Leserfoto:
Über subtile Artefakte in der HDR-Fotografie

In der heutigen Bildbesprechung widmen wir uns jenen subtileren Artefakten in der HDR-Fotografie, welche zwar nicht als massive Bildfehler in Erscheinung treten, die natürliche Bildwirkung gleichwohl beeinträchtigen können.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Tilman Jochems aus dem siegerländischen Kreuztal-Littfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel “Rivière de montagne” zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: “Dieses Bild habe ich in den letzten Ferien in Sixt-Fer-à-Cheval in der Haute-Savoie aufgenommen. Mir gefiel der Blick, welcher sowohl das gewaltige Flussbett als auch die Bergflanke zeigt. Allerdings war die Belichtung schwierig, das Motiv war durch die Sonne und den Schatten sehr kontrastreich. Ich habe mehrere Bilder mit Hilfe der ‘Auto Exposure Bracketing’ Funktion aufgenommen und sie dann zu Hause mit dem Programm Luminance HDR kombiniert. Über das Ergebnis kann ich mich nur teilweise freuen. Den Kontrast empfinde ich als gut, die Steine im Vordergrund und die Struktur des Berges gewinnen bei der Bearbeitung. Mit der bei HDR-Rendering typischen Unschärfe kann ich auch leben, das Wasser sieht, finde ich, sogar gut aus. Vielleicht ist es, dass das Bild einfach unnatürlich erscheint. Wie kann ich das besser machen? Ist von automatischen HDR bei Naturmotiven grundsätzlich abzuraten?”

Die Exif-Informationen mitsamt den Belichtungsdaten sind im Zuge der HDR-Bearbeitung verloren gegangen.

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Tilman hat mit seiner Bildeinreichung einige sehr grundlegende Fragen im Zuge der bei neueren Kameras mittlerweile um sich greifenden, kamerainternen HDR-Automatik aufgeworfen. Mit Hilfe der klassischen Bildanalyse ist diesen Fragen nicht recht beizukommen – insofern kann ich mich hier darauf beschränken, daß die Komposition ordentlich, die Belichtung ausgewogen und die Feinstruktur nebst Schärfeanmutung der verwendeten Kameratechnik angemessen ist.

Doch mag den anspruchsvollen Betrachter ‘tatsächlich etwas stören’ an diesem Bild, und so will ich in Abweichung sonstiger Bildrezensionen gezielt auf diesen Aspekt eingehen.

Wir erinnern uns, daß bei der HDR-Technik versucht wird, jenen Dynamikumfang der Ausgangsszene, welcher die Darstellungsmöglichkeit des Bildsensors übersteigt (acht bis zehn Belichtungsstufen je nach Kameragüte) durch eine Belichtungsreihe mit gezielter Unter- und Überbelichtung doch noch einzufangen. Wenn wir also drei Bilder im Abstand von jeweils zwei Belichtungsstufen aufnehmen, hätten wir damit einen um vier Belichtungsstufen erweiterten Dynamikumfang erfaßt.

Die HDR-Prozedur ist notgedrungen eine zweizeitige. Zunächst gilt es, mittels besagter Belichtungsreihe den überbordernden Dynamikumfang in einem Hochkontrastbild einzufangen. Dann ist dieses in den Niederkontrastraum zurückzuführen, um sich auf dem Papierausdruck oder dem konventionellen Monitor darstellen zu lassen. Jener Rückführung ist durch massive, softwaregesteuerte Tonwertverschiebungen über mehrere Zonen hinweg gekennzeichnet, auf die wir als Programmnutzer nur einen begrenzten Einfluß haben. Besonders kraß läuft dieser Prozeß in Verechnungsmodus ‘Details Enhancer’ ab (der offensichtlich auch bei diesem Bild zur Anwendung kam), etwas milder im Modus ‘Tone Compressor’.

Nun haben Softwareprogramme keinen Sinn für Lichtstimmung, Atmosphäre oder Ästhetik im allgemeinen. Dies bliebe eigentlich uns Menschen vorbehalten, doch scheinen wir im Zuge der ‘allgemeinen Vollautomatikbegeisterung’ offensichtlich gerne darauf zu verzichten.

