Leserfoto:
Problemzonen der Eventfotografie

Die Event- bzw. Konzertfotografie stellt höchste Anforderungen an die kompositorischen und technischen Fähigkeiten eines Fotografen. Wir diskutieren diese in der heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

***

In der Kategorie ‘Event/Musik’ hat unser Leser Alexander Klich aus Leipzig das obige Bild unter dem Titel “Mono” zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu ergänzend: “Dieses Bild zeigt den Gitarristen der japanischen Post-Rock Band Mono. Ich gehe schon eine Weile der Konzertfotografie nach und seh die Limitierungen bezüglich Low-Light und festem Abstand als stetige Herausforderung an. Dieses Bild ist aber im Gegensatz zu den meisten anderen Situationen außergewöhnlich, da ich es von einer Empore seitlich der Bühne aus schießen konnte. Der am Boden knieende, fast unkenntliche Gitarrist gibt durch seine verzerrte Haltung ein fantastisches Motiv, ein kurzer Augenblick, der sich selten ergibt.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 60D mit Kitobjektiv EF-S 18-55 mm f/3.5-5.6 verwendet. Die Brennweite betrug 55 mm (entsprechend Zahl 88 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/40 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 1000. Die Kamera war auf Blendenvorwahl eingestellt, ein Blitz wurde nicht ausgelöst. Alexanders Flickr-Account zeigt ein recht ambitioniertes Portfolio aus dem Bereich der Konzertfotografie.

***

Die Herausforderungen der Event- bzw. Konzertfotografie in Hinblick auf die kompositorische und tonale Gestaltung sind durchaus mit jenen der Streetfotografie zu vergleichen (in Hinblick auf die Flüchtigkeit der Szenen) bzw. übersteigen diese sogar noch (in Hinblick auf die oft problematische Lichtsituation bzw. störende Lichtquellen). Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Bei der Komposition ist jene treppenförmig – über Stromkabel, Steckdosenleiste, Effektpanel, rechter Arm, Hinterkopfanschnitt, linker Arm – nach rechts oben führende Diagonale, mit ihrer Fortsetzung über die Abwärtsbewegung der Gitarre und den Abschluß beim Plektrum ausgesprochen reizvoll. Etwas abgeschwächt wird diese kompakte und gute Bildanlage aus meiner Sicht durch den Ständer am rechten Bildrand.

Hinsichtlich der Tonwerte wirkt das Bild insgesamt etwas ‘sumpfig’. Dies rührt in erster Linie durch die sich auf die Zonen 0 (keine Tonwertmodulation, keine Zeichnung) und I (leichte Tonwertmodulation, keine Zeichnung) beschränkenden und damit zu wenig differenzierenden Schattenbereiche.

***

In der Zusammenfassung möchte ich auf der ‘Habenseite’ die sehr gute und kompakte Bildanlage mit jener aufsteigenden Diagonale und dem senkrechten Abschluß hervorheben; auf der ‘Sollseite’ zu benennen wäre der am rechten Bildrand kompositorisch nicht recht eingebundene Ständer und die zu wenig differenzierenden bzw. zu geschlossenen Schattenbereiche.

Meinen Überarbeitungsvorschlag zeigt das untere Bild. Neben dem Beschnitt und der Retusche des verbleibenden Ständerfusses kam hier eine Anhebung der Schattenbereiche um eine halbe bis ganze Zone sowie eine Mittelkontrastanhebung (beides mit dem Photoshop-Instrument ‘Tiefen/Lichter’) und eine leichte Aufhellung (im Histogrammwerkzeug) zum Tragen. Das Bild scheint mir so etwas ‘frischer’ zu geraten – der Unterschied wird sich aber nur auf halbwegs profilierten Monitoren abzeichnen …

Nehmt dies bitte als ‘Klagen auf hohem Niveau’ … um auf die anfängliche Anmerkung zurückzukommen, sind die Gegebenheiten in solchen Szenen ‘oftmals schlichtweg die Hölle’. Es gehört eine Menge Erfahrung dazu, gleichzeitig den Blick auf die Gesamtkomposition und Lichtsituation zu wahren und in jenen sehr flüchtigen Szenen dann auch noch schnell genug mit dem Kamerasetup und der eigentlichen Aufnahme zu sein.

