Fotografen im Fokus:
Torsten Andreas Hoffmann und sein Buch ‘Fotografie als Meditation’ (2)

In unserer Reihe ‘Fotografen im Fokus’ möchte ich Euch einen wichtigen Vertreter der zeitgenössischen Fotografie und sein neues Buch vorstellen.

 
Das Buch

Nach dem Vorspann zum Fotografen und seinem Werk in ersten Teil möchte ich nun auf das neue Buch ‘Fotografie als Meditation: Eine Reise zur Quelle der Kreativität‘ zu sprechen kommen.

Das Buch empfängt den Leser in einer sehr wertigen Aufmachung der Texte und Bilder. Bereits das Titelbild wirkt sehr einladend, wie die ‘Verheißung eines Blicks in eine fast unbekannte, andere Welt’. Und in eine solche wird der Leser in 28 Kapiteln auf 256 Seiten dann auch behutsam eingeführt.

Die zentrale These des Buches findet sich als Anfangszitat, noch vor dem eigentlichen Inhaltsverzeichnis: „Meditation und Fotografie haben mehr gemeinsam als man im ersten Augenblick glaubt: beides ist auf den gegenwärtigen Augenblick bezogen, beides erfordert einen höchsten Grad an Aufmerksamkeit, beides gelingt am besten, wenn der Geist leer und unvoreingenommen ist.”

Kenntnisreich und geduldig führt Torsten Andreas Hoffmann zunächst in Begrifflichkeiten der Kontemplation und Meditation ein und zeigt deren Stellenwert (in Gemeinsamkeiten und Unterschieden) sowohl in der ursprünglichen buddhistisch-fernöstlichen wie auch der christlich-abendländischen Philosophie auf. Jenseits von allem ideologischen oder missionarischen Eifer wird die tiefe Versenkung – jene Möglichkeit zur inneren Abstandnahme vom unmittelbaren Alltagsgeschehen – als ein auch dem heutigen Menschen innewohnendes Bedürfnis charakterisiert.

Es folgt eine fundierte Einführung in die Zen-Philosophie und die meditative Praxis, immer wieder ergänzt durch den Rekurs auf die Fotografie im Sinne eines ‘vertieften bzw. intuitiven und eben nicht nur sensationssuchenden bzw. ästhetisierenden Blicks auf die Welt’. Passend dazu findet sich in Kapitel 8 das anekdotische Einsprengsel von der allerersten Ausstellung des Autors vor vielen Jahren: über die Bilder ergab sich eine sehr intensive Begegnung und Diskussion mit einer älteren Besucherin, in deren Verlauf sich die Idee einer ‘hintergründigen, anderen Ästhetik des vornehmlich Häßlichen’ vermitteln ließ.

In seinem Erzählfluß findet Torsten Andreas Hoffmann dann aber zu wichtigen Themen der ‘schmerzlichen Dualität’ im Sinne des Getrenntseins des Individuums von seiner Umgebung zurück, er erörtert auch das ‘Konzept des Studiums und Punctums’ im Sinne eines intellektuellen versus emotionalen Verständnisses, ‘innere versus äußere Landschaften’ und vieles mehr … eine vollständige Aufzählung all seiner Gedanken und Thesen wird mir hier auf begrenztem Raum der Buchvorstellung kaum gelingen – die Andeutung mag genügen, weiteres mag der geneigte Leser in eigener Lektüre (die vielleicht im besten Sinne auch eine meditative Herangehensweise ist) selbst entdecken.

Stattdessen möchte ich noch auf einige Kapitel hinweisen (wobei auch dies natürlich eine subjektive Auswahl meinerseits darstellt), die mir besonders wichtig und aufschlußreich im fotografischen Sinn erscheinen: es sind dies die sehr ausführlichen und mit vielen Bildbeispielen versehenen Kapitel 17 (‘Grundstimmungen ausdrücken’) und 20 (‘Street Photography’).

Einige handfeste Tips für die meditativ-fotografische Praxis bietet schließlich noch das abschließende Kapitel 28 (‘Der Weg zum eigenen Stil’).

