Leserfoto:
Ein bißchen Magritte

Mit der Kompaktkamera ohne Stativ zur Nachtfotografie aufbrechen? Auf einen Versuch kommt es an.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Fasziniert über das Motiv und zugleich zweifelnd am eigenen Bild äußert sich unser Leser Peter Krauss aus Heidelberg, wenn er über sein Bild “Paris bei Nacht” schreibt: “Anfangs hielt ich diese Nachtaufnahme von Paris für recht gelungen dafür, dass sie mit einer kleinen Kompaktkamera ohne Stativ, nur aufgestützt auf einem Poller am Straßenrand., entstanden ist. Die typischen Fassaden mit der Kamin-Silhouette, die leicht frivolen (Paris!) Werbetafeln, deren Licht mit dem Mond korrespondiert. Aufgenommen im August 2012 in Paris, Nähe Gare de l’Est … Aber irgendetwas fehlt. Sie empfehlen ja oft: beschneiden, aber das hat auch nicht viel gebracht. Haben Sie einen Vorschlag?”

Zur Aufnahme wurde eine Canon Digital Ixus 80 IS mit integriertem Zoomobjektiv (6.2 – 18.6 mm) verwendet. Die Brennweite betrug 11,6 mm (entsprechend etwa 71 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von etwa 6.1), die Belichtungsdaten waren 1/8 Sekunde bei Blende f/4.0 und ISO 250. Das in der Originalgröße von 3264 Pixel mal 2448 Pixel habe ich zur Wiedergabe auf üblichen Monitoren auf 900 Pixel mal 675 Pixel verkleinert.

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Da Peters Bild insgesamt etwas verkippt war und einige stürzende Linien aufwies, gab es manches zu tun. So entschloß ich mich, die grundsätzlichen Bildelemente anhand der Überarbeitung (siehe unten Bild ‘Ausgerichtete und bearbeitete Version’) zu besprechen. Für diese habe ich noch einen leichten Beschnitt von beiden Seiten, eine Kontrastanhebung (Verdoppelung der Ausgangsebene, Ebenenmodus ‘Weiches Licht, 30% Deckung) unter Schonung der Schattenbereiche, eine leichte Verstärkung der Farbsättigung und eine deutliche Schärfung (selektive Scharfzeichnung 140/1.2) durchgeführt. Wer Original und Überarbeitung genau vergleicht, wird auch die Vervollständigung des Mondes und die Aufhellung im Bereich des Verkehrsschildes bemerkt haben.

Die Komposition ist getragen von den hochragenden Häuserfronten bzw. deren Kanten. Jene nicht genau zu bestimmende, wie ein niedriges Überdach wirkende Struktur am unteren Bildrand stützt das Bild von unten (siehe gelben Linien im untenstehenden Bild ‘Komposition’). Als Blickfang fungieren die vier beleuchteten Werbetafeln und eben der Mond (rote Kreise), zwischen denen der Blick geführt wird (siehe grüne Linien)

Bei den Tonwerten dominieren im Hintergrund die Zonen 0 bis IV, bei den erwähnten Blickfängen die Zonen VIII bis X. Hinsichtlich der Farben überwiegt ein teils etwas rötlich wirkendes Blau, nur die Blickfänge weisen auch Gelbtöne auf. Die Struktur zeigt die relative Abbildungsschwäche der verwendeten Kompaktkamera auf – ausreichend für eine typische Monitoransicht, aber nicht verwendbar für einen großformatigen Druck.

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Zusammenfassung: Geheimnisvoll wirkt Peters Bild – ich fühlte mich spontan an die surrealistischen Szenerien mit Mond eines René Magritte erinnert. Das Moment des ‘trompe l’oeil’ mit den aufgemalten Hausfassaden und Monitoren verstärkt diesen Verfremdungseffekt noch. Es ist ein Bild, welches den Betrachter mit seinen rätselhaften Botschaften und virtuellen Ebenen durchaus interessieren und eine Weile gefangen nehmen kann.

