Leserfoto:
Mal was anderes. Endlich …

Man soll die Hoffnung nicht aufgeben, auch in einem Allerweltsmotiv noch etwas Überraschendes und Eigenständiges zu finden.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Bosse Erichsen aus Kiel hat uns das obige Bild unter dem Titel “Dom Zeit” in der Kategorie ‘Architektur’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: “Dieses Bild vom Kölner Dom wurde bei nach aufgenommen. Ich habe bewusst von dem Ort aufgenommen von dem der Kölner Dom immer fotografiert wird allerdings versucht diese Sicht durch schwenken während der Langzeitbelichtung zu mehr Dynamik zu verhelfen … Ich persönlich finde die zu Linien gezogenen lichter wirken wie eine Uhr die auf das alter und die dauer seiner Fertigstellung anspricht.”

Zur Aufnahme wurde laut Exif-Daten eine Canon EOS 650D mit EF 50mm f/1.4 USM verwendet. Die Brennweite betrug besagte 50 mm (entsprechend 80 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 28.0 Sekunden Blende f/18 und ISO 100.

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Eine kurze, jeweils in Anführungszeichen gesetzte Googlesuche nach ‘kölner dom und hohenzollernbrücke’ erbrachte 150.000, eine solche nach ‘kölner dom und hohenzollernbrücke bei nacht’ immerhin noch 60.00 Ergebnisse. Das ist viel, entschieden zu viel. Gibt es an jenem Kennedyufer nicht sogar schon Vertiefungen für die Stativfüsse?

Wie auch immer, man kann diese Szene wohl mit Fug und Recht als eines der ‘ausgelutschtesten Motive überhaupt’ bezeichnen. Sofern die Hersteller von Digitalkameras (ironischen Gerüchten zufolge) über die Einführung einer ‘bei Annäherung lauter werdenden Motivklingel’ nachdenken, um dem Amateurfotografen auch noch die lästige Motivsuche zu erleichtern, so wäre die Aufrüstung einer ‘gellenden Warnhupe’ wohl schon längst überfällig.

Bosses Bild unterscheidet sich wohltuend von diesem ‘motivischen Einheitsbrei’ … Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente, wobei ich mich hier auf die Komposition konzentrieren möchte.

Bei der Komposition (siehe untenstehendes Bild) fällt schemenhaft jenes bekannte ‘Dom links oben, Brücke rechts unten’ auf. Der Horizont, sofern man vom gegenüberliegenden Rheinufer als solchen sprechen wollte, ist mittig. Dom und Brücke sind vertikel im Sinne des Goldenen Schnitts platziert. Interessant wird das Bild durch eine Art Overlay, welches durch die Lichtspuren nach 90-Grad-Verschwenkung gebildet wird und den Blick im rechten oberen und linken unteren Quadranten auf sich zieht. Besagte Quadranten mit Lichtspuren kontrastieren auf reizvolle Art mit den restlichen Quadranten voller architektonischer Elemente. Die beiden Ebenen von Licht und Architektur gehen auch eine Synthese dahingehend ein, daß die Brückenbögen und Lichtspuren als runde Elemente streckenweise miteinander verschmelzen (gelbe Linien) und damit die Senkrechten der Domtürme und Brückenpfeiler (blaue Linien) kontern.

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Was mich an dieser Arbeit in der Zusammenfassung anspricht, ist einerseits Bosses Mut, sich einem solchen Motiv überhaupt noch zu nähern und dieses auf eine eigene Art gestalten zu wollen. Besonders reizvoll sind in diesem Zusammenhang die bereits beschriebenen Gegensätze bzw. Kontrapunkte aus Licht- und Architekturelementen.

Bosses Zeitallegorie ergab sich mir nicht so ganz, doch kann und soll dem Betrachter ja ein eigener Interpretationsspielraum verbleiben. In der spontanen Betrachtung (ohne Text) kamen mir über besagte kompositorische Reize hinaus eher Assoziationen von Unwirklichkeit, vielleicht auch ein ‘zum Greifen nah, aber doch weit weg’ in den Sinn.

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Komposition

Komposition

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2 Kommentare

  1. Ein interessantes Bild, Bosse ! Auf Deine Idee die Kamera zu drehen wäre ich wohl bei diesem Motif nicht gekommen:-> Ich habe auch eine Frage : hattest Du die Kamera auf einem Stativ befestigt während der Drehung? Der Mittelpunkt der Drehung ist der letzte Bogen der Zugbrücke. Wäre es nicht interessanter gewesen, ihn in die Mitte des Doms zu legen? Hast Du das mal versucht?

    „gellenden Warnhupe“… Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet :->

    • Schade, daß sich Bosse hierzu nicht meldet. Ich denke aber, zumindest Deine erste Frage beantworten zu können: ganz sicher wurde hier ein Stativ verwendet, sonst könnte die Kreisbewegung nicht so exakt ausfallen.

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