Leserfoto:
Studie zur Porträtfotografie

Die Elemente gelungener Porträtfotografie besprechen wir am Beispiel des heutigen Bildes.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Maike Frisch aus Oldenburg hat uns das obige Bild unter dem Titel “Verloren in Gedanken” in der Kategorie ‘Porträt’ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu ergänzend: “Dieses Portrait von Joel entstand im November 2012 während eines Familienshootings auf Teneriffa. Im Einsatz war eine Nikon D90 mit einem AF-S Nikkor 50 mm 1:1.4 Objektiv (ISO 320, 2,2 Blende, 1/800 Sek) … Diese Aufnahme ist eine meiner favorisierten aus dem vergangenen Jahr. Ich wundere mich immer noch, was Joel gerade in diesem Moment denkt. Er zieht mich damit vollständig in den Bann. Er scheint in seiner eigenen Welt versunken, strahlt dabei aber mit seinen 7 Jahren eine unglaubliche Selbstsicherheit aus. Auf emotionaler Ebene bewegt mich diese Aufnahme sehr, weil Joel mir völlig vertraut. Diese bearbeitete Version der originalen Aufnahme wurde so gut wie nicht geschnitten und bestätigt die Nähe zwischen ihm und mir als Fotografin … Mich begeistert authentische, ehrliche und künstlerische Fotografie, wobei für mich Natürlichkeit und Vertrauen essentiell sind. Das ist u.a. ein Grund, warum ich (bzw. mein Mann und ich, wir fotografieren meist zu zweit) Kinder nicht im Studio fotografiere, sondern nur draußen in der Natur oder in ihrem eigenen Umfeld. Dieses Foto entstand an einem Samstag nachmittag in Puerto de la Cruz, an dem Joel mit seinem Großvater den Nachmittag am Hafen verbrachte. Es wurde geangelt, geschwommen, etc. Wir waren nur Beiwerk und agierten nebenher … Technisch gesehen gefällt mir persönlich an dieser Aufnahme der Schärfeverlauf … Ich würde mich sehr über Ihre Bildkritik freuen … “

Maike hat sich mit ihrem Mann Florian auf die anspruchsvolle Hochzeits- und Partnerschaftsfotografie konzentriert, wie ihre Homepage aufzeigt. Da diese nach ihrer Auskunft gerade überarbeitet wird, hat sie als Referenz noch ihre Facebook-Seite aufgeführt.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Zentrales Gestaltungselement der Komposition ist jenes umgekehrte Dreieck, welches sich in den gedachten Linien zwischen den Augen und der Mundpartie ergibt und vom Haaransatz eingerahmt wird (siehe untenstehendes Bild ‘Grundgerüst’). Eine positive Spannung im Bild wird dadurch aufgebaut, das Interesse des Betrachters geweckt.

Sehr reizvoll stellt sich auch der vierstufige Schärfeverlauf mit seinem Maximum in der Augen- und Nasenpartie (und in seiner größten Ausprägung klassisch-professionell auf dem betrachternahen Auge liegend), einer weichen Schärfeanmutung in der Mund- und Kinnpartie, einem zunehmenden Unschärfe im Schulterbereich und schließlich einer (das ansehnliche Bokeh markierenden) maximalen Unschärfe im Hintergrund (siehe untenstehendes Bild ‘Schärfeverlauf’). Auf kleinem Raum wird dadurch ein ernormer Tiefeneindruck geschaffen.

Der Gesichtsausdruck des Jungen schließlich wirkt verschmitzt, der Blick zugleich nachdenklich und etwas verträumt. Die Blickrichtung zeigt nach links aus dem Bild heraus, sie stellt sich unserer Sehrichtung nach klassischer Kompositionslehre entgegen und scheint uns fast auszuweichen. Ein Eindruck von Unverbundenheit zwischen dem Fotografierten und der Fotografierenden entsteht dadurch freilich nicht, es erscheint vielmehr wie ein Ausdruck stillen und freundlichen Einvernehmes, welches für den Augenblick auch ohne Blickkontakt und Worte auskommt.

Die Spanne der Tonwerte reicht von den Zonen II bis VIII. Im reizvollen Gegensatz stellen sich dabei die akzentuiert ausgeführte Augenpartie, der etwas weicher wirkende Gesichtsrest und der kontrastarme Hintergrund dar. Jene kleinflächige Zone VII im Hintergrund erscheint in diesem Zusammenhang als reizvoller Abschluß und Konterpart, der den tonalen und kompositorischen Aufbau in guter Weise unterstützt (siehe untenstehendes Bild ‘Zonenverteilung’).

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In der Zusammenfassung möchte ich ausführen, daß sich alle Elemente einer gelungenen, auf den Charakter des Abgebildeten sowie die Besonderheit des Augenblicks hinweisenden Porträtfotografie in dieser Arbeit vereint finden. Das Bild ist meilenweit von ‘alltagsüblich totgeblitzten Dokumentations-, Erinnerungs- oder Paßbildern mit Kaninchenaugen und Frankenstein-Teint’ entfernt, die uns Betrachter oftmals so ermüden und uns allenfalls (Vorsicht: Ironie) durch ‘eine Art Einblick in die ehemalige Insassenkartei von St. Quentin’ zu erheitern versuchen.

