Leserfoto:
Überborderner Dynamikumfang

Auch der Kontrastumfang einer Dämmerungssituation kann die Aufnahmemöglichkeiten unserer heutigen Digitalkameras bei weitem überschreiten, wie das Beispiel unserer heutigen Bildbesprechung aufzeigt.

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Unser Leser Emre Yedibela hat uns das obige Bild unter dem Titel “Seefotografie am Abend” zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: “Dieses Foto habe ich bei einem Nachtspaziergang aufgenommen. Bei diesem Foto ist die Spiegelung der Natur auf dem Wasser auffällig schön.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 1100D mit dem Kitobjektiv EF-S 18-55mm f/3.5-5.6 IS II verwendet. Die Brennweite betrug 18,0 mm (entsprechend 28.8 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/32 Sekunde bei Blende f/3.5 und ISO 640.

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Ich kann mir Emres Begeisterung lebhaft vorstellen, als in der Dämmerung die Landschaftsstrukturen allmählich in geheimnisvolle Schatten verfielen und der Himmel jenes stille blaue Leuchten entfaltete. Wir wollen besprechen, ob und inwiefern sein Bild jene Stimmung vermitteln kann bzw. welche Tips wir ihm für seine weitere fotografische Entwicklung geben können. Er hat das Bild in Originalgröße von 4272 Pixel mal 2848 Pixel eingereicht, ich habe dieses aus Gründen der Monitordarstellung auf 900 Pixel mal 600 Pixel verkleinert. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Komposition müssen wir uns ‘im Bild erst ein wenig zurechtfinden’: Weitläufige schwarze Bereiche – von unten her als geschlossene Ebene, von links her keilförmig ins Bild reichend – bestimmen den ersten Eindruck und werden von einem sehr hellen Bereich am oberen Bildrand gekontert. Bei weiterer Betrachtung erkennen wir jene Strukturen im rechten oberen Quadranten schließlich als Baumsilhouette, und aus der Spiegelung können wir auf ein darunter befindliches Gewässer schließen (siehe unten Bild ‘Komposition’).

Das Histogramm ist zweigipflig mit einer Betonung der Extremwerte im Bereich tiefster Schatten und hellster Lichter. Die Tonwerte der Schattenpartien befinden sich in Zone I (ursprünglich vermutlich in Zone 0 und durch eine kamerainterne ‘Schattenaufhellungsroutine’ transponiert) und lassen weder Zeichnung noch Tonwertmodulation erkennen. Diese werden gekontert durch die in die Zonen IX und X gelegten Himmelpartie, die eine geringe Tonwertmodulation, doch ebenfalls keine Zeichnung erkennen läßt. Ein lebendiges Zusammenspiel der Tonwerte in den Zonen IV bis VI findet sich nur in jenem kleinen Bereich des rechten oberen Quadranten (siehe unten Bild ‘Tonwerte’).

In der Struktur des Bildes sind harte Kontrastkanten, jedoch keinerlei Binnenstrukturen erkennbar.

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In der Zusammenfassung ist darauf hinzuweisen, daß der Dynamikumfang des Motivs die Aufnahmemöglichkeiten der verwendeten Kamera bei weitem überstieg. Von Seiten der in den Schatten fallenden Landschaft wären etwa vier, von Seiten des fast überstrahlten Himmels etwa zwei weitere Belichtungsstufen vonnöten gewesen, um diesen trotz der Dämmerung noch enormen Kontrast wiedergeben und das Bild in solcher Weise dem Betrachter harmonisch präsentieren zu können.

Ich hege auch die Vermutung, daß Emre die Situation vor Ort ganz anders – viel ausgewogener – wahrnahm. Unser ‘optischer Apparat’ (Auge und Sehrinde) verfügt über enorme Adaptionsmöglichkeiten, unwillkürlich blenden wir bei dunklen Stellen auf und bei hellen Stellen ab – wir produzieren quasi ein HDR-Bild (oder korrekter ein ‘sukkzessiv zusammengesetztes Hochkontrastbild’) im Kopf. Eine einfache Aufnahme vermag dies nicht zu reproduzieren.