So resultieren letztlich die typischen HDR-Artefakte, die wir in zwei Gruppen unterteilen können: zu den gröberen Artefakten erster Ordnung sind jene Heiligenscheine, die Verstärkung des Bildrauschens oder die LSD-artige Farbverzerrung zu rechnen; zu den subtileren Artefakten zweiter Ordnung die sich in einer allgemeinen Vergrauung zeigende Störung der natürlichen Lichtstimmung und die Abflachung der Tiefenwirkung mit Beeinträchtigung des Räumlichkeitsseindrucks.

Tilmans Bild ist recht sauber in Hinblick auf die erstgenannten, zeigt aber eine Tendenz in Richtung der zweitgenannten Artefakte – die Landschaft wirkt entsprechend flach und unnatürlich beleuchtet …

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Frage: “Vielleicht ist es, dass das Bild einfach unnatürlich erscheint. Wie kann ich das besser machen?”

Antwort: “Wie schon angedeutet, wäre der Verrechnungsmodus ‘Tone Mapping’ einen Versuch wert. Lichtstimmung und Tiefenwirkung bleiben dabei regelmäßig besser erhalten.”

Frage: “Ist von automatischen HDR bei Naturmotiven grundsätzlich abzuraten?”

Antwort: “So generell würde ich das nicht sagen, wenngleich ich kein Freund der Kameraautomatik bin und mich die Ergebnisse bei farbiger HDR-Fotografie im Landschaftsbereich seltenst überzeugen. Die Schwarzweißfotografie bietet hier gewisse natürliche Vorteile, da diese vom ‘Fluch realistischer Abbildung’ in Hinblick auf Tonalität und Farbgebung soweit befreit ist und beträchtliche Ausarbeitungs- und Interpretationsmöglichkeiten in der Nachbearbeitung bietet.”

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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8 Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    Vielen herzlichen Dank für Deine Besprechung!

    Entschuldige, dass ich die Exif-Daten nicht beigefügt habe. Apparat HS10, die Brennweite war 8mm (entspricht 45mm), ISO 100. Es wurden automatisch 3 Bilder aufgenommen, das erste mit normaler Belichtung, das zweite mit Korrektur +1EV, das dritte mit -1EV. Das ergibt dann folgende Werte: (F/4,1/300s), (F/5,1/350s) und (F/5.6, 1/600s).

    Zu dem Verrechnungsmodus: Luminance HDR stellt 9 unterschiedliche Operatoren zur Verfügung. Ich habe die Methode von Fattal ausgesucht, da das Ergebnis mir am besten erschien. Allerdings ist das richtige Einstellen der Parameter auch eine Wissenschaft für sich :->

    „die Landschaft wirkt entsprechend flach und unnatürlich beleuchtet“
    Diese Erklärung hilft mir. Es ist sicher der Grund, warum ich das Bild nicht gut finde. Lokal gefällt es mir, aber der Gesamteindruck stimmt nicht.

    „Die Schwarzweißfotografie bietet hier gewisse natürliche Vorteile“ :->

    „Nun haben Softwareprogramme keinen Sinn für Lichtstimmung, Atmosphäre oder Ästhetik im allgemeinen.“
    Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Im Nachhinein gesehen ist es schon vermessen, einem Programm die Bearbeitung des Photos zu überlassen.

    Da habe ich eine Frage: Du benutzt ja, soweit ich verstanden habe, die Technik, mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungen zu machen. Wie fügst Du diese Bilder zusammen? Ich habe schon einmal überlegt, es mit verschiedenen Ebenen und manuellen Zeichnen der Masken zu machen. Ist das ein interessanter Weg?

    Vielen Dank noch einmal!

    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Hallo Tilman,

      da lag kein Vorwurf in meiner Feststellung der fehlenden Aufnahmedaten. Es interessierte mich vielmehr, wie solche HDR-Automatiken getaktet sind. Meine eigenen Vergleiche lassen keinen Vorteil einer Taktung mittels einer Belichtungsstufe gegenüber zweien erkennen, dafür aber den Nachteil größerer Datenlast und eines geringer erweiterten Dynamikumfangs.

      Diese Prozeduren sind wirklich eine Wissenschaft für sich. Nun meine ich mich zu erinnern, daß Du beruflich ja mit digitaler Signalverarbeitung zu tun hast, so daß dies doch in Dein Gebiet hineinreichen sollte?!