Alexander ist hier, wie ich meine, auf einem guten Weg.

***

Komposition (rot), Tonalität (gelb) und Beschnitt (blau) im Ausgangsbild

Komposition (rot), Tonalität (gelb) und Beschnitt (blau) im Ausgangsbild

Veränderte Komposition und Tonalität in der Überarbeitung (Thomas)

Veränderte Komposition und Tonalität in der Überarbeitung (Thomas)

Beschnittvariante (Tilman)

Beschnittvariante (Tilman)

***

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

6 Kommentare

  1. Sehr informativ! Danke. Gerne schicke ich auch einmal eines meiner Fotos, um so ein “aufgeklärtes Bild” zu erhalten: so kann ich mir nur weiter entwickeln, und das wollen wir doch alle! Lieber Gruss aus Berlin von Simone Rothe-Hartau

  2. Hallo Thomas,

    zunächst mal vielen Dank für deine lobenden Worte und deine konstruktive Kritik, das ehrt mich sehr.

    Und du hast natürlich recht mit dem Bildformat. Ich hatte (aus welchen Gründen auch immer) die eingeschliffene Gewohnheit, die Bilder bei dem Ursprungsformat 3:2 zu belassen, das wird sich in Zukunft ändern!

    Weiterhin gutes Gelingen!

    Alex

  3. Ein tolles Foto, Alexander, bin ich echt neidisch :-> Und wieder einmal eine sehr gute Besprechung, Thomas!
    Das Format 3:2 empfinde ich auch als seltsam, die Breite stört mich. Thomas Beschnitt rechts finde ich allerdings nicht so gut. Zum einen ist der umgefallene Ständer für mich sehr wichtig, er erklärt die Situation: es ist die Vorbereitung auf das Konzert, es herrscht noch Unordnung, der Gitarrist stellt gerade die Effektgeräte (Wahnsinn, wie viele das sind!) laut einem Zettel ein… Und dann sind die Lautsprecher einfach zu groß und unwichtig, sie stehlen dem Gitarrist die Show :-> Kurz, ich würde eher das Bild wie folgt beschneiden http://sdrv.ms/196s9ZP. Und durch den Wegfall der dunklen Zonen, wirkt plötzlich auch die Belichtung viel ausgewogener.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Respekt, Tilman!

      Deine Beschnittvariante ist eine ganz andere, gültige und eigenständige Lösung. Sie zentriert auf das Blatt und gruppiert die anderen Elemente drumherum.

      Ich habe Deine Variante, wie Du siehst, mit einigen kompositorischen Pfeilen in den Artikel eingefügt.

    • Danke, Thomas!

  4. Hallo Tilman,

    danke für das Kompliment. Wie schon erwähnt, solche Möglichkeiten ergeben sich ganz selten, gerade im Bereich der Konzertfotografie. Ich finde deine Variante des Bildbeschnitts ebenfalls sehr gelungen!
    Eine Kleinigkeit muss ich dennoch richtig stellen: Das Bild entstand während des Konzertes, was es eigentlich nur umso ungewöhnlicher macht. Die zugehörige Feedback-Orgie hatte es in sich.. ;) Du kannst einige andere Bilder von diesem Abend übrigens hier sehen, die sind m. E. allesamt sehr gut und auf ihre Art außergewöhnlich geworden:

    http://flickr.com/photos/…s/72157633082591451/

    Thomas, dir auch nochmal besonderen Dank für den Tipp mit Schatten-/Mitteltonwertanhebung. Ich arbeite bisher ausschließlich mit Lightroom und habe mir die entsprechenden Werkzeuge zwar weitestgehend erschlossen, nutze sie aber sicherlich (noch) nicht immer optimal. But that’s just work in progress.

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder