Leserfoto:
Vom hohen Anspruch der Architekturfotografie

Vollendete Architekturfotografie bedarf nicht nur wohlgesetzter Feinstruktur und Tonalität, sondern auch konstruktiver Exaktheit.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Jens Hutter aus dem hessischen Lich hat uns das obige Bild unter dem Titel “Kaleidoskope” in der Kategorie ‘Architektur’ zur Besprechung eingereicht.

Vom Stolz über das so Aufgenommene zeugt seine weitere Beschreibung: “Deckenaufnahme in der Kathedrale Canterbury, 01.10.2012, Nikon D200, AF-S Nikkor 18-70, Blende 18, HDR-Aufnahme aus 9 Einzelaufnahmen, ISO400. Durch die strenge Symmetrie wirkt das Bild wie ein Blick in ein Kaleidoskope. Unterstützt wird dieses noch durch die Nachbearbeitung als HDR. Durch diese Nachbearbeitung wird zusätzlich noch ein 3D-Effekt erreicht.”

Im Zuge der HDR-Bearbeitung wurden die Exif-Daten aus dem Bild gelöscht. Somit wissen wir über die verwendete Brennweite nichts.

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Englische Kathedralen mit ihrer in die Höhe strebenden Architektur und ihrem zauberhaften Licht- und Schattenspiel sind immer wieder reizvolle Bildmotive. Bedeutende Fotokünstler, wie etwa der amerikanische Schwarzweißfotograf Bruce Barnbaum, haben diesen eigene Serien gewidmet.

Auch Jens’ spezielles Motiv, jene Deckenkonstruktion des 75 Meter hohen Vierungsturms der Kathedrale von Canterbury, wurde natürlich auch schon von anderen entdeckt – so etwa von einem englischen Amateurfotografen; die Mehrzahl der normalen Touristenbilder dürfte jenem in Wikipedia abgebildetem Foto nahekommen.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Tonwerte zeigt sich das Histogramm mittenbetont und etwas linkverlagert – der Median findet sich in Zone IV, der Hauptanteil der Tonwerte in zwei Zonen darüber und darunter. Geringe Tonwertabbrüche finden sich bei den Schatten im Bereich der Umrandungen, bei den Lichtern am rechten unteren Fensterausschnitt. Bei den Farben ist eine Dreigliederung zu beobachten – graue, kühle Töne zeigen sich im einrahmenden Mauerwerk, gebrochen rötliche Töne im Bereich der äußeren Deckenkonstruktion und reinere Töne von Gelb, Rot und Blau im Bereich des Zentrums. Die Struktur ist fein gezeichnet, insbesondere trägt der betonte Mittelkontrast zu einem plastischen Eindruck der Deckenkonstruktion bei.

Bei der Komposition (siehe untenstehende Abbildung) fällt auf, daß das Bild insgesamt nach links verkippt ist (rote Linien ebd.). Wie die unterschiedlich bemessenen Fensterausschnitte zeigen (blaue Zahlen ebd.), stand Jens nicht exakt im Lot unter dem Zentrum, so daß eine Achsenverkippung (blaue Linien ebd.) und eine Zentrumsverschiebung (gelbe Linien ebd.) resultieren.

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In der Zusammenfassung möchte ich zunächst die fein gezeichnete und mit Ton- und Farbwerten schön umspielte Binnenstruktur der Deckenkonstruktion hervorheben. Hier schafft es Jens tatsächlich, jene hohe Kunst der früheren Baumeister im schönsten Licht erstrahlen zu lassen und uns Betrachter staunen zu machen. Auch der plastische Eindruck ist enorm und der bedacht eingesetzten HDR-Technik mit ihrer beträchtlichen Verstärkung des Mikrokontrasts geschuldet (von einem ’3D-Effekt’ würde ich persönlich hier nicht sprechen, da die HDR-Bearbeitung tendenziell zu einer Abflachung der Lichtstimmung und des räumlichen Eindrucks führt).

Insgesamt sucht die Darstellung der Deckenstruktur ihresgleichen – bei meiner Bildersuche im Internet habe ich nichts Vergleichbares gefunden (s. a. obige Hinweise zu üblichen Touristenbildern); auch eine einschlägige Arbeit von Bruce Barnbaum kann nach meinem Dafürhalten in dieser Hinsicht nicht heranreichen.

Solch hohem Anspruch bei der Binnenzeichnung müßte auch die Bildkonstruktion als Ganzes folgen, und hier offenbart die Arbeiten leider markante Schwächen im Sinne der obigen Aufzählung – besagte Bild- und Achsenverkippung und die daraus resultierende Zentrumsverschiebung schwächen die zunächst gute Bildwirkung deutlich ab; eine vollendete Architekturfotografie kann sich solche Teilmängel nicht leisten.

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Zentrumsverschiebung, Bild- und Achsenverkippung (gelb, rot und blau in der genannten Reihenfolge)

Zentrumsverschiebung, Bild- und Achsenverkippung (gelb, rot und blau in der genannten Reihenfolge)

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Hallo Jens,

    auf der Seite der Bildbesprechungen werden die Bilder als Thumbnails angezeigt. Ein Bild, das ich dort bereits interessiert anklicke, stellt sich in der Regel in der großen Ansicht für mich als sehenswert heraus. Genau so ist es mir mit Deinem Bild gegangen.

    Ich muss zwar einschränken, dass auch mir die Verkippung gleich aufgefallen ist, doch lässt mich Dein Bild auch bei längerem Betrachten noch nicht los. Stets habe ich das Gefühl, in den feinen Strukturen immer wieder neue Details zu entdecken. Sehr faszinierend.

    Da das Bild quadratisch zugeschnitten wurde, und das Ausgangsbild somit größer sein muss, hast Du sehr wahrscheinlich die Möglichkeit, die von Thomas Brotzler angesprochenen “Teilmängel” zu korrigieren.

    Dann wäre Dein Bild nicht nur unvergleichlich, sondern sogar vollendet. ;-)

    Gratulation zu einem tollen Bild!

    • Zitat: “Möglichkeit, die von Thomas Brotzler angesprochenen ‘Teilmängel’ zu korrigieren”

      Die Bildverkippung läßt sich korrigieren, die Zentrumsverschiebung und Achsenverkippung leider nicht, da die Kamera sich nicht im Lot unter dem Motivzentrum befand.

  2. Herzlichen Glückwunsch auch von mir. Ich empfinde die Kontrast und Farbgebung perfekt, auf HDR wäre ich übrigens selbst nicht gekommen. Wie Thomas habe ich auch andere Beispiele gesucht, z.B. hier http://goo.gl/TRcnp. Dabei ist mir aufgefallen, wie gut die Deckenstruktur in Deinem Photo aussieht. Das liegt sicher auch am gewählten Ausschnitt. Nur die Höhe des Turms – und damit die Mächtigkeit des Anblicks – sind nicht erkennbar.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

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