Leserfoto:
Ein Familienporträt als Chiaroscuro

Von Tagen stillen Glücks und kleiner Aufregung erzählt ein behutsames Familienporträt, welches ich in der heutigen Bildbesprechung vorstellen möchte.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unter dem sprechenden Titel “Konzentration” hat unser Leser Tilman Jochems aus dem nordrhein-westfälischen Kreuztal uns das obige Bild zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: “Das Photo zeigt meinen Sohn beim alljährlichen Weihnachts-Fondue. Es war das erste Mal, dass er selbst eine Fleischgabel benutzen durfte… die beiden Eltern gucken noch etwas ängstlich :-> Die Beleuchtung kommt von einer normalen Glühbirne, so wie es sie einmal gab… mein Bruder hat einen großen Vorrat angelegt, so dass wir auch weiterhin dieses warme, schöne Licht genießen können. Ich habe das Bild bearbeitet, indem ich den Kontrast Zonenweise geändert habe. Den Rand und die Ecken dunkel, das Gesicht etwas aufgehellt.”

Zur Aufnahme wurde eine FinePix HS10 HS11 als Bridgekamera mit integriertem 4.2–126.0mm-Zoomobjektiv verwendet. Die Brennweite betrug 11.8 mm (entsprechend etwa 67 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von etwa 5.7), die Belichtungsdaten waren 1/45 Sekunde bei Blende f/4.0 und ISO 400.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Komposition dienen der Fonduetopf und die beiden Wassergläser am unteren Bildrand, mittelbar auch die Silhouette der Mutter am rechten Bildrand als Stütze des Gesamtbildes und Einrahmung der Hauptperson. Über den Fleischspieß wird der Blick zur Hand, von dort über den Arm zum Gesichts des Jungen geführt, der sich hochkonzentriert, fast ‘feierlich versunken’ seinem Tun widmet. Ganz im Sinne des bekannten Chiaroscuro-Effekts ist er ganz ins Licht gesetzt und hervorgehoben, wobei das Gesicht im angestrahlten ‘Leuchtlicht’, der Pulli hingegen im reflektierenden ‘Körperlicht’ in der Konnotation von Leonardo da Vinci erscheint. Dazu kontrastierend und in den Hintergrund gesetzt wird er von seinen Eltern flankiert, wobei der Vater hinten links nur schemenhaft, die Mutter hingegen vorne rechts etwas deutlicher gezeichnet ist (siehe unten Bild ‘Komposition’).

Die Verteilung der Tonwerte greift jenes dramaturgische Gestaltungsmoment des erwähnten Chiascuro-Effekts auf und unterstützt in solcher Weise die Bildaussage. Die Außenbereiche, insbesondere oben und an den Seiten verfallen in der völligen Schwärze der Zone 0. Die einrahmenden Eltern sind als halboffene Schatten in die Zonen I bis III gelegt. Die Hauptperson findet sich kontrastreich in den Zonen II bis VIII dargestellt, wobei auf die Zone I seines Kopfhaares und die Zone X der Fingerspitzen der rechten Hand hingewiesen werden muß.

Bei den Farben dominieren verhaltene Rottöne den Hintergrund, ein etwas gedämpftes Gelb den Pulli.

Die Struktur zeigt insgesamt eine etwas weiche Zeichnung, die der bei dieser Brennweite etwas langen Belichtungszeit geschuldet sein mag. Ich meine aber auch, den Schärfefokus eher auf dem linken Wasserglas und der Armbanduhr der Mutter (und damit motivisch disloziert) ruhen zu sehen, was unsere Überlegungen wieder einmal in Richtung des ‘hilflos rudernden Autofokus bei wenig Licht’ lenkt.

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In der Zusammenfassung möchte ich die kompositorischen und atmosphärische Qualitäten dieses stillen, aber auch eindringlichen Bildes hervorheben – dies umso mehr, als es sich um eine freihändige Spontan- und nicht um eine aufwendig ausgeleuchtete Studioaufnahme handelt. Die von Tilman erwähnte Nachbearbeitung der Tonwerte und Kontraste ist hier ganz unzweifelhaft gelungen. Man mag den Fotografen auch beglückwünschen, auf den kameraeigenen Frontalblitz verzichtet zu haben, der die anmutige Stimmung des Bildes mit einem Schlag restlos zerstört hätte.

