zaunschatten allerdings noch etwas deutlicher akzentuiert und außerdem einen Ausschnitt des Bildes unterhalb der Pflanze (links) im Querformat gewählt. Das gäbe aus meiner Sicht ein richtig gutes Motiv für eine abstrakte Version dieses „Märzwinters“. Aber das sind letztlich sehr persönliche Geschmacksfragen des ästhetischen Empfindens. – Nun, vielleicht lässt sich eine ähnliche Aufnahme ja im nächsten Winter noch einmal realisieren – denn Reinhard scheint ja schon das rechte Gespür für solche fotografischen Sujets mitzubringen. Und vielleicht lässt sich da auch noch ein Stativ für die Aufnahme mobilisieren, ich glaube, das wäre durchaus hilfreich, um schon bei den Aufnahmeparametern mehr Gestaltungsspielraum zu haben … 



    Grüße
    Marcus

  2. “Von der Lichtstimmung und Atmosphäre her entsteht so ein völlig neues Bild“. Das ist wirklich ein gutes Beispiel. Als ich das Bild zuerst gesehen habe, dachte ich, dass das Bild am Strand aufgenommen wurde. Es ist vermutlich die rötliche Färbung des Sandes (woher kommt die eigentlich?), die diesen Eindruck gibt. Naja, und dieses schöne Urlaubs-Erinnerungs-Foto hat dann Thomas eine Schneeszene umgewandelt :-> Ein interessanter Artikel, vielen Dank! Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Hallo Tilman …

      Wikipedia beantwortet Deine Frage nach dem Rotstich ganz gut: „Eine zu dunkle oder künstliche Beleuchtung ist eine häufige Ursache für den Farbstich in einem Foto. Moderne Digitalkameras haben eine integrierte Korrektur der Farben, um einen Farbstich zu vermeiden. Diese automatische Korrektur funktioniert jedoch nicht immer richtig und nicht bei jeder Beleuchtung. Der Farbstich kann mit Hilfe der digitalen Bildbearbeitung nachträglich korrigiert oder beseitigt werden.”

      Dies gilt, sofern Reinhardt in der Aufnahmesituation mit automatischem Weißabgleich arbeitete – das mache ich auch so und ist auch üblich, denn die Farbkorrektur ist in der RAW-Entwicklung ein Kinderspiel bzw. bei der Schwarzweißkonvertierung sowieso ohne Belang.

      Übrigens spricht Reinhardt doch deutlich von “Märzwinter” und “Schnee”. Deine “Strand- und Sandassoziation” läßt nicht etwa auf eigene Urlaubssehnsüchte schließen?

      :o)

    • Danke für die Antwort. Habe ich noch nicht bei meinem Apparat festgestellt. „in der Aufnahmesituation …das mache ich auch so“. Eigentlich doch nicht, denn bei RAW gibt es doch gar keinen Weißabgleich in der Kamera, oder?
      Übrigens habe ich an Strand gedacht, bevor ich Deinen Kommentar gelesen habe. Und „Strand“ war auch die Antwort meines Sohns. Vielleicht liegt das ja auch einfach nur an unserer Wohnlage :->

    • Zitat: „denn bei RAW gibt es doch gar keinen Weißabgleich in der Kamera, oder?”

      Da gibt es keinen fundamentalen Unterschied. Die pragmatische Antwort ist eher die, daß bei verlustbehafteten JPG-Aufnahmen der Weißabgleich tunlichst vor der Aufnahme erfolgen sollte, da die sonst nötige Nachbearbeitung an der verbleibenden Bearbeitungssubstanz noch weiter zehrt. Dieser Gesichtspunkt ist bei RAW-Aufnahmen ohne Belang.

      Zitat: „Und ‘Strand’ war auch die Antwort meines Sohns. Vielleicht liegt das ja auch einfach nur an unserer Wohnlage”

      Das wundert mich wenig, wenn Ihr in der wohl wärmsten Stadt Frankreichs lebt. Uns selbst zieht es im Herbst in die Pyrenäen, das ist eher unsere Lage …

      Nächste Woche bin ich übrigens unterwegs. Weitere Artikel stehen bereit und werden wohl erscheinen. Ich habe Barbara (unsere Chefredakteurin) auch gebeten, die Diskussionen ein bißchen im Auge zu behalten …

  3. THX für die Auswahl meines Bildes… mal wieder… :-) Jo, es war dunkel, nicht in der Dämmerung, der rötliche Schein rührt von der Außenlaterne an der Hauswand/ roter Backstein… dadurch ergeben sich mit Sicherheit die rötlichen Töne. Sicher, ja… es ist ein RAW, ich fotografiere grundsätzlich in beiden Formaten, also RAW und Jpg, wobei ich das RAW zur weiteren Bea heranziehe, um auch den Weißpunkt eben dort zu setzen wohin ich ihn haben möchte. Da spielen ja auch persönliche Vorlieben eine Rolle. Ja, Thomas, das Zonensystem ist mir sehr gut bekannt. An eine SW Version habe ich nicht nur gedacht, sondern sie auch hergestellt :-) Entschieden habe ich mich dann doch für die Farbvariante, weil sie es mir einfach “angetan” hat… heiß und kalt… :-)
    Wobei ich Dir natürlich sehr danke, mir diese anderen Möglichkeiten aufgezeigt zu haben… ich möchte schließlich auch dazu lernen… Vielen Dank…

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