Fotografieren:
Die bildnerische Erarbeitung von Industrieruinen (2)

In diesem vierteiligen Tutorial möchte ich Euch ein reizvolles, aber auch anspruchsvolles Segment der Fotografie in kompakter Form vorstellen. Hier zunächst eine Übersicht über die Inhalte …

 
Rechtliche Klärung

„Der Abriß” | Studie 27

„Der Abriß” | Studie 27

Aber ‘bitte unbedingt’! Die Einholung von Begehungs- und Verwertungsrechten in Form eines ‘Property Release‘ oder eines vergleichbaren Schriftsatzes gehört ganz selbstverständlich zu den allerersten Pflichten, wenn ein Objekt von fotografischem Interesse ist und auf anspruchsvolle bzw. professionelle Weise erarbeitet werden soll.

Wer im Internet etwa nach ‘lost places’ sucht, wird schnell fündig. Es gibt da eine richtiggehende Amateurszene, die der ‘Jagd nach dem Charme des Morbiden’ verfallen scheint – allerdings auch dem ‘Fluch der unbedingten Unbedarftheit’, wie zu befürchten ist …

Freiwillige Selbsterklärungen finden sich auf den einschlägigen Homepages zuhauf im Sinne von “zudem versuche ich im Voraus meist den Eigentümer der Location herauszufinden, zu kontaktieren und ihn um eine Fotografiegenehmigung zu bitten”, “es gilt ja auch der Grundsatz: Nichts mitnehmen, nichts ändern und vor allem nichts zerstören”, “wenn man einfach so ohne Genehmigung in einen Lost Place ´eindringt´, handelt es sich streng genommen um Hausfriedensbruch – Probleme damit hatte ich allerdings noch nie” oder “Daher ist es für mich ein absolutes Tabu, mir gewaltsam Zugang zu Locations zu verschaffen, dort etwas zu verändert, etwas mitzunehmen oder gar zu randalieren. Insofern distanziere ich mich von denjenigen, die der Ansicht sind, sich an solchen Orten austoben zu müssen. Und ich unterstütze daher die Aktion URBEXERS AGAINST VANDALISM”.

Solche Äußerungen werden sich in einem möglichen Strafprozeß (wegen Hausfriedensbruchs) oder Zivilprozeß (wegen Schadensersatzforderung nach unerlaubter Bildnahme und -verwertung) womöglich eher erheiternd als strafmindernd auswirken. Die sich in solcher Weise völlig unbeschwert und mit voller Namens- und Adreßangabe Äußernden (man hat ja Impressumspflicht) scheinen auch anzunehmen, daß eine Bildveröffentlichung im Internet keine Verwertung darstelle (man verdient ja in der Regel nichts daran) …

Eine einschlägige Regelung mit dem Besitzer bzw. Rechteinhaber muß also zwingend her, und zwar vor der Begehung und Bildnahme. Nur sehr selten habe ich bei solcher Kontaktaufnahme eine einhellige Absage erhalten (und ein klares ‘Nein’ ist dann einfach ein respektables ‘Nein’). Zumeist obsiegt das Interesse, wenn man seine Arbeit gut begründen und Referenzen zeigen kann, und vielleicht entsteht sogar eine Begeisterung, daß sich endlich jemand um diese verwunschenen Orte kümmert. Und wenn der Besitzer bzw. Rechteinhaber etwas für die Begehung und Bildnahme verlangt, ist das ein ganz normales Geschäft (und sichert im Sinne des ‘quid pro quo‘ auch Eure Rechte) und insofern in Ordnung (wobei die Inaussichtstellung öffentlicher Resonanz oder einer repräsentativen Bildmappe oftmals willkommener ist wie schnödes Geld).

Einschlägige Recherche

„Der Abriß” | Studie 31

„Der Abriß” | Studie 31

Wenn wir schon beim Besitzer bzw. Rechteinhaber des Objekts sind, ist dieser auch ein erster und guter Ansprechpartner für die Geschichte eines Ortes. Er kann ggf. auch weitere Quellen und Ansprechpartner nennen.

Stadtarchivare und Presseleute hatte ich als Informationsquellen schon genannt. Auch der Kontakt zu ehemaligen Beschäftigten ist immer lohnend, da diese über die vormaligen Abläufe und viele weitere Anekdoten berichten können (und sich über ein solches Interesse regelmäßig freuen).

Klingt zeitaufwändig? Das ist es, zweifelsohne. Andererseits fehlt mir jede Vorstellung, wie man ohne subtile Kenntnis des aufzunehmenden Objekts, des dortigen Lebens und Produzierens ‘Geschichten in Bildern’ erzählen wollte, die sich nicht nur in einem sensationsheischenden und oberflächlichen Aufzeigen morbiden Charme erschöpfen, wie ich es in der Mehrzahl der erwähnten Amateurbilder zu erkennen meine.

Führung durch das Objekt

„Der Abriß” | Studie 38

„Der Abriß” | Studie 38

Eine solche Führung an der Seite einer mit dem Objekt vertrauten Person ist ein weiterer, wichtiger Aspekt der Vorbereitung, wie ich meine. Ehemalige Beschäftigte, besonders solche “mit 37 Jahren Betriebszugehörigkeit, jede Schraube dort kennend” sind genau die Richtigen dafür und zumeist gerne bereit, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Unser Wissen über das dortige Leben und Produzieren vertieft sich so und mischt sich mit den ersten optischen und atmosphärischen Eindrücken. Und wir werden (ebenfalls wichtig) über etwaige Gefahrenbereiche informiert.

Bei diesen Führungen bzw. ersten Begehungen suche ich wohl nach geeigneten Motiven und stelle Überlegungen über die Lichtstimmung vor Ort und geeignete Aufnahmeweisen an, mache aber noch keine Aufnahmen im eigentlichen Sinn. Es ist vielmehr eine Art ‘Trockenfotografieren’, die meines Erachtens das bewußte und planvolle Herangehen an das Objekt fördert. Und es ist auch eine Art Selektionsprozeß, denn bisweilen (schon vorgekommen) gibt das Objekt fotografisch ja nur wenig her, so daß ich von einer Fortführung des Projekts Abstand nehme.

 

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