Leserfoto:
Urtümliche Natur

Die Grundelemente mitreißender Landschaftsfotografie besprechen wir am heutigen Bildbeispiel.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Stefan Kozlowski aus Bremen reichte uns das obige Bild unter dem Titel “Vulkanschlucht in Indonesien” zur Besprechung ein und schrieb ergänzend: “Dieser Ausblick auf das Tal, welches durch zahlreiche Vulkanausbrüche geformt wurde, hat mich wirklich fasziniert. Langsam erobert sich die grüne Natur Javas das Gebiet zurück. Aufgenommen im September 2012.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 600D mit einem Zoomobjektiv (vermutlich Sigma 17-70mm 2,8-4,5 DC Macro) verwendet. Die Brennweite betrug 25.0 mm (entsprechend 40.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/320 Sekunde bei Blende f/13 und ISO 100.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Komposition empfängt eine sehr urwüchsige und in solcher Weise auch anmutige Landschaftszene den Betrachter. Mehrere Blickführungen durch das Bild sind möglich; mir selbst erschien der Blickeinstieg rechts unten über die recht klar gezeichneten Bergmatten mit Totholz, gefolgt von einer Inaugenscheinnahme des vorderen Mittelgrundes im Sinne der beiden Schluchtflanken, dann der Schlucht in den hinteren Mittelgrund folgend und über die schön gestaffelten Berge beim Vulkan ankommend, von dort aus noch den interessant changierenden Himmel betrachtend, am eingängisten (siehe unten Bild ‘Komposition und Blickführung’)

Die Tonwerte sind sehr ausgewogen, das Histogramm ist mittenbetont, tonale Abbrüche im Sinne zugelaufener Schatten oder ausgebrannter Lichter liegen nicht vor.

Bei den Farben dominieren Grüntöne mit einigen Variationen ins Gelb und Türkis.

In Hinblick auf die Struktur zeigen sich die vorderen Bildteile vollständig durchgezeichnet. Durch den Schärfeverlauf nach hinten wird der weite Raum ansehnlich symbolisiert.

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In der Zusammenfassung möchte ich hier von einer sehr gelungenen, auch atmosphärischen Landschaftsaufnahme sprechen, die etwas Urwüchsiges und in gewisser Weise auch Zeitloses aufweist. Was Stefan im Sinne der ‘Zurückholung durch die Natur’ anspricht, visualisiert sein Bild auf anschauliche Weise.

Man könnte die über der Landschaft schwebende Diesigkeit durch einen behutsamen Tonwertbeschnitt von links und eine Verstärkung des Mitteltonkontrastes etwas reduzieren – dies wäre quasi ein ‘softwaregenerierter Polfilter’, das Bild wäre etwas strahlender und lichter (siehe Bild ‘Kontrastanhebung und Auffrischung’).

Doch schiene mir eine solche Bearbeitung nicht zwingend besser, denn besagte Diesigkeit ist ja ein wesentliches atmosphärisches Element in dieser gelungenen Landschaftsaufnahme. Es ist wohl eher eine Frage des persönlichen Geschmacks …

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Komposition und Blickführung

Komposition und Blickführung

Kontrastanhebung und Auffrischung

Kontrastanhebung und Auffrischung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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10 Kommentare

  1. Sehr atmosphärisches Bild einer urwüchsigen Landschaft. Wie der Autor schon schreibt lebt es sehr von seiner “Diesigkeit”. Mir persönlich könnte es aber doch etws kontrastreicher, bzw. auch satter in den Grüntönen sein, wobei ich von einer lokalern Anpassung des unteren Bildbereiches spreche.. Wie gesagt Geschmackssache .. wer also weitergehend Lust hat eine dieser indonesichen Vulkanlandschaften im Film zu erleben ist herzlich eingeladen sich meinen “Minangkabau Dreams” – Sumatra Kurzfilm anzusehen..Letztlich würde mich noch brennend interessieren wo das auf Java ist? Liebe Grüße dave
    Der Film > http://www.youtube.com/watch?v=sYFuLTdsmm4

    • Zitat: “Mir persönlich könnte es aber doch etws kontrastreicher, bzw. auch satter in den Grüntönen sein, wobei ich von einer lokalern Anpassung des unteren Bildbereiches spreche”