Maike hat also ganz zweifellos ‘den fotografischen Blick’, mithin also jene Achtsamkeit für den besonderen Moment, welcher eindringliche und auch über den Augenblick hinaus betrachtungswürdige Bilder verspricht.

Sofern sie sich noch Anregungen für die Nachbearbeitung im Schwarzweißbereich wünscht, möchte ich auf den insgesamt etwas flauen Bildeindruck und die nicht ausgeschöpfte Spanne des Histogramms hinweisen. Natürlich muß ein Porträtbild nicht zwangsweise die Zonen 0 bis X ausschöpfen, manchmal unterstützt eine gewisse Kontrastarmut auch den Gesamteindruck. Doch in diesem Fall eines keck und optimistisch in die Welt schauenden Jungen schiene es mir durchaus erwägenswert, die Möglichkeiten der ‘digitalen Dunkelkammer’ auszuschöpfen. Dies ist ja auch keine Verfremdung oder Manipulation des Bildes, sondern entspricht jener Interpretation des Ausgangsmaterials, die Fotografen seit jeher auch in der analogen Dunkelkammer praktizierten.

Was bei entsprechender Setzung von Schwarz- und Weißpunkt, der Anhebung des Mitteltonkontrasts unter Aussparung des Hintergrundes, einem vorsichtigen Abwedeln der Augenpartie und einem leichten Absoften des bei näherer Betrachtung doch etwas schartigen Hintergrund-Bokehs herauskommen könnte, zeigt das untenstehende Bild ‘Nachbearbeitung’. Diese ist ein wenig akzentuiert ausgeführt, alle Graduierungen zwischen dieser Version und dem Ausgangsbild sind selbstverständlich möglich.

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Grundgerüst

Grundgerüst


 
Schärfeverlauf

Schärfeverlauf


 
Zonenverteilung

Zonenverteilung


 
Nachbearbeitung

Nachbearbeitung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

9 Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    ich danke Dir von Herzen für Deine ausführliche Bildkritik und Anregungen! Ich werde sie mir sehr gern zu Herzen nehmen.

    Beste Grüße aus Oldenburg
    Maike Frisch
    Frisch Fotografie

  2. Ein tolles, technisch anspruchsvolles Portrait, Maike! Dein Foto gefällt mir sehr gut! Obwohl der Junge aus dem Bild guckt, ist man von seinem Anblick gefesselt. Geschmunzelt habe ich etwas über die „Nähe zwischen ihm und mir“. Bei diesem gefühlten Abstand von ca. 1m und einer Blendenzahl von 2.2, ist die Tiefenschärfe sehr gering. Zum einen ist das sicher ein wichtiger Bestandteil Deines Fotos. Mir gefällt jedoch nicht so gut, dass der Blick ziemlich auf die linke Nasenhälfte mit seiner groben, gepunkteten Struktur geführt wird.
    Wie hast Du das Bild nachbearbeitet, Maike? Ich habe den Eindruck einer sehr dezenten Vignettierung. Hast Du auch die die Schärfe verändert?
    Vielen Dank auch für die interessante Besprechung, Thomas!
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Zitat: „Mir gefällt jedoch nicht so gut, dass der Blick ziemlich auf die linke Nasenhälfte mit seiner groben, gepunkteten Struktur geführt wird.”

      Ich kann Deinen Argumenten folgen. Ohne Maikes Entgegnung hierzu und zu Deinen weiteren Fragen vorzugreifen, möchte ich dazu einige für mich gültige ästhetische Prinzipien anführen:

      Auf jene ‘alltagsüblich totgeblitzten Dokumentations-, Erinnerungs- oder Paßbilder mit Kaninchenaugen und Frankenstein-Teint’, die mich abwechselnd begruseln und erheitern, habe ich schon hingewiesen. Ungesagt blieb, daß es mir mit der ‘Lara-Croft-Generalretusche aller herausstehenden Hautbürzel’ nicht viel anders geht.

      Ich liebe Charakterporträts, und das sind für mich in der Umsetzung eben jene, die ohne ‘Totblitz und Weichspül’ auskommen.

      Daß Joel (wir Frankophile würden ihn ‘Joël’ schreiben, aber das findet der deutsche Amtsschimmel auf seiner Tastatur nicht) nicht ganz zur Stupsnase und Babyhaut neigt, sondern ‘ein bißchen einen Zinken’ und gewisse Hautunreinheiten hat (Akne mag es ja vor der Pubertät noch nicht sein), das stört mein (im Erkennen der Eigenart und Besonderheit eines Porträtierten begründetes) Schönheitsgefühl überhaupt nicht, eher im Gegenteil.

    • “Lara-Croft-Generalretusche” :-> Sind wir Thomas, glaube ich, einer Meinung. Mich stört das auch nicht. Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass durch den Schärfeverlauf mein Blick zunächst auf diesen Teil des Bildes fällt und dort immer wieder hin wandert. Vielleicht wäre der Eindruck anders, wenn das rechte Auge auch scharf wäre: dann würde man sicher zunächst den Blick von Joël bewundern… aber das Bild unter Umständen auch seinen Reiz verlieren :-<

    • Ist im Nachhinein natürlich nicht zu machen. Hier nur eine Idee, was ich denke:
      http://sdrv.ms/11TQbC9 Der Blick wandert jetzt, so finde ich, mehr von Auge zu Auge, die Nase wird unwichtiger.

  3. Hallo Tilman,

    danke für Deinen Kommentar und Dein Kompliment. Ich habe diese Aufnahme ganz simpel mit einem Preset in Lightroom bearbeitet, in dem tatsächlich eine leichte Vignettierung sowie eine minimale Schärfe integriert ist. Die grobe, gepunktete Struktur der Nase, die Du angesprochen hast, sind ganz schlicht und ergreifend Sommersprossen. Ich persönlich schärfe Augen zutiefst ungern nach, da sie nach meiner Ansicht dadurch einen stark künstlichen Effekt erhalten – entweder sitzt der Fokus oder nicht. Wenn nicht, findet das Foto bei mir vermutlich keine Verwendung.
    Zum Thema Lara-Croft-Retusche: persönlich ziehe ich es vor, Kleinigkeiten, wie eben die Sommersprossen beizubehalten, um die Individualität der fotografierten Person zu bewahren und die Authentizität zu unterstreichen. Zudem bin ich ein ganz großer Fan von Sommersprossen.

    Beste Grüße
    Maike

    • Hallo Maike,
      danke für Deine Antwort. Das Nachschärfen war ja kein ernster Vorschlag. Ich wollte nur ausprobieren, ob ein leicht veränderter Schärfeverlauf die Betrachtung des Bildes verändert. Aber Du hast absolut recht, entweder sitzt der Fokus oder nicht. Sommersprossen… dachte ich mir schon… ich liebe Farbfotos :->
      Herzlichen Glückwunsch noch einmal zu Deinem tollen Foto (und all den anderen auf Euren Site), Tilman

  4. Hallo Tilman,

    mit dem veränderten Schärfeverlauf hast Du natürlich einen interessanten Ansatz geliefert, danke dafür. Aber Kinderfotografie, so wie wir sie anbieten, ist auch immer ein kleines bisschen Glückssache. Wir fotografieren diese wundervollen kleinen Persönlichkeiten “frei”, d.h. wir lassen sie nicht posen, sondern schaffen für sie eine Situation, in der sie sich wohlfühlen. Somit müssen wir mitunter sehr schnell agieren, da sie oftmals schon wieder unseren Kameras entschwunden sind. ;)

    Danke auch für Dein Kompliment zu den anderen Fotos auf unserer Seite. Unsere Webseite ist fast vollständig auf dem neuesten Stand und mehrere Fotos von Joel sind hier: http://www.frisch-fotografie.de/#!/katja-und-joel-im-hafen-puerto-de-la-cruz/ und hier zu finden: http://frisch-fotografie.…ro-parque-teneriffa/

    Beste Grüße
    Maike

    • Hallo Maike,
      hallo Tilman,

      vielleicht habe ich mich jetzt ein wenig ‘wohlwollend am vierfach gestaffelten Schärfeverlauf festgebissen’ … wenn ich beide Versionen vergleiche, würdige ich durchaus den Versuch der Nachschärfung, doch bleibt die Originalversion mit dem schon leicht in Unschärfe fallenden Auge rechts mein Favorit.

      Das hat nichts mit vorhandener oder fehlender Akkuratesse zu tun, denn Überarbeitungen an den eingereichten 8-Bit-JPGs (auch meine eigenen) müssen sich doch meist auf ein ‘so ungefähr könnte es aussehen’ beschränken. Aus RAW-Bildern abgeleitete 16-Bit-TIFs weisen demgegenüber eine vielfach höhere Bearbeitungstoleranz auf – Ihr kennt das vielleicht, wie schnell Histogramme bei 8-Bit-JPGs nach Tonwertoperationen ‘auffasern’, also ‘Sägezahnmuster’ bzw. Tonwertverluste entwickeln …

      Nein, für mich ist das rechte, schon in leichte Unschärfe fallende Auge deswegen ‘richtig’, weil es sich in jenes ‘Moment der Tiefensimulation auf engem Raum durch den Schärfeverlauf’ so gut einfügt und das Bild dadurch auch malerische Qualitäten bekommt.

      Ich werde beizeiten vielleicht einmal einige Maximen der Porträtfotografie in einem Grundlagentutorial zusammenfassen. Die Schärfedifferenz beider Augen, sofern das dem Betrachter Näherliegende den Schärfefokus trägt, ist nach ‘old school’ zulässig, das kann an dieser Stelle jedoch schon gesagt werden …

      Habt Dank für die angeregte Diskussion
      Thomas

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