Leserfoto:
Über Aufspaltung und Wiederzusammenführung der Wirklichkeit

Einen ganz besonderen Blick auf die Wirklichkeit zeigt unser heute besprochenes Bild.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Thalia Wettstein aus Zürich hat uns das obige Bild unter dem Titel „Urbane Scherenschnitte” in der Kategorie ‘Konzeptfotografie’ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt erläuternd dazu: „Ich liebe Scherenschnitte. Sie sind aufs Mininum reduziert. Aber auch wenn nur Konturen sichtbar sind, erkennt der Betrachter problemlos, was dargestellt ist … Ich wollte auch Scherenschnitte herstellen, aber ohne Schere und Papier sondern mit der Kamera. Die traditionellen Appenzeller Scherenschnitte stellen meist ländliche Szenen dar, ich nutze die Technik hingegen, um Momente in der Stadt einzufrieren. Durch die Abstraktion wird eine vollkommen alltägliche Situation – Menschen, die über eine Brücke gehen – auf einmal spannend und ästhetisch … Das Bild besteht aus vier Fotos. Aufgenommen habe ich sie an der Limmat in Zürich.”

Über die Aufnahmedaten erfahren wir nichts. Da das Originalbild mit 1663 mal 600 Pixel etwas groß für übliche Monitore ist, habe ich es auf 1109 mal 400 Pixel in der Vollansicht verkleinert. Unsere Leserin betreibt einen netten Blog, dem wir unter anderem entnehmen, daß sie Katzen und die Zahl 13 mag und sich auch Leah nennt. Die Arbeit sei für einen Fotokurs entstanden, schreibt sie weiter, doch wurde ich nicht ganz schlau, ob jener Fotokurs privaten, schulisch-ausbildungsmäßigen oder beruflichen Zwecken dient.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente (siehe untenstehendes Bild ‘Komposition und Tonalität’).

Übersichtlich und gefällig, doch zugleich auch im wohltuenden Sinn spannungsvoll zeigt sich die Komposition. In unserem Kulturkreis neigen wir zum ‘Lesen von links nach rechts’, und so beginnt der Bilddurchgang bei jener ‘Laternenszene mit Pärchen’, setzt sich fort über eine ‘radschiebende Frau’ und eine ‘Begegnung zwischen vier Männern’ (stimmt das so?) und endet beim ‘kinderwagenschiebenden Mann’. Besagte Spannung entsteht nicht nur durch das Changieren der Einzelszenen, sondern auch durch das Wechselspiel zwischen statischen Elementen wie etwa dem Brückengeländer oder der Laterne und dynamischen Elemente, die sich durch das Auf und Ab der Blickführung durch die Personengruppen hindurch ergeben. Nicht unwichtig für die Geschlossenheit des Bildes sind jene sich durch die Laterne links und den kinderwagenschiebenden Mann rechts ergebenden Abschlüsse, unterstrichen noch durch die abfallende Diagonale im Blickeinstieg links und die aufsteigende Diagonale beim Blickabschluß rechts.

Hinsichtlich der Tonwerte sticht die scherenschnittartige Anlage der Personen und der einrahmenden Strukturen in Zone 0 sogleich ins Auge. Hier wiederum kontrapunktisch gesetzt erscheint der schattierte Himmel in den verschiedenen Tableaus in den Zonen IV, II, IV und III. Nicht ungeschickt im Sinne eines verbindenden Moments ist, daß die Lichter im Himmel jeweils in der bzw. um die Zone VIII herum angesiedelt sind.

Das Spektrum der Farben zeigt sich in kühlen, blaugrauen Tönen.

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Zusammenfassung: Mit ihrem Bild bzw. der Art des Bildes verdeutlicht Thalia unmißverständlich, daß es ihr um viel mehr wie eine schlichte Abbildung der Wirklichkeit geht. Jene Parzellierung in Einzelszenen, deren unterschiedlicher Himmel auch erkennen läßt, daß es sich hierbei um keine zufällige, sondern um eine bewußt gestaltete Reihung geht, mobilisiert unser ‘Kopfkino’.