      Und ja, auch ich brauche in der Landschaft öfters Belichtungsreihen, da auch meine Vollformatkamera nicht zaubern bzw. mehr wie zehn bis elf Belichtungsstufen meistern kann. Die “Herunterrechnung in den Normalkontrastraum” bzw. Zusammenfügung der verschieden belichteten Bildteile gestaltet sich bei mir tatsächlich etwas komplex – ich mische Photomatixresultate und Ebenenauswahl nach den Erfordernissen des jeweiligen Motivs.

      Eine generelle Empfehlung ist insofern schwer zu geben – allenfalls dahingehend, bei den Himmelspartien besonders vorsichtig zu sein, weil sich dort die bekannten Artefakte wie Vergrauung, Randsäume und Rauschverstärkung am brutalsten offenbaren.

      Gruß
      Thomas

  2. Hallo, was mich wundert ist das du bei der Belichtungsreihe nicht nur die Zeit verändert hast, sondern auch die Blende was ja eine Veränderung der Schärfentiefe mit sich bringt! Ich würde bei einer Belichtungsreihe grundsätzlich nur die Zeit, nie die Blende verändern!! Und warum hast du mit soo offener Blende fotografiert?? Wolltest du wenig Schärfentiefe?? Weiss nicht ob das beim HDR so gut kommt?
    Gruß Per

    • Ein guter Einwand, das hatte ich glatt überlesen bzw. gar nicht für möglich gehalten: was macht die Kameraautomatik da?

      Tatsächlich sollte der Blendenwert in der Belichtungsreihe unverändert bleiben, denn sonst durch die Unterschiede der Schärfentiefe neue Artefakte entstehen.

      Bei einer Landschaftsftfotografie mit typischer Fokussierung auf unendlich wird sich freilich kaum bemerkbar machen. Zumindest die in diesem Bild beschriebene Vergrauung des Himmels und die Abflachung des Raumeindrucks sind dadurch also nicht erklärt.

    • Hallo Per,
      Da habe ich eigentlich nichts eingestellt, das hat die Kamera selbst so gewählt. Aber Dein Einwand ist berechtigt, fragt sich warum das Programm es so macht.
      Vielleicht hast Du übersehen, dass es sich bei der HS10 um eine Bridgekamera handelt. Da ist der Sensor sehr klein (6,17mmx4,55mm), damit das Objektiv einen 30 fachen Zoom ermöglicht ohne ein Monster zu sein. Daraus resultiert auch die geringe Brennweite von 8mm, mit der ich das Bild aufgenommen hast.
      Wenn man auf ein Objekt in 1000m Abstand scharf stellt, wird bei dieser Brennweite das Bild bei einem Zerstreuungskreis von 5um bei Blende 4,1 ab 3,1m scharf, bei Blende 5,6 ab 2,3m. Also, wenn ich mich nicht verrechnet habe, ist Schärfentiefe hier kein Problem.
      Mit freundlichen Grüßen, Tilman

  3. Hallo
    Ich denke ein grundsätzlicher Fehler bei Aufnahmen die mit HDR o.ä. bearbeitet werden ist das alles über das ganze Bild gelegt wird.
    Ich selbst benutze auch hin und wieder HDR bei meinen Landschaften aber ich versuche einzelne Bestandteile von der Bearbeitung auszunehmen bzw gezielt nur dort zu bearbeiten wo es Sinn macht.
    Das erfordert natürlich mehr Zeit am Rechner, lohnt sich aber wie ich finde.

    Beste Grüße
    Peter Bundrück

    • Hallo Peter,

      Danke für den Tipp. Werde ich sicher demnächst einmal ausprobieren!

      Mit freundlichen Grüßen,
      Tilman

    • Zitat: “Ich versuche einzelne Bestandteile von der Bearbeitung auszunehmen bzw gezielt nur dort zu bearbeiten wo es Sinn macht.”

      Dem kann ich mich uneingeschränkt einschließen, wie ich in der Diskussion bereits schrieb (“ich mische Photomatixresultate und Ebenenauswahl nach den Erfordernissen des jeweiligen Motivs.”) – sozusagen das Beste aus allen Welten nehmen.

      Es gibt im Archiv von Fokussiert ja schon einige Tutorials zur HDR-Fotografie. Ich überlege, ob ich dies beizeiten einmal aufgreife und fortschreibe im Sinne ‘fortgeschrittener HDR-Bearbeitung …

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