Leserfoto:
Fluch und Segen des Regelbruchs

Wie schon der Titel andeutet: am heutigen Bildbeispiel wollen wir die Zulässigkeit und Erfolgsaussicht vom Regelbrüchen erörtern.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Eine interessante Fragestellung wirft unser Leser Ulrich Berens aus dem schwäbischen Donauwörth mit seinem schlicht als “Touristen” betitelten und in der Kategorie ‘Konzept’ zur Besprechung eingereichten Bild auf. Er schreibt dazu: “Das Foto entstand an der Küste der Bretagne. Eigentlich wollte ich eine Klosteruine besuchen, aber außer ein paar Mauerresten und großen freien Sandflächen gab es nicht viel zu sehen. Zum Glück war ein Leuchtturm in der Nähe, den ich bestieg. Während die anderen auf dem Leuchtturm aufs graue Meer hinausknipsten, richtete ich die Kamera fast senkrecht nach unten auf die beiden Touristen, die eine Infotafel lesen … Ich interessiere mich sehr für Fotografie und ich las immer mal wieder den Hinweis, dass es manchmal für ein gutes Bild sorgt, wenn man die bekannten Bildgestaltungsregeln bewusst bricht. Genau das habe ich mit der Wahl des Ausschnitts – sehr bewusst! – getan: das Motiv rutscht an den Rand und erregt doch aber genug Aufmerksamkeit, weil der Rest des Fotos von der der leeren, eintönigen Sandfläche dominiert wird. Der Winkel des hereinragenden Mauerrestes gefiel mir ebenfalls … Mit dem Foto wollte ich einerseits meine Enttäuschung über das wenige Sehenswerte einfangen und in den Touristen ein wenig mich selber ;-) Technisch ist das Bild sicherlich nicht besonders, aber mich interessiert, ob mein bewusster Regelbruch das Bild kaputt macht oder interessant.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 40D mit Tamron 18-250mm f/3.5-6.3 Di II LD Aspherical [IF] Macro verwendet. Die Brennweite betrug 59.0 mm (entsprechend 94,4 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/800 Sekunde bei Blende f/9 und ISO 500.

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Die Bildelemente sind rasch erzählt, zumal es in dieser Besprechung ja eher um Grundsätzliches (Zulässigkeit und Erfolgsaussicht vom Regelbrüchen) geht.

Hinsichtlich der Komposition empfängt den Betrachter zunächst eine weite, strukturarme Fläche. Alsbald fällt sein Blick jedoch auf das ältere (japanische?) Touristenpaar, welches sich über eine Erklärungstafel beugt. Mauer- bzw. Fundamentreste von links und unten her fungieren als Vektoren, die den Blick zum Paar führen, wenngleich der Blick immer wieder über jene so leere (fast als ‘Negativraum’ fungierende) Fläche schweift. Die Tonwerte zeigen sich ausgeglichen, mittenbetont. Bei den Farben dominieren gebrochene Erdtöne, kontrastiert von Primär- und Sekundärfarben im Bereich der erwähnten Motivgruppe. In der Struktur zeigt sich die ordentliche Abbildungsleistung der verwendeten Ausrüstung.

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“Und was ist jetzt mit dem Regelbruch?”

Eine einfache Frage, auf die es leider keine einfache Antwort gibt. Sofern wir nur für uns selbst fotografieren oder das Einzelbild im Rahmen einer längeren Konzeptserie hintansteht, müßte uns die Frage schlichtweg kaum beschäftigen. Anders ist es freilich, wenn wir mit dem Bild zu Markte ziehen und auf ‘ehrfürchtige Galeristen, sammelwütige Käufer oder jubelnde Fotocommunisten’ hoffen. Dann müßten wir uns wohl einem gewissen ‘Mainstream mit allem Für und Wider’ anpassen. Der geht dann üblicherweise in Richtung der Zulässigkeit eines subtilen Regelbruchs, der in Komposition und Dramatik gut eingebunden ist und die eigentliche Bildaussage unterstreicht. So weit die Theorie. Was letztlich gefällt und ankommt, entscheidet – oh Fluch, oh Segen – der Betrachter.

Ein Wort noch zu jenem in gewissen Foren und Communities ach so beliebten Zitat: “The fact that a (in the traditional sense) technically deficient photograph can have greater emotional impact than a technically flawness picture probably comes as a shock to those who are naive enough to believe that technical exellence alone is a measure of a value of a photograph”. Andreas Feininger schrieb das 1969 in ‘The Color Photobook’.