      Eine guter Hinweis, wie ich meine. Tatsächlich lohnt es sich, über solch selektive Bildanpassung nachzudenken, denn eine Anhebung von Farbsättigung und Lokalkontrast im Himmelsbereich geht oftmals mit einer unerwünschten Verstärkung von Bildartefakten einher. Die für ein solches Vorgehen nützliche ‘Ebenentechnik’ hatte ich in verschiedenen Tutorials schon erläutert …

  2. Ein tolles Bild, Stefan, ich finde es fantastisch! Ebenso die Besprechung!
    Das Bild wirkte anfangs seltsam auf mich, fast wie künstlich. Dann habe ich bemerkt, dass der vordere rechte Teil in der Sonne liegt. Es gibt Schatten und kräftige Grüntöne. Der Rest scheint jedoch nicht direkt beleuchtet zu sein. Es ist die bereits angesprochene Diesigkeit, keinen Schatten sind mehr zu erkennen. Und es ist dieser Kontrast zwischen den unterschiedlichen Bereichen, der für mich das Bild erst richtig gut macht. Allerdings bin ich erstaunt darüber, dass der in der Sonne liegende Teil in der Zone III liegt, der diesige und vielleicht sogar im Schatten liegende Bereich jedoch zwischen IV und V.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Es stimmt, was Du sagst, Tilman …

      Doch (jetzt kommt’s) habe ich bei diesem Bild mit einer Zonenmessung erst gar nicht angefangen, weil so viel Feinstruktur, so viel tonales Changieren auf engstem Raum stattfindet. Eine sichere Zonenzuordnung sollte immer einer Medianbildung mit geringer Abweichung entsprechen, taugt also eher für übersichtliche Tonwertstaffelungen, sonst ähnelt es eher einem Wünschelrutengang …

      Daß der akzentuierte Vordergrund sich übrigens über mehr Zonen erstreckt wie der vergleichsweise flauere Mittel- und Hintergrund, setzt die gestalterischen Naturgesetze nicht außer Kraft, sondern bestätigt diese sogar. Es ist die zonale Entsprechung dessen, was wir üblicherweise als ‘Schärfeverlauf’ bzw. ‘in den simulierten Raum hinein absinkender Lokalkontrast’ nennen …

      „Chez vous, il pleut aussi comme vache qui pisse?”

    • Zum ersten Mal das Zonensystem angewendet, und gleich daneben gelegen :-> Danke für den Hinweis, Thomas, leuchtet mir ein ! Also, anders ausgedrückt, vorne rechts ist das Histogramm linkslastig mit einem Mittelwert von 50, die linke Bergflanke eher mitten-betont mit einem Mittelwert von 100, und die Berge im Hintergrund rechtslastig mit einem Mittelwert von 170.

      Pas de pluie, mais un vent à décorner les bœufs.

    • “un vent à décorner les bœufs”
      (ein Wind, um die Rindviecher zu enthörnen)

      Was für blumige (eigentlich ja ‘rindviechige’) Vergleiche es in dieser wunderbaren Sprache doch gibt. Diesen kannte ich noch nicht, aber es läßt mir auch im äußeren Regengrau ‘innerlich die Sonne aufgehen’ :o) …

    • Die Erklärung ist allerdings nicht so blumig :-> Enthörnen von Rindern ist/war wohl eine etwas blutige Angelegenheit. Deswegen hat man es an Tagen mit viel Wind gemacht… damit sich nicht gleich Fliegen auf die Wunden setzen.

    • Danke für diese Erläuterung, Tilman. Ich hatte den Begriff tatsächlich zunächst für eine eidetische Umschreibung der Elementarkräfte gehalten. Beizeiten werde ich bei Dir doch einmal in paar ‘Privatstunden in höherer Konversation’ buchen :o) …

  3. Eine großartige Landschaft, die eine großflächige Wiedergabe verdient hat. Die von Thomas beispielhaft durchgeführte Kontrastanhebung und Auffrischung ist mir zu pauschal und bringt die feine Balance der Luftperspektive durcheinander. Da schließe ich mich dem Einwand von David an und würde eine eher lokale Auffrischung des Vordergrunds bevorzugen.

    • Eine solch selektive Bearbeitung ist eine Haltung (man könnte auch sagen: Gruppenempfehlung), der ich mich nicht verschließe, wie es ja in meinen Text- und Diskussionsbeiträgen vermutlich schon anklang

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