Was jeder von uns in den Einzelszenen und in der Zusammenschau erkennt, mag sich freilich unterscheiden. Da ‘läuft nicht nur ein Film’, weil wir solche Szenen ja unwillkürlich vor dem Hintergrund unserer ‘inneren Bilder’ (Phantasien, Erinnerungen, Hoffnungen und Ängste) betrachten. Ich selbst sah in der romantischen Laternenszene und dem kinderwagenschiebenden Mann ganz spontan ein ‘wie es begann und wie es endet’, während ich über die mittleren Segmente noch ein wenig grübeln muß (Alleinsein versus Gemeinschaft?). Auf die diesbezüglichen Rückmeldungen in der Diskussion bin ich gespannt …

Vielleicht ist gerade dies ein Geheimnis wirkungsvoller Bilder, daß sie einen überschaubaren mit einem geheimnisvollen Teil wirkungsvoll miteinander verknüpfen …

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Komposition und Tonalität

Komposition und Tonalität

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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11 Kommentare

  1. Eine ähnliche „Aufnahme“ habe ich vor zwei Jahren in Istanbul vor der Galata-Brücke machen können, allerdings keine Serie, sondern als komplettes Querformat. Leider kann man da ja aktuell nicht mehr hinreisen, ohne sich hochgefährlich ins Politische zu verstricken (auch wenn man sich gerne mit der „Straße“ solidarisch zeigen würde). Mir persönlich liegen solche Motive also ebenfalls, gerade weil sich hier Geschichten erzählen lassen, die eingängiger sein können, als jede allzu sichtbare (oder aufgeblitzte) Szenerie. Im Dunklen (Schattenriss) lässt sich also gut munkeln ;-)) 

    Mein einziger Einwand – bei allem Reizvollen dieser Serie, bei der es sich ja offenbar um Einzelaufnahmen handelt –, liegt in Fotografie 2 (v. li.), in der sich mir die Wolken etwas zu deutlich (dunkel) von allen übrigen Bildern abheben, was den ansonsten positiven Eindruck leicht stören mag. 



    Beste Grüße in die Runde
    Marcus

  2. Erstmals herzlichen Dank für die Besprechung. Es freut mich sehr, dass mein Bild ausgewählt wurde und dann auch noch gut ankam.
    Ich finde es immer wieder spannend, wie jemand anderes die eigenen Bilder liest. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass viele Entscheidungen, die ich zur Komposition getroffen habe, aus dem Bauch raus kamen. Umso interessanter scheint es mir, dass sie trotzdem theoretisch funktionieren.
    Auch Marcus gebe ich Recht, die dunkle Wolke im zweiten Bild hätte ich noch ein bisschen aufhellen können. Man lernt wohl nie aus.

    • In ästhetischer Hinsicht mag man Marcus Recht geben, daß der dunkle Wolkenteil der zweiten Fachung etwas aus dem Rahmen fällt und insofern die Reihung unterbricht. In dramaturgischer Hinsicht kann man jedoch argumentieren, daß gerade jene Unterbrechung die Bildgeschichte vor allzu großer Gefälligkeit bewahrt. Und eine dunkle Wolke über einer vereinzelten Frau, umrahmt von Liebespaar, Männergruppe und Kinderwagen plus Vater ist ja auch eine hübsche Allegorie …

      So ist es halt mit der klassischen Bildanalyse – gerade im abschließenden, interpretativen Teil gibt es nicht nur eine einzig zulässige Meinung. Man könnte auch sagen, daß ein Bild gerade durch die Vielzahl von Überlegungen, Empfindungen und offen bleibenden Fragen seine Wirkung entfaltet.

      Was für ein Lernnachweis war denn das, für den Du das Bild verwendet hast. Und war Dir damit Erfolg beschieden?

    • Ich mach bei der Migros Klubschule einen Fotografiekurs. Ein Jahr lang drücke ich nun jeden Freitag wieder die Schulbank. Wobei dies nicht ganz stimmt, da wir auch viel draussen sind.

      Unser erster Lernnachweis bestand aus drei Fotoserien à je drei bis vier Bilder. Die Brücke war eine davon. Die anderen beide sind hier (h) und hier () zu sehen. Für alle drei Arbeiten habe ich 38 von 40 Punkten erhalten. Ich bin also zufrieden. Ausserdem meinte mein Lehrer die urbanen Scherenschnitte gefallen ihm am besten.

