Leserfoto:
Invertierte Welt

Um ‘quasi vertauschte Welten’ geht es in unserer heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild


 

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Wiederum ein sehr interessantes Bild hat unser Leser Marcus Leusch aus Mainz unter dem Titel “Passbild biometrisch” zur Besprechung eingereicht.

Er ist ein gedankenvoller ‘flaneur photographique’, wie sich auch in seinen Anmerkungen ausdrückt: “Frankfurt-Höchst/Hbf.: Ich kenne diese Photoboxen seit meinen Kindheitstagen. In Zeiten von iPhone & Co. scheint mir der Sinn dieser Passbild-Automaten etwas anachronistisch. Das Wort ‘biometrisch’ (siehe Foto) hatte für mich allerdings seit seiner ‘Erfindung’ immer ein Geschmäckle, das den Zusammenhang von Individualität und ihrer offiziellen Reduzierung auf eine bloß messbare Hülle bezeichnet. Die Szenerie wurde bei untergehender Sonne am späten Nachmittag durch eine Bahnhofstür (rechts) beleuchtet. Die vorbeieilenden Personen sollten im Vorübergehen nur schemenhaft bzw. partiell deutlich wahrnehmbar sein (relativ lange Belichtungszeit), um einen Gegensatz zwischen der erkennungstechnisch gewünschten Maßarbeit des Automaten und dem realen Leben
 in Zeit und Raum sichtbar zu machen.”

Zum Aufnahmesetup und zur Nachbearbeitung erfahren wir ergänzend: “Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 18mm), Belichtungszeit: 1/9s bei ISO 800, Blende: 9, keine Belichtungskorrektur, Verzeichnungen (des Weitwinkels) wurden in Photoshop korrigiert, Kontraste leicht angehoben.” Der Formatfaktor beträgt meines Wissens nach 1.5, so daß die kleinbildäquivalente Brennweit 35 mm betrug. Die Aufnahme erfolgte freihändig, ein Blitz wurde nicht verwendet.

In Gedanken sah ich Marcus jene Frau ermuntern: “Gehen Sie doch bitte ruhig durch!” … die eine Hälfte der Menschheit bleibt in solchen Augenblicken stehen, um uns Fotografen nicht zu stören; die andere Hälfte bleibt stehen, weil sie es ‘nicht fassen kann, was der Typ da gerade aufnimmt’ – ich spreche aus eigener Erfahrung :o) …

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Komposition (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Komposition und Tonalität’) ordnen und unterteilen eine Vielzahl von Waagrechten und Senkrechten das Bild (gelbe Linien ebd.), so daß ein recht festgefügter und statischer Gesamteindruck entsteht – zum einen, denn zum anderen bringen der nur angedeutete Umriß der Person und die Schrägen der Beine (blaue Linien ebd.) auch einen dynamischen Kontrapunkt in das Bild hinein. Nachdem der Blick sich im Bild etwas zurechtgefunden hat, verweilt er (so meine erste These) auf jenem so kontrastreich und deutlich gezeichneten Halsporträt links. Etwas irritiert uns dann noch und ‘bleibt ungesehen’ (so meine zweite These), so daß der Blick schließlich noch die schemenhaft gezeichnete Person rechts erkundet. Nun zeigt sich dort auch die Andeutung eines dem Fotografen zugewandten Gesichts (rote Kreise ebd.).

Die Tonwerte (siehe nochmals untenstehendes Bild ‘Komposition und Tonalität’) sind im Histogramm etwas linksschief, doch insgesamt ausgewogen. Als blickanziehende ‘Kontrastantipoden’ fungieren die Zone 0 in angedeuteten Oberkörper der Person rechts und die Zone VII im Hintergrund der Kabine zum einen, die Zonen I und VIII in der Abbildung der Frau zum anderen (grüne Zahlen ebd.). Die Struktur stellt sich in den zeichnungsfähigen Zonen II bis VIII schön dar.

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Zusammenfassung: Marcus reflektiert und ‘bespricht’ seine Bilder sehr stark, wie schon bei früheren Einreichungen auffiel. Solch bedachtes und planvolles Vorgehen fließt auch in seine Bilder ein, so daß diese (wie ich meine) auch für sich selbst sprechen können.

Den Reiz dieses Bildes macht für mich das aus, was ich eingangs ‘vertauschte Welten’ nannte – die konventionelle Wirklichkeit, wie wir sie mit einem lebendigen Miteinander und Menschen aus Fleisch und Blut ständig erleben, erscheint hier als etwas ganz Irreales und Verhuschtes; jene artifizielle Welt der Werbung und Gerätschaften scheint hingegen plötzlich das zu sein, was gültig ist und dem Auge Halt bietet.

Ganz unzweifelhaft verlassen wir mit diesem Bild auch die ‘Welt konventioneller Abbildung und scheinbarer Realitätsnähe’, die uns in abertausenden Schnappschüssen begrüßt. Jenes Arbeiten mit etwas längerer Belichtungszeit (unter dem Schutz eines Bildstabilisators natürlich) eröffnet somit einen faszinierenden ‘Blick in Zwischenwelten’ – die Fotografie erschafft damit etwas, was dem Auge normalerweise verborgen bliebt.