Ich selbst wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, mit einer Kompaktkamera ohne Stativ zur Nachtfotografie aufzubrechen. Das Beispiel zeigt aber, daß man auch in der Fotografie nicht dogmatisch sein und durchaus einmal unkonventionelle Wege beschreiten sollte. Es zählt das Ergebnis und daß Peter dieses reizvolle Motiv so eben auch gesehen hat.

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Ausgerichtete und bearbeitete Version

Ausgerichtete und bearbeitete Version

Komposition

Komposition

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Hallo,
    Ja, „das Ergebnis zählt“. Und das ist klasse! Mir gefällt die Szene und der Bildaufbau sehr gut, ein tolles atmosphärisches Bild. Thomas hat ja ziemlich viel geändert, und vielen Schritten stimme ich zu. Das Originalbild wird sehr flach, eine Erhöhung der Kontrastes ist sicher interessant. Das Ausrichten und der Beschnitt sind auch sinnvoll, mich störte besonders die schwarze Ampel links, die viel zu bildbestimmend wirkt. Auch die Schärfung und der runde Mond (:->) tun dem Bild gut. Der Mond und die Werbetafeln stechen jetzt richtig heraus. Allerdings gefällt mir das bearbeitete Bild nicht 100%. Durch die Änderung des Kontrast und der Farbsättigung, ist für mich ein bläulicher „Brei“ entstanden. Ich habe deshalb einen anderen Weg eingeschlagen: drastische Reduzierung der Farbsättigung im Bereich der Häuser mit leichten Hinzufügen einer rötlichen Tönung http://sdrv.ms/18PxkQc …wobei man aufpassen muss, die Nacht nicht zum Tage zu machen.
    Herzlichen Glückwunsch noch einmal, Tilman

    • Gerne stelle ich mich solcher ‘Kritik der Kritik’, da fällt mir kein Zacken aus der Krone … ist Dir aber aufgefallen, daß Deine Version gerade durch jene ‘Umtonung’ noch verrauschter wirkt? Der Rotkanal ist als ‘Rauschkanal’ bekannt, und bei der hier eher mäßigen Auflösung und Struktur gerät man (sofern man hohe Ansprüche anlegt) an die Grenzen der Bearbeitbarkeit …

    • Nein Thomas, das war mir nicht aufgefallen. Ein guter Hinweis, danke! Das Rauschen ist sicher nicht nur durch das Verstärken des Rotanteils bedingt, sondern auch durch die von mir benutzte allgemeine Kontrastverstärkung und Schärfung. Allerdings ist das gefühlte Rauschen auch bei Dir größer geworden, sieh Dir einmal den Himmel oder die hohe Fassade an einer gleichförmigen Stelle an. Vielleicht liegt das daran, dass Rauschen in dunklen, blauen Bildbereichen besonders gut erkennbar ist :->. Damit hatte ich schon oft Schwierigkeiten bei Nacharbeitung von Nachthimmeln.

    • Den Nachthimmel sollte man in der Bearbeitung tatsächlich ‘mit Samthandschuhen anfassen’ …

      Es mag auch mit der verwendeten Ausrüstung zusammenhängen, aber ich habe beim Himmel eher Probleme mit Moiré denn mit Luminanz- oder Farbrauschen. Wie auch immer, eine selektive Bearbeitung ist bisweilen erforderlich, mit Entrauschen und Absoften des Himmels bzw. mit Ausklammern des Himmels von kontraststeigernden und schärfenden Prozeduren.

      Weiteres dazu auch im dritten Teil meines Tutorials zur Nachtfotografie.

  2. Ich weiß nicht, die Korrektur des Mondes hat für mich den Beigeschmack einer Fälschung … Sicher, auch Farb- und Kontrastanpassungen sind Bildänderungen, wenn aber ein Objekt so sehr verändert wird, hat das für mich einen schlechten Beigeschmack.

    • Fälschung? Für Reportagezwecke wäre das so zu werten; für künstlerische Zwecke gewiß nicht, dort herrscht (auch in der Fotografie) keine realistische Abbildungspflicht …

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