Der inflationäre Gebrauch von Regellosigkeit, meist im Tateinheit mit “Technik? Ich bin Künstler!” und reihenweise fehlbelichteten und -komponierten Aufnahmen im Portfolio war – so hart das klingen mag – ganz gewiß nicht im Sinne Feiningers. Man erinnere sich: er war ein bedeutender fotografischer Lehrer und wollte seine Lehrbücher verkaufen. Wenn es aber sowieso nichts zu lernen gäbe, dann … … … der Gedanke dahinter war doch vielmehr (das möchte ich doch einmal leise anmerken), daß man all diese technischen, kompositorischen und dramaturgischen Elemente selbstverständlich aus dem Effeff beherrschen muß, um sich dann gezielt und bedacht auch wieder davon zu lösen, um kein ‘Techniksklave’ zu werden.

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Nun will ich aber nochmals auf Ulrichs Aufnahme zurückkommen. Eigentlich ist es ja schon genial, wie hier der Blick immer wieder ins Leere gezogen wird, kurz zum staunenden Touristenpaar zurückkehrt, um sich dann wieder im Unbestimmten zu verlieren. Man könnte sogar frech behaupten, daß diese Aufnahme ein ‘Sinnbild für die ganze Hohlheit des sensationsheischenden Tourismus heutiger Bauart’ ist. Nur wage ich zu bezweifeln, ob jene ‘Galeristen, Käufer oder Fotocommunisten’ sich solch gewagter Interpretation reihenweise anschließen würden.

Etwas konventioneller und damit vielleicht verdaulicher wäre es, wenn in jenem ‘Vakuum rechts oben’ sich noch etwas Kleines, Strukturgebendes fände – ein Vögelchen vielleicht, welches dann durch einen Größenkontrast Bildspannung und Betrachterinteresse erzeugen könnte. Dann wäre auch jener bewährte Grundsatz der Gestaltungspsychologie, daß ein Bild Bekanntes und Befremdendes in guter Mischung aufweisen sollte, um maximales Interesse zu erzeugen, beherzigt.

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Komposition

Komposition

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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7 Kommentare

  1. Die Idee mit dem Vögelchen im sog. leeren Bereich, würde wohl die gesamte Komposition zerstören. Der Bereich ist schließlich nicht leer!

    Das eigentliche Motiv ist optimal in das Bild gestellt. Es bleibt die gröstmögliche Anstrengung der Phantasie über das fehlende Motiv. Dies wiederum macht das Bild zum Eycatcher.

    Äußerst gelungene Aufnahme, wie ich finde!

    Lg
    Christian Gawlik, cgPhotography

  2. Dein Bild gefällt mir sehr gut, Ulrich. Wirklich eine tolle Idee und Realisation. Deine Frage interessiert mich sehr, danke für Deine sehr lesenswerte Antwort, Thomas!
    Ich empfinde selbst keinen Regelbruch (soweit man das empfinden kann :->) Im Gegenteil, die Weite des Bildes lässt die Touristen klein erscheinen, so dass das Zentrum nicht die Personen sind, sondern die Situation.
    Ich habe versucht, das Bild zu beschneiden… um so etwas wie die Drittel-Regel anzuwenden. Die Resultate waren alle enttäuschend. Die einzige Veränderung die mir einigermaßen gefiel, war das Bild unten und rechts zu vergrößern und etwas Sand + Mauer in die weißen Flächen zu kopieren (hätte ich, wenn möglich, bei der Aufnahme versucht). Dadurch werden die Personen noch unbedeutender und rücken von der Mittellinie weg.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

  3. Dank an Thomas für die ausführliche und wertschätzende Besprechung des Bildes, Dank auch den beiden Kommentaren. Klingt vielliecht seltsam, aber: es ist auch mal eine schöne Erfahrung, sich in seiner Frage verstanden zu fühlen, auch wenn es keine Antwort gibt, die eine leichte Lösung präsentiert.

    In einem bestärken mich jedoch die Besprechung und die Meinungen zum Bild: dem eigenen Gefühl und dem eigenen Stil mehr zu trauen als vordefinierten Regeln.

    Danke nochmals!
    Uli

    • Zitat: “In einem bestärken mich jedoch die Besprechung und die Meinungen zum Bild: dem eigenen Gefühl und dem eigenen Stil mehr zu trauen als vordefinierten Regeln.”