Es sei unseren Lesern freundlich empfohlen, sich beizeiten auch einmal in solchen Gefilden – der ‘Streetfotografie mit etwas längerer Belichtungszeit’ – auszuprobieren und die Ergebnisse hier vorzustellen …

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Ich habe noch eine kleine Überarbeitung vorgenommen mit einer Anhebung des Mittelkontrastes im Ganzen, welche das Bildes noch etwas ‘frischer’ wirken läßt. Auch habe ich das Frauengesicht rechts etwas abgewedelt, um jene ‘verhuschte Silhouette’ prägnanter werden zu lassen (siehe untenstehendes Bild ‘Überarbeitung’).

Es geht mir hier nicht um ‘besseres oder schlechteres Bild’, es ist eher ‘anders, vielleicht etwas dramatischer’ (und auf einfachen Monitoren wird sich der subtile Unterschied womöglich gar nicht darstellen) – Marcus kann hierzu aber ohne weiteres mit einem bildjournalistischen ‘Ethos geringstmöglicher Bildmanipulation und größtmöglicher Authentizität’ argumentieren …

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Komposition und Tonalität

Komposition und Tonalität


 
Überarbeitung

Überarbeitung


 

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Hallo Thomas,
    herzlichen Dank für diese erneut positive Besprechung, über die ich mich sehr gefreut habe. Fundiert, wohl abgewogen – wie immer – und auch in der Interpretation des Bildgehalts („vertauschte Welten“) ganz in meinem Sinne … Wieder ein „schwieriges“ Foto, das „gelesen“ werden muss und deswegen gewiss nicht jedermanns Sache ist.

    Die Aufnahme ist die letzte – und beste – aus einer Serie, die mir denn doch viel Geduld abverlangt hat, bis ich das gewünschte Resultat hatte. Die Dame war übrigens im ersten Moment recht erschrocken, als sie mir so durchs Bild huschte und fühlte sich sogar zu einer Entschuldigung genötigt, da meine Aufnahme ja nun leider nichts geworden sei … und verschwand eiligst im Nirwana der Bahnhofshalle.
    Deine behutsame Überarbeitung habe ich mir gemerkt: In der Tat wirkt das Bild so dramatischer – das werde ich bei einem Print berücksichtigen.
    Dein Gedanke zu den „Zwischenwelten“ in der Streetfotografie halte ich für bemerkenswert. Für mich gehört im Grunde jede Fotografie, die Alltagsrealität zu durchbrechen versucht, um uns eine Geschichte zu erzählen, ganz wesentlich zu meinem
 eigenen fotografischen Ansatz. Aber das ist ein ganz persönlicher Zugang. Schließlich versucht der „flaneur photographique“, das Mögliche im Wirklichen zu entdecken. – Mit der poetischen Wünschelrute gesprochen: „L’ éternité d’une beauté fugitive dont le regard m’a fait soudainement renaitre… „ (Ch. Baudelaire)

    • Zitat: “auch in der Interpretation des Bildgehalts (‘vertauschte Welten’) ganz in meinem Sinne”

      Solches ist halt auch meine eigene Linie in der Streetfotografie, wie jene verlinkte Arbeit mit einer ‘belle de pub’ und einer ‘nicht ganz so verhuschten Realdame’ aufzeigen mag …

      Zitat: “Die Aufnahme ist die letzte … aus einer Serie”

      Aber hoffentlich nicht Deine letzte Einreichung bei Fokussiert …

      Zitat: “behutsame Überarbeitung”

      Ich werde jenen behutsamen Durchgang durch die Instrumente ‘Tiefen/Lichter’ und ‘Gradationskurven’, der tonwertschonend zu einer gewissen Bildaufrischung beiträgt, beizeiten einmal in einem Tutorial beschreiben und dann auch als Aktionsset für Photoshop zum Download anbieten. Es ist ja kein Hexenwerk, und wir wollen die Möglichkeiten hier für die Besucher nutzbar machen.

      Zitat: “‘L’ éternité d’une beauté fugitive dont le regard m’a fait soudainement renaitre …’ (Ch. Baudelaire)”

      ‘Die Ewigkeit einer flüchtigen Schönheit, deren Anblick mich plötzlich wiedergeboren sein ließ (oder: wieder zum Leben erweckte)’. Ironisch ausgedrückt ist es schon gut, daß wir hier nicht bei ‘Fotocommunity und Konsorten’ sind, sonst wären wir längst ‘auf rot gelandet’ …

  2. „… sonst wären wir längst ‚auf rot gelandet‘„

    Ja, vielleicht etwas arg poetisch (von einem der Urväter aller Flaneure), aber: lieber rot als tot ;-))

    Auf Deinen Beitrag zur Bildauffrischung bin ich schon gespannt.

    „verlinkte Aufnahme“

    Ein witziges Foto mit Tiefgang – auf dieser Lebensbahn (Geburt/Alter) gehen wir alle …, wenn auch nicht so „verhuscht“ wie bei mir …
    Letztlich darf es bei den „Zwischenwelten“ ja auch scharf zugehen wie in Deinem
„Was vom Werke übrig blieb“ (in Deinem Beitrag 4 zur „bildnerischen Erarbeitung von Industrieanlagen“). Das ist einfach gut gesehen und hat geradezu surreale Züge –
für mich eines der Besten in dieser Serie …

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