Die Tonwertabbrüche hatte ich oben schon erwähnt – dabei meine ich nicht die tiefsten Schatten der Randbereiche oder den tiefen Schatten des Haares des Jungen; das erste gehört so zu einer Chiaroscuro-Aufnahme, das zweite stört nicht. Es ist vielmehr die rechte Hand, die im Sinne der zeichnungslosen Überstrahlung etwas Kummer bereitet. Hier habe ich die Lichter selektiv mit dem Tiefen/Lichter-Werkzeug soweit möglich zurückgeholt (im RAW-Modus ginge hier noch mehr). Auch habe ich das Bild nicht unerheblich nachgeschärft und auch einen ‘Schärfe-Switch’ dahingehend durchgeführt, daß ich die Bereiche des Fonduetopfes, der beiden Wassergläser und der Armbanduhr davon mit Ebenentechnik ausklammerte (siehe unten Bild ‘Überarbeitung’). Details zur lokalen Schärfung mit Ebenentechnik finden sich bei Interesse in den beiden letzten Absätzen des dritten Teils meines Schärfungstutorials.

Ich habe das Bild ‘späßleshalber’ noch an der Horizontalen gespiegelt, und es scheint so ein anderes Bild zu werden – so im Ausgangsbild der Blick zum Gesicht führt, scheint in der Spiegelung die Hand das Ziel zu sein (siehe unten Bild ‘Spiegelung’).

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Einen freundlichen (ironischen?) Kommentar zur kolportierten Ängstlichkeit der Eltern kann ich mir abschließend nicht verkneifen: gemäß ‘Murphy’s Law’ wäre natürlich klar, daß nächstens der Fleischspieß in Vaters Oberschenkel steckt und die Hauskatze mit siedendem Öl überschüttet wird … … … aber im Ernst vermittelt sich mir im Bild keine ängstliche Spannung, sondern ich sehe stolze Eltern, die ihren sicher gebundenen und explorationsfreudigen Sohn gut flankieren und bei Eventualitäten einspringen können. Wenn andersherum die Angst der Eltern schon so entspannt aussieht, wie sähe dann erst wirkliche Entspannung aus?

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Komposition

Komposition

Überarbeitung

Überarbeitung

Spiegelung

Spiegelung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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11 Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    vielen Dank für Deine ausführliche Besprechung meines Bildes. Mir werden hierdurch viele Fehler bewusst, die ich als Anfänger mache. Vielen Dank auch für Deine zahlreichen Artikel. Ich habe bereits viele Aspekte kennengelernt… das Zonensystem, die Schärfung von Bildern, Komposition, Dynamik, lokaler Kontrast… die Du hier didaktisch wunderbar behandelst.

    Der größte Schwachpunkt dieser Aufnahme ist sicher der Fotograf :-> aber auch die Kamera. Ich war von dem Konzept der Bridgekameras eigentlich angetan. Und es ist auch ein Vorteil, ständig ein Zoom 24-720mm zur Verfügung zu haben. Aber die Nachteile sind ebenfalls riesig: durch den kleinen Sensor, sind die Aufnahmen leider nie so ganz richtig scharf. Und die Elektronik, die Symmetrie-Fehler des Objektives bereits bei der Aufnahme „ausbügelt“, tut dann den Rest. Du hast Recht: bei genauem Betrachten habe ich jetzt auch den Eindruck, dass der Autofokus Schwierigkeiten hatte.

    Die Belichtung war auf Automatik eingestellt. Hier ist das Ergebnis der Kamera schon erstaunlicher: die Elektronik hat das Gesicht erkannt und darauf die Werte eingestellt. Die Hand meines Sohnes war unmittelbar unter der Lampe (die auf dem Originalbild auch noch in der oberen linken Ecke zu sehen war), daher kommt die sehr hohe Dynamik. So etwas kann eine Automatik nicht leisten. Sicher wäre es besser gewesen, das Bild etwas weniger zu belichten und in RAW aufzunehmen, um noch genügend Spielraum bei der nachträglichen Bearbeitung zu haben.