Wir haben auf Fokussiert schon verschiedene Tutorials zu dieser Problematik publiziert. ‘Detailversessene’ mögen vielleicht nochmals mein Tutorial zur Nachtfotografie (Teil 1, Teil 2, Teil 3) nachlesen. Für ‘Eilige’ hier nochmals die Essentials …

  • Unabdingbar ist ein Stativ – nicht nur wegen der längeren Belichtungszeiten, sondern auch für die nötige Einmessung.
  • Man wähle die Blendenvorwahl – die Belichtungsreihe wird über die unterschiedlichen Aufnahmezeiten gesteuert.
  • Mittels Spiegelvorauslösung und Liveview bewege man den Cursor auf die dunkelste Bildstelle und korrigiere die so ermittelte Belichtungszeit um ein bis zwei Stufen nach unten – dies markiert die längste Belichtung. Sodann bewege man den Cursor auf die hellste Bildstelle und korrigiere die so ermittelte Belichtungszeit um ein bis zwei Stufen nach oben – dies markiert die kürzeste Belichtung.
  • Man fertige dann die Aufnahmen in diesem so gemessenen Belichtungsspektrum und im Abstand von jeweils zwei Belichtungsstufen an, um alle nötigen und verfügbaren Information zu erfassen. Die Verwendung der Spiegelvorauslösung und eines Fernauslösers ist zur Vermeidung von Erschütterungen zu empfehlen. Der RAW-Modus ist zur Aufnahme maximaler Bildinformationen und zur Meidung von JPG-Artefakten unabdingbar.
  • Die Neuberechnung der Belichtungsreihe und Rückführung in den sogenannten Niederkontrastraum erfolgt dann über die Bildbearbeitung (Photoshop, Photomatix, …).

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Komposition

Komposition

Tonwerte

Tonwerte

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

2 Kommentare

  1. Bei der Betrachtung der abgesoffenen Schatten vergisst man leicht, was das Foto tatsächlich ausmacht. Die Begeisterung und die Motivation für das Motiv kann ich absolut nachvollziehen, denn die Wolken und die Farben sind fantastisch und werden im Bild wunderbar wiedergegeben. Wenn ich auch der Meinung bin, dass unten und links durch einen Beschnitt auf schwarze Fläche verzichtet werden kann, so vermisse ich eine Durchzeichnung in den Tiefen im Rest des Bildes keineswegs, denn ich wüsste nicht, was dort zu sehen gäbe, das weder unwichtig noch störend wäre.
    Ich bin mir nicht sicher, ob ich da falsch liege, aber die Tiefen scheinen regelrecht abgeschnitten, selbst beim extremen Aufhellen sind nicht einmal Artefakte zu sehen, sodass ich davon ausgehe, dass die Tiefen absichtlich (Bearbeitung) begrenzt wurden.

  2. Vielen Dank für das schöne Foto, Emre! Und vielen Dank für die interessante Besprechung, Thomas!

    Das Beispielbild zeigt gut den Aspekt eines zu großen Dynamikumfangs auf. Ein Problem, über das ich bis jetzt noch gar nicht nachgedacht habe. Allerdings scheint es mir nicht von der verwendeten Kamera abzuhängen… es sei denn, man benutzt Techniken wie EXR von Fuji, bei denen der Fotosensor bereits 2 unterschiedlich belichtete Bilder aufnimmt, die dann intern kombiniert werden. Sozusagen HDR in der Kamera.

    Oliver geht von einer Bearbeitung aus. In der Tat, der vorherrschende Intensitätswert der schwarzen Bereiche ist konstant 25, nur am Rand der Bereiche ist der Wert tiefer. Könnte es sich hier nicht um eine Änderung der Bildschärfe, z.B. „Unscharf maskieren“, handeln?

    Danke für den Link zu dem Tutorial zur Nachtfotografie, das ich noch nicht kannte. Ich habe es gerade gelesen und gelernt, wie viel Arbeit in der Nachbearbeitung stecken kann. „Pinsel mit weicher Kante und angepasster Deckkraft“ scheint dabei eines der Hauptwerkzeuge zu sein… Gut, dass es Grafiktabletts gibt :->

    Viele Grüße, Tilman

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