Leserfoto:
Reflexion im doppelten Sinne

Unsere heutige Bildbesprechung zeigt ein einfühlsames Spiegelporträt mit einem bedachten Regelbruch.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Bernard Ksiazek aus Gießen hat uns das obige Bild unter dem Titel “Nachdenklicher Affe” zur Besprechung eingereicht. Er beschäftigt sich vernehmlich mit dem Wesen des hier Abgebildeten, zeigt tiefe Einfühlung und Erkenntnis, wenn er schreibt: “Im März gelang mir diese Aufnahme im Kölner Zoo … Die Spiegelung macht diese Aufnahme so besonders. Es ermöglicht einem, die Augen zu sehen und sich zu fragen, woran der Affe gerade denkt?”. Es sind solche Überlegungen, die mich bewogen, seine Einreichung in der Kategorie ‘Natur/Tier’ in die Kategorie ‘Porträt’ zu überführen.

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 60D mit Zoomobjektiv EF-S 18-135mm f/3.5-5.6 IS verwendet. Die Brennweite betrug 135 mm (~216 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/200 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 800.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Die Komposition zeigt sich übersichtlich und eingängig. Eindeutiger Blickfang ist das im Profil getroffene, etwa in den Goldenen Schnitt von links her gesetzte und sehr kontrastreich gezeichnete Gesicht des Affen, dessen Blick gesenkt, gar nachdenklich und bedrückt wirkt. Der rechte Arm und der Rand des Oberkörpers, des weiteren der von links oben und rechts unten heranreichende Fensterrahmen fungieren als Hinführung zu diesem Motivzentrum. Gekontert wird diese Elementgruppe vom etwa in den Goldenen Schnitt von rechts her gesetzten, blasser gehaltenen Spiegelbild, welches gar überraschend sein Konterfrei zu fixieren scheint (siehe unten Bild ‘Komposition und Blickreziprokität’).

Die Tonwerte zeigen sich in den Randbereichen schön aufgefächert in die Zonen III bis VIII, also mittenbetont. Die motivwichtigen Teile sind demgegenüber deutlich kontrastreicher, etwa mit einer vollständigen Schwärzung bzw. Zone 0 im Bereich von Hinterkopf, Schläfe und Backenpartie des Protagonisten oder einem fast in Zone X laufenden Fensterrahmen.

Der Schärfefokus liegt unzweifelhaft im Gesicht des Affen, wo er hingehört. Darüber hinaus läßt sich zur Struktur angesichts der geringen Bildgröße nichts Verbindliches sagen.

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In der Zusammenfassung möchte ich vorausschicken, daß ich schon viele Zoobilder vom Schlage ‘Nett. Schön bunt. Und tschüß …’ gesehen habe. Dieses ist anders, es berührt auf eine besondere Weise.

Bernard greift recht geschickt das Genre des Spiegelporträts auf, welches durch sein Doppelungsphänomen eine besondere Wirkung entfaltet – es ist zum einen eine optische Reflexion durch den Blick in den Spiegel und zum andern auch eine mentale Reflexion im Sinne der nachdenklichen Selbstbetrachtung. Und weil wir Primaten ein Bewußtsein ihrer selbst, eine der unsrigen nicht unähnliche Empfindens- und Leidensfähigkeit zuschreiben, zieht es uns Betrachter natürlich besonders in dieses Bild hinein. Vielleicht überlegen wir uns sogar stellvertretend, wie es uns an Stelle des Affen in solch komfortabler Gefangenschaft eines Zoos ginge.

Eine weitere Besonderheit dieses Bildes ist, daß sich die Blicke (hinein und heraus) zu unterscheiden scheinen. Geht es Euch auch so, daß das Original nachdenklich wegzuschauen, das Spiegelbild hingegen wachsam zu fixieren scheint?

Und auf etwas anderes möchte ich noch hinweisen – normalerweise sollten sich Porträts in den bildwichtigen Bereichen in den voll gezeichneten Zonen III bis VII, allenfalls zu kleinen Teilen in den Zonen I bis IX bewegen. Streng genommen wären also weite Bereiche des Motivzentrums hier als falsch belichtet bzw. überkontrastiert bearbeitet zu bezeichnen. Doch denke ich, daß dieses der Bildwirkung keinen Abbruch tut – ganz im Gegenteil, denn eine ausgewogene Tonalität ließe vermutlich die hier nötige Schroffheit und Dramatik vermissen. Das Bild ist insofern ein gutes Beispiel dafür, daß ein bedachter Regelbruch die Wirkung eines Bildes sogar unterstützen kann.

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Komposition und Blickreziprokität

Komposition und Blickreziprokität

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Ein klasse Bild, Bernard. Ich finde die Komposition mit dem Spiegelbild sehr gut, auch der Blickwinkel gefällt mir. Besonders interessiert mich die Schärfe des Bildes. Ich habe den Eindruck einer leichten Unschärfe. Vielleicht liegt das aber auch einfach nur an der schlechten Auflösung. Besonders interessant finde ich die Tiefenschärfe, die durch die große Brennweite sehr klein ist. Dadurch konzertiert sich der Blick noch mehr auf den Affen. Hast Du eigentlich die Schärfe nachbearbeitet, Bernard?
    @Thomas: Danke für Deine interessante Kritik. Zu der Frage: Nein, ich sehe nur einen Affen, der etwas gelangweilt aus dem Fenster schaut.

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