    Mir ist inzwischen bewusst geworden, wie wichtig eine genaue Analyse bereits vor der Aufnahme ist. Ganz zum Leidwesen meiner Freundin, die dieses Hobby nicht so richtig mit mir teilen mag :->

    Vielen herzlichen Dank noch einmal, Tilman

    • Hallo Tilman,

      Deine Anmerkungen hinsichtlich der Vorzüge und Nachteile einer ‘kleinen Ausrüstung’ kann ich durchaus nachvollziehen – Handlichkeit und Abbildungsleistung konkurrieren da notgedrungen miteinander …

      Aber der Tenor meiner Besprechung war ja keine ‘Ausrüstungsschelte’, ganz im Gegenteil. Gerade bei diesem und dem vorletzten Bild (‘Ein bißchen Magritte‘) wollte ich aufzeigen, daß in erster Linie doch das ‘fotografische Sehen’ entscheidend ist (jene von der Ausrüstung völlig unabhängige Fähigkeit also, die motivischen und atmosphärischer Qualitäten einer Szene zu erfassen und durch den Ausschnitt zu einer ansprechenden Komposition zu verdichten) und daß auf solchem Wege Bilder mit enormem Potential entstehen können. Daß eine hochwertige Ausrüstung dann auch erfreuliche Bearbeitungsreserven und andere Präsentationsmöglichkeiten beinhaltet, ist in zweiter Linie natürlich auch richtig.

      Mit dieser Auffassung, daß das fotografische Sehen zunächst wichtiger ist als die verwendete Ausrüstung, stehe ich bei Fokussiert nicht allein. Ich selbst bin gewiß kein Feind der Technik, möchte ich doch darauf hinweisen, daß es mehr als genug technikaffine Publikationen gibt, die uns ‘mit immer neuen Jubelmeldungen über die allerneueste Gerätschaften, die wir natürlich alle sofort anschaffen sollten, einseifen’ – Fotografien werden auf solche Weise leider nicht automatisch besser; wo keine Inspiration herrscht, wird es die Technik auch nicht richten können.

      Das Thema ‘Familie und anspruchsvolle Fotografie, womöglich noch mit Kindern und gerade auf Reisen’ sollte tatsächlich nicht unterschätzt werden. Sofern es nicht gelingt, die Begleitung für die fotografischen Belange zu begeistern und wertschätzend etwa in die Motiverarbeitung einzubinden, werden wohl individuelle Lösungen im Sinne von ‘Familienzeit, Fotografierzeit’ vonnöten sein; hier ‘alles miteinander zu vermauscheln und gleichzeitig zu erledigen’, scheint in jeder Hinsicht nicht zwingend die besten Ergebnisse zu bringen …

      Thomas

  2. „Ausrüstungsschelte“ So habe ich das auch nicht empfunden. Über die Technik und deren Unzulänglichkeit bei diesem Foto habe ich gesprochen, um zu unterstreichen, wie wichtig eine genaue Analyse des Bildes vor der Aufnahme ist. Und wie wichtig, die von Dir genannten Aspekte sind: die Kameraelektronik, wie raffiniert sie auch ist, kann das nicht lösen. Schärfeverlauf, Belichtung, Komposition, das nimmt einem die Technik nicht ab. Allerdings glaube ich inzwischen auch, dass gerade die Bildqualität, mal rein technisch gesehen, sehr vom Material abhängt. Tiefenschärfe mit einer Kompaktkamera zu erzeugen, ist halt kaum möglich.

    Das „fotografische Sehen“ hatte hier mein Bruder, der sich seit seiner Jugend mit Fotografie beschäftigt. Aber es war halt nicht seine Kamera, so dass er die Standardeinstellung gewählt hat. Ich habe nur die Nachbearbeitung vorgenommen. Herzlichen Dank, Christoph, für dieses tolle Foto. Ich kann mich dem Lob von Thomas nur anschließen.