Ein Fazit

Torsten Andreas Hoffmann ist mit seinem neuen Buch ‘Fotografie als Meditation’ nach meinem Dafürhalten ein großer Wurf gelungen. Es ist ein mutiges Buch, weil es sich ‘wie der Mahner in der Wüste’ gegen den Ansturm technikaffiner Fotografieranleitungen heutiger Tage stellt. Und es ist auch ein wichtiges Buch, weil es den geneigten Leser dort abholt, wo besagte Anleitungen enden und diesem weiterführende Wege zur kreativen Entfaltung aufzeigt.

Der Weg dorthin führt über eine ‘vertiefte innere Wahrnehmung’, und Torsten Andreas Hoffmann will für diesen Zweck die Methoden der aus der buddhistischen Tradition herrührenden Zen-Meditation nutzbar machen. Doch verweist er auch auf die Unterschiede zur reinen Meditationspraxis (im Sinne einer üblicherweise ‘positiv konnotierten Leere’ bzw. ‘friedlichen Absichtslosigkeit’), wenn er die gelungene Fotografie zum Ausgangspunkt und Ziel des Buches zugleich erklärt.

Es läßt sich nicht ausschließen, daß er als ein solcher ‘Grenzgänger zwischen fotografischer und meditativer Praxis’ und mit solchem Rekurs auf die Bildschöpfung auch Kritik erfahren wird – in den bisherigen Diskussionen auf Amazon deutet sich solches schon an; doch werden sich ‘Vertreter einer reinen Lehre’ auch Fragen gefallen lassen müssen, inwieweit sie hier einer Rigidität bzw. einem Dogmatismus der Methode das Wort reden.

Um zum Buch zurückzukommen, fordert Torsten Andreas Hoffmann nicht weniger wie ein radikales Umdenken in der Motivfindung und Bildbearbeitung. Nicht mehr die ‘gehetzte Suche nach dem einen Sensationsmotiv’ soll im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die ‘geduldige Suche nach einer äußeren, bildhaften Entsprechung der inneren Gestimmtheit’. Auf solche Weise, so die aus meiner Sicht überzeugende Argumentation des Autors, besteht die Chance für Fotografien, die über den Augenblick hinausreichen und den Betrachter innerlich zu berühren vermögen.

Doch darf (um Enttäuschungen vorzubeugen) auch gesagt werden, daß dieses Buch dem Leser durchaus eine Menge abverlangt. Es sei „vorrangig für den gehobenen Amateur gedacht, (als) eine besondere Ermunterung zum subjektiven, persönlichen Ausdruck in der Fotografie”, vertraute mir Torsten Andreas Hoffmann im Vorfeld an.

Das sehe ich ganz ähnlich. Die Voraussetzungen bzw. Schnittmengen für eine gewinnbringende Lektüre würde ich aus meiner Sicht wie folgt beschreiben:

  • In technischer Hinsicht mag man dem Leser zumindest eine solide Routiniertheit in der Kamerabedienung sowie Grundkenntnissen der Bildkomposition und -dramaturgie wünschen. Er sollte ‘sein Instrument spielen können’, um die gehaltvollen Anregungen auch umsetzen zu können.
  • In persönlicher Hinsicht erscheint eine gewisse Vertrautheit mit Themen der inneren Achtsamkeit, idealerweise auch mit praktischen Erfahrungen in Entspannungs- bzw. Meditationstechniken förderlich. Der Leser könnte sich sonst ‘mit dem Bade ausgeschüttet vorkommen’, womöglich gar irritiert oder verängstigt sein, wenn in solcher Versunkenheit sonst in seelischer Tiefe geborgene Gedanken, Gefühle und Erinnerungen plötzlich näher an das Bewußtsein heranreichen.
Fotografie als Meditation
Erschienen April 2013 im dpunkt.verlag
260 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband
ISBN: 978-3-86490-031-0
36,90 Euro (D) / 38,00 Euro (A)
 

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