Fotografieren:
Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen (1)

In diesem vierteiligen Tutorial möchte ich Euch ein reizvolles, aber auch anspruchsvolles Segment der Fotografie in kompakter Form vorstellen. Hier zunächst eine Übersicht über die Inhalte …

 
Einleitung

„Was vom Werke übrig blieb” | Studie 01

„Was vom Werke übrig blieb” | Studie 01

Was könnte besser die Phantasien des Fotografen wie auch des späteren Bildbetrachters wecken wie der Blick auf stillgelegte Produktionsstätten? Wenn sich dem Blick noch einzelne Zwischen- oder Endprodukte, verstaubte Gerätschaften, aus der Zeit gefallene Werkstätten offenbaren? Wenn vor unserem inneren Auge vielleicht noch die Arbeiter erscheinen, wie sie mit Stolz und Ernst ihrer anspruchsvollen und nicht immer ungefährlichen Tätigkeit nachgingen?

In gewisser Weise läßt sich das hier Gesagte natürlich auch auf Ruinen und Brachen anderer Art anwenden – verlassene Wohnhäuser, Hotels, Kliniken, Sportstätten und manches mehr …

Ein solcher Blick ist immer einer, der gleichzeitig auf die Gegenwart und die Vergangenheit gerichtet ist. Mut und Entdeckungsfreude sind gefragt, wenn wir solche Stätten durchstreifen, und diese Gefühle können zu einer kreativen Spannung beitragen. Wenn wir es schaffen, die atmosphärischen und historischen Bezüge in unseren Bildern lebendig werden zu lassen und dem Betrachter eine Geschichte zu erzählen, dann haben wir tatsächlich eine Chance, etwas über den Augenblick Hinausreichendes und damit Zeitloses zu schaffen – Bilder mithin, die nicht in der (man erlaube mir den Ausdruck) ‘Flut digitaler Belanglosigkeiten’ untergehen.

„Was vom Werke übrig blieb” | Studie 19

„Was vom Werke übrig blieb” | Studie 19

Doch auch die Fallstricke sind Legion – nicht nur in rechtlicher, technischer oder kompositorischer Hinsicht, sondern auch im Sinne persönlicher Gefährdung.

In diesem Tutorial möchte ich Euch (auf der Basis meiner eigenen Erfahrungen, die ich in langjähriger Beschäftigung mit diesem Thema gesammelt habe) einige Anregungen geben, wie man solche Projekte auf anspruchsvolle Weise – und unter Umgehung besagter Fallstricke – angehen kann.

Die gezeigten Beispielbilder stammen aus meinen aktuellen Projekten ‘Der Abriß‘ (2012), ‘Der Geschmack der Erinnerung‘ (2012) und ‘Was vom Werke übrig blieb‘ (2013).

Suche nach geeigneten Objekten

Dies – die Suche nach geeigneten Objekten – gestaltet sich nicht immer ganz einfach.

„Was vom Werke übrig blieb” | Studie 14

„Was vom Werke übrig blieb” | Studie 14

In meiner eigenen Region, dem halbwegs prosperierenden Südwesten Deutschlands, herrscht milde gesagt eine gewisse ‘Plattmachmentalität’. Die Gemeinden scheinen heutzutage wenig Muße oder Mittel zu haben, stillgelegte Produktionsstätten auch nur in Teilen zu erhalten und etwa als Industriemuseen zu präsentieren oder für andere Zwecke umzuwidmen. Statt dessen werden händeringend Investoren gesucht, die Gewerbesteuern versprechen und dann völlig freie Hand bekommen – und so steht dann (wie etwa bei meinem Projekt ‘Was vom Werke übrig blieb’) der baldige Abriß des Bestands und der Neubau des gefühlt 83. Baumarktes in der Region (kennt man einen, kennt man alle) zu Gebote.

Ein gewisser wirtschaftlicher Niedergang, so bedrückend dies auch für die Beschäftigungs- und Konsummöglichkeiten in einer Region sein mag, bremst nach meiner Erfahrung die ‘Plattmach- und Wiederaufbaufreude’ merklich und öffnet das Zeitfenster für solche Fotoprojekte. Eine andere Verlängerungskonstellation entsteht, wenn sich die Gutachter (wie etwa in meinem Projekt ‘Der Geschmack der Erinnerung’) seit Jahren hinsichtlich der Schadstoffbelastung im Boden in den Haaren liegen …

Bei der Suche nach geeigneten Objekten bewährt es sich also, Augen und Ohren offen zu halten. Auch Stadtarchivare und Presseleute wissen oft viel über solche ‘hot spots’.

 

5 Kommentare

  1. Hallo Thomas,
    ein (weiteres) interessantes Thema mit wunderbaren Beispielfotos (die Links ungedingt ansehen!), das mich auch schon seit längerem beschäftigt. Mir sind solche Bilder immer Zeugnisse einer Verlustgeschichte, die Verschüttetes oder vom Verschwinden Bedrohtes für das Bildgedächtnis zu retten versuchen, eine durchaus sentimentalische recherche du temps perdu. Das kommt dem Melancholiker in mir sehr entgegen ;-)) Gespannt warte ich auf die weiteren Folgen und freue mich über die freimütigen Einblicke in Dein fotografisches „Nähkästchen“.
    Zur weiteren Anregung meinerseits füge ich noch einen Link mit teilweise sehr eindrucksvollen Fotografien an, die mir ein ähnliches Anliegen zum Ausdruck zu bringen scheinen: http://www.industriedenkmal.de – viel Vergnügen beim Stöbern …

    Beste Grüße
    Marcus

  2. Ein interessantes Thema, bereits tolle Fotos, ich freue mich auf die Fortsetzung!
    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

  3. In den USA sind die Geier, die sich auf Industrie Ruinen stuerzen, als Urban Explorer http://en.wikipedia.org/wiki/Urban_exploration bekannt. Die bekanntesten Beispiele sind natuerlich Detroit. Sibirische Wraks sind “up and coming”

    • Oh ja … ich komme auf diesen Aspekt im zweiten Teil (erscheint am Donnerstag) noch zu sprechen …

  4. Wunderbare Aufnahmen und ein wirklich sehr hilfreiches Tutorial.

    Gruß, Rainer

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