    • “38 von 40 Punkten”

      Du Überfliegerin :o) …

  3. Ein tolles Bild, Thalia, es gefällt mir sehr, sehr gut. Und wieder eine sehr interessante Besprechung, Thomas, danke!
    Obwohl das Foto aus 4 Einzelbildern besteht, hat man den Eindruck, die komplette Brücke zu sehen, als ob es eine Momentaufnahme sei. Nur der Himmel, wie es Marcus bereits sagte, ist unterschiedlich. Ich empfinde das auch als Nachteil.
    „wie es begann und wie es endet”, „dunkle Wolke über einer vereinzelten Frau“ … Interessante Interpretation, Thomas :-> Aber die Technik ist fantastisch, da ganz gezielt Bilder ausgesucht werden können. Das würde mich auch interessieren, Thalia, wie viel Bilder Du zur Auswahl hattest, und warum Dein Bauch sich gerade für diese entschieden hat. Mir ist aufgefallen, dass die Personen rechts nach links gehen, und umgekehrt…
    Ich bin unsicher, was den weißen Balken zwischen den Bildern betrifft. Ich hätte ihn wohl kleiner und unauffälliger gemacht. Vielleicht auch schwarz.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • “‘wie es begann und wie es endet’, ‘dunkle Wolke über einer vereinzelten Frau’ … Interessante Interpretation, Thomas :->”

      Ich habe hier doch nicht das ‘Deutungsmonopol’. Was für Geschichten lest Ihr denn darin?

      “Vielleicht auch schwarz”

      Comme un avis de décès? Hmmm, je ne sais pas :o) …

    • “Was für Geschichten lest Ihr denn darin?”
      Ein Unwetter, die Eile, selbst das Kind lehnt sich nach vorne… und dann das Paar auf der linken Seite, die das überhaupt nicht kümmert. Für mich ist klar, Thalia hat an ein Zitat von Roger Lemelin gedacht : “La hâte, c’est comme l’amour, ça rend aveugle.” :->

    • Ich hatte wahrscheinlich rund 50 Bilder zur Auswahl. Dass ich die Küssenden verwenden wollte, wusste ich bereits als ich das Bild aufnahm. So eine Szene zu fotografieren ist immer ein Glücksfall. Ähnlich ging es mir mit dem Vater, der den Kinderwagen schiebt. Als ich beim sichten, erkannte, dass auch der Kopf des Kindes wunderbar zu sehen ist, wusste ich, dass ich dieses Bild Teil der Serie wird.
      Ich bin von diesen beiden Fotos ausgegangen und habe dann zwei weitere passende gefunden. Die Frau mit dem Fahhrad gefiel mir, weil auf dem Foto auch etwas besonders geschieht. Die Gruppe wählte ich als Gegenpol.

      Eigentlich handelt es sich um eine Serie aus vier einzelnen Bildern. Fürs Internet musste ich sie jedoch zu einem zusammenführen. Mir war es wichtig, dass man trotzdem noch ein bisschen sieht, dass es mehrere Fotos sind und nicht eines. Deshalb die weissen Balken. Wären sie schwarz, würden Sie sich nicht mehr genügend von den Bildern abgrenzen, zumindest aus meiner Sicht.

  4. Zitat “La hâte, c’est comme l’amour, ça rend aveugle”

    Die Eile ist wie die Liebe, beides macht blind. Man sieht, daß die Franzosen etwas von Muße verstehen, den Rest kennen wir ja selbst …

    Zitat “Wären sie schwarz, würden sie sich nicht mehr genügend von den Bildern abgrenzen, zumindest aus meiner Sicht”

    Ich hatte es ja oben schon gesagt, schmale schwarze Rahmen erschienen mir zu sehr wie eine Todesanzeige. Bei breiteren Passepartouts stellt sich hingegen schon die Frage nach schwarzer Ausführung, denn theoretisch ‘leuchtet’ das Bild dann mehr vor dem Hintergrund. Manche machen das so, die meisten nehmen allerdings weiße Passepartouts (ich auch), denn dann lenkt nichts vom Bild ab.

  5. Mir gefällt diese Arbeit sehr gut. Die angesprochene dunkle Wolke finde ich zwar auffällig, aber nicht störend. Viel eher frag ich mich, warum einzig im dritte Bild eine ausgeprägte dunkle Wolke am oberen Bildrand fehlt. Insgesamt rahmen diese Wolken die bildwichtigen Figuren ein, und geben dem Schattenriss mehr Gewicht.

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