    „Individuelle Lösungen“ Wie machst Du das? Wenn wir Ausflüge machen, sind mein Sohn und ich begeistert, minutenlang ein Motiv zu erfassen und zu fotografieren. Das kann dann zugegebenermaßen schon nerven, wenn man eigentlich wandern wollte :->

    • Bin gerade dabei, Bilder für eine Wettbewerbsteilnahme zusammenzustellen. Da kommt Dein Kommentar als willkommene Abwechslung …

      “Tiefenschärfe mit einer Kompaktkamera zu erzeugen, ist halt kaum möglich”

      Wenn ich Dich darin freundlich korrigieren dürfte: mit dem kleinen Sensor kommen wir bauartbedingt vom ‘Fluch der hohen Schärfentiefe’ nicht weg (kleiner Ausschnitt, kleine Brennweite, siehe auch diese Diskussion); beim großen Sensor können wir mit der Variation der Schärfentiefe (Schärfeverlauf, Bokeh) viel ‘malerischer’ hantieren. Du meinstest wahrscheinlich die Abbildungsleistung.

      “Das ‘fotografische Sehen’ hatte hier mein Bruder, der sich seit seiner Jugend mit Fotografie beschäftigt.”

      Ich hatte tatsächlich so eine Vision, daß Du schwerlich zugleich der abgebildete Vater und der aufnehmende Fotograf sein kannst :o) …

      “Wie machst Du das? Wenn wir Ausflüge machen, sind mein Sohn und ich begeistert, minutenlang ein Motiv zu erfassen und zu fotografieren.”

      Ganau so: “was sehen wir? Was empfinden wir? Wie könnten wir es in Szene setzen? Betonung auf ‘wir’ und das schöne Gefühl gemeinsamer Schöpfung. Gerade meine Frau durchschaut natürlich meine ‘Einbindungsversuche’ schmunzelnd …

    • Natürlich, es sollte geringe Tiefenschärfe heißen… Bei mir muß meist die Bearbeitungssoftware dran, um diesen Effekt mittelmäßig zu erzielen.

    • Was meint denn nun eigentlich “der porträtierte Herr” dazu? Und wie geht es Euch mit meinen Betrachtungen der elterlichen Angst?

    • Je pense que tu as raison que mon doit est trop clair , le verre gêne trop et si on regarde une fois sur la montre on y regarde tout le temps.

      Antonio

    • Wenn man fragt, bekommt man eine Antwort :-> Mein Sohn wollte Dir selbst schreiben. Auf französisch, weil er hier zur Schule geht, obwohl er (noch) deutsch viel besser spricht. Ich habe seinen Beitrag nicht verbessert. Was die elterliche Angst angeht, ich habe ziemlich über Deinen Kommentar gelacht. Ja, Du liegst absolut richtig: weder Spieß im Bein, noch Öl auf der Katze, sondern ein richtig gemütliches Festmahl. Und „stolze Eltern die einspringen können“ ist untertrieben, schlimmer noch… Antonio ist Einzelkind :-> Aber in bisschen mulmig war uns wirklich am Anfang.

    • Salu Antonio, fils de Tilman, je te souhaite la bienvenue lors de ton premier commentaire à Fokussiert … et en dépit de ton doigt un peu trop illuminé c’est une image très jolie. Mais dis-le-moi: tu n’as pas blessé quelqu’un avec ce truc-là, non?

  3. Als ich das Bild gesehen haben bin ich ins Schwärmen geraten und meine Freundin hat sogar sofort Vergleiche zu Gemälden von Michelangelo gezogen.
    Ich selbst habe mich beim Betrachten wohl auch ein wenig nach der familiären Wärme der abgebildeten Situation gesehnt…
    Ehrlich gesagt bin ich gerade ein wenig sprachlos, also akzeptiere einfach meine Begeisterung für Motiv und Umsetzung!

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