      Solches läßt sich gewiß ‘mitnehmen’, und man könnte es vielleicht noch überspitzter formulieren: daß ein Bild dann aus der Masse herausragen kann, wenn die Idee dahinter spürbar wird. In dieser Weise hast Du für jene angedeuteten Gefühle von Ratlosigkeit und Ennui eine gute, kreative bildnerische Entsprechung und Umsetzung gefunden.

      In solcher Weise gebe ich mich hier auch gerne als ‘Intentionalist’ zu erkennen – die vorauslaufende ‘Idee, was da ist oder sein könnte’, soll das spätere Bild erschaffen, nicht andersherum …

  4. Ich mag das Foto! :)

    Was sich bei mir aber bei den EXIF-Daten für eine Frage stellt:

    Wo liegt der Grund für die Zeit/ISO Kombination? ISO500 scheint ein von der Kamera automatisch eingestellter Wert zu sein, sonst wäre es ja 400 oder 800. Aber Wieso dann die Belichtungszeit von 1/800? Bei der Brennweite hätte doch 1/100 gereicht, was bei ruhig dastehenden Personen auch auf jeden Fall für eine scharfe Abbildung derer gereicht hätte. Und damit hätte man ISO100 verwenden können…

    • Zitat: “Bei der Brennweite hätte doch 1/100 gereicht”

      Gemäß der bekannten Umkehrregel wären bei einer kleinbildäquivalenten Brennweite von knapp 100 mm tatsächlich 1/100 Sekunde Belichtung zu empfehlen. Bei aktiviertem Bildstabilisator reicht dies gut, ohne diesen hätte ich selbst wohl die Tendenz, noch eine Belichtungsstufe dazu zu geben, also 1/200 Sekunde.

      Mir scheint, daß Ulrich mit dem Setup ‘auf Nummer sicher’ gehen wollte, aber vielleicht sagt er selbst noch etwas dazu …

  5. Hallo,
    zu ISO-500: natürlich hat Tobi recht, ISO-100 wäre durchaus möglich gewesen.
    Da es aber ein sehr regnerischer und trüber Tag war, und ich eigentlich dachte, das Innere einer Klosteruine fotografieren zu können, hatte ich ISO-500 vermutlich selbst vorgewählt.

    Mein Tamron 18-250mm ist noch ein älteres Modell ohne Bildstabilisator, auch meine Canon 40D verfügt über keinen. Da ich das Tamron im Urlaub gerne als “Für-alle-Fälle”-Objektiv nutze, weiß ich aus Erfahrung, dass bei schlechtem Wetter leicht eine erhöhte ISO-Zahl bei diesem Objektiv “hilft”.

    Beim Bild selbst war ich zu sehr mit dem Bildausschnitt beschäftigt, um noch einmal einen Kontroll-Blick auf die ISO-Einstellung zu werfen (ein Fehler, der mir ärgerlicherweise manchmal passiert).

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  1. […] ausfhrliche Bildkritik auf fokussiert.com Newsletter zum Thema bestellen:Foto-Tipps: Bessere Bilder Diesen […]

  2. […] Am Anfang meiner DSLR-Fotografie habe ich viel Fachliteratur und Fotozeitschriften gelesen, die oft suggerieren, möglichst hippe Kamera-Technik sei das A und O der Fotografie. Vermutlich wissen die zuständigen Autoren, dass technikverliebte Menschen wie ich für derlei Einreden leider durchaus empfänglich sind. Daneben stehen dann die aufwendig produzierten Fotografien diverser Profifotografen, neben denen dann die ersten eigenen Gehversuche absolut dilletantisch wirken. Ich finde, gerade Einsteiger sollten sich hier wirklich locker machen und diesen ganzen hochglanzpolierten Hype am besten ignorieren – wobei ich zugeben muss, dass ich selbst dazu eine Weile gebraucht habe. Aber: Die eigene Kreativität wächst in dem Maße, in dem ich ihr auch etwas zutraue und in dem ich aufhöre, meine Fotos ständig mit denen anderer zu vergleichen. Klar kann ich von anderen lernen, anschauen schult. Aber ich finde es viel aufbauender, meine Bilder von heute mit meinen Bildern von vor ein paar Jahren zu vergleichen. Und siehe da: der Fortschritt, den ich dabei entdecke, ist absolut mein eigener! […]

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