Leserfoto:
Melancholie einer Industriebrache

Unsere heutige Bildbesprechung zeigt ein gelungenes Beispiel eines industriellen Stillebens.

Ausgangsbild

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„Letzte Spuren eines Kosmetikherstellers“ nennt unser Leser Matthias Binder aus dem sachsen-anhaltinischen Zeitz sein Bild, welches er uns in der Kategorie ‚Stilleben‘ zur Besprechung eingereicht hat. Er schreibt dazu ergänzend: „Glaubt man den Gerüchten, so werden im kommenden Monat die ehemaligen Zitza Zeitz Werke (vormals Firma Oehmig-Weidlich Zeitz) abgerissen. Für mich ein Grund die Fabrikgebäude nochmals aufzusuchen, um letzte Spuren des Kosmetikhersteller zu suchen. Anfang der neunziger Jahre wurde die Produktion eingestellt. Eines der letzten Produkte war die Herren-Kosmetikserie ‚Macho‘. In einem der Produktionsräume habe ich dieses Motiv entdeckt. Die Tageszeitung ‚Neue Zeit‘ sowie auch die Pflegeserie ‚Macho‘ haben den Sprung in die neue Zeit nicht geschafft. Beide gibt es heute nicht mehr.“

Über die Ausrüstung und Aufnahmedaten erfahren wir nichts. Die geringe Schärfentiefe und das schöne Bokeh lassen aber an eine lichtstarke und wertige Optik denken. Matthias betreibt die Fotografie ernsthaft, wie seine durchaus sehenswerte Website mit Portfolio und Blog erkennen läßt.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition: Dem Betrachter eröffnet sich sogleich eine Vielzahl von Bildelementen, ohne daß daraus Verwirrung resultiert. Rasch erkennbar ist die aufsteigende Diagonale als Hauptmoment der Blickführung, mit den Zwischenstationen der Zeitung im linken und der Kosmetikverpackung auf der rechten Bildseite. Die Gegenstände sind auf einer Art Bord oder Fensterbrett postioniert, welches durch seine Begrenzungen links oben und rechts unten die genannte Blickführung weiter bahnt (siehe unten Bild ‚Komposition und Blickführung‘).

Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich linksschief, die Schatten sind in die Zonen O und I gelegt. So ergeben sich zwar einige Tonwertabbrüche nach links, die aber nach meinem Dafürhalten durch eine tonale Dreifachstaffelung (besagte Schatten, dann der Korpus des Bords bzw. Fensterbretts in den Zonen III bis V, schließlich die sich daraus markant abhebenden hellen Partien des Zeitungspapiers und der Verpackungsschrift in den Zonen VII bis IX) in guter Weise ausgeglichen sind. Interessant finde ich insbesondere die gegenläufige Kontrastierung der beiden Hauptelemente (Zeitung schwarz auf weiß, Verpackung weiß auf schwarz).

Struktur: Der Schärfefokus liegt auf den Überschriften, wo er zweifelsfrei hingehört. Der Hintergrund und angedeutet auch schon der Vordergrund belaufen sich in wohltuender Unschärfe (Bokeh). Zur Feinstruktur kann aufgrund der geringen Bildgröße nichts Abschließendes gesagt werden.

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Zusammenfassung: Matthias zeigt uns nach meinem Dafürhalten eine sehr reife, atmosphärische Arbeit, die in guter Weise (und für sich selbst sprechend) jene Melancholie, die den stillgelegten Industriearealen so oft innewohnt, zu symbolisieren weiß. Die recht kontrastvolle Ausarbeitung mit besagten Tonwertabbrüchen und der tonalen Dreifachstaffelung scheint mir für diesen Zweck sehr angemessen. Eine mittenbetonte Interpretation des Ausgangsbildes hätte vermutlich keine ebensolche Kraft entfalten können.

Gerne dürft Ihr mir schelmische Absichten unterstellen, wenn ich als eingefleischter Schwarzweißfotograf hier bisweilen auch gelungene Schwarzweißarbeiten vorstelle, bei denen ich nichts zu schimpfen habe …

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Komposition und Blickführung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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